Wann ist Tragen schädlich?

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Nuala
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Wann ist Tragen schädlich?

Beitrag von Nuala »

...und zwar gehts mir bei der Frage um das Thema "Richtig gebunden".

Es heißt doch, dass wenn zu locker gebunden ist oder die Beine baumeln etc. tragen auch schädlich sein kann.
1. WIE schädlich? So RICHTIG oder nur ein bissi oder kommt es auf die Länge an...?
2. Woran erkennt man, das zu locker gebunden ist? Gibts da Anhaltspunkte?
3. Kopfstütze bei den ganz Kleinen: Was ist, wenn die zu locker ist? Ist das schädlich? Oder ist es erst schädlich, wenn der Kopf zurückfallen würde?
4. Was ist, wenn das Baby beim Schlafen der Kopf schief/seitlich hängt? Das soll nicht sein, oder? Was kann man dagegen tun?
5. Anhock-Spreizhaltung: Ab wann ist die Spreizung zu viel? Wann zu wenig? Und wie kann man das gescheit kontrollieren?
6. Anhock-Spreizhaltung: Wie erkenne ich, dass die Beine richtig angehockt sind? Und wann ist es zu wenig?
Ich seh mir viele Tragefotos an und da sehe ich wie unterschiedlich gebunden wird. Bei manchen ist das Tuch am Rücken glatt und straff, bei manchen faltig. Bei einigen schaut das Kind seitlich wie eine Kugel aus, so rund und "zusammengestaucht" ist es, bei anderen hängt es fast gerade. Bei manchen sind die Beine in einem leichten M, bei anderen ganz raufgebunden und bei den letzten baumeln sie.
Ich denke, keiner will seinem Kind schaden, schon gar nicht durchs Tragen/falsche Binden, aber alle Bilder schauen anders aus, es gibt so viele unterschiedliche Anleitungen und die einen Trageberater sagen dies und die anderes das... Hilfe! :(

PS: Ich glaube, das ist auch ein Grund warum sich einige nicht übers Tragetuch drüber traun. Mein Mann zb. ist dem Tuch gegenüber skeptisch. Er sagt er benutzt lieber den Marsupi, weil da kann er nichts falsch machen. Stimmt das? Besser fertige Tragehilfe als schlecht gebunden? *grüüübel*
Großes Mädel 10/08 & kleines Mädel 04/11
Lila
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Re: Wann ist Tragen schädlich?

Beitrag von Lila »

Hi Nuala,

du hast einen sehr interessanten Fragenkatalog zusammengestellt, auf den ich gerne - trotz später Stunde - eingehen möchte.

Zunächst einmal leiten sich die Empfehlungen für das "korrekte" Tragen von den gegebenen anatomischen Bedingungen ab. D.h. man betrachtet sich die Wirbelsäule, die Hüfte, die Stellung des Beckens und leitet daraus ab, welche Tragevarianten die gesunde Entwicklung dieser Körperpartien / Knochen unterstützt. Die Empfehlungen für die Anhock-Spreiz-Haltung ergeben sich hauptsächlich aus drei Bausteinen: der natürlichen Anhockung des Babys, dass den Sitz auf der Hüfte vorbereitet, den Werten hinsichtlich Anhockung und Abspreizung, die medizinisch bei einem Kind mit einer Hüftdysplasie vorgenommen werden ... diese Werte werden therapeutisch eingesetzt, d.h. diese Werte stellen einen positiven Orientierungspunkt da, sie unterstützen die gesunde Ausreifung der Hüfte, somit auch bei einer zum Zeitpunkt der U3 "reifen" Hüfte, letztendlich ist eine Anhockung des Babys notwendig, um eine Rundung des unteren Rückens zu ermöglichen. Ein Rundrücken ist für das Baby aber notwendig, im unteren Bereich z.B. um die Bandscheibe zu entlasten, für ein Neugeborenes z.B. weil es noch eine S-förmige Wirbelsäule hat und die Wirbelkörperchen erst aufrichten, sowie die Muskulatur, welche die Wirbelsäule aufrecht stützt, sich erst aufbauen muss.

