Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

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coccolone
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von coccolone »

Hmm, aber ich steck' mein Gegenueber doch nicht automatisch in eine Schublade, wenn ich sein Auesseres wahrnehme? Und dabei ist es zunaechst mal egal, ob wir von der Haut- oder Haarfarbe oder sonstigem reden. Die Wertung (und somit die Schublade) kommt doch erst, wenn ich mein Gegenueber aufgrund seines Auesseren anders (schlechter?) behandele. Weisst du, was ich meine?

Ich finde es irgendwie naiv und auch unverschaemt, so zu tun, als sei jemand nicht Schwarz, nur damit ich mich wohler fuehle und ggfs. in kein Fettnaepfchen trete. :? Ich meine damit ganz bestimmt niemanden persoenlich hier, bitte versteht es nicht falsch.

Es bestehen nun mal Unterschiede zwischen weissen und Schwarzen Menschen und das schreibe und meine ich jetzt ohne jegliche Wertung. Diese Unterschiede sind zunaechst einmal auesserlicher Natur, in etwa vergleichbar mit den Unterschieden zwischen mir (bruenett) und meiner blonden Freundin (auch wenn der Vergleich etwas hinkt, aber zur Veranschaulichung reicht er hoffentlich aus). Gravierender wird der Unterschied, wenn man bedenkt, wie Schwarze Menschen (als Minderheit) in Deutschland behandelt werden. Dazu stehen in Sows Buch ja genug Beispiele und auch hier im Forum gibt es den ein oder anderen thread, in dem man nachlesen kann, wie selbst Afrodeutsche Kinder (!) behandelt und wahrgenommen werden.

Jedenfalls finde ich es fast gefaehrlich, mein Gegenueber nicht als Schwarz wahrzunehmen, weil wir ja alle gleich sind. Selbstverstaendlich sind wir das. Aber durch die zumeist negativen Erfahrungen meines Gegenuebers auch wieder nicht. Im alltaeglichen Umgang sollte der aeusserliche Unterschied keine Rolle spielen und das tut er ja zumeist auch nicht. Aber manchmal tut er es halt doch. Und dann sollte man eben nicht so tun, als bestuende kein Unterschied.

Ein kleines Beispiel: Mein Mann und ich sind mal von D zurueck nach UK geflogen. Unser Flug ging an einem Wochentag am fruehen Morgen, so gegen 7 oder 8 Uhr glaub' ich. Weil mein Mann direkt vom Flughafen in London ins Buero fahren wollte, hatte er dementsprechend einen Anzug mit Krawatte an. Wie die meisten anderen maennlichen Fluggaeste auch. Bei der Passkontrolle war er allerdings der einzige, dessen (Britischer) Pass laenger begutachtet wurde und der nicht einfach durch die Kontrolle gewunken wurde. Ich musste quasi fuer ihn buergen, was ich mehr als laecherlich und auf jeden Fall rassistisch fand. Und in so einer Situation sollen wir dann so tun, als spietlen unsere Hautfarben keine Rolle und als gaebe es keinen Unterschied?! Sorry, das finde ich wirklich naiv, unverschaemt und gefaehrlich. Gefaehrlich, weil es mE Rassismus im Besten Fall runterspielt und im schlimmsten Fall verleugnet.

Ich weiss wirklich nicht, ob mein Geschriebenes so rueber kommt, wie ich es gerne moechte. Ich versuche aber gerne, weiter auszufuehren oder zu erklaeren, wenn Bedarf besteht.

So, und jetzt habe ich den Faden verloren, weil mein kleiner Mann meine Aufmerksamkeit fordert. ;)
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Marilu

Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Marilu »

coccolone hat geschrieben:Hmm, aber ich steck' mein Gegenueber doch nicht automatisch in eine Schublade, wenn ich sein Auesseres wahrnehme? Und dabei ist es zunaechst mal egal, ob wir von der Haut- oder Haarfarbe oder sonstigem reden. Die Wertung (und somit die Schublade) kommt doch erst, wenn ich mein Gegenueber aufgrund seines Auesseren anders (schlechter?) behandele. Weisst du, was ich meine?
Ich glaube, ich weiß, was du meinst, aber ich finde, die Schublade kommt schon früher. Wenn ich sage, jemand hat schwarze Haare, eine dunkle Haut, dunkle Augen etc., beschreibe ich sein Äußeres. Völlig ohne Schublade. Sobald ich sage, jemand ist schwarz, schwingen eine Menge unausgesprochener Dinge mit - im besten Fall das Wissen um all die Schwierigkeiten, die für die Person vermutlich damit verbunden sind; all die Mutmaßungen über Diskriminierung, die die Person wahrscheinlich aushalten muss. Im schlechtesten Fall andere Vorurteile wie "hat bestimmt Rhythmus im Blut". In dem Moment, in dem ich jemanden als schwarz klassifiziere, ist die Person nicht mehr "nur" der Martin, sondern der Martin, der zu einer diffusen Menge Menschen gehört, die alle etwas gemeinsam haben, nämlich, dass sie diskriminiert werden, oder um mit Sow's Worten zu sprechen "Schwarz zu sein [...] steht eher für gemeinsame Erfahrungen, die man in der Gesellschaft gemacht hat." (S.26)
Deshalb wollte ich meinem Sohn auch nicht sagen, dass die Kinder in seinem Kindergarten schwarz sind, als er mich nach den schwarzen Kindern gefragt hat, sondern hab ihm erklärt, dass eben alle verschieden aussehen. Ich finde, er wird diese Kategorien und Einteilungen und Schubladen noch früh genug lernen. Er soll erstmal den Martin als Martin kennenlernen.

