Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Fragen und Antworten rund um das Thema Stillen

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Lösche Benutzer 21900

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von Lösche Benutzer 21900 »

Wo hört diese Selbstbestimmung, die im Artikel eingefordert wird, eigentlich auf? Wie ist es zB beim Wunschkaiserschnitt? Eine Geburt ist auch das Natürlichste überhaupt und das beste fürs Kind. Also, wie ich finde, durchaus vergleichbar mit dem Stillen.
Ich habe aber schon von vielen Frauen gehört, die ein psychologisches Gutachten brauchten, darüber, dass sie eine natürliche Geburt nicht durchstehen, um überhaupt diese Chance zu bekommen. Frauen, die die Nase rümpfen und drüber sinnieren, dass sie es ja schließlich auch geschafft hätten mit der Geburt nach soundsoviel Stunden.
Ich selbst hatte eine schreckliche erste Geburt, mit stundenlangem Geburtsstillstand, nachdem ich schon 40 Stunden Wehen hatte und über 50 Stunden wach war ohne Pause/Schlaf. PDAs wirkten nicht (mehr). Als die Ärztin und ich gerade über einen möglichen Kaiserschnitt sprachen, bügelte die Hebamme das furchtbar ab und sagte in einem furchtbaren Ton "Einen Kaiserschnitt gibts nicht einfach so!" Und wollte für weitere 2 Stunden den Wehentropf erhöhen und "schauen, was passiert". Mir kommen heute noch die Tränen wenn ich daran denke und letztendlich war der Kaiserschnitt das beste, was uns dann passieren konnte, denn das Kind lag noch so weit "oben" laut operierender Ärztin, dass es wohl noch mindestens 12 Stunden gedauert hätte.
Würde dieses Thema dann nicht auch solche und noch viel weitere Gebiete umfassen? Wer hilft diesen Frauen?
Lösche Benutzer 22277

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von Lösche Benutzer 22277 »

Den Druck zum Stillen gibt es sicherlich, nur glaube ich nicht, dass er in Deutschland signifikant häufiger anzutreffen ist als in anderen westlichen Nationen. In Skandinavien, in Ländern, die ja eher wenig mit preußischer Disziplin oder rechter Ideologie in Verbindung gebracht werden, mit Sicherheit auch. Ich habe dazu keine Zahlen, aber ich bin mir sicher, dass wir da ruhig über den Tellerrand gucken dürfen um zu merken, wie wenig "deutsch" dieses Problem ist.

Ich kenne den Fall einer US-Amerikanerin, die nach Brustkrebs und Vollamputation nicht stillen konnte - und in der Öffentlichkeit massiv beschimpft wurde, wenn sie ihr Baby mit der Flasche gefüttert hat. Ja, selbst in den Staaten, wo viele Frauen früh abstillen, heißt es "breast is best" und auch dort gibt es heftige ideologische Auseinandersetzungen zu dem Thema.

Härte gegen Mütter, ja, die gibt es. Aber nicht nur bei uns.
So richtig und wichtig ich es aus feministischer Perspektive finde, über den Druck zum Stillen zu reden: Die Haarer hätte man rauslassen können.

Außerdem hat Johanna Haarer das alles ja nicht erfunden, viele ihrer Thesen sind nur recycelt und stammen unter anderem aus der preußischen Zeit (wohlgemerkt gab es ähnliche Literatur in allen möglichen Ländern der westlichen Hemisphäre).

Ich finde, dass Johanna Haarer da zu sehr als negative Ikone aufgebaut wird.
Sicher, ihre Bücher wurden lange Zeit publiziert etc.pp.
Wenn ich dann aber mitbekomme, dass die Schwiegereltern einer Freundin, US-Amerikaner und nie woanders gelebt als in den Staaten, denselben "lass' das Kind schreien"-Kram von sich geben wie so manche Deutsche, wage ich zu bezweifeln, dass das alles so eine "Nazischeiße" ist.