D.h. bei den Empfehlungen zum Tragen zäumt man das Pferd von der anderen Seite auf ... man schaut was die gesunde Entwicklung unterstützt, weil es hierzu Ergebnisse und Werte gibt und leitet daraus Empfehlungen für das Tragen ab. Im Umkehrschluss läßt sich schwer bei einem konkreten Fall sagen: das Tragen mit einer Anhockung von 60 Grad über einen Zeitraum von 2h täglich im ersten Lebenshalbjahr ist verantwortlich für die Erkrankung X.

Im Buch von Evelin Kirkilionis werden einige Forschungsergebnisse zum Thema Hüftdysplasie / -luxation und Säuglingsbetreuung zitiert. So wurden in Kulturen in denen die Babys überwiegend in gestreckter Haltung eingebunden wurden, z.B. auf Trage- oder Wickelbretter vermehrt Hüftfehlentwicklungen diagnostiziert. Im Gegenzug in asiatischen Ländern, in denen Babys viel angehockt getragen wurden, wenige.
In Stämmen die ihre Babys traditionell auf Wickelbrettern band lag die Dysplasierate bei 12,3% gegenüber 1,2% die ihre Babys nicht mehr mit gestreckten Beinen wickelten. (Siehe S. 45, Kirkilionis, Ein Baby will getragen sein, 1999)
Nun das ist ein überaus großer und signifikanter Unterschied, ABER: hierbei waren die Babys in einer kompletten Streckung und zumeist über viele Stunden täglich. Dies kann man - mMn - nicht eins zu eins auf ein "schlecht" gebundenes Tragetuch übersetzen.
Darüberhinaus gab es keine negativen Korrelationen hinsichtlich aufrechten Tragens und Wirbelsäulenschäden.

So und damit kann zumindest ich ein paar deiner Fragen nicht mit einem Wert beantworten und sagen: wenn du länger als 30min mit einer Anhockung von 60 Grad trägst, erhöht sich die Gefahr einer Dysplasie um 3,8% ... das geht nicht. Ich kann dir nur sagen, was eine "empfehlenswerte" Haltung beim Tragen ist und was anstrebenswert ist ... und dies kann, soll, darf das Ziel beim Tragen sein. Niemand muss immer eine eins mit Sternchen haben und niemand muss immer mit 115 Grad angehockte Babybeinchen vorweisen, aber es macht Sinn sich an diesen Werten zu orientieren: Sie entsprechen der Anatomie des Säuglings und entsprechen auch den Bedürfnissen des Tragenden, denn ein eng am Körper getragenes Kind verteilt das Gewicht besser auf den Tragenden und somit werden Verspannungen beim Tragenden vermieden. Eine Haltung des Kindes die überwiegend den Empfehlungen entspricht wird die gesunde Entwicklung des Kindes unterstützen, eine Haltung die (deutlich) davon abweicht birgt die Gefahr die Entwicklung des Kindes negativ zu beeinflussen ... wann dies der Fall ist kann aber niemand sagen, da dies ein individuelles Geschehnis ist. Höchstens du bindest dein Kind fast den ganzen Tag stramm auf ein Tragebrett, dann könnte ich dir sagen, dass die Wahrscheinlichkeit einer ungünstigen Hüftentwicklung bei knapp über 12% liegt.

Ich denke du verstehst was ich dir sagen möchte.
Nuala hat geschrieben:...und zwar gehts mir bei der Frage um das Thema "Richtig gebunden".