Anzuerkennen, dass die Schwarzen einfach automatisch in dieser diffusen Menge drinstecken, auch wenn gerade keine diskriminierende Situation zu erkennen ist, und dass man sie also wirklich immer in die Schublade stecken kann, ist grade mein Lernprozess in diesem Thread.
Im alltaeglichen Umgang sollte der aeusserliche Unterschied keine Rolle spielen und das tut er ja zumeist auch nicht. Aber manchmal tut er es halt doch. Und dann sollte man eben nicht so tun, als bestuende kein Unterschied.
Ich hoffe, ich hab das deutlich gemacht: Natürlich rede ich immer vom alltäglichen Umgang. Mir ist ganz klar, dass ein Unterschied besteht. Z.B. in der Situation wie du sie vom Flughafen beschreibst, ist ja ganz klar, dass da ein Unterschied gemacht wurde, ein Unterschied zwischen dir und deinem Mann bestand, der sehr offensichtlich sehr rassistisch war.
Uta
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Uta »

Hallo zusammen!

Ich habe das Buch jetzt schon eine Weile durch und weiß gar nicht so recht, was ich schreiben soll. Einerseits gibt es einem schon Anregungen, aber das Thema nachzudenken bzw. zu versuchen, die Welt mal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Andererseits ist es mir irgendwie zu provokativ. Diese Einstellung: Na klar, ist dieser und jener Ausdruck rassistisch und ich kann deshalb auch dreist anworten. Da muss ich z.B. an meine Mutter denken, die bis vor einer Weile auch N... gesagt hat, weil es eben der Ausdruck war, der benutzt wurde. Da kann man doch nicht unterstellen, dass die Leute alle Rassisten sind und den historischen Hintergrund eines Wortes kennen müssten. Na ja, ich kann´s ja verstehen, dass man empfindlich reagiert, wenn man schlechte Erfahrungen gemacht hat. Aber irgendwie ist die Autorin mir nicht so wahnsinnig sympathisch. (Soweit einem jemand sympatisch sein kann, von dem man nur ein Buch kennt.) Deshalb weiß ich nicht so recht, ob es jetzt wirklich so schlau wäre, so ein Buch im Unterricht einzusetzen, wie von euch vorgeschlagen wurde. Vielleicht führt es auch einfach zu Abwehr gegenüber dem Thema Rassismus, wenn man sich vorher noch nicht damit beschäftigt hat. Das führt irgendwie gerade zu einem "Wir Weißen" gegen "die anderen"-Gefühl, und ich denke, dass das ja nun gerade nicht Sinn der Sache ist. Aber auf jeden Fall wäre es schön, wenn im Unterricht das Thema "Rassismus" behandelt würde, möglichst überall, ob nun mit dem Buch oder anders. So was gab´s gar nicht, als ich in der Schule war.
Uta (mit R., 06/02, J., 09/05, D., 07/08 und M, 07/11)
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coccolone
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von coccolone »

Hmm, ich glaube so in etwa kann ich nachvollziehen, was du meinst Uta. Aber nur weil jemand (in diesem Fall deine Mutter) das N-Wort ohne boese Absichten benutzt, halt weil es eben der Ausdruck war, der benutzt wurde (um deine eigenen Worte zu wiederholen), heisst das noch lange nicht, dass es sich nicht um einen rassistischen Ausdruck handelt. Und auch wenn das Wort "frueher" ohne Hintergedanken benutzt wurde, finde ich das dennoch ziemlich traurig (man denke z.B. auch an die Voelkerschauen, die hier in D stattfanden :( ). Und ueberhaupt, das Wort ansich macht noch keinen Rassisten. Ich bin mir sicher es gibt in D einige aeltere Leute, die das N-Wort noch benutzen (wahrscheinlich aus Gewohnheit) aber keine Rassisten sind. Und dennoch, das N-Wort ist rassistisch, gar keine Frage. Und das hat ganz gewiss nichts mit "empfindlich reagieren, wenn man schlechte Erfahrunge gemacht hat" zu tun. Rassismus ist und bleibt Rassismus, und hat nichts mit Empfindungen zu tun.

