Wenn das Dorf fehlt ...
-
nido56
- Dipl.-SuT
- Beiträge: 4489
- Registriert: 07.02.2013, 15:11
Re: Wenn das Dorf fehlt ...
Ich finde unterstuetzende Strukturen durchaus wichtig. Wir sind hier ziemlich allein und beide berufstaetig, da blieb uns nicht viel anderes uebrig. Zum Glueck sind hier die meisten Familien in einer aehnlichen Situation und auch auf Hilfe angewiesen. Daher haben wir im Moment nachmittags oft entweder zwei Kinder zuhause oder keines, weil der Pirat mit einem Freund nach Hause gegangen ist, oder den Freund eben mitgebracht hat. Ebenso, geht eine Mutter mal zum Frisoer oder einkaufen oder so, waehrend wir anderen auf dem Spielplatz eben so lange ein Kind mehr im Blick haben.
Als der Piratenpapa mal ueberraschend ins Krankenhaus musste, war es gar kein Problem, den Piraten innerhalb von kuerzester Zeit unterzubringen, damit ich moeglichst viel Zeit bei meinem Mann verbringen konnte (hier duerfen Kinder nicht zu Besuch ins Krankenhaus).
Der Vorteil von einem selbstgestaltenten Clan ist, dass man sich nicht mit Leuten rumaergern muss, die einem nicht gut tun. Der Nachteil ist, dass diese Art von Beziehungen natuerlich deutlich weniger stabil und verlaesslich sind. Die anderen koennen eben auch morgen entscheiden, dass sie das so nicht mehr wollen, und dann muss man wieder umplanen.
Ich sehe allerdings auch, dass das bei den Kindern zwar sehr gut klappt, sich aber nicht gut auf die Betreuung der Alten ausweiten laesst. Da geht es mir wie einigen Vorschreibern. Ich kann mir nicht vorstellen, meinen Beruf aufzugeben, um meine Eltern zuhause zu pflegen. Hinzukommt, dass wir hier nicht weggwollen und meine Eltern nicht hier leben wollen. Wie wir das in (naher) Zukunft loesen, weiss ich auch nicht. Meine Mutter waere sehr interessiert daran, sich selbst um eine fuer sie angenehme Loesung zu bemuehen, aber mein Vater gehoert zu der Sorte, die NIEMALS freiwillig aus ihrem Haus ausziehen wuerde. Da wird es wohl auf das genannte halblegale Arrangement mit den Polinnen hinauslaufen. Ich KANN einfach nicht hier alle Zelte abbrechen und 2000 km weit umziehen.
Als der Piratenpapa mal ueberraschend ins Krankenhaus musste, war es gar kein Problem, den Piraten innerhalb von kuerzester Zeit unterzubringen, damit ich moeglichst viel Zeit bei meinem Mann verbringen konnte (hier duerfen Kinder nicht zu Besuch ins Krankenhaus).
Der Vorteil von einem selbstgestaltenten Clan ist, dass man sich nicht mit Leuten rumaergern muss, die einem nicht gut tun. Der Nachteil ist, dass diese Art von Beziehungen natuerlich deutlich weniger stabil und verlaesslich sind. Die anderen koennen eben auch morgen entscheiden, dass sie das so nicht mehr wollen, und dann muss man wieder umplanen.
Ich sehe allerdings auch, dass das bei den Kindern zwar sehr gut klappt, sich aber nicht gut auf die Betreuung der Alten ausweiten laesst. Da geht es mir wie einigen Vorschreibern. Ich kann mir nicht vorstellen, meinen Beruf aufzugeben, um meine Eltern zuhause zu pflegen. Hinzukommt, dass wir hier nicht weggwollen und meine Eltern nicht hier leben wollen. Wie wir das in (naher) Zukunft loesen, weiss ich auch nicht. Meine Mutter waere sehr interessiert daran, sich selbst um eine fuer sie angenehme Loesung zu bemuehen, aber mein Vater gehoert zu der Sorte, die NIEMALS freiwillig aus ihrem Haus ausziehen wuerde. Da wird es wohl auf das genannte halblegale Arrangement mit den Polinnen hinauslaufen. Ich KANN einfach nicht hier alle Zelte abbrechen und 2000 km weit umziehen.
nido mit dem Piraten (01/2012)
-
Lösche Benutzer 17612
Re: Wenn das Dorf fehlt ...
Bei und lief die Betreuung unserer Alten - und läuft auch mit den "neuen" Alten- auf das "osteuropäische Modell" heraus. Wobei das nicht halblegal sein muss, sondern komplett legal ablaufen kann ( nur so am Rande).
Es ist aber ein Trugschluss davon auszugehen, dass diese Person die komplette Versorgung eines alten Menschen übernehmen kann. Entweder muss dann noch die Sozialstation zuarbeiten, oder eben Angehörige. Wir hatten wirklich nette fleissige Frauen, trotzdem gab es gravierende Unterschiede in der Ansicht, wie der Ablauf bestimmter Dinge zu sein hat.
Vom Richten der Tabletten, über die Kontrolle von Wunden ( offene Beine etc), Fahrten zu Ärzten und letztendlich auch Körperpflege etc: selbst wenn man eine echte Perle hat, muss man als Angehöriger noch gut mindestens 1 Stunde pro Tag an Eigenleistung rechnen damit der Mensch in einem -zumindest was meine Definition angeht- menschenwürdigen Zustand lebt.
Wir hatten und haben immer das Glück dass wir die Senioren samt Pflegerin bei uns unterbringen konnten/können, um da immer einen Blick drauf zu haben. Und -auch wenn man sagt " das kann ich nicht"- es wird immer wieder Situationen geben, in denen man über seine Grenzen gehen muss.
Wenn alte Menschen inkontinent werden kann es passieren dass sie Dinge verschweigen, verstecken, sich gegen eine fremde Person wehren. Es kann zu Situationen kommen in denen sie so verwirrt sind, dass sie sich nur von Angehörigen beruhigen lassen.
