Ich schreibe jetzt hier etwas ausführlicher weil ich selbst kaum mehr Zeit zum Denken hab und auch sonst einfach nicht weiß was noch normal ist und was hier eigentlich abgeht.
Kurzum - bei uns gehts nachmittags zu wie im Irrenhaus.
Tochter 3,5 Jahre wurde vor ziemlich genau einem Jahr große Schwester. Zu Beginn war von einer Geschwisterkrise nichts zu spüren aber eine ganz furchtbare Verlustangst war da. ich war das erste Mal in ihrem Leben 3 Nächte weg (also überhaupt weg und morgens nicht da). Ca. 3 Monate lang mussten wir alles zu viert machen - egal was. Und wenns nur in einem Restaurant der Gang zum Salatbuffet war. Unser Leben glich so ein bisschen diesem Rätsel wo man 3 Personen mit einem Boot übers Ufer fahren soll, aber bestimmte Personen darfst du nicht allein lassen und bestimmte darfst du nicht miteinander lassen. Jede Erledigung die einer machen musste, egal wie klein und wars nur der Liter Milch aus dem Supermarkt artete zu einem Akt aus ... Gut das haben wir überwunden.
Dann kam die Zeit wo man sie etwas bremsen musste weil sie einfach zu übermutig ihn bekuscheln, hochheben oder kitzeln wollte. Und Kritik hasst sie wie die Pest. NIEMAND sagt ihr wie sie ihren Bruder zu behandeln hat.
Bis vor etwa 2 Wochen hatte sie eine starke Babyzeit. Zu beginn so Sachen wie "in die Trage", im Arm wie ein baby halten, aus der Flasche trinken usw - haben wir sie alles lassen. Dann wollt sie wieder den Tisch an den Hochstuhl und ihre Essen auf dem Tisch liegen haben (wie der kleine Bruder der nur selbst isst und sich nicht füttern lässt). Als sie dann anfing rumzumantschen und absichtlich zu verschmieren oder zu werfen, hatte ich echt genug und hab ihr gesagt sie bekommt nurnoch trockene Sachen bis sie wieder normal isst. Von mir aus mit Fingern, von mir aus vom Tisch, aber ich stell mich nicht in die Küche und koche damit sie es dann am Tisch verschmiert und runterschmeisst. Also gabs jetzt 2 Wochen nur Nudeln, Gnocchi, Spätzle, Knödel - alles ohne Saucen ... nicht dass sie das stören würde.
So jetzt ist die akute Babyphase vorbei ABER:
Sie schreit – aus Wut, aus Freude, auch einfach mal so, sitzt am Sofa schaut fern und brüllt plötzlich "Kooookaaaaioooo!!!!" Und da kann man noch mit den Achseln zucken, aber sie schreit ihren kleinen Bruder an. Der steht nur da und schaut sie aus 2m Entfernung an und sie springt zu ihm hin und brüllt ihm aus 10cm Entfernung so richtig kehlig ins Gesicht.
Gut mit normalen Wutausbrüchen wegen Mama und Papa die zu irgendwas Nein sagen - ist für uns normal - aber dieses permanente Geschrei ist unerträglich. Ab 16 Uhr wird hier gebrüllt und geplärrt und gekreischt und geweint, der Bruder zum 10. mal zum weinen gebracht und der Papa und ich sind spätestens 18.30 dermassen am Ende.
Heute hat sie 1h gebrüllt und geweint und Türen geschmissen und mich angeschrien weil ich ihr sagte dass die 2 großen Pflaster nach 7 Tagen endlich mal runter müssen weil sie langsam schwarz werden *örgs Hab ihr angeboten es in der Wanne abzubaden, einen Zopf zu machen damit die Haare nicht nass werden, dass sie nur mit Beinen und Popo reingeht, aber wurde nur weiter angebrüllt, die Alternative "schnell abreißen" hab ich dann nach 1h einfach durchgeführt und dann mit Öl den Rest gelöst. Nichtmal 1 min später wollt sie mit mir puzzeln wo ich mich dann echt frag - war das nötig? So viel Geschrei und dann ist nach 1 min wieder alles ok?
