Es gibt so viele schöne kurze Geschichten, leider weiß ich oft nicht den Autoren...
Vielleicht hat jemand Lust und Laune dazu, so etwas hier zusammenzutragen.
Die drei Siebe
Zum weisen Sokrates kam einer gelaufen und sagte: “Höre Sokrates, das muss ich Dir erzählen!“
“Halte ein!“ - unterbrach Ihn der Weise, “hast Du das, was Du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?“
“Drei Siebe?“, frage der andere voller Verwunderung.
“Ja guter Freund! Lass sehen, ob das, was Du mir sagen willst durch die drei Siebe hindurchgeht. Das erste ist die Wahrheit. Hast Du alles, was Du mir erzählen willst geprüft, ob es wahr ist?
“Nein, ich hörte es erzählen und...“
“So, so! Aber sicher hast Du es im zweiten Sieb geprüft. Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was Du mir erzählen willst gut?“
Zögernd sagte der andere: “Nein, im Gegenteil...“
“Hm...“, unterbrach ihn der Weise: “So lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden. Ist es notwendig, dass Du mir das erzählst?“
„Notwendig nun gerade nicht...“
“Also,“ sagte lächelnd der Weise, “wenn es weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste Dich und mich nicht damit.“
Kurze Geschichten
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matah
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Kurze Geschichten
Liebe Grüße von M.H. mit J. 02/03 und P. 04/05
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matah
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Re: Kurze Geschichten
Ich habe gelernt...
Ich habe gelernt, dass du niemanden dazu bringen kannst, dich zu lieben. Alles was du tun kannst ist, jemand zu sein, den man lieben kann. Der Rest liegt an dem anderen.
Ich habe gelernt, dass es Jahre braucht Vertrauen aufzubauen, aber nur Sekunden, um es zu zerstören.
Ich habe gelernt, egal wie viel ich mich kümmere, manche Menschen kümmert es nicht.
Ich habe gelernt, dass man immer jemanden mit lieben Worten verlassen sollte Es könnte das letzte mal sein, dass du ihn siehst.
Ich habe gelernt das im Leben nicht zählt was du hast, sondern wen du hast
Ich habe gelernt, dass du dich nicht mit dem Besten, das andere geben können vergleichen solltest, sondern mit dem Besten, das du geben kannst.
Ich habe gelernt, dass es nicht wichtig ist was Leuten passiert, sondern was sie daraus machen.
Ich habe gelernt dass du impulsiv etwas machen kannst, was dir für den Rest deines Lebens Kopfschmerzen bereitet.
Ich habe gelernt dass egal wie dünn du etwas schneidest, es immer zwei Seiten gibt.
Ich habe gelernt dass es lange dauert, die Person zu werden, die ich wirklich sein möchte.
Ich habe gelernt dass es oft einfacher ist zu reagieren als zu denken.
Ich habe gelernt dass du noch lange weitermachen kannst, nachdem du dachtest es geht nicht mehr.
Ich habe gelernt dass wir immer verantwortlich sind für das was wir tun, egal wie wir uns fühlen.
Ich habe gelernt dass entweder du deine Einstellung steuerst, oder sie dich.
Ich habe gelernt, dass ungeachtet dessen, wie heiß und feurig eine Beziehung anfangs ist, die Leidenschaft verblasst und besser etwas anderes diesen Platz einnimmt.
Ich habe gelernt, dass Helden Menschen sind, die das tun was getan werden muss wenn es notwendig ist, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen.
Ich habe gelernt, dass es Übung braucht, Verzeihen zu erlernen.
Ich habe gelernt, dass es Menschen gibt, die dich aufrichtig lieben, aber nicht wissen, wie sie es zeigen sollen.
Ich habe gelernt, dass manchmal die Leute, von denen du erwartest einen Tritt zu bekommen wenn du ganz unten bist, diejenigen sind, die dir beim Aufstehen helfen.
Ich habe gelernt, dass ich manchmal wenn ich wütend bin, das Recht habe wütend zu sein, aber niemals das Recht grausam zu sein.
Ich habe gelernt, dass wahre Freundschaft selbst über große Entfernungen hinweg Bestand hat. Das selbe gilt für wahre Liebe.
Ich habe gelernt, dass nur weil jemand dich nicht auf die Art und Weise liebt die du dir wünschst, das nicht heißt, dass er es nicht mit allem tut was er hat.
Ich habe gelernt, dass Reife mehr damit zu tun hat, was für Erfahrungen du gemacht hast und was du daraus gelernt hast, als damit wie viel Geburtstage du schon gefeiert hast.
Ich habe gelernt, dass du niemals einem Kind sagen solltest, seine Träume sind unglaubwürdig und befremdlich. Es gibt nur wenige Dinge die demütigender sind und was wäre es schon für eine Tragödie, sie daran glauben zu lassen.
Ich habe gelernt, dass eine Familie nicht immer für dich da ist. Es hört sich seltsam an aber Menschen mit denen du nicht verwandt bist, können sich genauso um dich sorgen, dich lieben und dir das Vertrauen an die Menschen zurückgeben.
Ich habe gelernt, dass egal wie gut ein Freund ist, er dich von Zeit zu Zeit verletzt und du ihm verzeihen musst.
Ich habe gelernt, dass es nicht immer reicht, wenn andere dir verzeihen. Manchmal muss du lernen, dir selber zu verzeihen.
Ich habe gelernt, dass egal wie sehr dein Herz gebrochen ist, die Welt sich wegen deines Kummers nicht aufhört zu drehen.
Ich habe gelernt, dass unser Hintergrund und gewisse Umstände uns drin beeinflusst habe können, was wir sind aber wir sind letztendlich alleine dafür verantwortlich, wer wir werden.
Ich habe gelernt, dass ich manchmal wenn zwei Freunde sich streiten ich gezwungen bin, eine Seite zu wählen, selbst wenn ich es nicht will
Ich habe gelernt, dass wenn zwei Menschen sich streiten das nicht bedeutet, dass sie sich nicht lieben. Und nur weil sie sich nicht streiten bedeutet es nicht, dass sie es tun.
Ich habe gelernt, dass du manchmal eine Person und deren Handlungen trennen musst.
Ich habe gelernt, dass wir Freunde nicht wechseln müssen, wenn wir verstehen, das Freunde sich ändern.
Ich habe gelernt, dass du nicht eifrig versuchen solltest, ein Geheimnis herauszufinden. Es könnte dein Leben für immer verändern.
Ich habe gelernt, dass zwei Leute, die genau die gleiche Sache betrachten, etwas total Unterschiedliches sehen können.
Ich habe gelernt, dass es viele Wege gibt, sich zu verlieben und verliebt zu bleiben.
Ich habe gelernt, dass jene, die ungeachtet der Konsequenzen aufrichtig mit sich selber sind, im Leben weiterkommen.
Ich habe gelernt, dass egal wie viel Freunde du hast, wenn du ihre Stütze bist wirst du dich einsam und verloren fühlen in den Zeiten, in denen du sie am meisten brauchst.
Ich habe gelernt, dass dein Leben in wenigen Augenblicken von Menschen geändert werden kann, die dich noch nicht einmal kennen.
Ich habe gelernt, dass selbst wenn du denkst, du hast nichts mehr zu geben, du die Kraft finden wirst zu helfen, wenn ein Freund nach dir ruft.
Ich habe gelernt, dass Schreiben sowie Reden emotionalen Schmerz erleichtern kann.
Ich habe gelernt, dass das Paradigma das wir leben nicht das alles ist, was uns angeboten wird.
Ich habe gelernt, dass Menschen die dir viel im Leben bedeuten, dir oft viel zu früh genommen werden.
Ich habe gelernt das, obgleich das Wort Liebe viele unterschiedliche Bedeutungen hat es an Wert verliert, wenn es übermäßig benutzt wird.
Ich habe gelernt, dass es schwierig ist eine Grenze zu ziehen zwischen der Rücksichtnahme auf die Gefühle anderer und zu dem zu stehen, an das du glaubst.
Ich habe gelernt, dass es Menschen gibt die so fern aber doch so nah sind.
Ich habe gelernt, dass auch die Technik einem dazu verhelfen kann, das Leben lebenswerter zu machen.
Ich habe gelernt, dass es Menschen gibt die wie ich an das Gute glauben.
Ich habe gelernt, dass ich nie ausgelernt habe.
Dalai Lama
Ich habe gelernt, dass du niemanden dazu bringen kannst, dich zu lieben. Alles was du tun kannst ist, jemand zu sein, den man lieben kann. Der Rest liegt an dem anderen.