Es heißt doch, dass wenn zu locker gebunden ist oder die Beine baumeln etc. tragen auch schädlich sein kann. Auch ständiges Liegen auf dem Rücken kann "schädlich" sein, dass Baby ist kein Liegling ... aber idR schaffen es die meisten Babys Fehlhaltungen zu kompensieren, sei es bei langem Liegen in Wippe und Kiwa oder bei einem lockeren Tuch.
1. WIE schädlich? So RICHTIG oder nur ein bissi oder kommt es auf die Länge an...?
siehe oben
2. Woran erkennt man, das zu locker gebunden ist? Gibts da Anhaltspunkte?
Wenn das Tuch oder die Tragehilfe zu locker ist, sackt das Baby in sich zusammen. Wenn du die Wirbelsäule frontal von vorne betrachtest staucht sie sich, knickt evtl. seitlich weg, das Baby hängt schief. Beugst du dich nach vorne verliert ihr den Bauch-an-Bauch-Kontakt
3. Kopfstütze bei den ganz Kleinen: Was ist, wenn die zu locker ist? Ist das schädlich? Oder ist es erst schädlich, wenn der Kopf zurückfallen würde?
siehe oben. Es ist sinnvoll eine hinreichende Kopfstütze zu ermöglichen, alleine schon für den Fall, dass du mal stolperst, so beugst du vor, dass der Kopf des Babys durch "die Gegend schleudert". Auch für die Wirbel im Halswirbelsäulenbereich ist es besser etwas Unterstützung zu erfahren, damit nicht so ein großer Druck drauf liegt ... aber "schädlich" ... nein, wenn die Mal zu locker ist ... und du kannst zur Not mit einer Mullwindel eine zu lockere Bindung auch kompensieren.
4. Was ist, wenn das Baby beim Schlafen der Kopf schief/seitlich hängt? Das soll nicht sein, oder? Was kann man dagegen tun?
Du meinst, wenn er richtig zur Seite kippt ... dann kannst du ihn gerade rücken und straff ziehen ... aber auch hier ... mach dich nicht verrückt ... wenn unsere Babys aus "Watte" wären, wären wir nicht so lange auf diesem Planeten und wenn du dir Trageweisen in tragendenen Kulturen ansiehst, wirst du öfters einen Kopf sehen, der nicht gestützt ist ... dies soll jetzt nicht der Richtwert sein, aber den Druck rausnehmen, dass gleich was passiert. Ich habe nur getragen, stündlich und der Kopf war öfters mal schief ... verstehst du mich ... das ist keine Empfehlung zum Kopf kippen lassen ... letztendlich bin ich nur ein Einzelbeispiel ... aber doch eine Aufmunterung :wink:
5. Anhock-Spreizhaltung: Ab wann ist die Spreizung zu viel? Wann zu wenig? Und wie kann man das gescheit kontrollieren?
Du schaust dein getragenes Baby im Spiegel an. Richte dich doch einfach danach, dass die Knie nicht nach unten orientiert sein sollen. Minimun ist also ein rechter Winkel und ideal die Knie auf Höhe des Bauchnabels des Babys. Kleine Babys brauchen eine geringere Abspreizung (60 Grad reichen oft schon) ... du drückt die Knie einfach gegen deinen Bauch idealerweise hat man dort etwas Speck ... so verringert sich die Abspreizung ... wenn die Babys älter sind gehen die Beine seitlich am Bauch vorbei und die Abspreizung liegt bei etwas über 90 Grad ... aber auch hier ... keine Studien, keine Angaben, das sind die "guten" Werte ... im Groben ... eine Orientierung ... wenn du dein Kind 18h im Spagat (also stark überspreizt) tragen würdest, könnte es tatsächlich sein, dass der Druck auf die äußere Hüftpfanne so hoch wird, dass sich Veränderungen in der Hüftausreifung einstellen ... ich maße mir jetzt aber einfach mal an ... dass bei einem durchschnittlichen Säugling der zwischen 2 und 4h täglich getragen wird, zwischendrin gestillt, beschmust und gewickelt wird genügend positive Bewegungsimpulse gegeben sind die selbst eine starke Überspreizung kompensieren würden.
6. Anhock-Spreizhaltung: Wie erkenne ich, dass die Beine richtig angehockt sind? Und wann ist es zu wenig?
Siehe 5.
Ich seh mir viele Tragefotos an und da sehe ich wie unterschiedlich gebunden wird. Bei manchen ist das Tuch am Rücken glatt und straff, bei manchen faltig. Bei einigen schaut das Kind seitlich wie eine Kugel aus, so rund und "zusammengestaucht" ist es, bei anderen hängt es fast gerade. Bei manchen sind die Beine in einem leichten M, bei anderen ganz raufgebunden und bei den letzten baumeln sie.
Ich denke, keiner will seinem Kind schaden, schon gar nicht durchs Tragen/falsche Binden, aber alle Bilder schauen anders aus, es gibt so viele unterschiedliche Anleitungen und die einen Trageberater sagen dies und die anderes das... Hilfe! :(
Na ja ist natürlich blöd, wenn selbst die Trageberaterinnen unterschiedliches sagen ... aber die Eckpunkte sollten eigentlich alle gleich sagen ... und ich hoffe, dass ich selbst um 2h noch vernünftig wiedergeben konnte.
Niemand bindet immer korrekt, muss er auch gar, ich verlange das von keiner Mama, wir sind keine Maschinen und es ist nicht notwendig ... so lange man weiß worauf es ankommt.
Die Beine sollen angehockt sein, siehst du mal ein Foto auf dem dies nicht so ist, kannst du dir denken, o.k., da ist es gerade nicht so, nicht mehr und nicht weniger.
Wenn auf dem einen Bild das Baby kugelrund (seitlich betrachtet ist) und auf dem nächsten nicht ... kann dies an mehreren Faktoren liegen: der einfachste ist der Aufnahmewinkel der Kamera, das macht enorm viel aus, der nächste ist das Alter des Babys und der Zustand (wach, schlafend), ein schlafendes Baby ist rund, ein waches Baby je nach Wirbelsäulenentwicklung durchaus schon aufgerichtet, letztendlich spielt die Anhockung eine Rolle, ein Baby, dass nicht ausreichend angehockt wird, kann nicht rund werden.
Letztendlich atme ich tief auf, denn ICH bin der ganz festen Überzeugung, dass nicht dauerhaftes ungünstiges Tragen, dem Baby NICHT schadet.
Warum ich Eltern trotzdem das Binden / Tragen "korrekt" beibringen will ... ganz einfach, durch eine Trageberatung sensibilisiere ich Eltern für das Thema, ich ermutige sie und informiere sie, sodass sie sich sicherer werden, ich beantworte ihnen deine Fragen und letztendlich tragen Eltern ihr Baby nur lange (bezogen auf die tägliche Dauer und die Lebensmonate des Kindes), wenn sie es korrekt machen, da in allen anderen Fällen, das Tragen schnell als schmerzhaft oder ermüdend wahrgenommen wird.
Mir persönlich ist es wichtig, dass das Tragen nicht als Geheimwissenschaft rüber kommt, sondern als etwas simples, ähnlich wie Schuhebinden, meine Schleifen sehen auch nicht jeden Tag gleich aus und je nach Schnürrsenkel gehen sie manchmal sogar wieder auf ... aber ich weiß wie es geht und kann so bequem laufen ... Tragen ... ist Bindung, Liebe, Beziehung ... keine Wissenschaft, nur ist leider Verlorengegangen, dass man hineinwächst, in das Tragen und eine natürliche Selbstsicherheit im Umgang mit Tüchern hat.


