Ein paar Fragen an die "Unerzogen"-Fraktion :)

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kittiefred
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Re: Ein paar Fragen an die "Unerzogen"-Fraktion :)

Beitrag von kittiefred »

ungali hat geschrieben:Was machst Du denn dann, wenn etwas schädlcih für ihn oder jemand anderen ist? Also z.B., wenn er mit Badehose zum Schlittenfahren möchte, könnte man das ja in weitestem Sinne als schädlich bezeichnen, oder? Oder jetz ohne das Klamottenbeispiel, wer bestimmt, wann etwas schädlich für (m)ein Kind oder jemand anderen ist und wie kommt man da dann gut aus der Situation. Nicht mit Nachdruck?
ich lasse meinen sohn, der ist jetzt 6, selber entscheiden wie warm er sich anzieht. mittlerweile kann er das gut einschätzen. das hat natürlich gefühlte 3876 versuche gebraucht bis er dahin gekommen ist. er ist oft ohne jacke los gegangen, weil er meinte das reicht. ich hab dann meist in absprache mit ihm, eine notfalljacke mitgenommen die dann auch oft zum einsatz kam. in dieser situation finde ich es enorm wichtig nicht in so einen eltern-hab-ich-ja-vorher-gesagt-mood zu verfallen. ihr wisst schon dieser arrogant genießerische überhebliche tonfall. ich bin der assistent meines sohnes in diesem fall. und ich helfe ihm dabei sich selber, die welt und seine fähigkeiten aber auch seine grenzen kennen zu lernen.

ich berate ihn. und er kann meinen rat gut annehmen (das ist eine beobachtung). vielleicht auch deswegen weil er erfahren hat, dass ich nichts überflüssiges "anordne". vielleicht hat er dadurch ein vertrauen in meine ratschläge gewonnen.

das klingt immer so nach harmonie und friedefreudeeierkuchen. das ist es mitnichten. wir streiten viel. wir haben anstrengende auseinandersetzungen.
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Joni
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Re: Ein paar Fragen an die "Unerzogen"-Fraktion :)

Beitrag von Joni »

Ich konnte leider noch nicht alles lesen, habe nur zu dem letzten Abschnitt von dir, kittiefred, eine Frage. Wenn man seinem Kind all solche Entscheidungen selbst überlässt, passiert es dann nicht leicht, dass es überfordert ist?
Ich stelle es mir sehr schwierig vor, immer genau ab zu schätzen, welche Entscheidungen (wie zB bei der Frage nach passender Kleidung) altersgemäß sind und welche eben noch nicht. Und du schreibst ja selbst, dass es oft anstrengend ist und viele Diskussionen gibt, ich stelle es mir auch wirklich anstrengend vor all diese Kleinigkeiten zu diskutieren und ich habe irgendwie (für mich) das Gefühl, dass es nicht in jeder Situation angemessen ist so viel auszudiskutieren und zu besprechen.
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ungali
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Re: Ein paar Fragen an die "Unerzogen"-Fraktion :)

Beitrag von ungali »

Danke, kittiefred, ich glaube, jetzt hab ich's verstanden.
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Re: Ein paar Fragen an die "Unerzogen"-Fraktion :)

Beitrag von Lösche Benutzer 1828 »

kittiefred hat geschrieben:
das klingt immer so nach harmonie und friedefreudeeierkuchen. das ist es mitnichten. wir streiten viel. wir haben anstrengende auseinandersetzungen.
Hatten wir gestern auch wieder - Tochter wollte keine JAcke anziehen. Diese war n un aber dabei, weil wir sie vom KiGa abgeholt hatten. Ich hatte keine Hand frei für die Jacke, sie wollte sie abe auch nicht selber tragen. Ich habe ihr die Mäglichkeiten aufgezeigt: entweder Jacke anziehen oder tragen. Anders ging es n icht (Simon, Einkäufe, mein Rucksack - das wollte auch transportiert werden). Sie kann selber entscheiden, ob sie eine Jacke anzieht, aber tragen muss sie diese dann selber. Sie läuft ganz oft - auch im Winter - ohne Jacke herum.
Letztens wurde sie angesprochen, von einem ältern Herrn, der es wohl nur gut meinte "Kindchen, Du wirst krank - Du mußt Dir was anziehen."
"NÖ - werd ich nicht , denn mir ist ja nicht kalt" kam dann sofort.

