Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Wiege oder Familienbett? Allein oder zusammen? Wie schlafen wir alle am besten?

Moderator: Giraeffchen

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Sommermama2017
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Sommermama2017 »

Eher Rechtfertigungsdruck.
Bzw. ich würde gerne andere davon überzeugen, damit deren Kinder nicht leiden müssen... aber das geht vermutlich eh nicht so einfach mal schnell. Aktiv spreche ich sowas eigentlich nicht an, muss kaum mal diskutieren.

Ja, Essen ist noch so ein Thema... ;)

Tragen finde ich da viiel weniger kritisch. Oder ich seh das lockerer...
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Grizelda
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Grizelda »

Ich denke, da muss man auch immer das Gesamtpaket betrachten. Wir sprechen ja hier über Menschen, da kann man ja keine Gleichung aufmachen nach dem Motto, Ferbern rein, dann kommt Verhalten XY heraus. Bedürfnisorientierte Erziehung rein, dann kommt auf jeden Fall etwas anderes heraus. Da spielt sicher ganz vieles mit hinein.

Von daher würde ich persönlich nicht sagen, ihr ferbert euer Kind, das hat definitiv kein Vertrauen zu euch. Ich glaube schon auch, dass die restliche Erziehung da etwas auffangen kann. Für mich persönlich kommen diese traditionellen Methoden (momentan) nicht in Frage, da ich das Risiko des Vertrauensverlusts nicht eingehen möchte. Das ist aber sicher eine sehr individuelle Entscheidung, in die auch Alter des Kindes, eigene Bedürfnisse, etc mit hinein spielen.

Nelle, ich lese Dich gerade in der Vorschau und stimme Dir voll zu. Erzählen, was Du welchen Weg man selbst geht und vielleicht auch - je nachdem, mit wem man spricht - warum und welche Vorteile man sieht, finde ich in solchen Situationen auch einen guten Weg.
Liebe Grüße von Grizelda mit großer Maus (08/17) an der Hand und kleinem Mann (*3/20, +7/24) für immer im ♥️
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Larala
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Larala »

Funktioniert es denn wirklich? Also, ich kenne Kinder im Bekanntenkreis, die alleine einschlafen können - bis dann irgendwann wieder eine Schlechtschlafphase kommt, in der sie dreimal in der Nacht wach sind. Meine Tochter hat auch ganz toll alleine in ihrem Bett durchgeschlafen - zwischen 2,5 und 6,5 Monaten. Das war super und das habe ich auch gerne erzählt. Dass wir danach drei Monate Terrornächte hatten, hab ich weniger begeistert herumerzählt. Dafür war ich viel zu müde ;) Jetzt schläft sie bei mir im Bett und ich überlege mir vorher, wem ich das auf die Nase binde. Also denken wohl viele Leute in meinem Umfeld immer noch, dass meine Tochter ganz toll durchschläft. Was ich sagen will: Die Wahrnehmung da ist ziemlich verzerrt.

Außerdem: Es ist gar nicht klar, ob das Schlaftraining wirkt. Ich zitiere mal Renz-Polster und Imlau:
Das Programm dürfte [laut der wissenschaftlichen Literatur] bei etwa der Hälfte der entsprechend behandelten Kinder anschlagen, das heißt, das Schlafverhalten bessert sich zumindest kurzfristig. Aber nur bei jedem sechsten Kind berichten die Eltern durchschlagende Erfolge. Die langfristigen Effekte - also wie es um den Schlaf nach sechs Monaten oder einem Jahr bestellt ist - sind unbekannt. Aus Langzeitbeobachtungen ist abzuleiten, dass auch "geferberte" Babys früher oder später wieder Durchschlafprobleme haben. Nach einer Umfrage des amerikanischen Elternmagazins Today's Parent haben immerhin 43 Prozent der Eltern, die die Ferber-Methode angewendet haben, noch vier weitere Male oder sogar öfter damit wieder neu begonnen.
Ich lese gerade "Unconditional Parentin" von Alfie Kohn, worin er zeigt, dass Konditionierung, also jede Art von Training durch Strafe oder Belohnung", bei Kindern eher das Gegenteil von dem bewirkt, was es eigentlich bewirken soll. Schlaftraining ist da ja nur ein Training unter vielen. Im Gewünschtesten-Wunschkind-Blog gibt es eine Zusammenfassung des Buches.
mit der Ritterin vom "Ni" 5/17
Sophia85
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Sophia85 »

Sommermama2017 hat geschrieben: 06.06.2018, 22:06 Eher Rechtfertigungsdruck.
Bzw. ich würde gerne andere davon überzeugen, damit deren Kinder nicht leiden müssen... aber das geht vermutlich eh nicht so einfach mal schnell. Aktiv spreche ich sowas eigentlich nicht an, muss kaum mal diskutieren.

