Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Fragen und Antworten rund um das Thema Stillen

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Maja
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Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von Maja »

Ich würde bei den o.g. Beispielen definitiv nicht "fehlende Liebe oder Aufopferung" unterstellen (Aufopferung finde ich eh absurd...). Ich wollte nur klarstellen, dass es zahlreiche Konstellationen gibt, in denen das Abstillen Probleme nur aufschiebt, nicht löst, und den Müttern keine noch so "tolerante" Haltung der "Gesellschaft" zum Abstillen "hilft", denn gegenüber der eigentlichen Problemlage werden sie ja trotzdem alleingelassen.

Und dann donnert man den Müttern noch weitere Forschungsergebnisse an den Kopf, dass ihr Kind unglücklich ist, wenn sie selbst unglücklich sind und sie - neben allem anderen - sich mal endlich mehr um sich selbst kümmern sollen. Für manch eine elterliche Lebenswirklichkeit dürfte das erheblich mehr Druck auslösen als ein schiefer Blick aufs Fläschchen (gleich welchen Inhalts) in der Öffentlichkeit.
2004/2006/2014
Petra40
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Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von Petra40 »

miss_undercover hat geschrieben:
Es geht dabei denke ich um den Unterschied 'dauerhaft' versus 'momentan'. Klar kann mein Baby zufrieden sein, wenn ich mal einen schlechten Tag habe. Zwinge ich mich hingegen über Monate mit einem schlechten Gefühl und gegen meinen eigentlichen Wunsch zum Stillen, tue ich damit auch meinem Baby nicht unbedingt einen Gefallen.


Das mit dem "dauerhaft" vs. "momentan" ist aber leider auch andersrum so, wenn man die Abstillgründe differenziert betrachtet. Häufig ist Stillen nämlich gar nicht das eigentliche Problem und Abstillen damit auch nicht die eigentliche Lösung. Es gibt zahlreiche Konstellationen, in denen die Stillprobleme ein Symptom sind, das ich über die Flasche vorerst beseitigen kann, die die Mutter aber mit unbarmherziger Wucht später wieder einholen werden. Das heißt, das eigentliche Problem muss eben trotzdem noch gelöst werden - es dauert nur noch länger, bis der Mutter geholfen wird, und jenachdem wie lange es dauert, summieren sich beim Baby statistische "Nachteile" eben auf.
Als Beispiele:

- Die Mutter möchte nicht stillen, weil sie ein Riesenproblem mit körperlicher Nähe hat --> Flasche geben bessert das Ganze vorerst, aber insgesamt ist tatsächlich schwierig, Babys und Kleinkinder gesund großzuziehen, wenn man körperliche Nähe kaum erträgt und demnach weitestgehend vermeidet (dazu gibt es auch ausreichende Forschungsergebnisse).

- Die Mutter möchte auf Flasche umstellen, weil das die einzige Möglichkeit ist, dass der Vater auch mal was tut --> für den Moment eine Entlastung, aber was passiert denn nach der Flaschenzeit? Wird der reizende Herr Vater sich ein neues Rosinchen picken, oder steht die Mutter dann ganz alleine da, weil sich die mangelnde Hilfe zementiert hat? Dann haben wir eine dauerhaft unglückliche Mutter und nach o.g. Logik auch ein unglückliches Kind.

- Die Mutter stillt ab, damit das Kind durchschläft --> kann funktionieren, kann aber auch schiefgehen, und dann haben wir eine lose-lose-Situation mit den gesundheitlichen Nachteilen fürs Kind und den logistischen Nachteilen für die Mutter (nachts Flaschen kochen etc.) Auch hier: Mutter erst Recht unglücklich.

- Das Kind hat massive Stillprobleme, saugt nicht richtig, schreit immer, alles ist furchtbar --> hier bringt die Flasche zunächst die ersehnte Entlastung, aber sollten die Stillprobleme daran liegen, dass organische Ursachen beim Kind vorliegen (Mundfunktionen, Muskelfunktionen, Blockaden, minimale Hirnschäden), und da ja nun endlich "Ruhe" herrscht, bleibt jegliche Diagnostik und Therapie aus, führt das später zu all den bekannten und unbekannten gesundheitlichen Beeinträchtigungen vom harmlosen Lispeln bis hin zu schweren sozialen und Entwicklungsstörungen, die viel therapiehartnäckiger sind als wenn man sie direkt im Säuglingsalter behandelt hätte.