Ist doch wie mit den Autobahnen. Die gab es auch schon vor dem dritten Reich, verkauft sich aber besser, wenn man das Etikett "Hitler hat's erfunden" dran macht.
Ich würde mir gerade von einer AP-affinen und sehr gebildeten Autorin wünschen, dem dritten Reich da nicht so viel Raum zu geben.
miss_undercover
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Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von miss_undercover »

Ich habe ja zum Thema Geburt letztes Jahr ein ganzes Buch geschrieben, und darin mache ich mich auch für das Recht auf Wahlfreiheit des Geburtsmodus stark, also auch für den Wunschkaiserschnitt. Aus exakt denselben Gründen: das Selbstbestimmungsrecht der Frau ist nicht verhandelbar.

(dass ich als dreifache Hausgeburtsmutter jedem Baby einen wenn irgend möglich natürlichen Start ins Leben wünsche, steht auf einem anderen Blatt)

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luna24
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Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von luna24 »

Was hilft diesen Frauen? Schwer so allgemein zu beantworten. Aber ich denke in der Tat, ein Umdenken, weg von konkreten (stark wertenden) Handlungsanweisungen, sondern sachliche Informationen in Kombination mit einem Unterstützungs-und Beratungsangebot, in denen auch ihre Ängste und Bedenken (wertfrei) ernstgenommen werden, und das ihnen hilft, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.
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Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von miss_undercover »

Das ist ein valides Argument, Raya. Danke für diesen Gedanken.

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Brianna
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Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von Brianna »

Khaleesi, ich hatte zwei ungewollte primäre Kaiserschnitt und fühle mich immer etwas als schlechte Mutter, weil ich nie Wehen hatte. Ich denke, das liegt viel auch an dem Druck, den wir uns selbst machen. Deine Geschichte liest sich schrecklich. Ich finde die Hebamme unglaublich, was hat den die Ärztin dazu gesagt? Ich habe es anders erlebt. Mir wurde nach dem ersten Kaiserschnitt im Geburtsplanungsgespräch direkt der zweite Kaiserschnitt angeboten und der Arzt war freudig überrascht, dass ich es lieber mit einer VBAC versuchen wollte. Den großen Druck beim Stillen habe ich mir dann gemacht. Ich wollte hier nicht auch noch versagen.
J 05/13 L 12/15
Lösche Benutzer 22277

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von Lösche Benutzer 22277 »

Diesen Artikel zum Thema "Die Überbewertung der J. Haarer" wollte ich da lassen:

http://saeuglingspflege-blog.de/blog/di ... twa-nicht/

Liebe Grüße
luna24
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Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von luna24 »

An den Artikel musste ich auch schon denken... Aber da gehen die Meinungen auch unter den Experten auseinander. Ich tendiere auch zu der Meinung, dass der Haarer Einfluß überbewertet wird, stoße damit aber auch immer wieder auf Widerstände und teils auch gute Gegenargumente...
Lösche Benutzer 21900

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von Lösche Benutzer 21900 »

miss_undercover hat geschrieben:Ich habe ja zum Thema Geburt letztes Jahr ein ganzes Buch geschrieben, und darin mache ich mich auch für das Recht auf Wahlfreiheit des Geburtsmodus stark, also auch für den Wunschkaiserschnitt. Aus exakt denselben Gründen: das Selbstbestimmungsrecht der Frau ist nicht verhandelbar.

(dass ich als dreifache Hausgeburtsmutter jedem Baby einen wenn irgend möglich natürlichen Start ins Leben wünsche, steht auf einem anderen Blatt)

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Danke für deine Antwort! Mit deinen Erläuterungen im Thread verstehe ich die Argumentation im Artikel langsam etwas besser.
Brianna hat geschrieben:Ich finde die Hebamme unglaublich, was hat den die Ärztin dazu gesagt?
Die hat mich trotzdem weiter aufgeklärt und kurz danach fiel dann die Entscheidung zum Kaiserschnitt. Weil sich wieder nichts im Geburtfortschritt getan hatte.
Ich wollte aber den Thread jetzt nicht mit meiner Geschichte sprengen. :wink: aber Danke für dein Interesse. Ich muss das wohl irgendwann mal aufarbeiten.
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Brianna
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Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Beitrag von Brianna »

Ich weiß nicht, ob ich die ungewollten Kaiserschnitte je ganz annehmen kann. Ich bin mir mittlerweile immerhin sicher, dass es so richtig war und es anders eventuell böse geendet hätte.
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