Interessant, wie das Buch - und vorallem der provokative Schreibstil der Autorin - unterschiedlich auf Leser wirkt.
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Marilu

Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Marilu »

Uta hat geschrieben:Deshalb weiß ich nicht so recht, ob es jetzt wirklich so schlau wäre, so ein Buch im Unterricht einzusetzen, wie von euch vorgeschlagen wurde. Vielleicht führt es auch einfach zu Abwehr gegenüber dem Thema Rassismus, wenn man sich vorher noch nicht damit beschäftigt hat.
Das hab ich auch gedacht. Auszüge könnte man aber auf jeden Fall verwenden, find ich.
Marilu

Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Marilu »

Das Problem ist, glaube ich, nicht so sehr der Inhalt: Klar, das Wort ist rassistisch. Es ist mehr die Art und Weise, wie Sow das rüberbringt. Sie klärt nicht sachlich nüchtern auf, sondern greift die, die das Wort benutzen, an. Sie zeigt null Verständnis dafür, dass es Menschen wie Utas Mutter geben könnte, die einfach nicht wissen, dass das Wort vollkommen daneben ist. Und stößt damit sicher einige Menschen vor den Kopf.
Was ja, wie sie öfter schreibt, auch beabsichtigt ist.
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milkshake
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von milkshake »

ich hab das buch nun auch durch (und weitergeschickt :oops: ) - und bin eher etwas deprimiert.

das bild das noah sow da von schwarzen deutschen zeichnet, klingt für mich nicht gerade sehr ermutigend. vielleicht habe ich das buch auch nicht richtig verstanden, da teils auch nur partiell gelesen.

dennoch: für mich als AE-weiße mutter eines afrodeutschen kindes finde ich es besonders schwierig, den ansprüchen und bedürfnissen meiner tochter (die praktisch in einer mehrheitlich weißen gesellschaft aufwächst) gerecht zu werden... :?
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Laquiqui »

Jetzt hab ich den Fred auch gefunden. Ich hab gestern angefangen zu lesen und bin noch nicht sonderlich weit. Hab mich auch erst durch die ersten zwei Seiten der Diskussion hier gelesen. Es geht ja zunächst viel um die Begrifflichkeiten. Den Vorbehalt gegen "farbig" kann ich gut nachvollziehen. Allerdings sehe ich den Unterschied zu "Person of colour" nicht so wirklich, bzw. warum letzteres pc ist, wenn es das erste nicht ist.
Ansonsten fühle ich mich sehr zum nachdenken und hinterfragen angeregt, fühle mich auch schon teils provoziert, aber finde den Schreibstil sehr locker zu lesen.
Liebe Grüße von Kirsten

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corradomaus
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von corradomaus »

also ich hab das buch nicht gelesen und mich auch nur durch die ersten 1,5 seiten des freds gehangelt

hab aber gleich mal ne frage und hoffe in rahmen dessen wird sie mir beantwortet

A1 geht in den waldorfkindergarten ...hier wird auch gelebt dass alle gleich sind und nicht nur oberflächlich so getan als ob

auf jeden fall gibt es da D. die mama von M., D. ist schwarz, M.Papa ist Weiß und M folglich dazwischen...für A1 ist das eben nur M. sie hat nie gefragt, warum sieht M. anders aus oder so ...es ist eben M. mit der kann man mal spielen und manchmal auch nicht weil dann ist sie mit ihren fast 6 halt schon 2 jahre älter und spielt reifer mehr ist das nicht

jetzt haben wir aber auch kaninchen, vor einem jahr hieß das schwarze "rotes kaninchen" und das weiße "grünes kaninchen" war auch bei pferden in dieser farbkostellation so
auf jeden fall ist das weiße gestorben und jetzt hat das schwarze einen von unserer tochter neu ausgedachten namen "niga" gesprochen klingt es noch NiDa...eine freundin die jetzt zu besuch war fand das rassistisch und meinte ich solle meiner 4jähigen tochter doch bitte erklären dass soetwas nicht geht usw usw.

für A1 ist es ein fantasiename und für A1 ist M. eben M. ohne eben anders als A1 zu sein...ich will das nicht, ich will meiner tochter NOCH nicht erklären, dass es menschen gibt, welche M.als anders/ggf. unwürdiger ansehen...ich will das M. weiter für sie M. ist und nicht das Mädchen mit der anderen hautfarbe was von anderen als Ni[...] beschimpft werden könnte

oder lieg ich damit so falsch?
P. (01/82) mit dem Tasmanischen Teufel in Gestalt eines Minchen (03/08) und der kleinen Kämpferin die schon so viel mitgemacht hat (12/11)

Mein Herz schlägt sächsisch, und Lachen hat keinen Dialekt.
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von inselkind08 »

Mich beschäftigt das Thema Rassismus auch gerade mal wieder,
1.weil mein Freund (Pakistani) sich sehr oft angegriffen fühlt, also nicht von mir, aber z.B. meinte er die Leute hier in D. würden ihn schief angucken (wir waren in einer Kleinstadt und mein Kopftuch trägt nicht gerade dazu bei das Leute weniger gucken).
2. ausserdem versuche ich gerade mal wieder einen Job zu kriegen und finde es so krass, wenn ich dann sofort gesagt bekomme "... dann müssen sie aber ihr Kopftuch abnehmen!"
Liebe Grüsse vom inselkind mit Sohn und 2 *

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