Argumentationsnotstand

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ullilein
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Argumentationsnotstand

Beitrag von ullilein »

Ich war heute im Eltern-Kind-Zentrum auf einem Flohmarkt und hab Lilly in unserem schönen und vor allem bequemen Himmel-MT (danke nocheinmal an LaLeMi :) ) getragen. Viele, die bei unserem Stand vorbei gekommen sind, haben mich auf den MT angeredet, einige Schwangere wolten gleich eine Beratung haben :wink: und eine hat sogar gemeint, dass sie das aus China kennt, wo sie lange gearbeitet hat und sich gleich ein paar schicken lassen wird. Natürlich waren auch wieder die obligatorischen BB-Träger (jawoll, es waren zwei Männer :mrgreen: ) unterwegs - noch dazu mit Baby mit Blick nach vorn :x

Naja, wie auch immer, ich war mit einer Freundin da, die lange begeisterte BB-Trägerin war, bis ich sie endlich davon überzeugen konnte, sich zumindest meinen Beco auszuborgen, von dem sie auch ganz angetan war. Was sie mir allerdings nicht glaubt, ist, dass das Nach-Vorne-Tragen so schlecht ist, weil sie der Meinung ist, wenn das Baby was sehen will, dreht es immer den Kopf auf die Seite oder sogar zurück und das wäre sicher auch nicht grad gesund... Hm, ich kann ja normal immer sehr gut das Tragen "verteidigen", aber da war ich auch erstmal überfragt. Was meint ihr dazu?
U. mit Groß (2008) und Klein (2010)
Lovis
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Re: Argumentationsnotstand

Beitrag von Lovis »

Wenn das Kind mehr sehen will, kann man es aber auf der Hüfte oder auf dem Rücken tragen, statt völlig unphysiologisch den Rücken (vom Baby) ins Hohlkreuz zu drücken und sein Gewicht komplett auf den Genitalien und dem Schambein lasten zu lassen. Frag doch Deine Freundin mal, ob sie so (also die Last voll auf dem Schambein) getragen werden wollte... :wink:
Liebe Grüße, Cornelia

mit dem Großen (03/2003), der Großen (07/2004), der Kleinen (05/2007), der Kleinsten (03/2010) und dem Nachzügler (03/2014)

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ullilein
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Re: Argumentationsnotstand

Beitrag von ullilein »

Jaja, schon klar, man hat die Alternativen auf dem Rücken und auf der Hüfte. Aber wenn ich (was ich auch trotz 10kg-Kind immer noch gern tue) vorne trage, bleibt das Kopferl-Drehen natürlich nicht aus. Ist ja nicht so, dass ich gar keine Argumente habe, würd nur gern auch dieses spezielle Gegenargument gut begründet entkräften können. Danke aber jedenfalls für deine Antwort!
U. mit Groß (2008) und Klein (2010)
xknäckebrotx

Re: Argumentationsnotstand

Beitrag von xknäckebrotx »

ullilein hat geschrieben:Jaja, schon klar, man hat die Alternativen auf dem Rücken und auf der Hüfte. Aber wenn ich (was ich auch trotz 10kg-Kind immer noch gern tue) vorne trage, bleibt das Kopferl-Drehen natürlich nicht aus. Ist ja nicht so, dass ich gar keine Argumente habe, würd nur gern auch dieses spezielle Gegenargument gut begründet entkräften können. Danke aber jedenfalls für deine Antwort!
Was möchtest du denn jetzt genau argumentativ angehen?

1. Dass es nicht gut ist, das Kind mit Blickrichtung nach vorne zu tragen --> dann hat Lovis ja eigentlich schon alles gesagt, was physiologisch dagegen spricht

oder

2. möchtest du einen Beleg, dass es nicht "schädlich" ist, wenn das Kind vor dem Bauch getragen wird und dabei seinen Kopf dreht? --> dazu würde ich jetzt persönlich sagen, dass es dem Kind bestimmt nicht schadet, wenn es die Bewegung mit dem Kopf selbst macht. Aber DAS Entkräftungsargument könnte ich dir da nicht liefern - ich würde auch eher zum Tragen auf der Hüfte oder dem Rücken raten, wenn ein Tragling häufig den Kopf so dreht, dass er besser sehen kann. Denn angenehmer ist es dann auf dem Rücken oder der Hüfte für ein neugieriges Baby bestimmt ;)
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Montanara
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Re: Argumentationsnotstand

Beitrag von Montanara »

Bin müde, daher kurz:
Mir fällt dazu ein, dass im Gegensatz zum Tragen mit Blick nach vorne das Baby selber entscheiden kann, wann es genug gesehen hat. Im BB dagegen ist es allen Reizen schutzlos ausgeliefert. Ausserdem ist es unphysiologisch, das Baby muss ins Hohlkreuz, das es eigentlich noch gar nicht kann. Die Stützung ist ungenügend, die Kinder hängen in der TH und der gesamte Druck lastet auf der Schamregion: Einem Jungen drückt es die Hoden zu, einem Mädchen kann es die weiche Symphyse verformen.
Trägt man aber mit einer TH auf dem Rücken oder auf der Hüfte, muss das Kind zwar den Kopf drehen, aber das ist gewiss weniger ungesund als all die gravierenden Nachteile, die ich gerade aufgezählt habe.
Dazu kommt, dass es, wenn es genug gesehen hat, einfach ankuscheln und ausruhen kann. Selbstbestimmung und Selbsregulation von Anfang an! DAS nimmt man dem Kind, wenn man es im BB mit Blick nach vorne trägt!
Und noch was: Ich finde, es ist auch respektlos dem Kind gegenüber, dessen Schamgegend quasi auf dem Präsentierteller allen Menschen rundum zu präsentieren. Auch ein Baby hat Anrecht auf Intimsphäre!