Das "osteuropäische Modell" ist m.E. nach nur eine Unterstützung für eine pflegende Familie, aber kein Ersatz. Als der Opa meines Mannes dann so sehr abbaute dass er komplett verwirrt war, gänzlich inkontinent und aggressiv den Pflegerinnen gegenüber, war ein Pflegeheim dann die letzte Anlaufstelle da in unserer Familie niemand da war der Vollzeit die Pflegekraft unterstützen konnte.
Die Oma mütterlicherseits durfte mit dieser Unterstützung ihren Lebensabend trotz ähnlicher Umstände daheim verbringen, weil sie samt Pflegerin beim Sohn leben durfte UND die Schwiegertochter den ganzen Tag daheim war um die Pflegekraft zu unterstützen.
Es ist aber ein Trugschluss davon auszugehen, dass diese Person die komplette Versorgung eines alten Menschen übernehmen kann. Entweder muss dann noch die Sozialstation zuarbeiten, oder eben Angehörige. Wir hatten wirklich nette fleissige Frauen, trotzdem gab es gravierende Unterschiede in der Ansicht, wie der Ablauf bestimmter Dinge zu sein hat.
Vom Richten der Tabletten, über die Kontrolle von Wunden ( offene Beine etc), Fahrten zu Ärzten und letztendlich auch Körperpflege etc: selbst wenn man eine echte Perle hat, muss man als Angehöriger noch gut mindestens 1 Stunde pro Tag an Eigenleistung rechnen damit der Mensch in einem -zumindest was meine Definition angeht- menschenwürdigen Zustand lebt.
Wir hatten und haben immer das Glück dass wir die Senioren samt Pflegerin bei uns unterbringen konnten/können, um da immer einen Blick drauf zu haben. Und -auch wenn man sagt " das kann ich nicht"- es wird immer wieder Situationen geben, in denen man über seine Grenzen gehen muss.
Wenn alte Menschen inkontinent werden kann es passieren dass sie Dinge verschweigen, verstecken, sich gegen eine fremde Person wehren. Es kann zu Situationen kommen in denen sie so verwirrt sind, dass sie sich nur von Angehörigen beruhigen lassen.
Das "osteuropäische Modell" ist m.E. nach nur eine Unterstützung für eine pflegende Familie, aber kein Ersatz. Als der Opa meines Mannes dann so sehr abbaute dass er komplett verwirrt war, gänzlich inkontinent und aggressiv den Pflegerinnen gegenüber, war ein Pflegeheim dann die letzte Anlaufstelle da in unserer Familie niemand da war der Vollzeit die Pflegekraft unterstützen konnte.
Die Oma mütterlicherseits durfte mit dieser Unterstützung ihren Lebensabend trotz ähnlicher Umstände daheim verbringen, weil sie samt Pflegerin beim Sohn leben durfte UND die Schwiegertochter den ganzen Tag daheim war um die Pflegekraft zu unterstützen.
-
Elena
- Miss SuTiversum
- Beiträge: 14179
- Registriert: 05.08.2009, 17:08
Re: Wenn das Dorf fehlt ...
Das ist interessant, Ellen. Ja, vermutlich hängt es auch sehr von dem zu betreuenden Menschen ab, welches Modell funktioniert.
Du hast natürlich recht, es geht auch legal. Ich wollte mit dem Begriff "halblegal" nicht unterstellen, dass solche Arbeitsverhältnisse immer halblegal sind, sondern, dass sie es häufig sind. Vor einigen Wochen war dazu ein interessanter Artikel im ZEIT-Magazin, meine ich. Da wurden ganz gut die Fallstricke beleuchtet: Zum einen sind die Pflegerinnen häufig so beschäftigt, dass es arbeitsrechtliche Probleme gibt, d.h. viel zu wenige oder zu kurze Pausen etc. Es ist praktisch unmöglich, einen rund um die Uhr betreuungsbedürftigen Menschen durch eine einzige Arbeitnehmerin arbeitsrechtlich einwandfrei betreuen zu lassen. Und zum anderen ist es häufig so, dass die Pflegerinnen in ihrem Heimatland scheinselbständig sind.
Ach, jetzt habe ich den Artikel gefunden, er war im Chrismon-Heft:
https://chrismon.evangelisch.de/comment/23522
Ich fand ihn spannend, weil er das Dilemma aller Beteiligten aufzeigt.
Du hast natürlich recht, es geht auch legal. Ich wollte mit dem Begriff "halblegal" nicht unterstellen, dass solche Arbeitsverhältnisse immer halblegal sind, sondern, dass sie es häufig sind. Vor einigen Wochen war dazu ein interessanter Artikel im ZEIT-Magazin, meine ich. Da wurden ganz gut die Fallstricke beleuchtet: Zum einen sind die Pflegerinnen häufig so beschäftigt, dass es arbeitsrechtliche Probleme gibt, d.h. viel zu wenige oder zu kurze Pausen etc. Es ist praktisch unmöglich, einen rund um die Uhr betreuungsbedürftigen Menschen durch eine einzige Arbeitnehmerin arbeitsrechtlich einwandfrei betreuen zu lassen. Und zum anderen ist es häufig so, dass die Pflegerinnen in ihrem Heimatland scheinselbständig sind.
Ach, jetzt habe ich den Artikel gefunden, er war im Chrismon-Heft:
https://chrismon.evangelisch.de/comment/23522
Ich fand ihn spannend, weil er das Dilemma aller Beteiligten aufzeigt.
Hier gehts zu meinen Bewertungen:
viewtopic.php?f=352&t=216642
viewtopic.php?f=352&t=216642
-
Lösche Benutzer 17612
Re: Wenn das Dorf fehlt ...