Ich habe gelernt, dass es Jahre braucht Vertrauen aufzubauen, aber nur Sekunden, um es zu zerstören.
Ich habe gelernt, egal wie viel ich mich kümmere, manche Menschen kümmert es nicht.
Ich habe gelernt, dass man immer jemanden mit lieben Worten verlassen sollte Es könnte das letzte mal sein, dass du ihn siehst.
Ich habe gelernt das im Leben nicht zählt was du hast, sondern wen du hast
Ich habe gelernt, dass du dich nicht mit dem Besten, das andere geben können vergleichen solltest, sondern mit dem Besten, das du geben kannst.
Ich habe gelernt, dass es nicht wichtig ist was Leuten passiert, sondern was sie daraus machen.
Ich habe gelernt dass du impulsiv etwas machen kannst, was dir für den Rest deines Lebens Kopfschmerzen bereitet.
Ich habe gelernt dass egal wie dünn du etwas schneidest, es immer zwei Seiten gibt.
Ich habe gelernt dass es lange dauert, die Person zu werden, die ich wirklich sein möchte.
Ich habe gelernt dass es oft einfacher ist zu reagieren als zu denken.
Ich habe gelernt dass du noch lange weitermachen kannst, nachdem du dachtest es geht nicht mehr.
Ich habe gelernt dass wir immer verantwortlich sind für das was wir tun, egal wie wir uns fühlen.
Ich habe gelernt dass entweder du deine Einstellung steuerst, oder sie dich.
Ich habe gelernt, dass ungeachtet dessen, wie heiß und feurig eine Beziehung anfangs ist, die Leidenschaft verblasst und besser etwas anderes diesen Platz einnimmt.
Ich habe gelernt, dass Helden Menschen sind, die das tun was getan werden muss wenn es notwendig ist, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen.
Ich habe gelernt, dass es Übung braucht, Verzeihen zu erlernen.
Ich habe gelernt, dass es Menschen gibt, die dich aufrichtig lieben, aber nicht wissen, wie sie es zeigen sollen.
Ich habe gelernt, dass manchmal die Leute, von denen du erwartest einen Tritt zu bekommen wenn du ganz unten bist, diejenigen sind, die dir beim Aufstehen helfen.
Ich habe gelernt, dass ich manchmal wenn ich wütend bin, das Recht habe wütend zu sein, aber niemals das Recht grausam zu sein.
Ich habe gelernt, dass wahre Freundschaft selbst über große Entfernungen hinweg Bestand hat. Das selbe gilt für wahre Liebe.
Ich habe gelernt, dass nur weil jemand dich nicht auf die Art und Weise liebt die du dir wünschst, das nicht heißt, dass er es nicht mit allem tut was er hat.
Ich habe gelernt, dass Reife mehr damit zu tun hat, was für Erfahrungen du gemacht hast und was du daraus gelernt hast, als damit wie viel Geburtstage du schon gefeiert hast.
Ich habe gelernt, dass du niemals einem Kind sagen solltest, seine Träume sind unglaubwürdig und befremdlich. Es gibt nur wenige Dinge die demütigender sind und was wäre es schon für eine Tragödie, sie daran glauben zu lassen.
Ich habe gelernt, dass eine Familie nicht immer für dich da ist. Es hört sich seltsam an aber Menschen mit denen du nicht verwandt bist, können sich genauso um dich sorgen, dich lieben und dir das Vertrauen an die Menschen zurückgeben.
Ich habe gelernt, dass egal wie gut ein Freund ist, er dich von Zeit zu Zeit verletzt und du ihm verzeihen musst.
Ich habe gelernt, dass es nicht immer reicht, wenn andere dir verzeihen. Manchmal muss du lernen, dir selber zu verzeihen.
Ich habe gelernt, dass egal wie sehr dein Herz gebrochen ist, die Welt sich wegen deines Kummers nicht aufhört zu drehen.
Ich habe gelernt, dass unser Hintergrund und gewisse Umstände uns drin beeinflusst habe können, was wir sind aber wir sind letztendlich alleine dafür verantwortlich, wer wir werden.
Ich habe gelernt, dass ich manchmal wenn zwei Freunde sich streiten ich gezwungen bin, eine Seite zu wählen, selbst wenn ich es nicht will
Ich habe gelernt, dass wenn zwei Menschen sich streiten das nicht bedeutet, dass sie sich nicht lieben. Und nur weil sie sich nicht streiten bedeutet es nicht, dass sie es tun.
Ich habe gelernt, dass du manchmal eine Person und deren Handlungen trennen musst.
Ich habe gelernt, dass wir Freunde nicht wechseln müssen, wenn wir verstehen, das Freunde sich ändern.
Ich habe gelernt, dass du nicht eifrig versuchen solltest, ein Geheimnis herauszufinden. Es könnte dein Leben für immer verändern.
Ich habe gelernt, dass zwei Leute, die genau die gleiche Sache betrachten, etwas total Unterschiedliches sehen können.
Ich habe gelernt, dass es viele Wege gibt, sich zu verlieben und verliebt zu bleiben.
Ich habe gelernt, dass jene, die ungeachtet der Konsequenzen aufrichtig mit sich selber sind, im Leben weiterkommen.
Ich habe gelernt, dass egal wie viel Freunde du hast, wenn du ihre Stütze bist wirst du dich einsam und verloren fühlen in den Zeiten, in denen du sie am meisten brauchst.
Ich habe gelernt, dass dein Leben in wenigen Augenblicken von Menschen geändert werden kann, die dich noch nicht einmal kennen.
Ich habe gelernt, dass selbst wenn du denkst, du hast nichts mehr zu geben, du die Kraft finden wirst zu helfen, wenn ein Freund nach dir ruft.
Ich habe gelernt, dass Schreiben sowie Reden emotionalen Schmerz erleichtern kann.
Ich habe gelernt, dass das Paradigma das wir leben nicht das alles ist, was uns angeboten wird.
Ich habe gelernt, dass Menschen die dir viel im Leben bedeuten, dir oft viel zu früh genommen werden.
Ich habe gelernt das, obgleich das Wort Liebe viele unterschiedliche Bedeutungen hat es an Wert verliert, wenn es übermäßig benutzt wird.
Ich habe gelernt, dass es schwierig ist eine Grenze zu ziehen zwischen der Rücksichtnahme auf die Gefühle anderer und zu dem zu stehen, an das du glaubst.
Ich habe gelernt, dass es Menschen gibt die so fern aber doch so nah sind.
Ich habe gelernt, dass auch die Technik einem dazu verhelfen kann, das Leben lebenswerter zu machen.
Ich habe gelernt, dass es Menschen gibt die wie ich an das Gute glauben.
Ich habe gelernt, dass ich nie ausgelernt habe.
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Re: Kurze Geschichten
Als ich vor der großen, marmornen Tür stand, wusste ich zuerst nicht: Sollte ich mich fürchten?
Aber es ging ein warmes Licht von der Tür aus. Ich öffnete sie langsam und trat ein.
Ich fand mich in einem riesigen Raum wieder, in dem ich keine Lichtquelle sah,
es aber trotzdem nicht dunkel war. Am anderen Ende des Raumes stand eine Person,
in einen dunklen Mantel gehüllt.
"Hallo!" rief die Person leise. Ich näherte mich ihr.
"Wer bist du?" fragte ich neugierig und ängstlich zugleich.
"Ich? Ich weiß nicht, ob du das wissen möchtest..."
"Ich will es wissen!" Ich starrte die junge Frau an, die mir gegenüber stand. Es ging ein seltsames Strahlen von ihr aus.
"Sag es!" bat ich noch einmal.
"Ich bin der Tod." kam es zurück. Erschrocken wich ich zurück.
"Du? Ich... bin ich tot?" stammelte ich entsetzt.
"Nein." antwortete sie mit einem warmen Lächeln.
"Wieso rede ich mit dir? Was soll das?" fragte ich angstvoll.
"Du hast doch Angst bekommen. Ich hätte es dir nicht sagen sollen."
Ich versuchte, mich zu beherrschen und setzte mich auf den Steinboden, der ganz warm war.
"Du bist bereit, mich anzuhören?" fragte der Tod erstaunt.
Ich nickte.
"Alle vor dir sind geflohen." erzählte die junge Frau und setzte sich zu mir.
Ich sagte nichts darauf.