Herzlich
Dorothea
hausgeburtserprobte, langzeitstillende und kinderwagenfreie Mutter von Eva Sophia (Mai 2002) und Susanna Martina (Sept. 2004)
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ullilein
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Re: Argumentationsnotstand

Beitrag von ullilein »

Danke für eure Antworten! Ja, Anna, du hast meine Frage schöner herausgearbeitet, mir geht es um den 2.Punkt. Warum das Nach-Vorne-Schauen ungesund ist, kann ich ja gut erklären, aber nicht, warum und ob das permanente Kopfdrehen nicht auch schadet. Aber ihr habt mir ein paar gute Denkanstöße gegeben (Selbstbestimmung, das ist gut!), danke nochmal!
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Re: Argumentationsnotstand

Beitrag von xknäckebrotx »

Ah, gut, ich meinte herausgelesen zu haben, dass es in diese Richtung geht!

Vielleicht trifft es da ein Vergleich:

Wenn ich ins Kino gehe, bevorzuge ich auf jeden Fall einen Platz, wo ich den Kopf nicht verdrehen oder strecken muss, weil mir ab und zu mein Vordermann im Weg sitzt.

Aber das wäre mir immer noch sehr viel lieber, als ein harter Kinosessel, auf dem ich im Hohlkreuz sitze und ich keinen Platz für die Beine habe, außerdem in der ersten Reihe, wo die Leinwand direkt vor mir flimmert und es mir irgendwann zuviel wird.

Bequem über allen anderen in einem guten Abstand zur Leindwand ist bestimmt am optimalsten für den unbeschwerten Filmgenuss :mrgreen:
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ullilein
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Re: Argumentationsnotstand

Beitrag von ullilein »

Na bitte, dass ist ja einmal ein anschauliches Beispiel, das kann ich bei meiner sehr straighten Freundin glaub ich gut verkaufen :mrgreen: Irgendwie ärgert es mich ja, dass ich immer das Tragen verteidigen muss und nicht die anderen, dass sie nicht oder "falsch" tragen...
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Re: Argumentationsnotstand

Beitrag von waffelroellchen »

Zur Schädlichkeit/Unbednklichkeit der Drehbewegungen der HWS:

Die Rotation nach rechts und links ist die normale Beweglichkeit, die unsere Wirbelsäule hat. Dazu ist sie gemacht. Problematisch wird es erst, wenn das Kind zusätzlich regelmäßig an Tuchsträngen vorbei schauen muss und dazu z.B. mit der HWS in die Überstreckung gehen muss. Das ist z.B. bei der Doppel-X-Trage und der aufgefächerten WXT der Fall. Jede Überstreckung in der HWS forciert den Überhang der WS mit zwar aufgerichteter BWS aber auch aufgerichteter LWS (in Richtung "Hohlkreuz" also). Das dies nicht passiert, liegt u.a. an der Position, in der wir das Baby tragen. Die entsprechenden Muskelketten und -schlingen werde dabei aber bereits aktiviert.

Also: Drehung: kein Problem, am Besten mit sichtfrei-Trageweisen

Einzige Einschränkung: Das Kind sollte frei bewegliche Wirbelkörper (zu beiden Seiten) haben.

Solange wir Erwachsenen uns in einer aufgerichteten Haltung befinden, kann auch unsere Wirbelsäule problemlos rotieren. Auch wir schauen nach rechts und links.
Liebe Grüße,

waffelroellchen mit Sohn (09/07) und zwei Sternenkindern
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ullilein
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Re: Argumentationsnotstand

Beitrag von ullilein »

waffelroellchen hat geschrieben:Zur Schädlichkeit/Unbednklichkeit der Drehbewegungen der HWS:

Die Rotation nach rechts und links ist die normale Beweglichkeit, die unsere Wirbelsäule hat. Dazu ist sie gemacht. Problematisch wird es erst, wenn das Kind zusätzlich regelmäßig an Tuchsträngen vorbei schauen muss und dazu z.B. mit der HWS in die Überstreckung gehen muss. Das ist z.B. bei der Doppel-X-Trage und der aufgefächerten WXT der Fall. Jede Überstreckung in der HWS forciert den Überhang der WS mit zwar aufgerichteter BWS aber auch aufgerichteter LWS (in Richtung "Hohlkreuz" also). Das dies nicht passiert, liegt u.a. an der Position, in der wir das Baby tragen. Die entsprechenden Muskelketten und -schlingen werde dabei aber bereits aktiviert.

Also: Drehung: kein Problem, am Besten mit sichtfrei-Trageweisen

Einzige Einschränkung: Das Kind sollte frei bewegliche Wirbelkörper (zu beiden Seiten) haben.

Solange wir Erwachsenen uns in einer aufgerichteten Haltung befinden, kann auch unsere Wirbelsäule problemlos rotieren. Auch wir schauen nach rechts und links.
Super, danke vielmals!
U. mit Groß (2008) und Klein (2010)
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