Hallo Kyra,
ich schreibe Dir jetzt auch mal meine Gedanken zu dem Thema, denn ich kann Dich gut verstehen.
Als mein Großer geboren wurde, hab ich vom Stillen keine Ahnung gehabt, nichtmal gewusst, wie lange und ob ich durchhalten mag. Ich habe während zahlreicher Probleme (wunde Brustwarzen, Milchstau, Wegbleiben der Milch) bemerkt, dass ich unbedingt weiterstillen möchte.
Dann kamen die nächsten Probleme: er trank immer sehr unregelmäßig und "unberechenbar". Meine Hebi fing dann an, mir was von nem 4-Stunden_Rhythmus zu erzählen und ich war total verunsichert. Den hatten wir nie - und der einmalige Versuch, den Kleinen mit Wasser zu überbrücken scheiterte kläglich. Ich war gefrustet, weil ich nie auch nur ne Stunde vor die Tür konnte, da ich nie wusste, wann er kam. Auch auf die Uhr sehen brachte da nichts - mal wollte er nach ner Stunde wieder den gesamten Inhalt haben, mal nac h vier.
In der Öffentlichkeit stillen kam mir auch sehr abwegig vor, vor allem, weil ich mich dabei noch recht ungeschickt angestellt habe, bei mir die Milch nur so schoss und es zudem auch noch ziemlich kalt war. Ich beschloss dann, mich selbst ins kalte Wasser zu werfen. Wir gingen eines sonntags in den Zoo - ich wusste, ich würde es nicht zum Stillen nach Hause schaffen und wusste genauso, wenn die Situation dann konkret vor mir steht, dann bekommen wir das auch hin, müssen wir ja auch.
Und so stillte ich das erste Mal im Freien vor einem Zebragehege - im Endeffekt direkt an einem stark frequentierten Weg, weil wir nichts anderes fanden. Und: es war mir in dem Moment echt egal! Weil mein Kind Hunger hatte und ich ihm das nicht verwehren wollte.
Ich würde lügen, wenn ich sage, dass es ab da immer einfach war - ich brauchte noch eine ganze Weile, bis es gut lief. Jetzt würde ich mir zutrauen, an der Supermarktkasse im Stehen zu stillen - was soll's, es ist Nahrungsaufnahme für mein Kind und ich packe ja nicht meine komplette Brust aus und zeige sie herum. Auf vielen Zeitungen ist mehr Brust zu sehen als beim Stillen...
(Vielleicht solltest Du dazu wissen, dass ich sonst kein freizügiger Typ bin und stillen im Freien für mich früher NIE in Frage gekommen wäre)
Bis heute kann ich nie genau sagen, wann er Hunger haben wird und wann nicht. Nachts stillen wir teilweise stündlich, manchmal auch 4-stündlich. Es ist nach wie vor nicht berechenbar. Klar, nervt mich das auch mal, zumal ich auch nen Mann habe, der heimkommt, wenn mein Kind im Bett ist und an den Wochenenden lernen muss. Aber was soll's: ich hab ein Kind bekommen und mir war klar, dass das erste Jahr extrem werden würde. Und dennoch haben wir uns jetzt sogar bewusst für das zweite entschieden. Ich habe mir irgendwann gesagt, dass man eben auch mal zurückstecken muss - das was Du Deinem Kind jetzt gibst, durch Nähe, Liebe, Stillen, Tragen etc., das kannst Du und auch niemand anderes jemals wieder nachholen. Und auf der anderen Seite: diese Zeit kommt NIE zurück! Nie wieder wirst Du Deinem Kind so nah sein können wie jetzt - die Kleinen nabeln sich schon noch früh genug von uns ab...
In den Momenten, in denen ich wieder das Gefühl habe, ich selbst bleibe auf der Strecke sage ich mir immer, meine Mama hat das für mich auch getan und dieses kleine wunderbare Wesen hat es verdient, dass ich mich nach 32 Jahren Leben für mich einmal zurücknehme.
Das klingt vielleicht alles ein bisschen hart, soll es aber bitte gar nicht. Ich mag Dir nur zeigen, dass ich in den letzten Monaten auch komplett umgedacht habe und die Dinge anders sehe als noch zuvor. Halte durch, Du wirst es nicht bereuen. Eher bereust Du es, wenn Du abstillst - das kann ich Dir aus der Erfahrung meiner Freundinnen sagen, die es mussten oder wollten. Es wird immer wieder Phasen geben, in denen Du genervt bist, weil er nicht richtig trinkt, nur zuppelt, den Kopf wegdreht oder oder oder... Aber: das ist alles nur eine Phase!
Und: ich gehe ab März wieder arbeiten und stille noch fast voll, da er den Brei nicht SO prickelnd findet. Das findet sich bis dahin, davon bin ich überzeugt. Aber drängen werde ich ihn nicht, er macht das schon, da bin ich mir sicher!
Ich wünsch Dir von Herzen, dass Du mehr Freude am Stillen empfindest - vielleicht findest Du ja eine gute Stillgruppe bei Euch in der Nähe? (Da wollte ich übrigens früher auch NIE hin und jetzt bin ich immernoch da... )
LG
Minchen
"Tanze mit Deinem Baby im Mondschein, wenn es die Nacht zum Tag macht, singe fröhliche Lieder mit Deinen Kindern im Regen, mache Kissenschlachten, matsche mit ihnen im Schlamm und springe in Pfützen, macht ein Picknick UNTERM Tisch - vergiss nie: in 20 Jahren wirst Du sagen, es war die schönste Zeit Deines Lebens!"
von Minchen mit Frühling (2008), Sommer (2009), Herbst (2013) und Winter (2011)