"Nun gut. Du wunderst dich sicher, wieso du hierher gekommen bist. Ich kann dir sagen: Mich finden nur die, die mich nicht suchen."
Ich sah sie an. Ich verstand ihre Worte. Man fand sie nicht, wenn man sie erbat. Ja.
"Mein kleines Menschenmädchen. Du weißt nicht, was du sagen sollst. Ich bin wirklich und echt."
"Du bringst den Menschen den Tod?" fragte ich fassungslos.
"Nein! Wie kann ich mich selbst bringen?" fragte sie zurück.
"Was tust du dann?"
"Nichts. Ich bin es einfach. Ich bin der Tod. Nichts anderes. Ich verkörpere ihn..."
Mit einem Blick in mein verständnisloses Gesicht fügte sie seufzend hinzu: "Du verstehst nicht."
"Doch! Das heißt - ich versuche es ja." gestand ich verlegen.
"Nun gut. Es ist euch Menschen unverständlich, dass man nichts tut und nur etwas ist. Aber so ist die Realität! Ich bin so und viele andere meiner Sorte ebenfalls. Wir existieren. Wäre ich zerstört, gäbe es nichts mehr. Die Menschen könnten nicht mehr sterben. Kannst du dir das Ausmaß dieser Katastrophe vorstellen? Alle würden leiden, niemand würde erlöst." Sie sah mich ernst an.
Ich nickte. Ich verstand sie.
"Es geht nicht mehr, wenn ein Glied der Kette fehlt. Ich bin notwendig."
"Kannst du bestimmen, wer stirbt?" fragte ich.
"Oh nein. Es geht der, dessen Zeit vorüber ist. Das liegt nicht in meiner Hand."
"In wessen denn?" fragte ich.
Sie lächelte. "Das weiß niemand, nicht einmal ich. Die Menschen suchten mich früher, weil sie dachten, ich könnte ihnen ewiges Leben verleihen. Das kann ich nicht."
"Wieso wolltest du mit einem Menschen sprechen? Wieso brauchst du jemanden, der dich anhört?"
"Ich brauche jemanden, der das Gefühl, das du gerade hast, in deine Welt mitnimmt. Das Gefühl, das nicht mehr von der Furcht beherrscht wird. Die Menschen müssen verstehen, dass ich - der Tod - notwendig fürs Leben bin. Geh hinaus und sage ihnen all das!"
Ich nickte.
Plötzlich löste sich der Körper vor mir auf und ich wurde geblendet. Als ich die Augen aufschlug, saß ich in meinem Zimmer auf dem Boden...
Aber es ging ein warmes Licht von der Tür aus. Ich öffnete sie langsam und trat ein.
Ich fand mich in einem riesigen Raum wieder, in dem ich keine Lichtquelle sah,
es aber trotzdem nicht dunkel war. Am anderen Ende des Raumes stand eine Person,
in einen dunklen Mantel gehüllt.
"Hallo!" rief die Person leise. Ich näherte mich ihr.
"Wer bist du?" fragte ich neugierig und ängstlich zugleich.
"Ich? Ich weiß nicht, ob du das wissen möchtest..."
"Ich will es wissen!" Ich starrte die junge Frau an, die mir gegenüber stand. Es ging ein seltsames Strahlen von ihr aus.
"Sag es!" bat ich noch einmal.
"Ich bin der Tod." kam es zurück. Erschrocken wich ich zurück.
"Du? Ich... bin ich tot?" stammelte ich entsetzt.
"Nein." antwortete sie mit einem warmen Lächeln.
"Wieso rede ich mit dir? Was soll das?" fragte ich angstvoll.
"Du hast doch Angst bekommen. Ich hätte es dir nicht sagen sollen."
Ich versuchte, mich zu beherrschen und setzte mich auf den Steinboden, der ganz warm war.
"Du bist bereit, mich anzuhören?" fragte der Tod erstaunt.
Ich nickte.
"Alle vor dir sind geflohen." erzählte die junge Frau und setzte sich zu mir.
Ich sagte nichts darauf.
"Nun gut. Du wunderst dich sicher, wieso du hierher gekommen bist. Ich kann dir sagen: Mich finden nur die, die mich nicht suchen."
Ich sah sie an. Ich verstand ihre Worte. Man fand sie nicht, wenn man sie erbat. Ja.
"Mein kleines Menschenmädchen. Du weißt nicht, was du sagen sollst. Ich bin wirklich und echt."
"Du bringst den Menschen den Tod?" fragte ich fassungslos.
"Nein! Wie kann ich mich selbst bringen?" fragte sie zurück.
"Was tust du dann?"
"Nichts. Ich bin es einfach. Ich bin der Tod. Nichts anderes. Ich verkörpere ihn..."
Mit einem Blick in mein verständnisloses Gesicht fügte sie seufzend hinzu: "Du verstehst nicht."
"Doch! Das heißt - ich versuche es ja." gestand ich verlegen.
"Nun gut. Es ist euch Menschen unverständlich, dass man nichts tut und nur etwas ist. Aber so ist die Realität! Ich bin so und viele andere meiner Sorte ebenfalls. Wir existieren. Wäre ich zerstört, gäbe es nichts mehr. Die Menschen könnten nicht mehr sterben. Kannst du dir das Ausmaß dieser Katastrophe vorstellen? Alle würden leiden, niemand würde erlöst." Sie sah mich ernst an.
Ich nickte. Ich verstand sie.
"Es geht nicht mehr, wenn ein Glied der Kette fehlt. Ich bin notwendig."
"Kannst du bestimmen, wer stirbt?" fragte ich.
"Oh nein. Es geht der, dessen Zeit vorüber ist. Das liegt nicht in meiner Hand."
"In wessen denn?" fragte ich.
Sie lächelte. "Das weiß niemand, nicht einmal ich. Die Menschen suchten mich früher, weil sie dachten, ich könnte ihnen ewiges Leben verleihen. Das kann ich nicht."
"Wieso wolltest du mit einem Menschen sprechen? Wieso brauchst du jemanden, der dich anhört?"
"Ich brauche jemanden, der das Gefühl, das du gerade hast, in deine Welt mitnimmt. Das Gefühl, das nicht mehr von der Furcht beherrscht wird. Die Menschen müssen verstehen, dass ich - der Tod - notwendig fürs Leben bin. Geh hinaus und sage ihnen all das!"
Ich nickte.
Plötzlich löste sich der Körper vor mir auf und ich wurde geblendet. Als ich die Augen aufschlug, saß ich in meinem Zimmer auf dem Boden...
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Re: Kurze Geschichten
Ein Märchen (von Heinz Körner)
Es war einmal ein Gärtner. Eines Tages nahm er seine Frau bei der Hand und sagte: „Komm, Frau, wir wollen einen Baum pflanzen.“
Die Frau antwortete: „Wenn du meinst, mein lieber Mann, dann wollen wir einen Baum pflanzen.“
Sie gingen in den Garten und pflanzten einen Baum.
Es dauerte nicht lange, da konnte man das erste Grün zart aus der Erde sprießen sehen. Der Baum, der eigentlich noch kein richtiger Baum war, erblickte zum ersten Mal die Sonne. Er fühlte die Wärme ihrer Strahlen auf seinen Blättchen und streckte sich ihnen hoch entgegen. Er begrüßte sie auf seine Weise, ließ sich glücklich bescheinen und fand es wunderschön, auf der Welt zu sein und zu wachsen.
„Schau“, sagte der Gärtner zu seiner Frau, „ist er nicht niedlich, unser Baum?“ Und seine Frau antwortete:
„Ja, lieber Mann, wie du schon sagtest: Ein schöner Baum!“
Der Baum begann größer und höher zu wachsen und reckte sich immer weiter der Sonne entgegen. Er fühlte den Wind und spürte den Regen, genoss die warme und feste Erde um seine Wurzeln und war glücklich. Und jedes Mal, wenn der Gärtner und seine Frau nach ihm sahen, ihn mit Wasser tränkten und ihn einen schönen Baum nannten, fühlte er sich wohl. Denn da war jemand, der ihn mochte, ihn hegte, pflegte und beschützte. Er wurde lieb gehabt und war nicht allein auf der Welt. So wuchs er zufrieden vor sich hin und wollte nichts weiter als leben und wachsen, Wind und Regen spüren, Erde und Sonne fühlen, lieb gehabt werden und andere lieb haben.
Eines Tages merkte der Baum, dass es besonders schön war, ein wenig nach links zu wachsen, denn von dort schien die Sonne mehr auf seine Blätter. Also wuchs er jetzt ein wenig nach links.