- Die Mutter stillt auf massiven Druck von Oma und anderer Familie hat --> zunächst zieht wieder Frieden ein, vielleicht sind sogar wirklich alle ganz glücklich damit, aber die Verwandtschaft, die sich hier schon durchsetzen konnte, kommt voraussichtlich mit immer neuen Ansprüchen, Erwartungen, Forderungen, vielleicht auch welchen, deren gesundheitliche oder sonstige Auswirkungen auf das Kind negativer sind als nur das Abstillen, und es wird immer schwieriger für die Mutter, Grenzen zu setzen. Irgendwann wird die Mutter auch darüber unglücklich werden, und es wäre alles nicht so weit gekommen, wenn sie schon ganz am Anfang Hilfe gehabt hätte ihre Grenzen zu verteidigen und Verantwortung zu übernehmen.

- Die Mutter findet es im Grund unzumutbar, für einen anderen Menschen auch nur einen Milimeter zurückzustecken, also z.B. abends nicht mehr auszugehen weil das Baby gestillt werden will oder fürs Stillen auf Alkohol und Zigaretten zu verzichten, und erwartet, dass Elternschaft völlig verlust- und verzichtfrei möglich ist, wenn man sich von dem ökolinksversifften stillmafiösen AP-Quatsch fernhält --> sie wird hart auf dem Boden der Realität aufschlagen, und braucht für eine gelingende Mutter-Kind-Beziehung definitiv eine ganz andere Unterstützung und Hilfe als ein großzügiges gesellschaftliches Agreement, dass Stillen optional ist und die Selbstfürsorge der Mutter jederzeit erste oder gar einzige Priorität ist.

Man sollte auch die mütterliche Intuition nicht unterschätzen. So manche Mutter, die ein furchtbar schlechtes Gefühl beim oder nach dem Abstillen hat, obwohl es kurzfristig eine hilfreiche Lösung war, mag auch spüren, dass da ein weiter bestehendes Grundproblem darauf lauert, an anderer Stelle wieder zuzubeißen. Aber da der Mutter hier in D einfach viel zu wenig Hilfssysteme zur Verfügung stehen, ist es individuell leichter und kurzfristig gesellschaftlich "billiger" das schlechte Gefühl mit "Stilldruck und Mütter-Bashing" zu labeln. Blöderweise würden sich diese Mütter aber auch dann nicht besser fühlen, wenn Flaschenfütterung die Norm wäre, denn dann hätten sich die Grundprobleme eben an irgendwas anderem kondensiert.
Ich finde das super auf den Punkt gebracht, Maja! Ich frage mich dennoch immer wieder, ob die entsprechenden Bewältigungsstrategien langfristig eher hilfreich oder eher hinderlich sind. Natürlich kommen die tieferliegenden Probleme irgendwann an anderer Stelle zum Vorschein (vermutlich häufig ohne als solche identifiziert zu werden), aber es hat natürlich auch nicht jede Frau die Ressourcen oder den Wunsch, sich langwierigen Veränderungsprozessen zu stellen. Und entscheiden - da gebe ich dir Recht, Nora - kann das natürlich nur jede Frau für sich.
Lösche Benutzer 20453

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von Lösche Benutzer 20453 »