Ja, auch die Pflegekraft hat Anspruch auf Freizeit. Und diese muss dann durch die Familie abgedeckt sein. Hier ist es kein Problem wenn die Pflegerin mal abends weggeht oder ein Wochenende heim zu ihrer Familie muss wegen eines Notfalls: die räumliche Nähe ist da, und Babyphones in der Nacht funktionieren auch mal für Senioren. Aber einer fremden Person ohne " Kontrolle" meine Mutter anvertrauen, da hätte ich wirklich arge Bauchschmerzen nach meinen bisherigen Erfahrungen.
Abgesehen von der Seniorenfrage:
"Das Dorf" empfinde ich durchaus als etwas anderes als nur das Übertragen von Aufgaben, um Personen zu entlasten. Es hat auch viel mit Vertrauen zu tun, und dass man mit getragen wird. Hier schaut tatsächlich noch der eine nach dem anderen. Motzt, wenn es dort nicht so ordentlich ist wie es sollte. Und klopft an, wenn man den gleichen " Regimentsfaulenzer" 2 Tage nicht gesehen hat beim Zeitungsholen, weil man sich Sorgen macht dass etwas nicht stimmt.
Ich denke, das können bezahlte Kräfte nicht wirklich wettmachen.
Aber das Dorf ist ein Geben und Nehmen, und im Gegensatz zu den meisten Dingen im Leben kann man sich von unangenehmen Aufgaben nicht mit gutem Gefühl "freikaufen". Und in diesem System ist unsere Generation noch sehr in der Einbring-Phase. Es wird erwartet, dass man mit anpackt wenn im Kirchgarten ein Anbau abgerissen wird ( da isses echt wurscht ob Atheist oder nicht: Steine rumheben kann man ja wohl auch auch ohne Gottes Hilfe.
).. oder der lokale Gesangsverein Schlachtfest hat und jemanden braucht, der Schlachtgeschirr spült. *örks*. Egal ob man in der Woche schon 50 Stunden gearbeitet hat oder nicht. Aber man tut es, einfach weil man spürt, dass die Gemeinschaft in der Form eben untergeht wenn man sich rauszieht.
Dafür wissen wir aber auch, dass die Nachbarn auf unsere Schwiegereltern mit aufpassen und sich bei uns melden, wenn etwas Ungewöhnliches stattfindet. Und dass sie sich auch kümmern, wenn wir mal nicht da sind ( zum Beispiel indem sie nachts ohne Vorankündigung vom Dachgeschossfenster aus den Frosch im Teich ERSCHIESSEN, der meiner Schwiegermutter den Schlaf raubt.....nun ja....). Wir wissen dass auf unsere Kinder geachtet wird, wenn sie zwischen den Hintergärten herumstreunern und heimlich die Hühner füttern/ärgern.
"Das Dorf" gibt schon das Gefühl, dass man nicht alle Last und Verantwortung selbst tragen muss. Ich denke aber dass diese Art von Dorf gerade dabei ist, auszusterben. Dadurch, dass wir heute unsere Grenzen viel deutlicher abstecken als die Generationen vor uns und es gewohnt sind die Kontrolle über unsere Entscheidungen/Handlungen/Kindererziehung/ Gartengestaltung was-auch-immer ganz alleine zu haben, drängen wir die anderen Menschen aus ihren " Rechten" auf Einmischung. Mit dem Recht auf Einmischung verliert sich aber auch das Recht/die Pflicht auf Verantwortung und Sorge um nicht-Familienmitglieder.
Ich bin da selbst in der Zwickmühle: man hat so sehr darum gekämpft dass man sich selbst behauptet, sich nichts vorschreiben lässt, seine Ideale durchsetzt gegenüber all dem "alten Mist", der jetzt plötzlich nicht mehr zeitgerecht ist. Und vielleicht den Bogen überspannt. Klar ist es gut , dass sich die Sicht auf's Kind verändert hat. Gerade was Bindungsverhalten angeht.
Nur: in unserem Rundumschlag gegenüber den Dingen die man früher gemacht hat, haben viele junge Familien ( uns eingeschlossen) plötzlich angefangen , fast wahllos um sich zu schlagen wenn es um die "Dummheit" der Alten geht.
Ein Tätscheln der Backe vom Kind ist gleich eine körperliche Übergriffigkeit, und die alte Frau muss nun auch damit rechnen dass ihr demnächst jemand in die Backe kneift. Und wenn die Nachkriegsgeneration Schokolade verteilt weil sie damit ein Lächeln auf die Kindergesichter zaubern kann, grenzt das auch schon fast an Körperverletzung.
Ich habe oft das Gefühl, dass alte Menschen hier in Deutschland von der mittleren Generation regelrecht gehasst werden. Die sollen uns in Ruhe lassen mit ihrem alten Scheiss. Haben ihre Kinder misshandelt durch Schreienlassen, haben keine Ahnung von gesunder Ernährung, sind nervig da sie sich überall einmischen wollen...
In Wirklichkeit ist es doch so, dass JEDER Mensch das Gefühl braucht einen Platz und eine Aufgabe in einer Gesellschaft zu haben. Vom ganz kleinen bis zum alten. In einem dörflichen Gefüge funktioniert das zumindest noch etwas. Zur Zeit zumindest, aber nicht mehr lange.
Machen wir uns nichts vor: spätestens wenn wir alt sind und uns so verhalten wie wir es uns von den alten Menschen erwarten, sind wir vor allem eines: auf dem Abstellgleis und komplett nutzlos. Alles was wir jetzt erleben und lernen ist veraltet, und kann man es sich ergoogeln oder in Foren bequatschen. Vielleicht werden mir meine Kinder vorwerfen dass ich sie nicht genügend schulisch gefordert habe sondern sie immer hab spielen lassen, weshalb sie jetzt nicht die Karriere hingelegt haben die sie hätten machen können. Egal was passiert: wahrscheinlich werden wir Schuld daran sein. Und unsere Schwiegertöchter uns hassen.
Außer wir sind noch fit genug irgendwo in einer Armenküche oder sowas auszuhelfen.