Klar, es ist manchmal anstrengend - aber man bekommt ja auch was dafür ;-)

Ich muss allerdings gestehen, dass ich zur Zeit auch beim Großen mit meinem Latein am Ende bin, was die Schule angeht...........aber anderes Thema.
kittiefred
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Re: Ein paar Fragen an die "Unerzogen"-Fraktion :)

Beitrag von kittiefred »

Joni hat geschrieben:Wenn man seinem Kind all solche Entscheidungen selbst überlässt, passiert es dann nicht leicht, dass es überfordert ist?
Ich stelle es mir sehr schwierig vor, immer genau ab zu schätzen, welche Entscheidungen (wie zB bei der Frage nach passender Kleidung) altersgemäß sind und welche eben noch nicht. Und du schreibst ja selbst, dass es oft anstrengend ist und viele Diskussionen gibt, ich stelle es mir auch wirklich anstrengend vor all diese Kleinigkeiten zu diskutieren und ich habe irgendwie (für mich) das Gefühl, dass es nicht in jeder Situation angemessen ist so viel auszudiskutieren und zu besprechen.

ich überlasse nicht alle entscheidungen meinem kind, aber es hat immer ein mitspracherecht.
mein sohn ist zb sehr unselbstständig was so lästige nebensächliche dinge, wie anziehen angeht :roll:
ich leg ihm abends die klamotten hin und meistens muss ich ihn morgens auch anziehen, sonst würden wir nie los kommen.
aber, wenn ich ihm grad das tshirt über den kopf ziehe und er protestiert und sagt er will ein anderes weil er heute keinen bock auf blau hat - machen wir das.
und es gibt viele eltern die an dieser stelle einfach "trotzen".

ich lasse meinen sohn nicht einfach "laufen". ich muss sehr viel für ihn organisieren, aber es ist mir immer auch klar dass er eigene vorstellungen hat und die respektiere ich.

und natürlich haben wir in dieser situation dann auch immer wieder eine mutter die genervt sagt "weißt du wenn du die sachen, die ich aussuche doof findest dann musst du das alleine machen. das ist quasi ein service von mir für dich. wenn dir das nicht passt. mach es selber".

meine tochter ist anders. die zieht sich jetzt schon (mit 1,5 jahren) alles selber an ;)

und ganz generell bin ich kein ausdiskutier-mensch. ich erkläre kurz und knapp.
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kittiefred
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Re: Ein paar Fragen an die "Unerzogen"-Fraktion :)

Beitrag von kittiefred »

Sandküste hat geschrieben: "NÖ - werd ich nicht , denn mir ist ja nicht kalt" kam dann sofort.
das ist ja der klassiker schlechthin. wieso kann ein kind (wir reden hier von 4 und 6 jährigen) nicht selber entscheiden ob ihm warm oder kalt ist?

zu meiner gelassenheit hat aber auch mein kinderarzt beigetragen. er weißt die eltern daraufhin dass abhärtung das einzige ist was vorbeugend wirkt. kinder nicht zu warm einpacken ist sein ratschlag.
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joli.81
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Re: Ein paar Fragen an die "Unerzogen"-Fraktion :)

Beitrag von joli.81 »