„Schau“, sagte der Gärtner zu seiner Frau, „unser Baum wächst schief. Seit wann dürfen Bäume denn schief wachsen, und dazu noch in unserem Garten? Ausgerechnet unser Baum! Gott hat die Bäume nicht erschaffen, damit sie schief wachsen, nicht wahr, Frau?“ Seine Frau gab ihm natürlich recht. „Du bist eine kluge und gottesfürchtige Frau“, meinte daraufhin der Gärtner. „Hol also unsere Schere, denn wir wollen unseren Baum gerade schneiden.“
Der Baum weinte. Die Menschen, die ihn bisher so lieb gepflegt hatten, denen er vertraute, schnitten ihm die Äste ab, die der Sonne am nächsten waren. Er konnte nicht sprechen und deshalb nicht fragen. Er konnte nicht begreifen. Aber sie sagten ja, dass sie ihn lieb hätten und es gut mit ihm meinten. Und sie sagten, dass ein richtiger Baum gerade wachsen müsse. Und Gott es nicht gern sähe, wenn er schief wachse. Also musste es wohl stimmen. Er wuchs nicht mehr der Sonne entgegen.
„Ist er nicht brav, unser Baum?“ fragte der Gärtner seine Frau. „Sicher, lieber Mann“, antwortete sie, „du hast wie immer recht. Unser Baum ist ein braver Baum.“
Der Baum begann zu verstehen. Wenn er machte, was ihm Spaß und Freude bereitete, dann war er anscheinend ein böser Baum. Er war nur lieb und brav, wenn er tat, was der Gärtner und seine Frau von ihm erwarteten. Also wuchs er jetzt strebsam in die Höhe und gab darauf acht, nicht mehr schief zu wachsen.
„Sieh dir das an“, sagte der Gärtner eines Tages zu seiner Frau, „unser Baum wächst unverschämt schnell in die Höhe. Gehört sich das für einen rechten Baum?“ Seine Frau antwortete: „Aber nein, lieber Mann, das gehört sich natürlich nicht. Gott will, dass Bäume langsam und in Ruhe wachsen. Und auch unser Nachbar meint, dass Bäume bescheiden sein müssten, seiner wachse auch schön langsam.“ Der Gärtner lobte seine Frau und sagte, dass sie etwas von Bäumen verstehe. Und dann schickte er sie die Schere holen, um dem Baum die Äste zu stutzen.
Sehr lange weinte der Baum in dieser Nacht. Warum schnitt man ihm einfach die Äste ab, die dem Gärtner und seiner Frau nicht gefielen? Und wer war dieser Gott, der angeblich gegen alles war, was Spaß machte?
„Schau her, Frau“, sagte der Gärtner, „wir können stolz sein auf unseren Baum.“ Und seine Frau gab ihm wie immer recht.
Der Baum wurde trotzig. Nun gut, wenn nicht in die Höhe, dann eben in die Breite. Sie würden ja schon sehen, wohin sie damit kommen. Schließlich wollte er nur wachsen, Sonne, Wind und Erde fühlen, Freude haben und Freude bereiten. In seinem Innern spürte er ganz genau, dass es richtig war, zu wachsen. Also wuchs er jetzt in die Breite.
„Das ist doch nicht zu fassen.“ Der Gärtner holte empört die Schere und sagte zu seiner Frau: „Stell dir vor, unser Baum wächst einfach in die Breite. Das könnte ihm so passen. Das scheint ihm ja geradezu Spaß zu machen. So etwas können wir auf keinen Fall dulden!“ Und seine Frau pflichtete ihm bei: „Das können wir nicht zulassen. Dann müssen wir ihn eben wieder zurecht stutzen.“
Der Baum konnte nicht mehr weinen, er hatte keine Tränen mehr. Immerhin, er schien nun dem Gärtner und seiner Frau zu gefallen. Wenn auch alles keine rechte Freude mehr bereitete, so wurde er wenigstens lieb gehabt. So dachte der Baum.
Viele Jahre später kam ein kleines Mädchen mit seinem Vater am Baum vorbei. Er war inzwischen erwachsen geworden, der Gärtner und seine Frau waren stolz auf ihn. Er war ein rechter und anständiger Baum geworden.
Das kleine Mädchen blieb vor ihm stehen. „Papa, findest du nicht auch, dass der Baum hier ein bisschen traurig aussieht?“ fragte es.
„Ich weiß nicht“, sagte der Vater. „Als ich so klein war wie du, konnte ich auch sehen, ob ein Baum fröhlich oder traurig ist. Aber heute sehe ich das nicht mehr.“
„Der Baum sieht wirklich ganz traurig aus.“ Das kleine Mädchen sah den Baum mitfühlend an. „Den hat bestimmt niemand richtig lieb. Schau mal, wie ordentlich der gewachsen ist. Ich glaube, der wollte mal ganz anders wachsen, durfte aber nicht. Und deshalb ist er jetzt traurig.“
„Vielleicht“, antwortete der Vater versonnen. „Aber wer kann schon wachsen wie er will?“
„Warum denn nicht?“ fragte das Mädchen. „Wenn jemand den Baum wirklich lieb hat, kann er ihn auch wachsen lassen, wie er selber will. Oder nicht? Er tut doch niemandem etwas zuleide.“
Erstaunt und schließlich erschrocken blickte der Vater sein Kind an. Dann sagte er: „Weißt du, keiner darf so wachsen wie er will, weil sonst die anderen merken würden, dass auch sie nicht so gewachsen sind, wie sie eigentlich mal wollten.“
„Das verstehe ich nicht, Papa!“
„Sicher, Kind, das kannst du noch nicht verstehen. Auch du bist vielleicht nicht immer so gewachsen, wie du gerne wolltest. Auch du durftest nicht.“
„Aber warum denn nicht, Papa? Du hast mich doch lieb, und Mama hat mich auch lieb, nicht wahr?“
Der Vater sah sie eine Weile nachdenklich an. „Ja“, sagte er dann, „sicher haben wir dich lieb.“
Sie gingen langsam weiter, und das kleine Mädchen dachte noch lange über dieses Gespräch und den traurigen Baum nach.
Der Baum hatte den beiden aufmerksam zugehört, und auch er dachte lange nach. Er blickte ihnen noch hinterher, als er sie eigentlich schon lange nicht mehr sehen konnte. Dann begriff der Baum. Und er begann hemmungslos zu weinen.
Wie es weiterging...
In dieser Nacht war das kleine Mädchen sehr unruhig. Immer wieder dachte es an den traurigen Baum und schlief schließlich erst ein, als bereits der Morgen zu dämmern begann.
Natürlich verschlief das Mädchen an diesem Morgen. Als es endlich aufgestanden war, wirkte sein Gesicht blass und stumpf.
„Hast du etwas Schlimmes geträumt?“ fragte der Vater.
Das Mädchen schwieg, schüttelte dann den Kopf.
Auch die Mutter war besorgt: „Was ist mit dir?“
Und da brach schließlich doch all der Kummer aus dem Mädchen. Von Tränen überströmt stammelte es: „Der Baum! Er ist so schrecklich traurig. Darüber bin ich so traurig. Ich kann das alles einfach nicht verstehen.“
Der Vater nahm die Kleine behutsam in seine Arme, ließ sie in Ruhe ausweinen und streichelte sie nur liebevoll. Dabei wurde ihr Schluchzen nach und nach leiser, und die Traurigkeit verlor sich allmählich. Plötzlich leuchteten die Augen des Mädchens auf, und ohne dass die Eltern etwas begriffen, war es aus dem Haus gerannt.
Wenn ich traurig bin und es vergeht, sobald mich jemand streichelt und in die Arme nimmt, geht es dem Baum vielleicht ähnlich – so dachte das Mädchen. Und als es ein wenig atemlos vor dem Baum stand, wusste es auf einmal, was zu tun war. Scheu blickte die Kleine um sich. Als sie niemanden in der Nähe entdeckte, strich sie zärtlich mit den Händen über die Rinde des Baumes.
Leise flüsterte sie dabei: „Ich mag dich, Baum. Ich halte zu dir. Gib nicht auf, mein Baum!“
Nach einer Weile rannte sie wieder los, weil sie ja zur Schule musste. Es machte ihr nichts aus, dass sie zu spät kam, denn sie hatte ein Geheimnis und eine Hoffnung.
Der Baum hatte zuerst gar nicht bemerkt, dass ihn jemand berührte. Er konnte nicht glauben, dass das Streicheln und die Worte ihm galten – und auf einmal war er ganz verblüfft, und es wurde sehr still in ihm.
