Sibi hat geschrieben:Miss_Undercover,
mal eine persönliche Frage zu dem Telefonat mit Renz-Polster. Ich hatte bei dem Buch schon den Eindruck, dass er persönlich doch sehr zum AP neigt. Als Wissenschaftler kann er ja auch andere Arten des Umgangs mit Kindern beschreiben und es ist nur seriös, wenn er das auch tut. Aber gefühlsmäßig schien er mir doch eher ein Vertreter von AP zu sein. Oder bilde ich mir das nur ein?
Hallo Sibi,
ich habe schon öfter das Glück gehabt, mit HRP telefonieren zu dürfen für Interviews und ich denke, dass er schon persönlich viele Ansätze vertritt und auch bei seinen eigenen Kindern umgesetzt hat, die so in Richtung AP und Natural Parenting gehen. So war er beispielsweise ganz begeistert, dass ich meine beiden Töchter zu Hause zur Welt gebracht habe, seine Frau und er hätten ja bei ihren Kindern mit Hausgeburten auch so gute Erfahrungen gemacht. Seine Frau ist Mütterpflegerin von Beruf und scheint sich extrem gut Babys und ihren Bedürfnissen auszukennen, und nach allem was er so erzählt hat wurden die gemeinsamen Kinder gestillt und getragen und durften bei den Eltern schlafen. Allerdings betont HRP dabei eben immer, dass Eltern das nicht den Kindern zuliebe tun sollten, wenn es sich für sie falsch anfühlt, sondern nur, wenn es ihnen auch selbst damit gut gehe. Das sei eben ein Teil des evolutionären Pakets: Dass Kinder von ihren Eltern das bekommen, was diese gut leisten können. Er betont, dass der Alltag mit Babys und Kindern eben nur sehr viel leichter und unkomplizierter würde, wenn Eltern ihre Kinder "artgerecht" groß werden lassen. Insofern können sich Eltern zwar für den nicht so bedürfnisorientierten Weg entscheiden - dürfen sich dann aber auch nicht beschweren wenn sie mehr Scherereien haben, etwa Kämpfe wenn's ums Einschlafen geht.
Allerdings ist HRP auch knallharter Realist, der den Mythos vom "ganz natürlichen Umgang" mit Babys als solchen benennt und glasklar sagt, dass wir als moderne Eltern keine Chance haben, unsere Babys wie Steinzeitbabys zu behandeln, selbst wenn wir es versuchen. Denn all das Stillen, Tragen, gemeinsame Schlafen etc, das gut und wertvoll ist, kann nicht ersetzen, was die ursprünglichen Babys hatten: Das Aufwachsen in einer Gemeinschaft, die sich gemeinsam dafür verantwortlich fühlt, dieses Kind groß zu ziehen. Der Knackpunkt, so hat er mir erklärt, sei, dass all diese bedürfnisorientierten Betreuungspraktiken eigentlich nicht darauf ausgelegt wären, von ein oder zwei Bezugspersonen geschultert zu werden. Sondern darauf, dass eine ganze Großfamilie ein Kind trägt, stillt, wiegt und am Körper schlafen lässt. Wenn moderne Eltern nun versuchen, dies auf eigene Faust zu imitieren, dabei aber fast auf sich allein gestellt sind, endet das schnell in Überforderung und Burn Out - weil es eben irre anstrengend ist, IMMER zu tragen, zu stillen, nachts geweckt zu werden, und all das mehr oder weniger allein stemmen zu müssen. Deshalb wirbt er nicht für die "reine Lehre", nciht dafür, so steinzeitmäßig wie möglich mit unseren Kindern umzugehen, sondern für einen Kompromiss: So viel Natürlichkeit und entwicklungsgerechtes Denken, wie wir unter unseren heutigen modernen Lebensbedingungen eben tragen können, und soviel "Zumuntungen" wie nötig, damit auch wir Eltern da unbeschadet durchgehen.
Die Zunge fusselig diskutiert habe ich mir im Gespräch mit ihm beim Thema Ferbern. Er kennt und benennt alle Argumente dagegen und hätte das selbst bei seinen Kindern nie gemacht. Er sagt, dass es für Stillkinder eine untragbare Zumutung sei, weil diese so daran gewöhnt seien, immer genau das zu bekommen, was sie brauchen - inklusive Nähe zu Mama. Für nicht gestillte Kinder aber erachtet er das kontrollierte Schreienlassen durchaus für einen legitimen Weg - wenn andere Alternativen nicht die gewünschte Entlastung bringen. Sein Argument: Es geht in einer Familie immer um Ressourcen, um das Aushandeln davon, wer wie viel geben kann. Wenn Eltern nun nach einem halben Jahr Schlafmangel total erschöpft sind kann es gut und legitim sein, ihr Bedürfnis nach Schlaf über das Bedürfnis des Babys nach nächtlicher Nähe zu stellen. Er bezweifelt nicht, dass das Baby dabei wirklcih verzweifelt ist und leidet, sagt aber, dass es Situationen gibt, in denen eben auch das Baby mal den Preis bezahlen muss dafür, dass der Familienfrieden wieder ins Lot kommt. So funktioniere die Evolution: Jeder ist mal dran, Zumutungen auszuteilen und einzustecken.
Wer aber mein Interview mit ihm im ELTERN Sonderheft "Mein Baby" gelesen hat (in dem auch die Tragefotostrecke, die ich zusammen mit Alex mit vielen Frauen hier aus dem Forum gemacht hatte, drin ist), sieht, dass sein Verständnis von Schlaf und Schlafbegleitung EIGENTLICH genau das ist, was hier auch vertreten wird. Er setzt es nur nicht absolut.
Liebe Grüße
Nora