PS: Ich glaube, das ist auch ein Grund warum sich einige nicht übers Tragetuch drüber traun. Mein Mann zb. ist dem Tuch gegenüber skeptisch. Er sagt er benutzt lieber den Marsupi, weil da kann er nichts falsch machen. Stimmt das? Besser fertige Tragehilfe als schlecht gebunden? *grüüübel*
Tja, besser fertige Tragehilfen als schlecht gebundene ... gute Frage ... besser getragene Kinder als nur geschobene Kinder ... meine Meinung ... es ist wichtig, dass jeder Tragende, die zu ihm passende Tragehilfe findet. Und dank Marsupi+, Manduca und Co. ist es mittlerweile auch möglich jenseits der "Schmalstegigen Tragehilfen" auch ohne Tragetuch und Sling einigermaßen empfehlenswert zu tragen.
Tragetuch und Sling bleiben die erste Wahl für ein Baby ... korrekt gebunden ... korrektes Binden ist nicht schwer ...
Ich bin der Meinung, dass mit ein kleines bisschen Fingerspitzengefühl es durchaus möglich ist ein Tragetuch mittelmäßig gut zu binden und damit noch immer nicht unter der Haltung im Marsupi+ zu liegen. Dieser hat z.B. auch Schwächen in der Stützung des Nackens, wie in der Anhockung und Abspreizung ab einem gewissen Alter und der Rückenhaltung ... aber im Vergleich zu Tragebrettern reden wir hier über Minimalunterschiede :wink:
Man soll damit tragen, womit man sich gut und sicher fühlt, hin und wieder einen Blick in den Spiegel wagen, die Eckpunkte im Kopf haben und selber das Trageergebnis einstufen ... eine 3 ist befriedigend und damit darf man sich auch gut fühlen ... eine eins ist sehr gut und das darf man ruhig anstreben ... aber ob man ein Kind im Einzelfall ab einer 3- oder erst ab einer 4+ schädigt ... das kann ich dir nicht beantworten ... daher:

Genieße das Tragen, guck, dass die Beinchen nicht runter hängen, dass du dich vorbeugen kannst ohne dein Kind halten zu müssen und genieße die Nähe ...

Viele liebe Grüße
Lila mit zwei Kindern (*2003 und *2006)
Lila
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Re: Wann ist Tragen schädlich?

Beitrag von Lila »

Zitat: weil es noch eine S-förmige Wirbelsäule hat und die Wirbelkörperchen erst aufrichten, sowie die Muskulatur, welche die Wirbelsäule aufrecht stützt, sich erst aufbauen muss.


weil es noch KEINE ... und die Wirbelkörperchen sich erst aufrichten müssen, ...


Zitat: aber auch hier ... keine Studien, keine Angaben, das sind die "guten" Werte ... im Groben ... eine Orientierung

Keine Studie zum Thema welche Überspreizung in welchem Zeitrahmen führt zu welcher Hüftfehlentwicklung ... das meinte ich damti ...

Oh Mensch, so spät sollte ich doch nicht mehr posten :oops:
Lila mit zwei Kindern (*2003 und *2006)
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Montanara
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Re: Wann ist Tragen schädlich?

Beitrag von Montanara »

Hallo

Im Steno-Stil, da wenig Zeit...
Ich finde es toll, wie Du Dir Gedanken machst! Nur wer kritisch hinterfragt, kommt auch zu Erkenntnissen!
Nuala hat geschrieben: Es heißt doch, dass wenn zu locker gebunden ist oder die Beine baumeln etc. tragen auch schädlich sein kann.
1. WIE schädlich? So RICHTIG oder nur ein bissi oder kommt es auf die Länge an...?
Da gibt es kein Pauschalrezept. Das ist wie mit Rauchern auch: Manche Kettenraucher werden nie krank, und andere, die ein, zweimal paassiv geraucht haben, kriegen Lungenkrebs... Will heissen: Es kommt auch auf die Disposition an, die der jeweilige Mensch mitbringt. Manche sind anfälliger, manche weniger. Will man auf Nuller sicher gehen, schaut man darauf, dass man korrekt trägt. :wink:
In Afrika sieht man oft Kinder, deren Köpfe nach hinten fallen - und dennoch werden das gesunde Menschen. Man darf nicht aus den Augen verlieren, dass gesunde Menschen über grosse Selbstheilungskräfte verfügen!
Dennoch lohnt es sich, korrekt zu tragen, denn das ist auch für die tragende Person viiiel angenehmer, und man geht auf Nummer Sicher. Das gibt ein rundum gutes Gefühl und man fühlt sich wohl beim Tragen.
2. Woran erkennt man, das zu locker gebunden ist? Gibts da Anhaltspunkte?
Wenn Du Dich mit Deinem Baby nach vorne beugtst, sollte es in Tuch oder Tragehilfe kaum von Dir wegfallen. Du sollst das Gefühl haben, die Hände frei haben zu können und nicht Dein Baby stützen zu müssen.
Die meisten Eltern spüren intuitiv, wenn sie zu lose gebunden haben. Verlass Dich auf Deinen Instinkt.
3. Kopfstütze bei den ganz Kleinen: Was ist, wenn die zu locker ist? Ist das schädlich? Oder ist es erst schädlich, wenn der Kopf zurückfallen würde?
Hier verhält es sich wie bei 1. Es kommt auf das Kind an. Ich würde allerdings schon darauf achten, dass das Kind gerade im Schlaf gut gestützt ist, denn ein nach hinten fallender Kopf kann im schlimmsten Fall Blockaden in der Halswirbelsäule auslösen. KANN - aber MUSS nicht! Wie gesagt, die Bandbreite ist enorm!
4. Was ist, wenn das Baby beim Schlafen der Kopf schief/seitlich hängt? Das soll nicht sein, oder? Was kann man dagegen tun?
Hängen sollte kein Kopf - dann war es zu locker. Aber viele Kinder drehen ihn zur Seite, wenn sie schlafen. Seitlich gedreht und gut gestützt ist OK!