Ich hab jetzt mal ein paar Posts zum Thema "Erzogen-unerzogen" gelesen... irgendwie gewinne ich mehr und mehr den Eindruck, dass das gar nicht so weit auseinanderliegt, wie man auf den ersten Blick denkt - das liegt vielleicht an den Begriffen. Viele Dinge würde ich so unterschreiben, obwohl ich schon denke, dass ich meine Kinder erziehe. Ein Problem ist aber vielleicht auch die Definition von Erziehung, die Kittiefred zitiert... die geht auf Rousseau zurück (Erzieher- Zögling-Erziehungsziel) - das ist doch nicht mehr zeitgemäß. Ich biete mal das hier an:
Erziehung ist ein Phänomen, bei dem es darum geht, "der nachwachsenden GEneration die in einer Gesellschaft vorhandenen neu und für ihren Bestand und ihre Weiterentwicklung als wichtig angesehenen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Einstellungen zu vermitteln." Insofern kann Erziehung schon "nebenbei passieren" bzw. je nach Definition von Erziehung kann man "nicht nicht-erziehen". Natürlich kann man da wieder kontern und sagen, das ist dann Sozialisation und nicht Erziehung... meiner Meinung nach ist alles eine Frage des theoretischen Blickwinkels... man kann die Begriffe so oder anders verwenden, so oder anders auslegen...
Lange Rede, kurzer Sinn... ich finde, hier werden manche Grenzen (zw. Erziehen und Nicht-Erziehen) künstlich gezogen, die in der Realität so klar gar nicht gezogen werden können... es gibt halt zwischen schwarz und weiß auch Zwischentöne :wink:

Ich weiß, das war jetzt ziemlich allgemein... also noch schnell was zum Thema: mein 7Jähriger entscheidet auch selbst, was er anzieht - er geht auch schon mal im Winter mit Socken zum Gartentor, um dem Besuch aufzumachen - woraufhin ich dann aber meinte, er soll bitte entweder Schuhe anziehen oder die Socken ausziehen, weil mir das sonst zu viel Wäsche wird, wenn er das öfters macht :mrgreen:
Liebe Grüße, M. mit 3 Jungs und 2 Mädels (April 2001 - März 2005 - Februar 2008 - Mai 2011 - Juni 2014) ich blogge unter www.familienlebenmitgott.wordpress.com
kittiefred
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Re: Ein paar Fragen an die "Unerzogen"-Fraktion :)

Beitrag von kittiefred »

@joli: es geht ja aber in diesem (und in einigen anderen) thread(s) um die aussagen der antipädagogen und des unerzogen-magazins. und die beziehen sich nun mal auf die "alte" definition von erziehung.
wie gesagt die wandlungen der erziehungsansichten ist ein ganz anderes thema (wobei ich die aktuellen definitionen aus meinen lehrbüchern auch nicht ganz rund finde).

und ich muss auch sagen, dass ich im alltag ständig menschen erlebe, die offensichtlich nichts von den neuen versionen von erziehung wissen ;)

im verhalten sieht vielleicht einiges gleich aus, aber das dahinter stehende menschenbild das jemand hat, schimmert zwischen den zeilen immer durch. und das ist es was dein gegenüber spürt.
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Marilu

Re: Ein paar Fragen an die "Unerzogen"-Fraktion :)

Beitrag von Marilu »

Juhu, ich glaube, ich habe jetzt verstanden, was das "unerzogen" bedeutet. Es ist die Abgrenzung zu einem sehr strikten (in diesem Forum möglicherweise nur marginal vorhandenen) Erziehungsgedanken.

Was ich noch nicht verstanden habe ist, warum ihr euch so dagegen wehrt, zu sagen, "ja, wenn man andere Definitionen zugrunde legt, könnte man sagen, ich erziehe mein Kind".

