Was ist Mobbing/Was ist "Jugendsprache"?

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AnnieMerrick
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Was ist Mobbing/Was ist "Jugendsprache"?

Beitrag von AnnieMerrick »

Vorweg, ich bin jemand, der sehr hellhörig / empfindlich bei dem Thema ist. Es geht nicht um mein Kind, aber um eine sozialpäd. Frage:

Wenn Jugendliche im Unterricht / bei Projekte sagen "eh, du Opfer!,
", "du bist so blöd" (bei Verständnisfrage "was muss ich hier nochmal machen?"), halte ich das für bedenklich und eingreifenswert.

Ich habe die betreffenden Jugendlichen angesprochen.

Nun wurde mir aber von Sozialpädagogen im beruflichen Kontext mitgeteilt, dass das normale Jugendsprache/Umgangssprache sei (ich bin älter als die Sozialpäd) und ich würde völlig übertreiben, wenn ich sowas für bedenklich halte. In der heutigen Zeit wäre das absolut normal und freundschaftliche Sprache (?!?).

Ich persönlich empfinde das gar nicht so und war über die Aussage erstmal erstaunt.
Man meinte ich würde absolut übertrieben reagieren. Bei sowas spricht man Kinder (10-14) nicht an, das ist normaler Umgang.

Jetzt frage ich mich: wenn Fachkräfte das als normal ansehen, wird nicht eingegriffen und es wird zur Normalität. So eine Normalität will ich nicht... bin ich zuweit von der Lebenswelt der Jugendlichen weg? Habe ich übertrieben reagiert?

Die Kinder meinten sie würden immer so miteinander sprechen (was mich sehr traurig macht).
Viele Grüße
AnnieMerrick mit 🐭 2014 und 🐦 2018
---
Ich reduziere meine Onlinezeit und antworte unter Umständen erst einige Tage später.
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MamaMonster
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Re: Was ist Mobbing/Was ist "Jugendsprache"?

Beitrag von MamaMonster »

Das ist schon normale Jugendsprache.“Du Opfer“ war schon vor gut zehn Jahren, als ich noch unterrichtet habe, Standart. Es wurde auch selten gegenüber Kindern verwendet, die aus Gruppen ausgeschlossen wurden, also eher nicht Mobbing.
Der Ton in Jugendgruppen ist oft eher rau. Das ist soweit normal und ich würde nicht eingreifen. Problematisch wird es, wenn es immer ein bestimmtes Kind trifft, oder wenn Minderheiten herabgesetzt werden etc. Ich finde, man kann schon mal zum Thema machen, was an Sprache verletzend sein kann und auch was in welchem Kontext angemessen ist, aber dann würde ich es dabei belassen. Ich würde auch eingreifen, wenn beim Kind ein Leidensdruck da ist. Aber ich schätze, in dem Alter macht sich Mobbing nicht an solchen Wörtern fest, die wirklich weit verbreitet sind, sondern eher am konstanten Ausgeschlossensein.
Wenn kein Leidensdruck da ist, würde ich da gar nichts machen, weil eben, das ist schon normale Jugendsprache. Und das sie Erwachsenen nicht gefällt ist mit Sinn der Sache.
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CIJUNOAR
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Re: Was ist Mobbing/Was ist "Jugendsprache"?

Beitrag von CIJUNOAR »

Ich empfinde das zwar auch als etwas seltsam aber kann dazu sagen, dass es auf jeden Fall die aktuelle Jugendsprache ist!
Hier reden sich sogar beste Freunde mit solchen Wörtern an (und noch einigen anderen, die dich wahrscheinlich noch mehr schockieren würden :-)
Was genau macht dich daran so traurig?
Im hohen Norden glücklich mit Mann und den beiden Jungs und unserem Familienhund
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Jule
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Re: Was ist Mobbing/Was ist "Jugendsprache"?

Beitrag von Jule »

Ihr würdet das im Unterricht so stehen lassen???
Für mich ist Unterricht ein „Bildungsraum“ mit „Bildungssprache“ und ich finde, dass sie den Unterschied lernen müssen- sie kennen ihn sonst nicht und wo sollen sie das sonst lernen? Viele Jugendliche haben sonst nicht die Chance zu merken, dass das nur untereinander okay ist. ( zumindest die mit denen ich arbeite)
Ich denke da auch an zukünftige Bewerbungsgespräche…
Ich sehe es in den meisten Fällen nicht als Mobbing/ Beschimpfung ( also schaue auf den Kontext), aber thematisiere es und wenn es immer wieder kommt, darf die Person auch gerne alleine arbeiten. Das ist doch genauso wie: Du bist doch behindert oder du bist doch schwul!
Dahingesagt meist ohne es zu meinen aber letztendlich hat es einen diskriminierenden Hintergrund.

Oh je… jetzt fühle ich mich sehr alt .. aber sowas geht gegen meine innere Überzeugung.
Liebe Grüße von Jule mit den Mädels 06/05 und 08/07 und dem Mini-Weihnachtsmädel '13
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MamaMonster
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Re: Was ist Mobbing/Was ist "Jugendsprache"?