Unsere Söhne und Töchter werden uns ersetzt haben mit Dienstleistern, die ihre Aufgaben erledigen ohne sich einzumischen oder rumzunerven. Weil sie von uns gelernt haben, dass alte Menschen meist nerven ( und ooooh Gott ja, das tun sie oft...) und dass man sich deshalb ab Besten von ihnen fernhält, wenn sie nicht bereit dazu sind nach unserer Pfeife zu tanzen.
Ich hatte in letzter Zeit viel Gelegenheit dazu über Generationenfragen nachzudenken und muss ganz ehrlich sagen: ich schäme mich oft.
Darüber, was ich gedacht habe.Über Dinge, die ich geschrieben habe wenn ich mich über meine Großeltern/Schwiegereltern aufgeregt habe. Dass ich regelrecht aggressiv geworden bin, wenn mir jemand Tipps gegeben hat. Dass ich ein Riesendrama darum gemacht habe, als mein Stillkind heimlich an nem Kinderriegel lutschen durfte. Dass ich fast einen richtigen Keil zwischen meinen Mann und seine Eltern getrieben habe, weil mir die " Übergriffigkeiten" so sehr gegen den Strich gegangen sind, dass ich komplett an die Decke gegangen bin. Ich bin als Mutter nur noch um meine Kinder gekreist und habe komplett vergessen, dass es auch noch andere Familenmitglieder gibt,die Zuwendung und ein gutes Wort benötigen.
Im Endeffekt war ICH diejenige, die es verbockt hat. Meine Kinder hätten eine deutlich schönere und entspanntere Baby-/ Kleinkindzeit haben können, wenn ich mich einfach mal locker gemacht hätte. Nicht alles so verbissen gesehen hätte. Sie hätten an mir lernen können, ruhig, geduldig und LIEBEVOLL mit solchen Situationen umzugehen, stattdessen habe ich sie die komplette Babyzeit einer angespannten Atmosphäre ausgesetzt . Die auch garantiert schlimmer war als die Tatsache, dass Oma mir immer erzählt hat ich müsse jetzt mal aufhören zu stillen, sonst wird das Kind nicht satt...
Abgesehen von der Seniorenfrage:
"Das Dorf" empfinde ich durchaus als etwas anderes als nur das Übertragen von Aufgaben, um Personen zu entlasten. Es hat auch viel mit Vertrauen zu tun, und dass man mit getragen wird. Hier schaut tatsächlich noch der eine nach dem anderen. Motzt, wenn es dort nicht so ordentlich ist wie es sollte. Und klopft an, wenn man den gleichen " Regimentsfaulenzer" 2 Tage nicht gesehen hat beim Zeitungsholen, weil man sich Sorgen macht dass etwas nicht stimmt.
Ich denke, das können bezahlte Kräfte nicht wirklich wettmachen.
Aber das Dorf ist ein Geben und Nehmen, und im Gegensatz zu den meisten Dingen im Leben kann man sich von unangenehmen Aufgaben nicht mit gutem Gefühl "freikaufen". Und in diesem System ist unsere Generation noch sehr in der Einbring-Phase. Es wird erwartet, dass man mit anpackt wenn im Kirchgarten ein Anbau abgerissen wird ( da isses echt wurscht ob Atheist oder nicht: Steine rumheben kann man ja wohl auch auch ohne Gottes Hilfe.
Dafür wissen wir aber auch, dass die Nachbarn auf unsere Schwiegereltern mit aufpassen und sich bei uns melden, wenn etwas Ungewöhnliches stattfindet. Und dass sie sich auch kümmern, wenn wir mal nicht da sind ( zum Beispiel indem sie nachts ohne Vorankündigung vom Dachgeschossfenster aus den Frosch im Teich ERSCHIESSEN, der meiner Schwiegermutter den Schlaf raubt.....nun ja....). Wir wissen dass auf unsere Kinder geachtet wird, wenn sie zwischen den Hintergärten herumstreunern und heimlich die Hühner füttern/ärgern.
"Das Dorf" gibt schon das Gefühl, dass man nicht alle Last und Verantwortung selbst tragen muss. Ich denke aber dass diese Art von Dorf gerade dabei ist, auszusterben. Dadurch, dass wir heute unsere Grenzen viel deutlicher abstecken als die Generationen vor uns und es gewohnt sind die Kontrolle über unsere Entscheidungen/Handlungen/Kindererziehung/ Gartengestaltung was-auch-immer ganz alleine zu haben, drängen wir die anderen Menschen aus ihren " Rechten" auf Einmischung. Mit dem Recht auf Einmischung verliert sich aber auch das Recht/die Pflicht auf Verantwortung und Sorge um nicht-Familienmitglieder.
Ich bin da selbst in der Zwickmühle: man hat so sehr darum gekämpft dass man sich selbst behauptet, sich nichts vorschreiben lässt, seine Ideale durchsetzt gegenüber all dem "alten Mist", der jetzt plötzlich nicht mehr zeitgerecht ist. Und vielleicht den Bogen überspannt. Klar ist es gut , dass sich die Sicht auf's Kind verändert hat. Gerade was Bindungsverhalten angeht.
Nur: in unserem Rundumschlag gegenüber den Dingen die man früher gemacht hat, haben viele junge Familien ( uns eingeschlossen) plötzlich angefangen , fast wahllos um sich zu schlagen wenn es um die "Dummheit" der Alten geht.
Ein Tätscheln der Backe vom Kind ist gleich eine körperliche Übergriffigkeit, und die alte Frau muss nun auch damit rechnen dass ihr demnächst jemand in die Backe kneift. Und wenn die Nachkriegsgeneration Schokolade verteilt weil sie damit ein Lächeln auf die Kindergesichter zaubern kann, grenzt das auch schon fast an Körperverletzung.