Als das Mädchen wieder fort war, wusste er zuerst nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Dann schüttelte er seine Krone leicht im Wind, vielleicht ein bisschen zu heftig, und sagte zu sich, dass er wohl geträumt haben müsse. Oder vielleicht doch nicht? In einem kleinen Winkel seines Baumherzens hoffte er nur, dass es kein Traum gewesen war.
Auf dem Heimweg von der Schule war das Mädchen nicht allein. Trotzdem ging es dicht an dem Baum vorbei, streichelte ihn im Vorübergehen und sagte leise: „Ich mag dich, und ich komm bald wieder.“ Da begann der Baum zu glauben, dass er nicht träumte, und ein ganz neues, etwas seltsames Gefühl regte sich in einem kleinen Ast.
Die Mutter wunderte sich, dass ihre Tochter auf einmal so gerne einkaufen ging. Auf alle Fragen der Eltern lächelte die Kleine nur und behielt ihr Geheimnis für sich. Immer wieder sprach das Mädchen nun mit dem Baum, umarmte ihn manchmal, streichelte ihn oft. Er verhielt sich still, rührte sich nicht. Aber in seinem Innern begann sich etwas immer stärker zu regen. Wer ihn genau betrachtete, konnte sehen, dass seine Rinde ganz langsam eine freundlichere Farbe bekam. Das Mädchen jedenfalls bemerkte es und freute sich sehr.
Der Gärtner und seine Frau, die den Baum ja vor vielen Jahren gepflanzt hatten, lebten regelmäßig und ordentlich, aber auch freudlos und stumpf vor sich hin. Sie wurden älter, zogen sich zurück und waren oft einsam. Den Baum hatten sie so nach und nach vergessen, ebenso wie sie vergessen hatten, was Lachen und Freude ist – und Leben.
Eines Tages bemerkten sie, dass manchmal ein kleines Mädchen mit dem Baum zu reden schien. Zuerst hielten sie es einfach für eine Kinderei, aber mit der Zeit wurden sie doch etwas neugierig. Schließlich nahmen sie sich vor, bei Gelegenheit einfach zu fragen, was das denn soll. Und so geschah es dann auch.
Das Mädchen erschrak, wusste nicht so recht, wie es sich verhalten sollte. Einfach davonlaufen wollte es nicht, aber erzählen, was wirklich war – das traute es sich nicht.
Endlich gab die Kleine sich einen Ruck, dachte: „Warum eigentlich nicht?“ und erzählte die Wahrheit. Der Gärtner und seine Frau mussten ein wenig lachen, waren aber auf eine seltsame Weise unsicher, ohne zu wissen, warum. Ganz schnell gingen sie wieder ins Haus und versicherten sich gegenseitig, dass das kleine Mädchen wohl ein wenig verrückt sein müsse.
Aber die Geschichte ließ sie nicht mehr los. Ein paar Tage später waren sie wie zufällig in der Nähe des Baumes, als das Mädchen wiederkam. Dieses Mal fragte es die Gärtnersleute, warum sie denn den Baum so zurechtgestutzt haben. Zuerst waren sie empört, konnten aber nicht leugnen, dass der Baum in den letzten Wochen ein freundlicheres Aussehen bekommen hatte. Sie wurden sehr nachdenklich.
Die Frau des Gärtners fragte schließlich: „Meinst du, dass es falsch war, was wir getan haben?“
„Ich weiß nur“, antwortete das Mädchen, „dass der Baum traurig ist. Und ich finde, dass das nicht sein muss. Oder wollt ihr einen traurigen Baum?“
„Nein!“ rief der Gärtner. „Natürlich nicht. Doch was bisher gut und recht war, ist ja wohl auch heute noch richtig, auch für diesen Baum.“ Und die Gärtnersfrau fügte hinzu: „Wir haben es doch nur gut gemeint.“
„Ja, das glaube ich“, sagte das Mädchen, „ihr habt es sicher gut gemeint und dabei den Baum sehr traurig gemacht. Schaut ihn doch einmal genau an!“ Und dann ließ sie die beiden alten Leute allein und ging ruhig davon mit dem sicheren Gefühl, dass nicht nur der Baum Liebe brauchen würde.
Der Gärtner und seine Frau dachten noch sehr lange über dieses seltsame Mädchen und das Gespräch nach. Immer wieder blickten sie verstohlen zu dem Baum, standen oft vor ihm, um ihn genau zu betrachten. Und eines Tages sahen auch sie, dass der Baum zu oft beschnitten worden war. Sie hatten zwar nicht den Mut, ihn auch zu streicheln und mit ihm zu reden. Aber sie beschlossen, ihn wachsen zu lassen, wie er es wollte.
Das Mädchen und die beiden alten Leute sprachen oft miteinander – über dies oder das und manchmal über den Baum. Gemeinsam erlebten sie, wie er ganz behutsam, zuerst ängstlich und zaghaft, dann ein wenig übermütig und schließlich kraftvoll zu wachsen begann. Voller Lebensfreude wuchs er schief nach unten, als wolle er zuerst einmal seine Glieder räkeln und strecken. Dann wuchs er in die Breite, als wolle er die ganze Welt in seine Arme schließen, und in die Höhe, um allen zu zeigen, wie glücklich er sich fühlt. Auch wenn der Gärtner und seine Frau es sich selbst nicht trauten, so sahen sie doch mit stiller Freude, dass das Mädchen den Baum für alles lobte, was sich an ihm entfalten und wachsen wollte.
Voll Freude beobachtete das Mädchen, dass es dem Gärtner und seiner Frau beinahe so ähnlich erging wie dem Baum. Sie wirkten lebendiger und jünger, fanden das Lachen und die Freude wieder und stellten eines Tages fest, dass sie wohl manches im Leben falsch gemacht hatten. Auch wenn das jetzt nicht mehr zu ändern wäre, so wollten sie wenigstens den Rest ihres Lebens anders gestalten. Sie sagten auch, dass sie Gott wohl ein wenig falsch verstanden hätten, denn Gott sei schließlich Leben, Liebe und Freude und kein Gefängnis. So blühten gemeinsam mit dem Baum zwei alte Menschen zu neuem Leben auf.
Es gab keinen Garten weit und breit, in welchem ein solch schief und wild und fröhlich gewachsener Baum stand. Oft wurde er jetzt von Vorübergehenden bewundert, was der Gärtner, seine Frau und das Mädchen mit stillem, vergnügtem Lächeln beobachteten. Am meisten freute sie, dass der Baum all denen Mut zum Leben machte, die ihn wahrnahmen und bewunderten.
Diesen Menschen blickte der Baum noch lange nach – oft bis er sie gar nicht mehr sehen konnte. Und manchmal begann er dann, so dass es sogar einige Menschen spüren konnten, tief in seinem Herzen glücklich zu lachen.
Es war einmal ein Gärtner. Eines Tages nahm er seine Frau bei der Hand und sagte: „Komm, Frau, wir wollen einen Baum pflanzen.“
Die Frau antwortete: „Wenn du meinst, mein lieber Mann, dann wollen wir einen Baum pflanzen.“
Sie gingen in den Garten und pflanzten einen Baum.
Es dauerte nicht lange, da konnte man das erste Grün zart aus der Erde sprießen sehen. Der Baum, der eigentlich noch kein richtiger Baum war, erblickte zum ersten Mal die Sonne. Er fühlte die Wärme ihrer Strahlen auf seinen Blättchen und streckte sich ihnen hoch entgegen. Er begrüßte sie auf seine Weise, ließ sich glücklich bescheinen und fand es wunderschön, auf der Welt zu sein und zu wachsen.
„Schau“, sagte der Gärtner zu seiner Frau, „ist er nicht niedlich, unser Baum?“ Und seine Frau antwortete:
„Ja, lieber Mann, wie du schon sagtest: Ein schöner Baum!“
Der Baum begann größer und höher zu wachsen und reckte sich immer weiter der Sonne entgegen. Er fühlte den Wind und spürte den Regen, genoss die warme und feste Erde um seine Wurzeln und war glücklich. Und jedes Mal, wenn der Gärtner und seine Frau nach ihm sahen, ihn mit Wasser tränkten und ihn einen schönen Baum nannten, fühlte er sich wohl. Denn da war jemand, der ihn mochte, ihn hegte, pflegte und beschützte. Er wurde lieb gehabt und war nicht allein auf der Welt. So wuchs er zufrieden vor sich hin und wollte nichts weiter als leben und wachsen, Wind und Regen spüren, Erde und Sonne fühlen, lieb gehabt werden und andere lieb haben.