Frieher hat geschrieben:
Maja hat geschrieben:
miss_undercover hat geschrieben:Es geht dabei denke ich um den Unterschied 'dauerhaft' versus 'momentan'. Klar kann mein Baby zufrieden sein, wenn ich mal einen schlechten Tag habe. Zwinge ich mich hingegen über Monate mit einem schlechten Gefühl und gegen meinen eigentlichen Wunsch zum Stillen, tue ich damit auch meinem Baby nicht unbedingt einen Gefallen.
Das mit dem "dauerhaft" vs. "momentan" ist aber leider auch andersrum so, wenn man die Abstillgründe differenziert betrachtet. Häufig ist Stillen nämlich gar nicht das eigentliche Problem und Abstillen damit auch nicht die eigentliche Lösung. Es gibt zahlreiche Konstellationen, in denen die Stillprobleme ein Symptom sind, das ich über die Flasche vorerst beseitigen kann, die die Mutter aber mit unbarmherziger Wucht später wieder einholen werden. Das heißt, das eigentliche Problem muss eben trotzdem noch gelöst werden - es dauert nur noch länger, bis der Mutter geholfen wird, und jenachdem wie lange es dauert, summieren sich beim Baby statistische "Nachteile" eben auf.
Als Beispiele:

- Die Mutter möchte nicht stillen, weil sie ein Riesenproblem mit körperlicher Nähe hat --> Flasche geben bessert das Ganze vorerst, aber insgesamt ist tatsächlich schwierig, Babys und Kleinkinder gesund großzuziehen, wenn man körperliche Nähe kaum erträgt und demnach weitestgehend vermeidet (dazu gibt es auch ausreichende Forschungsergebnisse).

- Die Mutter möchte auf Flasche umstellen, weil das die einzige Möglichkeit ist, dass der Vater auch mal was tut --> für den Moment eine Entlastung, aber was passiert denn nach der Flaschenzeit? Wird der reizende Herr Vater sich ein neues Rosinchen picken, oder steht die Mutter dann ganz alleine da, weil sich die mangelnde Hilfe zementiert hat? Dann haben wir eine dauerhaft unglückliche Mutter und nach o.g. Logik auch ein unglückliches Kind.

- Die Mutter stillt ab, damit das Kind durchschläft --> kann funktionieren, kann aber auch schiefgehen, und dann haben wir eine lose-lose-Situation mit den gesundheitlichen Nachteilen fürs Kind und den logistischen Nachteilen für die Mutter (nachts Flaschen kochen etc.) Auch hier: Mutter erst Recht unglücklich.

- Das Kind hat massive Stillprobleme, saugt nicht richtig, schreit immer, alles ist furchtbar --> hier bringt die Flasche zunächst die ersehnte Entlastung, aber sollten die Stillprobleme daran liegen, dass organische Ursachen beim Kind vorliegen (Mundfunktionen, Muskelfunktionen, Blockaden, minimale Hirnschäden), und da ja nun endlich "Ruhe" herrscht, bleibt jegliche Diagnostik und Therapie aus, führt das später zu all den bekannten und unbekannten gesundheitlichen Beeinträchtigungen vom harmlosen Lispeln bis hin zu schweren sozialen und Entwicklungsstörungen, die viel therapiehartnäckiger sind als wenn man sie direkt im Säuglingsalter behandelt hätte.

- Die Mutter stillt auf massiven Druck von Oma und anderer Familie hat --> zunächst zieht wieder Frieden ein, vielleicht sind sogar wirklich alle ganz glücklich damit, aber die Verwandtschaft, die sich hier schon durchsetzen konnte, kommt voraussichtlich mit immer neuen Ansprüchen, Erwartungen, Forderungen, vielleicht auch welchen, deren gesundheitliche oder sonstige Auswirkungen auf das Kind negativer sind als nur das Abstillen, und es wird immer schwieriger für die Mutter, Grenzen zu setzen. Irgendwann wird die Mutter auch darüber unglücklich werden, und es wäre alles nicht so weit gekommen, wenn sie schon ganz am Anfang Hilfe gehabt hätte ihre Grenzen zu verteidigen und Verantwortung zu übernehmen.