Ich habe oft das Gefühl, dass alte Menschen hier in Deutschland von der mittleren Generation regelrecht gehasst werden. Die sollen uns in Ruhe lassen mit ihrem alten Scheiss. Haben ihre Kinder misshandelt durch Schreienlassen, haben keine Ahnung von gesunder Ernährung, sind nervig da sie sich überall einmischen wollen...
In Wirklichkeit ist es doch so, dass JEDER Mensch das Gefühl braucht einen Platz und eine Aufgabe in einer Gesellschaft zu haben. Vom ganz kleinen bis zum alten. In einem dörflichen Gefüge funktioniert das zumindest noch etwas. Zur Zeit zumindest, aber nicht mehr lange.
Machen wir uns nichts vor: spätestens wenn wir alt sind und uns so verhalten wie wir es uns von den alten Menschen erwarten, sind wir vor allem eines: auf dem Abstellgleis und komplett nutzlos. Alles was wir jetzt erleben und lernen ist veraltet, und kann man es sich ergoogeln oder in Foren bequatschen. Vielleicht werden mir meine Kinder vorwerfen dass ich sie nicht genügend schulisch gefordert habe sondern sie immer hab spielen lassen, weshalb sie jetzt nicht die Karriere hingelegt haben die sie hätten machen können. Egal was passiert: wahrscheinlich werden wir Schuld daran sein. Und unsere Schwiegertöchter uns hassen.
Außer wir sind noch fit genug irgendwo in einer Armenküche oder sowas auszuhelfen.
Unsere Söhne und Töchter werden uns ersetzt haben mit Dienstleistern, die ihre Aufgaben erledigen ohne sich einzumischen oder rumzunerven. Weil sie von uns gelernt haben, dass alte Menschen meist nerven ( und ooooh Gott ja, das tun sie oft...) und dass man sich deshalb ab Besten von ihnen fernhält, wenn sie nicht bereit dazu sind nach unserer Pfeife zu tanzen.
Ich hatte in letzter Zeit viel Gelegenheit dazu über Generationenfragen nachzudenken und muss ganz ehrlich sagen: ich schäme mich oft.
Darüber, was ich gedacht habe.Über Dinge, die ich geschrieben habe wenn ich mich über meine Großeltern/Schwiegereltern aufgeregt habe. Dass ich regelrecht aggressiv geworden bin, wenn mir jemand Tipps gegeben hat. Dass ich ein Riesendrama darum gemacht habe, als mein Stillkind heimlich an nem Kinderriegel lutschen durfte. Dass ich fast einen richtigen Keil zwischen meinen Mann und seine Eltern getrieben habe, weil mir die " Übergriffigkeiten" so sehr gegen den Strich gegangen sind, dass ich komplett an die Decke gegangen bin. Ich bin als Mutter nur noch um meine Kinder gekreist und habe komplett vergessen, dass es auch noch andere Familenmitglieder gibt,die Zuwendung und ein gutes Wort benötigen.
Im Endeffekt war ICH diejenige, die es verbockt hat. Meine Kinder hätten eine deutlich schönere und entspanntere Baby-/ Kleinkindzeit haben können, wenn ich mich einfach mal locker gemacht hätte. Nicht alles so verbissen gesehen hätte. Sie hätten an mir lernen können, ruhig, geduldig und LIEBEVOLL mit solchen Situationen umzugehen, stattdessen habe ich sie die komplette Babyzeit einer angespannten Atmosphäre ausgesetzt . Die auch garantiert schlimmer war als die Tatsache, dass Oma mir immer erzählt hat ich müsse jetzt mal aufhören zu stillen, sonst wird das Kind nicht satt...
-
Elena
- Miss SuTiversum
- Beiträge: 14179
- Registriert: 05.08.2009, 17:08
Re: Wenn das Dorf fehlt ...
In deinem Posting finde ich sehr viel wieder, was mir auch durch den Kopf geht, Ellen. Wir haben hier "Dorf light", ein eingemeindetes Dorf am Stadtrand mit einer bunten Mischung aus Bauern, Akademikern und allem anderen, alten und jungen Menschen. Ich bin hier geboren, ich mag das und meine Familie mag es auch. Es gibt eine Gemeinschaft und natürlich sind wir im Bürgerverein und machen die Feste mit, aber die dörfliche Kontrolle nimmt keine unangenehmen Ausmaße an. Ja, ich musste auch schon schlucken, als bei einem morgendlichen Wutanfall meines stocksturen Mittelkindes auf dem Weg zum Kindergarten die Nachbarin aus dem Haus gestürzt kam und einen Traubenzuckerlolli anbot.
Ich mag keinen Traubenzucker gegen Wutanfälle, aber ich finde es schön, dass die Nachbarin Anteil nimmt und versucht, ihren Teil beizutragen, wenn sie kann.
Ja, auch ich war zumindest beim ersten Kind total unentspannt. Fand die Breigläser, die die Schwiegermutter gekauft hat, falsch und überhaupt zu früh, mochte mein Baby nicht aufrecht auf ihrem Schoß sitzen lassen und so weiter und so fort. Bis zum dritten Kind hatte ich die Erkenntnis gewonnen, dass mein Verhalten total albern war. Und ich bin gottfroh, dass ich meine Wut und Bedenken damals meist runtergeschluckt habe statt rumzumeckern.
Am Ende zählt nämlich für mich und vor allem meine Kinder nicht, dass die Schwiegermama immer nur Alete kauft, weil ihr das vor 40 Jahren die Mütterberatung so geraten hat und sie selbst zu diesem Thema nie das Hirn eingeschaltet hat, sondern dass die Schwiegermama uns liebt, für uns da ist, sich gerne anhört, wie es hier im Alltag läuft und eben einfach Anteil nimmt an unserm Leben.