Eines Tages merkte der Baum, dass es besonders schön war, ein wenig nach links zu wachsen, denn von dort schien die Sonne mehr auf seine Blätter. Also wuchs er jetzt ein wenig nach links.
„Schau“, sagte der Gärtner zu seiner Frau, „unser Baum wächst schief. Seit wann dürfen Bäume denn schief wachsen, und dazu noch in unserem Garten? Ausgerechnet unser Baum! Gott hat die Bäume nicht erschaffen, damit sie schief wachsen, nicht wahr, Frau?“ Seine Frau gab ihm natürlich recht. „Du bist eine kluge und gottesfürchtige Frau“, meinte daraufhin der Gärtner. „Hol also unsere Schere, denn wir wollen unseren Baum gerade schneiden.“
Der Baum weinte. Die Menschen, die ihn bisher so lieb gepflegt hatten, denen er vertraute, schnitten ihm die Äste ab, die der Sonne am nächsten waren. Er konnte nicht sprechen und deshalb nicht fragen. Er konnte nicht begreifen. Aber sie sagten ja, dass sie ihn lieb hätten und es gut mit ihm meinten. Und sie sagten, dass ein richtiger Baum gerade wachsen müsse. Und Gott es nicht gern sähe, wenn er schief wachse. Also musste es wohl stimmen. Er wuchs nicht mehr der Sonne entgegen.
„Ist er nicht brav, unser Baum?“ fragte der Gärtner seine Frau. „Sicher, lieber Mann“, antwortete sie, „du hast wie immer recht. Unser Baum ist ein braver Baum.“
Der Baum begann zu verstehen. Wenn er machte, was ihm Spaß und Freude bereitete, dann war er anscheinend ein böser Baum. Er war nur lieb und brav, wenn er tat, was der Gärtner und seine Frau von ihm erwarteten. Also wuchs er jetzt strebsam in die Höhe und gab darauf acht, nicht mehr schief zu wachsen.
„Sieh dir das an“, sagte der Gärtner eines Tages zu seiner Frau, „unser Baum wächst unverschämt schnell in die Höhe. Gehört sich das für einen rechten Baum?“ Seine Frau antwortete: „Aber nein, lieber Mann, das gehört sich natürlich nicht. Gott will, dass Bäume langsam und in Ruhe wachsen. Und auch unser Nachbar meint, dass Bäume bescheiden sein müssten, seiner wachse auch schön langsam.“ Der Gärtner lobte seine Frau und sagte, dass sie etwas von Bäumen verstehe. Und dann schickte er sie die Schere holen, um dem Baum die Äste zu stutzen.
Sehr lange weinte der Baum in dieser Nacht. Warum schnitt man ihm einfach die Äste ab, die dem Gärtner und seiner Frau nicht gefielen? Und wer war dieser Gott, der angeblich gegen alles war, was Spaß machte?
„Schau her, Frau“, sagte der Gärtner, „wir können stolz sein auf unseren Baum.“ Und seine Frau gab ihm wie immer recht.
Der Baum wurde trotzig. Nun gut, wenn nicht in die Höhe, dann eben in die Breite. Sie würden ja schon sehen, wohin sie damit kommen. Schließlich wollte er nur wachsen, Sonne, Wind und Erde fühlen, Freude haben und Freude bereiten. In seinem Innern spürte er ganz genau, dass es richtig war, zu wachsen. Also wuchs er jetzt in die Breite.
„Das ist doch nicht zu fassen.“ Der Gärtner holte empört die Schere und sagte zu seiner Frau: „Stell dir vor, unser Baum wächst einfach in die Breite. Das könnte ihm so passen. Das scheint ihm ja geradezu Spaß zu machen. So etwas können wir auf keinen Fall dulden!“ Und seine Frau pflichtete ihm bei: „Das können wir nicht zulassen. Dann müssen wir ihn eben wieder zurecht stutzen.“
Der Baum konnte nicht mehr weinen, er hatte keine Tränen mehr. Immerhin, er schien nun dem Gärtner und seiner Frau zu gefallen. Wenn auch alles keine rechte Freude mehr bereitete, so wurde er wenigstens lieb gehabt. So dachte der Baum.
Viele Jahre später kam ein kleines Mädchen mit seinem Vater am Baum vorbei. Er war inzwischen erwachsen geworden, der Gärtner und seine Frau waren stolz auf ihn. Er war ein rechter und anständiger Baum geworden.
Das kleine Mädchen blieb vor ihm stehen. „Papa, findest du nicht auch, dass der Baum hier ein bisschen traurig aussieht?“ fragte es.
„Ich weiß nicht“, sagte der Vater. „Als ich so klein war wie du, konnte ich auch sehen, ob ein Baum fröhlich oder traurig ist. Aber heute sehe ich das nicht mehr.“
„Der Baum sieht wirklich ganz traurig aus.“ Das kleine Mädchen sah den Baum mitfühlend an. „Den hat bestimmt niemand richtig lieb. Schau mal, wie ordentlich der gewachsen ist. Ich glaube, der wollte mal ganz anders wachsen, durfte aber nicht. Und deshalb ist er jetzt traurig.“
„Vielleicht“, antwortete der Vater versonnen. „Aber wer kann schon wachsen wie er will?“
„Warum denn nicht?“ fragte das Mädchen. „Wenn jemand den Baum wirklich lieb hat, kann er ihn auch wachsen lassen, wie er selber will. Oder nicht? Er tut doch niemandem etwas zuleide.“
Erstaunt und schließlich erschrocken blickte der Vater sein Kind an. Dann sagte er: „Weißt du, keiner darf so wachsen wie er will, weil sonst die anderen merken würden, dass auch sie nicht so gewachsen sind, wie sie eigentlich mal wollten.“
„Das verstehe ich nicht, Papa!“
„Sicher, Kind, das kannst du noch nicht verstehen. Auch du bist vielleicht nicht immer so gewachsen, wie du gerne wolltest. Auch du durftest nicht.“
„Aber warum denn nicht, Papa? Du hast mich doch lieb, und Mama hat mich auch lieb, nicht wahr?“
Der Vater sah sie eine Weile nachdenklich an. „Ja“, sagte er dann, „sicher haben wir dich lieb.“
Sie gingen langsam weiter, und das kleine Mädchen dachte noch lange über dieses Gespräch und den traurigen Baum nach.
Der Baum hatte den beiden aufmerksam zugehört, und auch er dachte lange nach. Er blickte ihnen noch hinterher, als er sie eigentlich schon lange nicht mehr sehen konnte. Dann begriff der Baum. Und er begann hemmungslos zu weinen.
Wie es weiterging...
In dieser Nacht war das kleine Mädchen sehr unruhig. Immer wieder dachte es an den traurigen Baum und schlief schließlich erst ein, als bereits der Morgen zu dämmern begann.
Natürlich verschlief das Mädchen an diesem Morgen. Als es endlich aufgestanden war, wirkte sein Gesicht blass und stumpf.
„Hast du etwas Schlimmes geträumt?“ fragte der Vater.
Das Mädchen schwieg, schüttelte dann den Kopf.
Auch die Mutter war besorgt: „Was ist mit dir?“
Und da brach schließlich doch all der Kummer aus dem Mädchen. Von Tränen überströmt stammelte es: „Der Baum! Er ist so schrecklich traurig. Darüber bin ich so traurig. Ich kann das alles einfach nicht verstehen.“
Der Vater nahm die Kleine behutsam in seine Arme, ließ sie in Ruhe ausweinen und streichelte sie nur liebevoll. Dabei wurde ihr Schluchzen nach und nach leiser, und die Traurigkeit verlor sich allmählich. Plötzlich leuchteten die Augen des Mädchens auf, und ohne dass die Eltern etwas begriffen, war es aus dem Haus gerannt.
Wenn ich traurig bin und es vergeht, sobald mich jemand streichelt und in die Arme nimmt, geht es dem Baum vielleicht ähnlich – so dachte das Mädchen. Und als es ein wenig atemlos vor dem Baum stand, wusste es auf einmal, was zu tun war. Scheu blickte die Kleine um sich. Als sie niemanden in der Nähe entdeckte, strich sie zärtlich mit den Händen über die Rinde des Baumes.