Vielleicht könnte eine von euch auch noch auf dieses Post von mir antworten?
Marilu hat geschrieben:
kittiefred hat geschrieben:so lautet eine allgemein anerkannte (also von der mehrheit aktzeptierte) definition von erziehung so:
"[...] jemandes Geist und Charakter zu bilden und seine Entwicklung zu fördern. Im Allgemeinen versteht man unter Erziehung soziales Handeln, welches bestimmte Lernprozesse bewusst und absichtlich herbeiführen und unterstützen will, um relativ dauerhafte Veränderungen des Verhaltens zu erreichen, die bestimmten, vorher festgelegten, Erziehungszielen entsprechen. Allerdings ist dieser Erziehungsbegriff hierarchisch definiert, indem beteiligte Personen Erzieher oder Zögling sind." quelle: duden & wikipedia.
Diese Definition stimmt mit meiner Definition überein. Aber ich sage auch, sie widerspricht – in meinen Augen - nicht deinem "Erziehungsstil":
" Im Allgemeinen versteht man unter Erziehung soziales Handeln,
Mit dem Kind reden, ihm die Welt erklären ist soziales Handeln.
welches bestimmte Lernprozesse bewusst und absichtlich herbeiführen und unterstützen will, um relativ dauerhafte Veränderungen des Verhaltens zu erreichen, die bestimmten, vorher festgelegten, Erziehungszielen entsprechen.
Du sagst in dem Müllbeispiel, dass du mit ihm über den Müll redest. Du schreibst nicht explizit "weil ich ihn darauf aufmerksam machen möchte, und möchte, dass er seinen Müll nicht auch da hin wirft" Das unterstelle ich dir :wink:
Allerdings ist dieser Erziehungsbegriff hierarchisch definiert, indem beteiligte Personen Erzieher oder Zögling sind."
Ich denke, hier liegt der Unterschied (ich sag ja gar nicht, dass da keiner ist :wink: ). Ich finde, ich kenne die Welt besser als mein Kind und daher kann ich sie ihm erklären, verständlich machen, ihm helfen auf dem Weg zu erkennen, wo die Grenzen der anderen Millionen Menschen, der Natur, der Dinge sind. Ich finde nichts dabei "Erzieherin" zu sein, und in diesem Punkt über meinem Kind zu stehen. Auf der anderen Seite respektiere ich seine Persönlichkeit, seine Grenzen; stelle mich mit ihm auf eine Ebene, kann auch mit ihm gemeinsam und von ihm lernen. Das widerspricht sich mE nicht.

In meinen Augen, auch in eurer Beziehung gibt es eine Hierarchie: Du richtest die Welt ein (gibst (keine) Stifte, gehst (nicht) zum Turnen). Je älter das Kind ist, desto mehr kann es mitentscheiden – aber die Hierarchie / die Unterschiede sind da.

Wichtig: Ich will gar niemandem sagen „aber du erziehst doch dein Kind, hör auf, es „unerzogen“ zu nennen." oder "juhu, ich bin wie ihr, wie cool". Ich will nur deutlich machen, was ich (vielleicht nur sprachlich) unlogisch finde.
kittiefred
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Re: Ein paar Fragen an die "Unerzogen"-Fraktion :)

Beitrag von kittiefred »

Marilu hat geschrieben: Was ich noch nicht verstanden habe ist, warum ihr euch so dagegen wehrt, zu sagen, "ja, wenn man andere Definitionen zugrunde legt, könnte man sagen, ich erziehe mein Kind".
ich wehre mich gar nicht dagegen ;) ich sage ja selber "erziehung" zu meinem verhalten. aber es ging doch in diesem thread um die theoretische grundlage. da sollte man klar definieren, sich auf eine definition einigen und dann mit dieser grundlage diskutieren.
Marilu hat geschrieben: In meinen Augen, auch in eurer Beziehung gibt es eine Hierarchie: Du richtest die Welt ein (gibst (keine) Stifte, gehst (nicht) zum Turnen). Je älter das Kind ist, desto mehr kann es mitentscheiden – aber die Hierarchie / die Unterschiede sind da.
ja es gibt UNTERSCHIEDE. ich habe 25 jahre mehr erfahrungen als mein sohn, ich bin größer ich hab in vielen situationen einen besseren überblick. das gibt mir aber nicht das recht mich ÜBER ihn zu stellen. Lies dir mal bei wikipedia die definition von hierarchie durch und besonders den teil über hierarchien in sozialen systemen ;)

ich finde es übrigens einen sehr wichtigen teil von respekt, diese unterschiede sensibel wahrzunehmen (wenn sie denn nicht offensichtlich sind) und sie dann auch zu beachten. ein fehler in den 70ern den zb meine eltern auch gemacht haben, ist diese unterschiede zu verleugnen und so zu tun als gäbe es sie nicht. es sollte gleichberechtigung sein, war dann aber gleichbehandlung.
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