5. Anhock-Spreizhaltung: Ab wann ist die Spreizung zu viel? Wann zu wenig? Und wie kann man das gescheit kontrollieren?
6. Anhock-Spreizhaltung: Wie erkenne ich, dass die Beine richtig angehockt sind? Und wann ist es zu wenig?
Die Spreizung bei einem gesunden Kind beträgt 90° Grad zwischen den Oberschenkeln gemessen. Bei Neugeborenen kann das sogar nur 30° Grad sein. Du kannst das wie folgt prüfen: Binde Dein Baby ein und halte Deine flachen Hände an seine Oberschenkel, und zwar so, dass sich Deine Fingerspitzen berühren. So kannst Du wahrnehmen und sehen, ob der Winkel zwischen Deinen Händen mehr als ein rechter Winkel ist.
Die Anhockung ist im idealfall 100 - 110°, das heisst, bei den allermeisten Kindern befindet sich das Knie auf Bauchnabelhöhe. Also einfach zu ermitteln.
Ich seh mir viele Tragefotos an und da sehe ich wie unterschiedlich gebunden wird. Bei manchen ist das Tuch am Rücken glatt und straff, bei manchen faltig. Bei einigen schaut das Kind seitlich wie eine Kugel aus, so rund und "zusammengestaucht" ist es, bei anderen hängt es fast gerade. Bei manchen sind die Beine in einem leichten M, bei anderen ganz raufgebunden und bei den letzten baumeln sie.
Ich denke, keiner will seinem Kind schaden, schon gar nicht durchs Tragen/falsche Binden, aber alle Bilder schauen anders aus, es gibt so viele unterschiedliche Anleitungen und die einen Trageberater sagen dies und die anderes das... Hilfe! :(
Zum ersten: Ich kenne nur 2 Trageberater, und alles andere sind Trageberaterinnen! :wink:
Jede seriös ausgebildete Treageberaterin wird Dir genau das sagen, was ich Dir geschrieben habe, was die ASH betrifft und was die Festigkeit des Tuches betrifft.
Es sollte im Idealfall glatt, wie eine zweite Haut, um das Kind schmiegen. Falten sind selten ein gutes Zeichen. Ein gut gebundenes Tuch sieht meist schön, faltenfrei, aus! In einem so gebundenen Tuch wirst Du auch keine zusammengefallenen Babies sehen.
Es ist leider Tatsache, dass die allermeisten Eltern zu lose binden und sehr oft nicht auf die korrekte Haltung der Beine geachtet wird. Daher sieht man leider auf - ich behaupte, Mehrzahl der Bilder - kaum GUT gebungene Tücher.
Wichtig beim Binden ist: FEST ziehen, Tuchbinden ist Handarbeit!
Wie man bindet, ist eigentlich Geschmackssache, darum gibt es auch verschiedene Anleitungen. Tuchbinden funktioniert nicht nach Gebrauchsanleitung, mal muss man auf das Kind Rücksicht nehmen und andere Handgriffe machen, mal klappt es besser und mal weniger. Dafür ist man mit dem Tuch unendlich variabel und kann besser auf die jeweiligen Bedürfnisse eingehen.
PS: Ich glaube, das ist auch ein Grund warum sich einige nicht übers Tragetuch drüber traun. Mein Mann zb. ist dem Tuch gegenüber skeptisch. Er sagt er benutzt lieber den Marsupi, weil da kann er nichts falsch machen. Stimmt das? Besser fertige Tragehilfe als schlecht gebunden? *grüüübel*
Das sehe ich genauso. Ich denke, unsere Hauptaufgabe als Trageberaterin ist es, die Menschen zu motivieren, es trotzdem mit einem Tuch zu probieren, denn wer es mal erfasst hat, wird es nicht mehr hergeben wollen, in Sachen Komfort kann nichts ein gut gebundenes Tuch toppen!
Die Menschen aufklären, was ein gut gebundenes Tuch ist, was das an enormen Vorteilen hat. Und jenen, die trotz allem kein Tuch verwenden wollen, ebenso Motivation geben!