Ja, auch ich war zumindest beim ersten Kind total unentspannt. Fand die Breigläser, die die Schwiegermutter gekauft hat, falsch und überhaupt zu früh, mochte mein Baby nicht aufrecht auf ihrem Schoß sitzen lassen und so weiter und so fort. Bis zum dritten Kind hatte ich die Erkenntnis gewonnen, dass mein Verhalten total albern war. Und ich bin gottfroh, dass ich meine Wut und Bedenken damals meist runtergeschluckt habe statt rumzumeckern.
Hier gehts zu meinen Bewertungen:
viewtopic.php?f=352&t=216642
viewtopic.php?f=352&t=216642
-
nido56
- Dipl.-SuT
- Beiträge: 4489
- Registriert: 07.02.2013, 15:11
Re: Wenn das Dorf fehlt ...
@Ellen: Ich stimme dir darin zu, dass ich auch immer wieder ueberrascht bin, mit welcher Vehemenz Muetter hier im SuT und in Deutschland allgemein auf die Annaeherungsversuche gerade aelterer Menschen gegenueber Kindern reagieren. Das ist hier bei uns deutlich anders. Der Pirat wird staendig von aelteren Menschen angequatscht und quatscht auch gerne zurueck. Wir wohnen in einem Hochhaus, mit sehr vielen aelteren Nachbarn. Die sind alle informiert, wie alt der Pirat ist, in welche Schule er geht, dass er Dinosaurier und Autos liebt und gerne Fahrrad faehrt (und wahrscheinlich noch so einiges mehr, was ich lieber nicht wissen moechte). Ja, manchmal kommen Sprueche, die ich ziemlich daemlich finde und er bekommt auch ziemlich viele Bonbons zugesteckt (die er zum Glueck aber eh meist nicht isst und die ich dann irgendwann unauffaellig entsorgen kann).
Mich stoert das alles nicht wirklich. Ich freue mich fuer ihn, dass so viele positive Erfahrungen mit fremden Menschen macht.
Ich ueberhoere auch viele paedagogisch nicht sehr wertvollen Kommentare meiner Schwiegermutter, verzeihe ihr die extrem gezuckerten Industriesaefte, nach der der Pirat ihretwegen suechtig ist, sowie die regelmaessigen Ueberraschungseier am Sonntag.
Aber Wertschaetzung der Aelteren ist eine Sache. Alltag mit ihnen zu leben eine andere. Nach einem Monat mit meiner Schwiegermutter unter einem Dach (als sie gesundheitlich stark eingeschraenkt und auf Hilfe angewiesen war) war ich echt mit den Nerven durch. Wir leben einfach SO anders als sie es kennt! Das klappt nicht. Sie ist echt eine Liebe, aber bei ihr ist es eben unheimlich wichtig wie MAN die Dinge macht. Da gehoeren Gardinen vor die Fenster, farblich passende Tagesdecken auf die Betten (die jeden Tag gemacht werden muessen) etc. etc. etc. So bin ich nicht und werde es auch nie sein. Andererseits verstehe ich, dass sie so aufgewachsen ist (wie auch schon ihre Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern vor ihr) und dass sie sich in unserem Chaos einfach nicht wohl fuehlt. Im Moment kommt sie klar mit der Nachbarin, die dreimal am Tag vorbeischaut und ihr ihre Medikamente gibt und nach dem Rechten schaut (und von uns dafuer bezahlt wird, klar). Wir fahren 1-2 Mal die Woche hin, meine Schwaegerin auch meist einmal. Aber, wenn das mal nicht mehr reicht, weiss ich auch nicht wirklich weiter.
Bei meinen Eltern ist es noch schwieriger. Die sind nunmal wirklich weit weg. Da kann ich nicht staendig vorbei fahren. Und sie selbst haben dort ihr "Dorf", von dem sie nicht wegwollen. Da hilft die groesste Wertschaetzung nichts...
Mich stoert das alles nicht wirklich. Ich freue mich fuer ihn, dass so viele positive Erfahrungen mit fremden Menschen macht.
Ich ueberhoere auch viele paedagogisch nicht sehr wertvollen Kommentare meiner Schwiegermutter, verzeihe ihr die extrem gezuckerten Industriesaefte, nach der der Pirat ihretwegen suechtig ist, sowie die regelmaessigen Ueberraschungseier am Sonntag.
Aber Wertschaetzung der Aelteren ist eine Sache. Alltag mit ihnen zu leben eine andere. Nach einem Monat mit meiner Schwiegermutter unter einem Dach (als sie gesundheitlich stark eingeschraenkt und auf Hilfe angewiesen war) war ich echt mit den Nerven durch. Wir leben einfach SO anders als sie es kennt! Das klappt nicht. Sie ist echt eine Liebe, aber bei ihr ist es eben unheimlich wichtig wie MAN die Dinge macht. Da gehoeren Gardinen vor die Fenster, farblich passende Tagesdecken auf die Betten (die jeden Tag gemacht werden muessen) etc. etc. etc. So bin ich nicht und werde es auch nie sein. Andererseits verstehe ich, dass sie so aufgewachsen ist (wie auch schon ihre Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern vor ihr) und dass sie sich in unserem Chaos einfach nicht wohl fuehlt. Im Moment kommt sie klar mit der Nachbarin, die dreimal am Tag vorbeischaut und ihr ihre Medikamente gibt und nach dem Rechten schaut (und von uns dafuer bezahlt wird, klar). Wir fahren 1-2 Mal die Woche hin, meine Schwaegerin auch meist einmal. Aber, wenn das mal nicht mehr reicht, weiss ich auch nicht wirklich weiter.
Bei meinen Eltern ist es noch schwieriger. Die sind nunmal wirklich weit weg. Da kann ich nicht staendig vorbei fahren. Und sie selbst haben dort ihr "Dorf", von dem sie nicht wegwollen. Da hilft die groesste Wertschaetzung nichts...
nido mit dem Piraten (01/2012)
- Schneekugel
- Dipl.-SuT
- Beiträge: 5242
- Registriert: 21.06.2010, 23:00
- Wohnort: CH
Re: Wenn das Dorf fehlt ...
