Ich hab gerade erst deinen Thread entdeckt und Anfang und Ende gelesen.
Es tut mir sehr sehr sehr leid, was du da stemmen musst!
Du fragst nach Erfahrungswerte und Tipps:
Ja, ich hatte auch so ein Kind, mein erstes.
Es war ganz ganz schlimm und gleichzeitig habe ich oft gedacht, es ist, als sei er wie ein kleiner Engel zu uns gekommen, der uns hilft, die Eltern zu werden, die wir jetzt sind.
Wir mussten unseren Alltag total umstrukturieren, um damit umzugehen, und haben auch ganz stark an unseren Einstellungen gearbeitet und uns belesen (und dabei in unserer Not eben auch dieses fantastische Forum gefunden).
Toll, wenn das das erste Kind ist! Stellt euch vor, man hat erst so ein ganz gemütliches, denkt, man weiß wie der Hase läuft, und dann DAS!
Unsere Erkenntnisse grob zusammengefasst:
Unser Sohn war (ist) sehr reizempfindlich .
Er hatte auch sehr stark z.B. den Moro-Reflex am Anfang, was den Schlaf ebenfalls stark beeinträchtigte.
Erste Erleichterung brachte ein Kamera-Babyfone, das mir half, erst Unruhe-Anzeichen sofort zu sehen und ganz schnell hinzugehen und zu stillen. So war Weiterschlafen leichter möglich und ich konnte dennoch mal kurz ohne Baby am Körper mal unten sein z.B.
Des Weiteren war das damals (2011) der Moment, ein Smartphone zu kaufen (bzw. E-Reader), weil z.B. Seiten umblättern beim Lesen zu laut war. Fernsehen o.ä. ging natürlich gar nicht in Gegenwart des Kindes (welches aber quasi im Dauerkörperkontakt war. Insofern also gab es Fernsehen die ersten Monate gar nicht und ab dem Kamerababyfone ein bisschen. Irgendwann war das tatsächlich manchmal so ein Trostmoment für mich, dass ich später dann manchmal Inga Lindström-Filme geguckt habe, wenn mein Sohn dabei war, einfach weil ich diesen Freiheitsmoment und die Berieselung brauchte und diese Filme so seicht und ruhig vor sich hin dümpelten).
Das Tragen haben wir natürlich dann total ausgebaut und perfektioniert, verschiedene Tücher und Tragen angeschafft (super Booster gegen Rückenschmerzen und Überlastung).
Wir haben den Wombybag zum Pucken entdeckt (gut bei Moro, ist aber wahrscheinlich bei euch jetzt nicht mehr so Thema, bzw. das Baby schon zu groß/zu alt für, nehme ich an).
Ich habe viel gelesen. Besonders gut für uns damals:
Pantleys „Schlafen statt Schreien“ und (fast noch besser, insbesondere zum Thema „Radikale Akzeptanz entwickeln“)
William Sears Buch „Schlafen und Wachen“. Der hat übrigens auch ein Buch zum 24-Stunden-Baby.
Und für mein persönliches Gefühl zum Thema Leben mit Kindern allgemein : Gonzales „In Liebe wachsen“.
Daraufhin habe ich mal ein Balken-Diagramm gezeichnet: X-Achse - alle Stunden des Tages, y-Achse - alle Tage einer Woche.
Ich hab dann einfach mal ganz stumpf, ohne irgendwas beeinflussen zu wollen, eine Woche lang protokolliert und immer so Waagerechte Schlafbalken mit Textmarker eingzeichnet. Also immer Beginn und Ende eines Schlafs notiert und dann einen entsprechenden Balken ins Diagramm gezeichnet.
Nach einigen Tagen konnte ich sehen, dass der Schlaf nicht völlig willkürlich und unterschiedlich ist, sondern sich grobe Muster wiederholen. Diese Struktur habe ich genutzt und auf Grundlage dieses Diagramms „einfach“ entschieden, wann Schlafzeiten passend sind. Also quasi senkrechte Striche eingefügt, immer da, wo im Schnitt täglich ein Schlaf beginnt und endet.
Daraus hab ich mit einen Tagesplan geschrieben und versucht, mich danach zu richten und mein Baby immer zu diesen Zeiten in möglichst reizarmer Umgebung (dunkel/leise) oder beim Spazierengehen und Tragen zum Schlafen zu bringen.
Das hat ebenfalls geholfen.
Darüber hinaus haben wir unser Leben ziemlich angepasst: Wenig Reize, wenig Trubel, wenig Autofahren (das war auch so ein Thema). Besuche rechtzeitig beenden. Und tatsächlich hatte ich meine Elternzeit verlängert als ich merkte, dass das alles so nicht funktioniert, wie ich vorher dachte. Ich wollte eigentlich nach einem Jahr wieder arbeiten und das versetzte mich irgendwann total in Stress, weil ich auch den Eindruck hatte, dass ich ihn nicht so früh in eine Betreuung geben kann/möchte, und selbst so krass gefordert bin durch die Situation. Ich hatte dann irgendwann beschlossen, die Elternzeit tatsächlich auf drei Jahre zu verlängern. Das war hart und auch finanziell sehr schwierig. Bereut habe ich es trotzdem nicht.
Ansonsten kann ich leider auch nur sagen: Viel Geduld und Kraft, es wird besser! (Allerdings sind die offenbar nicht integrierten frühkindlichen Reflexe auch später noch ein Problem bei uns geworden, so dass wir daran im Schulalter nochmal arbeiten mussten.)