Ja, Essen ist noch so ein Thema... ;)

Tragen finde ich da viiel weniger kritisch. Oder ich seh das lockerer...
Das sagt jetzt genau die Falsche, weil ich auch immer denke, ich müsste mich für alles vor jedem rechtfertigen, aber: Es geht die Leute eigentlich einen Sch... an, wie du als Mutter dein Kind erziehst. Und umgekehrt gilt finde ich auch, dass es müßig ist, andere Leute von ihrem Weg abbringen zu wollen, außer natürlich sie vernachlässigen oder misshandeln ihre Kinder, das ist dann aber eher ein Fall fürs Jugendamt als für unsereiner.

Wir haben gute Bekannte, die ganz überzeugte Verfechter von klassischem Schlaftraining sind. Deren Kinder sind jetzt schon im Studentenalter und so richtige Vorzeigekinder, schon immer gewesen. Ich kriege z.T
innerlich das Kotzen bei deren Ansichten, aber ich sehe, dass sie auf ihre Art wirklich liebevolle Eltern sind, die das Beste für die Kinder wollen und dass die Kinder ein sehr gutes und inniges Verhältnis zu ihnen haben. Ich kritisiere ihre Ideen nicht und respektiere ihren Weg, verlange aber auch, dass sie das gleiche mir gegenüber tun. Mein Kind, meine Regeln. Sollen sie mich für bekloppt halten. Ich begründe mein Verhalten denen gegenüber gar nicht. Sollten sie fragen, warum ich es denn so anders mache und ihre tollen Ratschläge nicht umsetze, sage ich einfach, so wie wir es machen, klappt es für uns gut, Danke.
Zum ersten Mal Mama, Sohn wurde 04/2017 geboren.
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Franzi175 »

Wenn mir ferbern, schlaftrainig anfangs angepriesen wurde, habe ich meist medizinisch begründet, warum das für uns nicht in Frage kommt: beim ferbern entstehen Unmengen von kortisol im Kind, was ich für meine Kinder aufgrund Downregularion des Immunsystems, Erhöhung des Allergierisikos etc. nicht vertreten kann (....) meist gab es große Augen und keine widerreden - das böse kortisol :-)
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Maja »

Ich denke auch, dass es sehr unterschiedlich und individuell ist, wie gut Kinder solche Vertrauensbrüche wegstecken.
Kinder können ziemlich viel ab. Und zahlreiche Folgen von mehr oder minder schweren schlechten Erfahrungen zeigen sich ja eh erst im Erwachsenenalter. Außerdem ist es immer die Summe von vielem... mag sein, dass ein toll einschlafbegleitetes Kind dafür an einer anderen Ecke Stressfaktoren erlebt...

Was ich schon merke jetzt im Umgang mit anderen Eltern mit pubertierenden Kindern ist dass es anscheinend schon einen Unterschied macht, wie in der Familie die ersten 12-13 Jahre Kommunikation gelebt wurde. Ausnahmen bestätigen zwar die Regel, aber die Mütter, die sich beklagen, dass ihre Teenies tagtäglich und vehement auf NICHTS reagieren, nicht auf bitten, nicht auf reden, nicht auf schreien, nicht mal auf ein in Tränen ausbrechendes Elternteil - das sind schon tendenziell die Familien, in denen ich kontinuierlich Situationen miterlebt habe, wo auch Bedürfnisäußerungen der Kinder ziemlich rigoros ignoriert und selbst echte Verzweiflung "abgetan" wurde. Also eine gewisse emotionale Abstumpfung und Ignoranz gegenüber den Signalen anderer Menschen scheint man seinen Kindern durchaus "anerziehen" zu können, wenn man es hartnäckig genug vorlebt und umsetzt. Dafür wird "nur ferbern" allerdings nicht reichen, da muss man vermutlich konsequenter sein ;-)

Interessanterweise finden es oft gerade die Eltern am empörendsten und emotional belastendsten, dass ihr Kind sie nun ferbert, die früher am entschiedensten "pro Ignorieren" waren. Das zieht sich dann ein Muster der "Gehorsamserwartung" als rote Linie durch, die durchaus persönlich genommen wird.