Herzlich
Dorothea
hausgeburtserprobte, langzeitstillende und kinderwagenfreie Mutter von Eva Sophia (Mai 2002) und Susanna Martina (Sept. 2004)
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Nuala
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Re: Wann ist Tragen schädlich?

Beitrag von Nuala »

wow und danke für diese tollen und detaillierten antworten!!!! ich bin echt beeindruckt.
hab jetzt alles gründlich gelesen, werde es aber noch ein paar mal tun, weil bei so vielen infos ja beim ersten mal gar nicht alles ankommt.
auf jeden fall habt ihr mir wahnsinnig geholfen, vor allem lila, die es toll geschafft hat mir ein bisschen druck und angst vor dem falsch-machen genommen hat.
sehr gut finde ich auch den tipp, dass man sowieso intuitiv weiß wann es falsch ist - zumindest bei mir glaube ich das bestätigen zu können. ich hab im großen und ganzen das gefühl, dass ich schon ganz ok. binde (auch wenn ich erst mal nur eine trageweise gut binden kann - WXT). wenn ich mal hudle oder was anderes probiere, dann spüre ich wenn es nicht optimal ist.
als ich angefangen habe zu üben, hatte ich öfters das gefühl, dass es noch nicht so passt. mittlerweile sind mir die handgriffe sehr vertraut und ich glaube ich binde gut. nur für die kopfstütze scheine ich noch etwas zu doof zu sein, ich habe oft das gefühl dass sie zu lose ist (was aber auch daran liegt dass meine tochter wahnsinnig rummeckert oder sogar schreit, wenn diese zu eng ist. sie will den kopf am liebsten frei haben und rumschaun).
ich würde so gerne noch üben eine gute DXT binden zu können, finde aber so wenig anleitungen dazu und habe immer das gefühl, dass der rücken da viel zu gerade ist, zu viele falten ums kind, zu lose und überhaupt. muss ich eben noch weiterüben...
ps: ich habe übrigens schon einen privatkurs bei einer trageberaterin gemacht, aber irgendwie fand ich den nicht besonders gut. wobei das aber auch daran liegen könnte, dass ich noch null ahnung hatte. viell. sollte ich jetzt wieder mal bei einer vorbeischaun - würde mir aber lieber eine andere suchen, hab mich da nicht gut aufgehoben gefühlt... :roll:
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Re: Wann ist Tragen schädlich?

Beitrag von AstridA »

Ja, die beiden haben sich echt ins Zeug gelegt :) :)

Zu deinen Detailfragen:
Wenn deine Tochter zunächst den Kopf etwas frei haben wll, spricht das ja dafür, dass sie den schon relativ gut halten kann. Beim Einbinden mögen es solche Kinder oft nicht, wenn man den Kopf gut einbindet. Kleiner Trick: Zunächst so gut binden, wie es das Kind zulässt. Wenn deine Tochter eingeschlafen ist, dann solltest du im Nachhinein noch etwas festigen. Entweder durch Lösen des Knotens und nochmaliges Festigen, oder durch ein kleines Mulltuch, dass du zwischen Tuch und Kopf wie ein kleines Nackenhörnchen platzierst.

Zur DKT: Ich vermittle die relativ oft. Eine gute Anleitung findest du hier: babygerecht => Informationen => Doppelte X-Trage

Viel Spaß beim Experimentieren und Tragen! :) :)
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Lila
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Re: Wann ist Tragen schädlich?