Auf die Frage warum sie ihren Bruder so anschreit, sagt sie sie will ihre Ruhe haben. Aber es tut ja keiner was. Wenn sie aus dem Kindergarten kommt, darf sie sich aufs Sofa knotzen und fernsehen und es stehen Snacks bereit. Der Bruder kann noch nichtmal aufs Sofa hoch, spielt meist am Teppich , 1-2 mal wollt er ihr was zum spielen geben aber das wird er wohl auch nimmer wiederholen ... er fürchtet sich langsam vor ihr. Man merkt an seinem Blick diese Skepsis wenn sie mal fröhlich zu ihm kommt, dieses "Na ich weiß nicht was du vorhast, du brüllst mich sicher gleich wieder an". Das macht mich soooo traurig. Sie haben schon lieb miteinander gealbert und als sie merkte er kann einen Ball werfen und fangen, haben sie auch mal gespielt - und jetzt rennt das so in die falsche Richtung.
Mein Mann sagt mir gerade dass er im Kindergarten heute auch einen Buben aus ihrer Gruppe so andere Kinder anschreien sah
Sie ist sehr temperamentvoll, sensibel, emotional ... ich wehr mich gegen so "neumodische Diagnosen" aber 1-2 Personen haben schon den Begriff "gefühlsstark" "Hochsensibel" fallen lassen. Sie empfindet einfach sehr stark - egal was. Es gibt nur superfröhlich ausgelassen überdreht, oder superzornig, weinerlich, alles Drama. Dass sie mal ganz neutral wo sitzt und was spielt gibt es nicht. Auch körperlich ... sie weint so stark wenn was ist. Und zwischen nem halbgebrochenen Bein und der störenden Etikette im T-Shirt gibt es keinen Unterschied. Könnt ihr euch vorstellen was ich mein? Einmal hat sie morgens schon so geweint, immer wieder, sie hat soooo Bauchweh richtig kräftig geweint. Mein Mann ist Sanitäter und konnte beim Abtasten nix feststellen aber weil sie so weinte wollt er mit ihr in die Klinik. Ich war mir eben nicht sicher - eben weil sie wegen allem so weint. Am Ende hat sie einfach nur mal Zeit und ne Windel fürs große Geschöft gebraucht und alles war wieder paletti
Und oft wirkt sie überdreht fröhlich dass man sie wahrscheinlich für den größten Sonnenschein auf Erden hält, aber es kann so schnell umschwenken und dann ist alles furchtbar. Auch im Entwicklungsgespräch wurde uns gesagt dass sie gerade sehr mit ihren Emotionen kämpft und sehr oft und plötzlich heftig weint, und seis nur weil jemand den Löffel von ihr genommen hat. Sie nannte es "unkontrolliertes Weinen" ... die Kinder seien wohl sehr lieb zu ihr und verständnisvoll (sie ist eher eine der jüngeren dort) - wenn sie sich beruhigt hat sei alles wieder ok, von einer auf die nächste Sekunde.
Wenn sie daheim diese Ausraster hat und dann nach ein paar Minuten zu mir kommt und meint "ich hab mich wieder beruhigt" bricht mir fast das Herz - weil es einfach soooo heftig ist für teilweise so banale Sachen.
Aber besonders der Umgang mit ihrem Bruder macht mich gerade so traurig. Der denkt wahrscheinlich schon es wäre normal - beginnt auch rumzukreischen - dann kreischen sie sich gegenseitig an bis mindestens einer weint. Dabei ist sie eigentlich eine sehr sensible und für ihr Alter sehr empathisch und aufmerksam. Bei mir zb. merkt sie jeder Regung in meinem Gesicht und fragt gleich "Mama bist du traurig?" Letztens schob ich beide im Buggy und tippte an an eine bekannte eine kurze Nachricht und sie fragte gleich "Mama, bist du böse?" ich sage Nein. "Du machst deinen Mund so (zieht mit den Fingern den Mund schmal) und die Augen (zeigt mit den Fingern schmale Augen und gesenkte Augenbrauen)". Vorhin nach so viel Geschrei machte ich ihr eine Windel und war einfach energietechnisch am Ende und sie fragt mich warum ich böse schau. Ich meinte es ist einfach sehr anstrengend für mich weil sie so viel schreit.
Ich liebe sie wirklich sehr. Ich war selbst ein sehr emotionales Kind (bzw. bins immernoch aber hab gelernt es nicht jedem zu zeigen, weil ich immer die "Heulsuse" war) und möchte ihr auch den Raum geben zu weinen, emotional zu sein ohne zu verurteilt zu werden ... aber dieses dauernde Schreien aus Wut, Freude, weil sie was haben will, lässt in mir einfach alle Alarmglocken klingen und irgendwann gehts einfach puff und mein Verständnis ist weg.