- Die Mutter findet es im Grund unzumutbar, für einen anderen Menschen auch nur einen Milimeter zurückzustecken, also z.B. abends nicht mehr auszugehen weil das Baby gestillt werden will oder fürs Stillen auf Alkohol und Zigaretten zu verzichten, und erwartet, dass Elternschaft völlig verlust- und verzichtfrei möglich ist, wenn man sich von dem ökolinksversifften stillmafiösen AP-Quatsch fernhält --> sie wird hart auf dem Boden der Realität aufschlagen, und braucht für eine gelingende Mutter-Kind-Beziehung definitiv eine ganz andere Unterstützung und Hilfe als ein großzügiges gesellschaftliches Agreement, dass Stillen optional ist und die Selbstfürsorge der Mutter jederzeit erste oder gar einzige Priorität ist.

Man sollte auch die mütterliche Intuition nicht unterschätzen. So manche Mutter, die ein furchtbar schlechtes Gefühl beim oder nach dem Abstillen hat, obwohl es kurzfristig eine hilfreiche Lösung war, mag auch spüren, dass da ein weiter bestehendes Grundproblem darauf lauert, an anderer Stelle wieder zuzubeißen. Aber da der Mutter hier in D einfach viel zu wenig Hilfssysteme zur Verfügung stehen, ist es individuell leichter und kurzfristig gesellschaftlich "billiger" das schlechte Gefühl mit "Stilldruck und Mütter-Bashing" zu labeln. Blöderweise würden sich diese Mütter aber auch dann nicht besser fühlen, wenn Flaschenfütterung die Norm wäre, denn dann hätten sich die Grundprobleme eben an irgendwas anderem kondensiert.
Ich seh das in der tst sehr viel liberaler. Ich kann viele Gründe nicht zu stillen nicht nachvollziehen. Aber für mich gibt es in dieset beziehung keine dichotomie, sondern unendlich viele grautöne. Das empfinde ich nicht als Rückzug in eine Beliebigkeit, die das kindeswohl der harmonie opfert, sondern eher als einen respekt vor sehr unterschiedlichen lebensverläufen.

Nehmen wir die hier zitierten frauen. Deswegen hab ich deinen Beitrag zitiert, maja. Das sind für mich allesamt arme würtschen. Ich würde gern ihre Köpfchen heben, ihnen zeigen, was sie gut machen und ihnen nicht noch einen nackenschlag geben, in denen ich Ihnen fehlende Liebe und aufopferung unterstelle. Das wird ihnen nicht helfen. Alle sind sicher die beste mutter für ihr kund und selbst die tollste pflege-mutter kann die Beziehung schwer ersetzen. Die meisten Mütter wollen das beste für ihr kind, bringen nur ganz unterschiedliche Ressourcen mit.

Irgendwie sehe ich durch den verlauf den threads bestätigt, was nora im Artikel nachgezeichnet hat.
Maja hat sich ja schon selbst kurz dazu geäußert, aber ich möchte trotzdem noch etwas ergänzen.
Die Punkte, die du Maja ankreidest, Frieher, kann ich aus ihrem Beitrag nicht herauslesen. Weder sehe ich eine Dichotomie, noch die von dir beschriebenen Nackenschläge.
Ich finde es im Gegenteil höchst legitim, dass sie darauf hinweist, dass es in vielen der beschriebenen Fällen reine Symptombehandlung ist, abzustillen, und dass damit das Leben der betreffenden Mütter eben nicht erleichtert, sondern im Gegenteil erschwert wird (ob nun kurz-, mittel- oder langfristig). Du argumentierst zu Recht damit, dass die Ressourcen bei jeder Mutter unterschiedlich sind. In dem Zusammenhang finde ich auch Majas Gedankengang gut, dass sich durch das Abstillen die statistischen Nachteile unter Umständen aufsummieren. Herbert Renz-Polster spricht in seinen Büchern ja gern von den "Kosten", die ein bestimmter Betreuungsstil, ein bestimmtes Verhalten (wie z.B. das Stillen) mit sich bringt (sowohl evolutionär gesehen als auch auf das einzelne Mutter- oder Eltern-Kind-Gespann). Bei begrenzenten Ressourcen ist es nicht nur erlaubt, sondern höchst ratsam, einmal durchzurechnen, ob man diese Kosten tragen kann. Diese Überlegung ist völlig AP-konform, da "bedürfnisorientiert" schließlich die Bedürfnisse aller Beteiligten meint. Diese Kosten-Nutzen-Abwägung geht aber in beide Richtungen - also eben auch in die Richtung, ob ein zeitweiliges "Zähne-Zusammenbeißen" nicht doch die ressourcenschonendere Variante darstellt. Einzig und allein darauf hat Maja in dem kritisierten Beitrag hingewiesen. Eine wie auch immer geartete Wertung lese ich beim besten Willen nicht heraus. Ich möchte mich im Gegenteil für Majas durchweg sachliche, informative und (für mich) lehrreiche Beiträge in diesem Thread bedanken. Sie gehören für mich zum Lesenswertesten, was das SuT zu bieten hat.
Lösche Benutzer 3486