Beitrag von Lila »

hi nuala,

es freut mich, dass du mit den antworten etwas anfangen kannst.

ich finde es etwas schade, dass du schreibst, die erste beratung hätte dir nicht wirklich geholfen und dass du durch die beratung nicht gestärkt wurdest. im allgemeinen sollten trageberaterinnen (sofern ausgebildet) gerade in der lage sein "neulinge" hinsichtlich des tragens gut zu begleiten. daher ist mein gedanke die beraterin noch mal zu kontaktieren und um eine (kostenlose?) nachberatung zu bitten. oder wenn dein bauchgefühl dir sagt, nee, die war nicht richtig, dir noch eine andere trageberaterin ins boot zu holen und mit ihr einen termin zu machen ... manchmal finde ich schade, dass ich nicht überall sein kann ... denn es gibt so viele nette mamas, die gerne tragen würden und eine gelungene trageberatung macht einen einfach glücklich und total spass.

wenn deine tochter gerne viel sehen möchte könnte ich mir vorstellen, dass ein ring-sling auch etwas für euch wäre. zumal ich finde, dass ein sling - mit etwas übung - wirklich schnell und optimal angelegt ist und die babys eine wunderbare anhockung einnehmen und eine rundung gewährleistet ist. ansonsten könntest du auch schon (wenn du willst) mit einer rückentechnik anfangen ... auch hier kann deine tochter mehr sehen.

ich wünsche dir wirklich von herzen viel spass beim tragen.
in kontakt mit einer bezugsperson zu sein entspricht den evolutionären und biologischen wurzeln unserer gattung und du entsprichst somit durch das tragen dem elementaren bedürfnis deines babys ... das ist einfach super toll, das kann man gar nicht oft genug sagen. tragen ist nämlich kein leistungssport und keine modedisziplin, sondern beziehung, liebe, bedürfnisbefriedigung und du schenkst es deinem baby !
du machst dir gedanken darum, wie du dein baby versorgen möchtest und damit machst du mehr als die meisten ... wie schon oben geschrieben und ja auch angekommen, mach dir durch das gedanken machen nicht den moment kaputt ... genieße die momente der innigkeit mit deinem baby und freue dich über deine fähigkeit diesen weg gehen zu können und nähe mit deinem baby zu lassen zu können. und wenn das tuch keine 1+ ist ... es ist spielt keine rolle und ist nicht schädlich ... schädlich wäre es, wenn du in eine unendliche gedankenmühle geraten würdest, für dich und deine ressourcen.
ich habe dich mit deinem "fragenkatalog" als sehr bewußte und bedachte mutter wahrgenommen, die sich liebevoll um ihr baby sorgt ...

alles liebe

ein schönes wochenende
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ants
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Re: Wann ist Tragen schädlich?

Beitrag von ants »

Nuala hat geschrieben:wow ps: ich habe übrigens schon einen privatkurs bei einer trageberaterin gemacht, aber irgendwie fand ich den nicht besonders gut. wobei das aber auch daran liegen könnte, dass ich noch null ahnung hatte. viell. sollte ich jetzt wieder mal bei einer vorbeischaun - würde mir aber lieber eine andere suchen, hab mich da nicht gut aufgehoben gefühlt... :roll:
da ich gerad gesehen habe, dass du aus wien bist...
wollte ich nur fragen ob du bei mir in der beratung warst (ich vergess immer zu fragen, woher mich die leute kennen :oops: )

weil wenn ja, und du fühlst dich noch nicht gut genug beraten, dann melde dich nochmal

und noch kurz zur doppelkreuztrage: ich bekomm das auch nicht gscheit faltenfrei hin :mrgreen: , das liegt irgendwie in der natur der sache, finde ich

lg
ants
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Nuala
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Re: Wann ist Tragen schädlich?

Beitrag von Nuala »

hi ants! nein, bei dir war ich nicht, aber ich hab dir heute ein mail geschrieben ob du mir nicht mal weiterhelfen magst, in einem beratungsgespräch. dann muss ich nicht immer alle fragen im forum posten. und außerdem kannst du mir viell. noch das känguruh oder was anderes zeigen! :D

lila - danke für deine außerordentlich lieben und motivierenden worte. ich hatte schon fast tränen in den augen - sooooo lieb geschrieben hast du!!!
Großes Mädel 10/08 & kleines Mädel 04/11
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