Beitrag von MamaMonster »

Nein, im Unterricht nicht. Aber da habe ich eher Sprache/Kontext zum Thema gemacht und dass sie im Unterricht eben nicht die gleiche Sprache sprechen wie untereinander. Aber in Pausen schon.
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lala
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Re: Was ist Mobbing/Was ist "Jugendsprache"?

Beitrag von lala »

Jule, das finde ich einen wichtigen Punkt! Zumindest versuche ich das auch immer bei meinen Kindern durchzusetzen, dass zu Hause/mit uns Eltern und Lehrern anders, also „ordentlich“, gesprochen werden soll. Und untereinander können sie reden, wie sie möchten… „Du Opfer“ kenne ich auch von meiner jüngeren Tochter, die das in Gesprächen mit ihren Freundinnen nutzt, wo der Ton immer freundschaftlich ist.

Weitere Beobachtungen in größeren Gruppen, kann ich nicht beisteuern, ich schätze aber auch, dass dieser Ausdruck alleine noch lange ausreicht für Mobbing, dafür braucht es vermutlich noch mehr Indizien.

Und dass Sprache im Wandel ist, sich verändert, muss man vermutlich ein Stück weit akzeptieren, ich erinnere mich noch gut an Gespräche mit meiner Oma und eine ihrer Freundinnen zum Wort geil… Dennoch, ansprechen wie Sprache wirkt/wirken kann ganz allgemein und auch eine Art Kodex für das Unterrichtsgespräch, fände ich jetzt nicht verkehrt an dieser Stelle.
Viele Grüße von lala mit größerer Tochter (03/05) und kleinerer Tochter (11/07).
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Sabina
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Re: Was ist Mobbing/Was ist "Jugendsprache"?

Beitrag von Sabina »

Ich greife ein, wenn meine Kinder so sprechen. Auf die Sprache in ihren Klassen habe ich (leider) keinen Eingriff, da würde ich mir bei der Mittleren in der Klasse etwas mehr Führung wünschen. Beim Grossen war der Lehrer sehr auf einen anständigen Umgangston bedacht. Aber ja, es ist leider normaler Umgangston und muss kein gezieltes Mobbing sein (könnte aber natürlich). Ich schätze mal diese Umgangsformen dienen auch zum Selbstschutz der Jugendlichen, zum Grenzen Austesten, Macht Demonstrieren und wenn sie lernen, dass eine andere Sprache angebrachter wäre, können sie das Beleidigende vielleicht in ein paar Jahren wieder hinter sich lassen und werden doch meist ganz anständige junge Erwachsene.

Sprache ist lebendig und im Wandel. Vor 50 Jahren galten andere Wörter als unanständig oder beleidigend, die wir heute ständig nutzen und deren Bedeutung sich über die Zeit verändert hat. Geil zum Beispiel…
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Sabina
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Re: Was ist Mobbing/Was ist "Jugendsprache"?

Beitrag von Sabina »

Haha lala, gleicher Gedanke zum Wort geil.😂
Signaturen sind halt doch praktisch für die Mitleser:innen…

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Elena
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Re: Was ist Mobbing/Was ist "Jugendsprache"?

Beitrag von Elena »

Ich empfinde das nicht als normale Jugendsprache im Sinne von "alle Jugendlichen sprechen so". Das ist schon auch eine Milieu-Sache. An der Schule meiner Kinder und auch sonst in ihrem Umfeld wird nicht so geredet. Aber das sind zum größten Teil bildungsbürgerliche Familien, deren Kinder mindestens Latein, manchmal auch Altgriechisch lernen. :lol:

Ich denke, diese Ausdrücke sind nicht unbedingt "böse" gemeint, aber ich finde es wichtig für die Jugendlichen, dass sie einschätzen können, wo sie sie benutzen können und wo nicht. Ich würde zum Beispiel keinen Auszubildenden einstellen, der in meinem Beisein so spricht (auch wenn er nicht mich als Opfer tituliert, sondern jemand anderen :lol: ). Ich empfinde das nämlich als unheimlich stressig, diesen rauen Ton.
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lala
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Re: Was ist Mobbing/Was ist "Jugendsprache"?

Beitrag von lala »

Puh Elena, Dein Beitrag klingt sehr klassistisch - aber meine Tochter lernt ja auch kein Latein, trotz Gymnasium. Bayerischem Gymnasium 😉. Mit einer Mutter sozialisiert im humanistischen Gymnasium… Was ist denn normal? Welche Norm betrachtest Du? Oder ist es eher der statistische Begriff im Sinne von normal ist, was die Mehrheit macht? Umfasst die Mehrheit denn wirklich alle, oder nur die eigene Blase?!



Klar, es gibt Unterschiede in der Sprache je nach Schicht, aber da braucht es deutlich mehr als ein „Du Opfer“ um die Grenze zu ziehen. Und warum überhaupt diese Grenzen? Ich versuche mich eigentlich immer zu tadeln, wenn ich mich überlegen fühle aufgrund einer „besseren“ Sprache. Ich hätte noch das Ideal einer durchlässigeren Gesellschaft, hänge aber auch ziemlich in meiner Blase fest…

Sorry, ich hab da jetzt viel (vermutlich zu viel) reingepackt, mich macht die aktuelle Situation in unserem Land echt fertig.
Viele Grüße von lala mit größerer Tochter (03/05) und kleinerer Tochter (11/07).
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