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von Lösche Benutzer 3486 »

Ich habe maja zitiert, weil ich ihre Beispiele So toll fand, nicht um sie zu kritisieren. Es tut mir leid, wenn ich das nicht deutlich genug gemacht hatte. Vielleicht ist die Bewertung des Artikels vom jeweiligen Blickwinkel abhängig und wir schauen gerade untetschiedlich auf die dinge.

Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass die Frauen, die nicht stillten ihr eigenes Leben als große Herausforderung betrachteten, ihre kindet dennoch stark lieben und das beste für sie wollen
Allesamt hatten diese Frauen ein nicht stillaffine Umfeld. Der Durchbruch zum stillen hätte kraft gekostet, die sie nicht hatten. Ja, stillen hätte viele Probleme gelöst, aber wenn es nicht so ist, würde ich nicht draufhauen, sondern aufbauen.
Da sieht man, dass die Gesellschaft noch viel Potenzial zum Thema stillfreundlichkeit hat. Mein weg dorthin wäre jedoch nicht über nicht stillende Frauen.
Lösche Benutzer 20453

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von Lösche Benutzer 20453 »

Es las sich für mich in deinem ursprünglichen Posting in der Tat so, als würdest du Maja unterstellen, "draufzuhauen". Danke für die Richtigstellung.
Lila83
ist mit Leidenschaft dabei
Beiträge: 656
Registriert: 04.12.2013, 10:58

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von Lila83 »

R. Y e
Maja
SuT-Legende
Beiträge: 8590
Registriert: 18.10.2004, 22:40
Wohnort: NRW

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von Maja »

Oh, herzlichen Dank, das freut mich wirklich, wenn ich für einige etwas Konstruktives beitragen kann :)

Und wenn dieses Thema so komplex wäre, dass es mehrere Wahrheiten nebeneinander geben könnte? Ich kann tatsächlich nämlich auch fast alles Kontroverse hier gut verstehen, wenn auch halt nicht teilen, aber nachfühlen doch schon.
2004/2006/2014
Lösche Benutzer 3486

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von Lösche Benutzer 3486 »

Maja hat geschrieben:Oh, herzlichen Dank, das freut mich wirklich, wenn ich für einige etwas Konstruktives beitragen kann :)

Und wenn dieses Thema so komplex wäre, dass es mehrere Wahrheiten nebeneinander geben könnte? Ich kann tatsächlich nämlich auch fast alles Kontroverse hier gut verstehen, wenn auch halt nicht teilen, aber nachfühlen doch schon.
Das Thema ist wirklich hochkomplex, hier spielende neben der sachebene, verschiedene beziehungsebene bis hin zur gesamtgesellschaftlichen justierung hinein. Pointierung sind sicher in erster linie dem stand der betrachtung geschuldet und mehre wahrheiten leben in friedlicher Koexistenz.
Regenbogen82
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Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von Regenbogen82 »

Ich persönlich habe mich über den Artikel gefreut. Ich hatte bei allen drei Kindern mehr oder weniger große Stillprobleme und habe, zusätzlich zu meiner eigenen Enttäuschung und Trauer, auch immer Großen Druck von außen verspürt und mich für meine Unfähigkeit geschämt.
Was wirklich gut sein kann (wurde hier schon geschrieben) ist, dass der Druck von denen, die gern (voll) gestillt hätten und bei denen es nicht geklappt hat, viel mehr gespürt wird als von denen, die sich wirklich dagegen entschieden haben.