Leise flüsterte sie dabei: „Ich mag dich, Baum. Ich halte zu dir. Gib nicht auf, mein Baum!“
Nach einer Weile rannte sie wieder los, weil sie ja zur Schule musste. Es machte ihr nichts aus, dass sie zu spät kam, denn sie hatte ein Geheimnis und eine Hoffnung.
Der Baum hatte zuerst gar nicht bemerkt, dass ihn jemand berührte. Er konnte nicht glauben, dass das Streicheln und die Worte ihm galten – und auf einmal war er ganz verblüfft, und es wurde sehr still in ihm.
Als das Mädchen wieder fort war, wusste er zuerst nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Dann schüttelte er seine Krone leicht im Wind, vielleicht ein bisschen zu heftig, und sagte zu sich, dass er wohl geträumt haben müsse. Oder vielleicht doch nicht? In einem kleinen Winkel seines Baumherzens hoffte er nur, dass es kein Traum gewesen war.
Auf dem Heimweg von der Schule war das Mädchen nicht allein. Trotzdem ging es dicht an dem Baum vorbei, streichelte ihn im Vorübergehen und sagte leise: „Ich mag dich, und ich komm bald wieder.“ Da begann der Baum zu glauben, dass er nicht träumte, und ein ganz neues, etwas seltsames Gefühl regte sich in einem kleinen Ast.
Die Mutter wunderte sich, dass ihre Tochter auf einmal so gerne einkaufen ging. Auf alle Fragen der Eltern lächelte die Kleine nur und behielt ihr Geheimnis für sich. Immer wieder sprach das Mädchen nun mit dem Baum, umarmte ihn manchmal, streichelte ihn oft. Er verhielt sich still, rührte sich nicht. Aber in seinem Innern begann sich etwas immer stärker zu regen. Wer ihn genau betrachtete, konnte sehen, dass seine Rinde ganz langsam eine freundlichere Farbe bekam. Das Mädchen jedenfalls bemerkte es und freute sich sehr.
Der Gärtner und seine Frau, die den Baum ja vor vielen Jahren gepflanzt hatten, lebten regelmäßig und ordentlich, aber auch freudlos und stumpf vor sich hin. Sie wurden älter, zogen sich zurück und waren oft einsam. Den Baum hatten sie so nach und nach vergessen, ebenso wie sie vergessen hatten, was Lachen und Freude ist – und Leben.
Eines Tages bemerkten sie, dass manchmal ein kleines Mädchen mit dem Baum zu reden schien. Zuerst hielten sie es einfach für eine Kinderei, aber mit der Zeit wurden sie doch etwas neugierig. Schließlich nahmen sie sich vor, bei Gelegenheit einfach zu fragen, was das denn soll. Und so geschah es dann auch.
Das Mädchen erschrak, wusste nicht so recht, wie es sich verhalten sollte. Einfach davonlaufen wollte es nicht, aber erzählen, was wirklich war – das traute es sich nicht.
Endlich gab die Kleine sich einen Ruck, dachte: „Warum eigentlich nicht?“ und erzählte die Wahrheit. Der Gärtner und seine Frau mussten ein wenig lachen, waren aber auf eine seltsame Weise unsicher, ohne zu wissen, warum. Ganz schnell gingen sie wieder ins Haus und versicherten sich gegenseitig, dass das kleine Mädchen wohl ein wenig verrückt sein müsse.
Aber die Geschichte ließ sie nicht mehr los. Ein paar Tage später waren sie wie zufällig in der Nähe des Baumes, als das Mädchen wiederkam. Dieses Mal fragte es die Gärtnersleute, warum sie denn den Baum so zurechtgestutzt haben. Zuerst waren sie empört, konnten aber nicht leugnen, dass der Baum in den letzten Wochen ein freundlicheres Aussehen bekommen hatte. Sie wurden sehr nachdenklich.
Die Frau des Gärtners fragte schließlich: „Meinst du, dass es falsch war, was wir getan haben?“
„Ich weiß nur“, antwortete das Mädchen, „dass der Baum traurig ist. Und ich finde, dass das nicht sein muss. Oder wollt ihr einen traurigen Baum?“
„Nein!“ rief der Gärtner. „Natürlich nicht. Doch was bisher gut und recht war, ist ja wohl auch heute noch richtig, auch für diesen Baum.“ Und die Gärtnersfrau fügte hinzu: „Wir haben es doch nur gut gemeint.“
„Ja, das glaube ich“, sagte das Mädchen, „ihr habt es sicher gut gemeint und dabei den Baum sehr traurig gemacht. Schaut ihn doch einmal genau an!“ Und dann ließ sie die beiden alten Leute allein und ging ruhig davon mit dem sicheren Gefühl, dass nicht nur der Baum Liebe brauchen würde.
Der Gärtner und seine Frau dachten noch sehr lange über dieses seltsame Mädchen und das Gespräch nach. Immer wieder blickten sie verstohlen zu dem Baum, standen oft vor ihm, um ihn genau zu betrachten. Und eines Tages sahen auch sie, dass der Baum zu oft beschnitten worden war. Sie hatten zwar nicht den Mut, ihn auch zu streicheln und mit ihm zu reden. Aber sie beschlossen, ihn wachsen zu lassen, wie er es wollte.
Das Mädchen und die beiden alten Leute sprachen oft miteinander – über dies oder das und manchmal über den Baum. Gemeinsam erlebten sie, wie er ganz behutsam, zuerst ängstlich und zaghaft, dann ein wenig übermütig und schließlich kraftvoll zu wachsen begann. Voller Lebensfreude wuchs er schief nach unten, als wolle er zuerst einmal seine Glieder räkeln und strecken. Dann wuchs er in die Breite, als wolle er die ganze Welt in seine Arme schließen, und in die Höhe, um allen zu zeigen, wie glücklich er sich fühlt. Auch wenn der Gärtner und seine Frau es sich selbst nicht trauten, so sahen sie doch mit stiller Freude, dass das Mädchen den Baum für alles lobte, was sich an ihm entfalten und wachsen wollte.
Voll Freude beobachtete das Mädchen, dass es dem Gärtner und seiner Frau beinahe so ähnlich erging wie dem Baum. Sie wirkten lebendiger und jünger, fanden das Lachen und die Freude wieder und stellten eines Tages fest, dass sie wohl manches im Leben falsch gemacht hatten. Auch wenn das jetzt nicht mehr zu ändern wäre, so wollten sie wenigstens den Rest ihres Lebens anders gestalten. Sie sagten auch, dass sie Gott wohl ein wenig falsch verstanden hätten, denn Gott sei schließlich Leben, Liebe und Freude und kein Gefängnis. So blühten gemeinsam mit dem Baum zwei alte Menschen zu neuem Leben auf.
Es gab keinen Garten weit und breit, in welchem ein solch schief und wild und fröhlich gewachsener Baum stand. Oft wurde er jetzt von Vorübergehenden bewundert, was der Gärtner, seine Frau und das Mädchen mit stillem, vergnügtem Lächeln beobachteten. Am meisten freute sie, dass der Baum all denen Mut zum Leben machte, die ihn wahrnahmen und bewunderten.
Diesen Menschen blickte der Baum noch lange nach – oft bis er sie gar nicht mehr sehen konnte. Und manchmal begann er dann, so dass es sogar einige Menschen spüren konnten, tief in seinem Herzen glücklich zu lachen.
Liebe Grüße von M.H. mit J. 02/03 und P. 04/05
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Re: Kurze Geschichten
Zwei Herren, beide ernsthaft erkrankt, belegten dasselbe Krankenzimmer.
Einer der Herren hatte die Erlaubnis, sich jeden Nachmittag für eine
Stunde aufzusetzen, damit die Flüssigkeit aus seiner Lunge abfließen
konnte.
Sein Bett stand am einzigen Fenster des Raumes.
Der andere Herr musste die ganze Zeit flach auf dem Rücken liegen.
Die beiden Männer unterhielten sich stundenlang.
Sie sprachen von ihren Frauen und Familien, ihrer Heimat, ihren Jobs, ihrem Militärdienst und wo sie im Urlaub waren.
Jeden Nachmittag, wenn der Herr im Bett am Fenster sich aufrecht
hinsetzte, ließ er die Zeit vergehen, indem er seinem Zimmernachbarn all die Dinge beschrieb, die er draußen am Fenster sah.
Der Herr im anderen Bett begann aufzuleben in jeder dieser Stunden, wo seine Welt erweitert und belebt wurde durch all die Geschehnisse und Farben der Welt dort draußen.