(Allerdings: auch das bindungsorientiertest aufgezogene Pubertier wird einen zeitwilig ignorieren, beleidigen und mit Türen schmeissen. Also wer meint, er könnte eine total entspannte Pubertät erleben, nur weil er total AP ist, der wird auch unangenehm überrascht werden :lol: )
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von anirahtaK »

also ich bin mir ziemlich sicher, dass ich geferbert wurde, auch wenn meine Mutter das wohl empört zurückweisen würde ;) Aber aus diversen Erzählpuzzleteilen habe ich mir da mein Bild schon zusammen gesetzt. Abgesehen davon hatte ich eine tolle Kindheit und kann mich über zuwenig Zuwendung nicht beschweren, ich denke eigentlich sehr positiv zurück.
Dass sie sich den ein oder anderen "Hammer" geleistet hat, kam erst später ab der weiterführenden Schule. Da hatte ich es zwar insgesamt immer noch sehr gut, und habe mich auch meistens wohl gefühlt zuhause, nur sicher bin ich mir nicht, ob vom ein oder anderen Kommentar nicht doch was hängengeblieben ist. Manches hat sich ziemlich nach "verbaler Körperverletzung" angefühlt.
Aber wie schrieb schon Eine vor mir: ohne Zeitschleife und anderes Verhalten lässt sich nicht rausfinden, was das nun genau bewirkt hat.

ich schließe mich also der Mehrheit hier an: "nur" weil ein Baby geferbert wird, muss es noch kein gestörtes Verhältnis zu seinen Eltern entwickeln. Toll ist es natürlich trotzdem nicht, und mir ist unbegreiflich, wie eine Mutter so etwas übers Herz bringt.

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Sophia85
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Sophia85 »

Mir auch. Ich könnte das einfach nicht. Es wäre viel schlimmer für mich, mein Kind ferbern zu müssen, als es ist, Einschlafbegleitung zu machen. Und wenn er während seiner ersten Schreimonate das Dauergebrüll angestimmt hat, fand ich es auch am wenigsten belastend, wenn er dabei bei mir am Körper war.

Die Familie, die ich erwähnte, will uns immer einreden, ich sei egoistisch und würde dem Kind die Möglichkeit nehmen, Selbstwirksamkeit zu erfahren. Die glauben das echt und wollten damals halt auch nur das Beste für ihre Kinder. Es stimmt schon, dass ich bei meinen Enscheidungen auch an mich und meine Bedürfnisse denke, aber so lange das Kind davon keinen Nachteil hat, finde ich das nicht verwerflich. Und die Beweislage, dass Ferbern gut für Babys ist, ist meiner Meinung nach doch arg dünn. "Experte XY hat gesagt" reicht mir nicht. Experten haben schon viel gesagt in der Vergangenheit, zB dass man Frauen das Lesen nicht beibringen sollte.

Selbstwirksamkeit kann der Kleine auch anders erleben, meine ich.

Ich hoffe, dass wenn ich es so einrichte, dass mein Muttersein sich gut mit meiner Persönlichkeit verträgt und nicht mehr als nötig belastet, ich dann später Trotzphasen, Pubertät etc mit der gleichen Gelassenheit begleiten kann wie meine eigene Mutter und Großmutter früher. Dass ich Einfluss darauf habe, wie anstrengend mein Kind dann sein wird, glaube ich eher weniger. Das ist bestimmt Typsache und was er so in Kita, Schule etc erlebt, prägt ihn ja auch und da hab ich ja gar keinen Einfluss drauf.
Zum ersten Mal Mama, Sohn wurde 04/2017 geboren.
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Leja »

Sophia85 hat geschrieben: 07.06.2018, 06:04 Selbstwirksamkeit kann der Kleine auch anders erleben, meine ich.
... ich würde meinen, dass er beim Ferbern eben gerade keine Selbstwirksamkeit erlebt hätte. Nach dem Motto: "ich äußere ein Bedürfnis, aber keiner reagiert..."
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Lösche Benutzer 20453 »

Leja hat geschrieben: 07.06.2018, 06:32
Sophia85 hat geschrieben: 07.06.2018, 06:04 Selbstwirksamkeit kann der Kleine auch anders erleben, meine ich.
... ich würde meinen, dass er beim Ferbern eben gerade keine Selbstwirksamkeit erlebt hätte. Nach dem Motto: "ich äußere ein Bedürfnis, aber keiner reagiert..."
Hätte ich spontan auch gesagt.

Maja, danke für den interessanten Einblick. Ausnahmen gibt es freilich immer, das erlebe ich grad im Bekanntenkreis.

Später evtl. mehr von mir.
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