Was mich zu dem Punkt mit der Stillberatung bringt, den ich sehr wichtig finde: für mich oft das Problem, dass es eben für viele Frauen keine eigene Entscheidung war, sondern wirklich an den Umständen der Geburt, falscher und mangelnder Beratung liegt, wenn nicht gestillt wird. Und das finde ich schade. Gerade, weil es die natürliche Ernährungsform ist, sollte es so sein, dass alles dafür getan wird. Da muss noch viel passieren! Und da sehe ich eher das Problem in der Wahlfreiheit: eine Entscheidung dafür heißt noch lange nicht, dass es klappt (auch nicht bei den 95-98%, bei denen es möglich wäre).

Und dann kommt noch der bereits erwähnte Anspruch an die Mutter, entspannt zu sein und sich selbst etwas Gutes zu tun und ja nicht zu stressen (Stress ist ja nicht immer negativ...).
Stillen bitte voll, weil es gesund und praktisch. Zwiemilchernährung ist was für Faule und nichts wert, dann ist nur Formula doch viel praktischer und sich fürs Stllen anstrengen, das Baby nachts wecken, zusätzlich pumpen etc. geht gar nicht, weil die Familie doch schließlich eine entspannte Frau und Mutter braucht und das dann mit Formula doch viel einfacher wäre...

So habe ich es erlebt: Frau soll bitte voll stillen, weil es das Beste ist und es doch jede kann.
Wenn es nicht direkt (voll) klappt, kann das eigentlich nicht sein (kann doch jede - stellt sie sich zu doof an?), sollte sie aber entspannt bleiben und bloß keinen zusätzlichen Aufwand betreiben, sondern dann zur Formula greifen und damit entspannt und glücklich sein und die "Vorzüge" genießen.
Ich war übrigens beim ersten Kind (bei notwendigem Zufüttern, aus Unwissenheit per Flasche, nach sechs Wochen Saugverwirrung und nach zehn Wochen aufgehört zum pumpen) viel gestresster als bei den Töchtern, bei denen ich geweckt, zusätzlich gepumpt und teilweise zugefüttert habe, weil mir in den ersten sechs Monaten jede Flasche weh tat und ich immer Panik hatte, für unterwegs zu wenig Nahrung dabei zu haben und mein Kind hungern zu lassen. Da habe ich lieber teilweise stündlich gestillt (bzw. tue das jetzt noch oft).

Was ich wirklich sehr schade finde, ist, dass dem Teilstillen in unserer Gesellschaft überhaupt kein Wert zugeschrieben wird.

Ich kenne sehr viele Mütter, die traurig darüber sind, dass das Stillen nicht geklappt hat und es mehr oder weniger stark versucht haben. Aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis kenne ich nur eine, die schon vorher gesagt hat, dass sie nicht stillen wollte. Jetzt frage ich mich gerade, ob das alles so stimmt und es an der fehlenden Unterstützung lag oder ob eigentlich mehr Mütter primär nicht stillen wollten und das wegen des gesellschaftlichen Drucks nicht zugegeben haben - werde ich wohl nicht erfahren.

Druck auf Mütter erlebe ich übrigens überall: sei es die "Mütterolympiade" oder irgendwelche Fremden, die sich einmischen: beim Thema "Kinder" ist irgendwie jeder Experte, weil er selbst welche hat oder ja zumindest mal Kind war. Ob das in Deutschland an der Vergangenheit liegt, weiß ich nicht. Kann ich mir aber schon vorstellen, da es da ja auch wichtig war, Kinder für das Land und nicht sich selbst zu bekommen.

Auf jeden Fall hat mich gefreut, dass in den Artikel nicht nur die Selbstbestimmung, sondern auch die Wichtigkeit der Stillunterstützung und der gesellschaftliche Druck auf Mütter angesprochen wurde.
Brüderchen (09/11) und Schwesterchen (04/13) und kleines Schwesterchen (08/16)
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