Das Fenster überblickte einen Park mit einem schönen See. Enten
und Schwäne spielten auf dem Wasser, während Kinder ihre Modellboote segeln ließen. Junge Verliebte bummelten Arm in Arm durch die unzähligen bunten Blumen und eine schöne Aussicht auf die Silhouette der Stadt lag am Horizont.
Wenn der Herr am Fenster all dies beschrieb mit den kleinsten
Details, schloss der Herr auf der anderen Seite im Raum die Augen und stellte sich die bildhaften Szenen vor.
An einem warmen Nachmittag beschrieb der Mann am Fenster eine
vorüberziehende Parade.
Obwohl der andere Herr die Kapelle nicht hören konnte, konnte er sie vor seinem geistigen Auge sehen, während der Herr am Fenster sie mit anschaulichen Worten beschrieb.
Tage, Wochen und Monate vergingen.
Eines Morgens, die Tagschwester kam um Wasser für das Bad zu bringen, fand sie den leblosen Körper des Herrn am Fenster, der friedvoll im Schlaf gestorben war.
Sie war traurig und rief, um die Leiche wegbringen zu
lassen.
Nach einer angemessenen Weile fragte der andere Herr, ob man ihn ans Fenster verlegen könnte. Die Schwester war erfreut über den Tausch und nachdem sie sich vergewissert hatte, dass er sich wohl fühlt, ließ sie ihn allein.
Langsam, schmerzvoll stützte er sich auf einen Ellenbogen um seinen
ersten Blick auf die echte Welt draußen zu richten
Er strengte sich an, sich langsam zu drehen um aus dem Fenster am Bett zu gucken.
Es zeigte auf eine leere Wand.
Der Mann fragte die Schwester, was seinen verstorbenen Zimmernachbarn veranlasst hatte, ihm so wundervolle Dinge von draußen vor dem Fenster zu erzählen.
Die Schwester erwiderte, dass der Herr blind war und nicht einmal die Wand sehen konnte.
Sie sagte "Vielleicht wollte er Sie nur aufmuntern."
Epilogue:
Es ist eine riesige Freude, andere glücklich zu machen, ungeachtet
unserer eigenen Situation.
Geteiltes Leid ist halbes Leid, doch Freude, wenn geteilt, ist doppelte Freude.
Wenn Du Dich reich fühlen möchtest, zähle all die Dinge, die man für
Geld nicht kaufen kann.
"Heute" ist ein Geschenk, deshalb nennt man es "the präsent".
Einer der Herren hatte die Erlaubnis, sich jeden Nachmittag für eine
Stunde aufzusetzen, damit die Flüssigkeit aus seiner Lunge abfließen
konnte.
Sein Bett stand am einzigen Fenster des Raumes.
Der andere Herr musste die ganze Zeit flach auf dem Rücken liegen.
Die beiden Männer unterhielten sich stundenlang.
Sie sprachen von ihren Frauen und Familien, ihrer Heimat, ihren Jobs, ihrem Militärdienst und wo sie im Urlaub waren.
Jeden Nachmittag, wenn der Herr im Bett am Fenster sich aufrecht
hinsetzte, ließ er die Zeit vergehen, indem er seinem Zimmernachbarn all die Dinge beschrieb, die er draußen am Fenster sah.
Der Herr im anderen Bett begann aufzuleben in jeder dieser Stunden, wo seine Welt erweitert und belebt wurde durch all die Geschehnisse und Farben der Welt dort draußen.
Das Fenster überblickte einen Park mit einem schönen See. Enten
und Schwäne spielten auf dem Wasser, während Kinder ihre Modellboote segeln ließen. Junge Verliebte bummelten Arm in Arm durch die unzähligen bunten Blumen und eine schöne Aussicht auf die Silhouette der Stadt lag am Horizont.
Wenn der Herr am Fenster all dies beschrieb mit den kleinsten
Details, schloss der Herr auf der anderen Seite im Raum die Augen und stellte sich die bildhaften Szenen vor.
An einem warmen Nachmittag beschrieb der Mann am Fenster eine
vorüberziehende Parade.
Obwohl der andere Herr die Kapelle nicht hören konnte, konnte er sie vor seinem geistigen Auge sehen, während der Herr am Fenster sie mit anschaulichen Worten beschrieb.
Tage, Wochen und Monate vergingen.
Eines Morgens, die Tagschwester kam um Wasser für das Bad zu bringen, fand sie den leblosen Körper des Herrn am Fenster, der friedvoll im Schlaf gestorben war.
Sie war traurig und rief, um die Leiche wegbringen zu
lassen.
Nach einer angemessenen Weile fragte der andere Herr, ob man ihn ans Fenster verlegen könnte. Die Schwester war erfreut über den Tausch und nachdem sie sich vergewissert hatte, dass er sich wohl fühlt, ließ sie ihn allein.
Langsam, schmerzvoll stützte er sich auf einen Ellenbogen um seinen
ersten Blick auf die echte Welt draußen zu richten
Er strengte sich an, sich langsam zu drehen um aus dem Fenster am Bett zu gucken.
Es zeigte auf eine leere Wand.
Der Mann fragte die Schwester, was seinen verstorbenen Zimmernachbarn veranlasst hatte, ihm so wundervolle Dinge von draußen vor dem Fenster zu erzählen.
Die Schwester erwiderte, dass der Herr blind war und nicht einmal die Wand sehen konnte.
Sie sagte "Vielleicht wollte er Sie nur aufmuntern."
Epilogue:
Es ist eine riesige Freude, andere glücklich zu machen, ungeachtet
unserer eigenen Situation.
Geteiltes Leid ist halbes Leid, doch Freude, wenn geteilt, ist doppelte Freude.
Wenn Du Dich reich fühlen möchtest, zähle all die Dinge, die man für
Geld nicht kaufen kann.
"Heute" ist ein Geschenk, deshalb nennt man es "the präsent".
Liebe Grüße von M.H. mit J. 02/03 und P. 04/05
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Kurze Geschichten
Glaubst du an ein Leben nach der Geburt?
Ein ungeborenes Zwillingspärchen unterhält sich im Bauch seiner Mutter.
"Sag mal, glaubst du eigentlich an ein Leben
nach der Geburt?" fragt der eine Zwilling.
"Ja auf jeden Fall! Hier drinnen wachsen wir und werden stark für das was draußen kommen wird." antwortet der andere Zwilling.
"Ich glaube, das ist Blödsinn!" sagt der erste. "Es kann kein Leben nach der Geburt geben - wie sollte das denn bitteschön aussehen?"
"So ganz genau weiß ich das auch nicht. Aber es wird sicher viel heller als hier sein. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen?"
"So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört! Mit dem Mund essen, was für eine verrückte Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Und wie willst du herumlaufen? Dafür ist die Nabelschnur viel zu kurz."
"Doch, es geht ganz bestimmt. Es wird eben alles nur ein bisschen anders."
"Du spinnst! Es ist noch nie einer zurückgekommen von 'nach der Geburt'. Mit der Geburt ist das Leben zu Ende. Punktum."
"Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird. Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden und sie wird für uns sorgen."
"Mutter??? Du glaubst doch wohl nicht an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte?"
"Na hier - überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein!"
"Quatsch! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht."
"Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt...."
Ein ungeborenes Zwillingspärchen unterhält sich im Bauch seiner Mutter.
"Sag mal, glaubst du eigentlich an ein Leben
nach der Geburt?" fragt der eine Zwilling.
"Ja auf jeden Fall! Hier drinnen wachsen wir und werden stark für das was draußen kommen wird." antwortet der andere Zwilling.
"Ich glaube, das ist Blödsinn!" sagt der erste. "Es kann kein Leben nach der Geburt geben - wie sollte das denn bitteschön aussehen?"
"So ganz genau weiß ich das auch nicht. Aber es wird sicher viel heller als hier sein. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen?"
"So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört! Mit dem Mund essen, was für eine verrückte Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Und wie willst du herumlaufen? Dafür ist die Nabelschnur viel zu kurz."
"Doch, es geht ganz bestimmt. Es wird eben alles nur ein bisschen anders."
"Du spinnst! Es ist noch nie einer zurückgekommen von 'nach der Geburt'. Mit der Geburt ist das Leben zu Ende. Punktum."
"Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird. Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden und sie wird für uns sorgen."
"Mutter??? Du glaubst doch wohl nicht an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte?"
"Na hier - überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein!"
"Quatsch! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht."
"Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt...."
Liebe Grüße von M.H. mit J. 02/03 und P. 04/05