Wir haben hier zum Glück eine gute Nachbarschaft, also weint ein Kind draußen, rennt der der es als erstes hört. Mit schauen tut auch wer halt mit draußen ist. Der Vorteil für die Kids ist sicher auch, immer Sommer gibt's mehr als ein Eis. Zvieri nimt auch oft jeder was raus und alle nehmen dort wo sie wollen. Das finde ich toll, weniger toll sind die die alles überwachen, aber janu, ich lerne gibt es halt auch, oh u das getratsche mag ich nicht. Somit bin ich aber eher dort wo nicht eh schon alle stehen. Praktisch ist auch, stehe ich Verkehr, kann ich der xy schreiben: hey bin zu spät, nimmt du die grosse 10min rein, genau so hab ich zwischendurch sponntan andere Kinder hier.
Meine Oma wohnt 30min entfernt, und wir helfen viel, leider mag sie nicht in unserer Nähe, ich wohne 5min von den Eltern weg und wir alle in der gleichen Stadt, das wäre einfacher.
Aber ja so organisieren wir uns wer einkaufen geht mit ihr usw
Meine Oma wohnt 30min entfernt, und wir helfen viel, leider mag sie nicht in unserer Nähe, ich wohne 5min von den Eltern weg und wir alle in der gleichen Stadt, das wäre einfacher.
Aber ja so organisieren wir uns wer einkaufen geht mit ihr usw
Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum!
N 06/2009
, N 03/2013
, N 11/2016 
N 06/2009
-
Lösche Benutzer 17612
Re: Wenn das Dorf fehlt ...
Ich möchte auch um Gottes Willen niemanden dazu überreden, mit den ( Schwieger-) Eltern zusammenzuziehen. Ich bin selbst so aufgewachsen und es hatte ein immenses Konfliktpotential. Ich gehe so weit zu sagen: meine Eltern wären noch verheiratet, wenn sie es NICHT getan hätten.nido56 hat geschrieben:@Ellen: Ich stimme dir darin zu, dass ich auch immer wieder ueberrascht bin, mit welcher Vehemenz Muetter hier im SuT und in Deutschland allgemein auf die Annaeherungsversuche gerade aelterer Menschen gegenueber Kindern reagieren. Das ist hier bei uns deutlich anders. Der Pirat wird staendig von aelteren Menschen angequatscht und quatscht auch gerne zurueck. Wir wohnen in einem Hochhaus, mit sehr vielen aelteren Nachbarn. Die sind alle informiert, wie alt der Pirat ist, in welche Schule er geht, dass er Dinosaurier und Autos liebt und gerne Fahrrad faehrt (und wahrscheinlich noch so einiges mehr, was ich lieber nicht wissen moechte). Ja, manchmal kommen Sprueche, die ich ziemlich daemlich finde und er bekommt auch ziemlich viele Bonbons zugesteckt (die er zum Glueck aber eh meist nicht isst und die ich dann irgendwann unauffaellig entsorgen kann).
Mich stoert das alles nicht wirklich. Ich freue mich fuer ihn, dass so viele positive Erfahrungen mit fremden Menschen macht.
Ich ueberhoere auch viele paedagogisch nicht sehr wertvollen Kommentare meiner Schwiegermutter, verzeihe ihr die extrem gezuckerten Industriesaefte, nach der der Pirat ihretwegen suechtig ist, sowie die regelmaessigen Ueberraschungseier am Sonntag.
Aber Wertschaetzung der Aelteren ist eine Sache. Alltag mit ihnen zu leben eine andere. Nach einem Monat mit meiner Schwiegermutter unter einem Dach (als sie gesundheitlich stark eingeschraenkt und auf Hilfe angewiesen war) war ich echt mit den Nerven durch. Wir leben einfach SO anders als sie es kennt! Das klappt nicht. Sie ist echt eine Liebe, aber bei ihr ist es eben unheimlich wichtig wie MAN die Dinge macht. Da gehoeren Gardinen vor die Fenster, farblich passende Tagesdecken auf die Betten (die jeden Tag gemacht werden muessen) etc. etc. etc. So bin ich nicht und werde es auch nie sein. Andererseits verstehe ich, dass sie so aufgewachsen ist (wie auch schon ihre Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern vor ihr) und dass sie sich in unserem Chaos einfach nicht wohl fuehlt. Im Moment kommt sie klar mit der Nachbarin, die dreimal am Tag vorbeischaut und ihr ihre Medikamente gibt und nach dem Rechten schaut (und von uns dafuer bezahlt wird, klar). Wir fahren 1-2 Mal die Woche hin, meine Schwaegerin auch meist einmal. Aber, wenn das mal nicht mehr reicht, weiss ich auch nicht wirklich weiter.
Bei meinen Eltern ist es noch schwieriger. Die sind nunmal wirklich weit weg. Da kann ich nicht staendig vorbei fahren. Und sie selbst haben dort ihr "Dorf", von dem sie nicht wegwollen. Da hilft die groesste Wertschaetzung nichts...
Mittlerweile könnte ich es mir durchaus vorstellen , aber meine Schwiegermutter ist so " traumatisiert" von ihrer Zeit bei den Schwiegereltern am Hof dass sie das Zusammenleben 2er aufeinanderfolgender Generationen für schlichtweg unmachbar hält. Nun wohnen sie quasi ja nur über die Straße, da wird es mit der osteuropäischen Variante klappen.
Dass ich weder für meine Eltern noch meine Schwiegereltern den Beruf aufgeben werde um zu pflegen, habe ich da auch schon immer klargestellt. Es wäre total irrsinnig, dazu kenne ich mich gut genug. Ich wäre unzufrieden und knatschig und unglücklich ( und damit auch der Rest der Familie früher oder später) auch wenn ich nicht besonders stolz darauf bin *so* zu sein. Ich war ja schon eine echt -äh- suboptimale 100% Hausfrau-Mutter.
