Tja, hier ist eine der Kernfragen eben mal wieder: nature or nurture?
Woher kommen unsere Verhaltensweisen? Sind sie tatsächlich genetisch bedingt oder doch nur ein Produkt unserer Umwelt? Ich bin überzeugt, dass ganz vieles, vermutlich der Löwenanteil, tatsächlich durch das was uns vorgelebt wird kommt. Denn wie war das mit dem Jungen, der von Wölfen aufgezogen wurde? Der verhielt sich weder männlich noch weiblich, sondern wölfisch... Und unser Umfeld ist nunmal nicht neutral. Selbst wenn wir bestimmte Dinge nicht sagen, so spüren doch Kinder dennoch oft unsere unbewusste Haltung und kooperieren entsprechend.
Was die praktische Seite angeht, so fallen mir schon ein paar Sachen ein. Zum Beispiel Namen: man könnte einen neutralen Vornamen nehmen und einen eindeutigen Zweitnamen dazu, wenn das Gesetz es so verlangt. Und dann eben nur den ersten Namen preisgeben. Oder man nimmt einen Spitznamen, aus dem nicht ersichtlich ist, ob männlich oder weiblich. Es soll ja nun auch kein Staatsgeheimnis sein, das Geschlecht. Nur eben im Alltag nicht offensichtlich sein - in Krabbelgruppen, an der Wursttheke, im Supermarkt etc. Und auch im näheren Umfeld. Eben da, wo man Menschen begegnet, die potenziell bewusst oder unbewusst die Geschlechterstereotypen vermitteln. Wenn sie jedoch nicht wissen, welche Stereotypen sie anwenden sollen, weil sie nicht wissen welches Geschlecht das Kind hat, dann können sie das auch nicht so sehr auf das Kind übertragen.
Ewig wird sich das ohnehin nicht durchziehen lassen, es komplett zu verheimlichen - wahrscheinlich eher in den ersten ein, zwei, höchstens drei Jahren. Danach bleiben die Grundzüge erhalten (neutrale Kleidung, Spielsachen, Frisur, möglichst wenig Beeinflussung durch Stereotypen), aber das Kind wird schon wissen, zu welchem Geschlecht es gehört. Eben WEIL dann der "kleine Unterschied" zu interessant wird und auch die praktischen Alltagsdinge (Umkleide, öffentliches WC) mehr an Bedeutung zunehmen. Aber die Grundidee kann man ja dennoch beibehalten, soweit es eben möglich ist.
Was die sprachliche Seite angeht, so behelfen sich diejenigen, die das durchziehen, wohl damit, statt "er" oder "sie" einfach immer den Namen des Kindes zu verwenden. Oder zwischen "er" und "sie" abzuwechseln, wenn nötig. Aber einfach immer den Namen zu sagen, klappt wohl ganz gut. Ist sprachlich nicht sonderlich elegant, aber besser als "es" zu sagen
Kann es sich irgendeiner Seite zurodnen (welche ist ja zunächst egal).
Das ist mir ins Auge gesprungen. Warum muss es "Seiten" überhaupt geben? Das klingt, als wäre es ein Wettstreit. Ist es wirklich schlecht in diesem Wettstreit neutral zu bleiben? Wie die Schweiz sozusagen...

Die ist ja deswegen auch nicht unbeliebter.
Ich mag mal noch dies hier zitieren:
Und das ist für mich das Hauptproblem. Wenn mal all die dummen Sätze unterbleiben würden, die so rasch dahergesagt werden, wenn auch Medien sich an dem orientieren würden, was Kinder wirklich brauchen, dann wäre vieles viel offener und leichter für Kinder. Viel eher möglich, sich auszuprobieren ohne Angst vor Scham und einem dummen Spruch.
Oft geben Kinder doch nur 1:1 wieder, was ihnen selber vorgegeben wurde. Und lernen schnell, dass sie auch noch gelobt werden, wenn sie sich 'normkonform' verhalten.
Genau. Aber wie wird sich irgendetwas ändern? Sind wir überhaupt sensibilisiert für das Thema, oder schlucken wir vieles (und wiederholen bzw verstärken es gar), weil wir selbst so darauf konditioniert sind, dass Jungs und Mädchen "nunmal verschieden sind"? Ist das wirklich ein unumstösslicher Fakt? Oder spielt nicht DOCH unsere Erziehung da zu einem grossen Teil mit rein? Das fängt ja schon bei ganz kleinen Sachen an... ist ein Kind mal ungemütlich drauf, so sagt man Jungs nach sie "bocken", mädels "zicken". Nur ein Beispiel. Aber es sind soooo viele Kleinigkeiten. Und viele Kleinigkeiten ergeben ein grosses Ganzes...
Ja, auch ich wäre sehr dafür, wenn unsere Gesellschaft offener und bedürfnisorientierter wäre und wirklich auf die Menschen selbst eingehen würde, ihre Persönlichkeit. Aber so ist es leider in den meisten Fällen nicht. Aber damit sich etwas ändert braucht es eben oft ein paar "extreme Spinner", um uns die Augen für das Thema zu öffnen und zumindest eine neue goldene Mitte zu finden.
Was wir tun können: in der eigenen Familie offener und freier zu sein. Darauf zu achten, wie wir selbst mit Rollenklischees umgehen. Nicht innerlich die Haare zu raufen, wenn der Sohn mit Glitzerhaarspängchen losziehen will, sondern sich selbst an die eigene Nase zu fassen und ihn einfach ausprobieren zu lassen. Selbst vorleben, dass Frauen auch "Männerdinge" tun können und umgekehrt, bzw solche Einteilungen garnicht erst aufkommen zu lassen. Aber vor vorschnellen Beurteilungen (Schubladendenken) Aussenstehender schützt all das natürlich dennoch nicht.
Das Geschlecht geheim zu halten, das schützt jedoch durchaus gegen letzteres. Deshalb verstehe ich auch die, die das durchziehen wollen, zumindest eine Weile lang. Ein problemfreies Konzept ist es allerdings nicht, soviel ist klar