Was aber auch bedeutet, dass vielleicht ganz am Ende doch die Variante des Pflegeheims steht, wenn die gesetzliche Pflegezeit nicht ausreicht. Mein Mann wäre die deutlich bessere Pflegekraft, der kann extrem gut mit alten Menschen. Aber das wäre finanzieller Selbstmord.
Mit den eigenen Großeltern ist das Zusammenleben schon wieder einfacher ( finde ich zumindest).
Ich finde auch, dass es DEN Weg nicht gibt. Vielleicht macht uns unsere Prägung und Selbstständigkeit teilweise inkompatibel für solche Konstellationen. Vielleicht stehen wir alle so oft unter Druck ( auch durch die Anforderungen an uns selbst), dass zu viel Nähe zu "anstrengenden" Menschen nur noch Fässer zum Überlaufen bringt.
Fakt ist aber gerade: alte Menschen werden als Problem empfunden. Sie kosten Geld, bringen nichts mehr ein, ihr Wissen ist veraltet oder kann ergoogelt werden, sie fressen wertvolle Kernfamilienzeit und schlimmstenfalls werden sie auch noch richtig anstrengend. Und zwar ohne Aussicht auf Besserung oder ein süßes alles-verzeihendes Kinderlächeln, das uns die Eskapaden unserer Kinder immer wieder vergessen lässt. Mir graust es davor, heute alt zu werden.
-
Elena
- Miss SuTiversum
- Beiträge: 14179
- Registriert: 05.08.2009, 17:08
Re: Wenn das Dorf fehlt ...
Ja. Ich frage mich: Was kann man selbst tun, damit es nicht ganz so schlimm kommt? Kann man etwas tun, damit man nicht schon mit 75 in der Vergangenheit lebt und stoisch an Altem festhält? Es ist sicher eine Frage des Charakters, aber vielleicht auch der Menschen, mit denen man sich umgibt. Vielleicht halten Kontakte zu Jüngeren geistig flexibel? Ist es sinnvoll, sich einen gut durchmischten Freundeskreis aufzubauen? Wie?EllenRipley hat geschrieben:
Fakt ist aber gerade: alte Menschen werden als Problem empfunden. Sie kosten Geld, bringen nichts mehr ein, ihr Wissen ist veraltet oder kann ergoogelt werden, sie fressen wertvolle Kernfamilienzeit und schlimmstenfalls werden sie auch noch richtig anstrengend. Und zwar ohne Aussicht auf Besserung oder ein süßes alles-verzeihendes Kinderlächeln, das uns die Eskapaden unserer Kinder immer wieder vergessen lässt. Mir graust es davor, heute alt zu werden.
Meist sind die engsten Freunde im selben Alter wie man selbst, haben auch kleine Kinder etc. Das ist einerseits toll, andererseits dreht man sich damit noch viel stärker um sich selbst und die eigenen Probleme, die ja auch die Probleme der gleichaltrigen Freunde sind. Ich habe seit einiger Zeit eine gute Freundin, die 10 Jahre älter ist als ich. Ihr Kinder sind einige Jahre älter als meine - und wir und unsere Familien verbringen so eine entspannte, nette Zeit miteinander! Ich tausche mich mit ihr NICHT übers Trockenwerden oder Kindergartengeschichten aus, sondern rede über Gott und die Welt, Politik, Hobbys, Garten, Reisepläne... manchmal ist so eine Freundschaft oder Bekanntschaft sehr wohltuend.
Meine Mutter hat zwei Freundinnen, die gut 20 Jahre älter sind als sie und damit schon deutlich über 80. Mit beiden unternimmt sie gern Kulturelles. Auch da habe ich das Gefühl, dass beide Seiten profitieren.
Hier gehts zu meinen Bewertungen:
viewtopic.php?f=352&t=216642
viewtopic.php?f=352&t=216642
- Schneekugel
- Dipl.-SuT
- Beiträge: 5242
- Registriert: 21.06.2010, 23:00
- Wohnort: CH
Re: Wenn das Dorf fehlt ...
Ich habe viele gute Freunde die deutlich älter sind und oft profitiere ich von den Erfahrungen. Habe aber auch jüngere, ich finde es muss ein Austausch über verschiedene Altersklassen statt finden...Das vereinfacht sehr vieles.
Ich finde es überigens auch total entspannt für mich wenn es Senioren hat beim einkaufen, meine Kids finden dann immer jemanden 'zum schäkern ' und das wird viel einfacher dadurch.
Vielleicht ist der springende Punkt auch einfach, dass man sieht das diese Erfahrungen - sind sie auch anderst wie man es heute macht - auch eine Bereicherung sein können, und man oft viel lernt mit zuhören. Es hat doch auch zur der Zeit Gründe gegeben wieso man was so oder so machte, und wer weiss wie es unsere Kinder dann mal machen, vielleicht wieder eher wie die Grosseltern?
Klar nervt meine Oma mal, so richtig sogar, trotzdem bin ich froh habe ich sie! Würde aber nie unter einem Dach wohnen würde
Ich finde es überigens auch total entspannt für mich wenn es Senioren hat beim einkaufen, meine Kids finden dann immer jemanden 'zum schäkern ' und das wird viel einfacher dadurch.
Vielleicht ist der springende Punkt auch einfach, dass man sieht das diese Erfahrungen - sind sie auch anderst wie man es heute macht - auch eine Bereicherung sein können, und man oft viel lernt mit zuhören. Es hat doch auch zur der Zeit Gründe gegeben wieso man was so oder so machte, und wer weiss wie es unsere Kinder dann mal machen, vielleicht wieder eher wie die Grosseltern?
Klar nervt meine Oma mal, so richtig sogar, trotzdem bin ich froh habe ich sie! Würde aber nie unter einem Dach wohnen würde
Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum!
N 06/2009
, N 03/2013
, N 11/2016 
N 06/2009