antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Moderatoren: Toony, Momolina

Sibi
Profi-SuTler
Beiträge: 3829
Registriert: 21.05.2011, 20:39

Re: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Beitrag von Sibi »

Jessica hat geschrieben:Ich glaube, du meinst "Laissez-faire", das ist was anderes als antiautoritär.

Anti-autoritär = partnerschaftlich-demokratischer Erziehungsstil (zumindest kenn ich diese Definition noch aus der Schule).

Ein kleiner Artikel dazu...
Diesen Artikel finde ich sehr verwirrend - die Dame scheint da auch einiges durcheinander zu werfen und ist noch dazu überzeugte Anhängerin eines konservativen Erziehungsbegriffs, wenn ich den letzten Absatz richtig deute.

Laissez-Faire hat für mich etwas von Allein-lassen, Nicht-Kümmern. Ich lasse mein Kind nicht einfach machen, ich nehme Anteil und begleite es. Und schon gar nicht lasse ich es machen, wenn es meine Grenzen oder die anderer (die sich nicht selbst schützen können) übertritt.

"Anti-Autoritär" hat für mich diesen negativen Geschmack, weil es erst mal nur sagt, wogegen es ist, aber nicht wofür. Gut, ist bei Unerzogen auch so, aber da kann ich inzwischen mehr positive Inhalte mit verbinden. Bei Anti-Autoritär sind mir so einige Projekte/Extreme aus den 60er Jahren in Erinnerung, wo weder die Grenzen der Kinder noch der Erwachsenen geschützt wurden, bis hin zu sexuellen Übergriffen. Ich will damit nicht sagen, dass das im Anti-Autoritären Konzept begründet liegt, aber das hat mir den Begriff doch nachhaltig verleidet.

Unerzogen ist dagegen für mich der goldene Weg, dem Kind größtmögliche Autonomie zuzubilligen, aber gleichzeitig es intensiv zu begleiten und letztlich auch über Vorbildwirkung Einfluss zu nehmen.
Ja, ich dachte dieser Erziehungsstiel wie du ihn beschreibst wäre antiautoritär, da ich mir absolut nicht vorstellen konnte, dass jemand seine Kindern wissentlich nicht vor Gefahren bewahren würde.
Die Frage ist, was ich als Gefahr bewerte. Ein stumpfes Messer, mit dem mein Kind auf meinem Schoß spielt, ist für mich keine Gefahr. Eine Mauer, auf die es klettert, ebenfalls nicht. Gefährlich finde ich, ein Kind überall und immer zu halten, stützen, "Vorsicht" zu rufen und ihm keine Möglichkeit zu geben, seinen Körper, seine eigenen Grenzen kennenzulernen und zu überschreiten.
Vor echten Gefahren (Straßenverkehr, etc.) schütze ich es natürlich - auch autoritär kraft meiner physischen Überlegenheit. :wink:
glockenblümchen
alter SuT-Hase
Beiträge: 2339
Registriert: 07.04.2008, 12:26

Re: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Beitrag von glockenblümchen »

kaehde hat geschrieben: Zum Thema hauen: ich lasse mich nicht schlagen. Aber natürlich haben auch meine Kinder das ausprobiert. Ich habe dann immer geschaut, welcher Grund dahintersteckt (mMn wird dieses: das Kind will nur die Grenze testen überbewertet). Das kann zb sein,dass es die Reaktion interessant findet. Es kann auch sein , dass es um die Bewegung beim hauen geht oder um Kontaktaufnahme.
Evtl ist es auch ein ventil um ärger rauszulassen.
Hier schaue ich immer genau hin und Lenke dann entsprechend um.
Sage also klar: "NEIN!"
Und biete dann die alternative an, die ich für passend halte. Das kann gegen die Wand oder den Boden hauen sein, das kann eine gemeinsame bewegungsaktivitaet sein oder die Erklärung wie man sozial kompatibel Kontakt aufnimmt.
Prinzipiell bin ich Deiner Meinung.
kaehde hat geschrieben:[...](mMn wird dieses: das Kind will nur die Grenze testen überbewertet)[...]Das kann zb sein,dass es die Reaktion interessant findet. Es kann auch sein , dass es um die Bewegung beim hauen geht oder um Kontaktaufnahme. Evtl ist es auch ein ventil um ärger rauszulassen.
Das ist doch aber auch nichts anderes als Grenzen zu testen. Ich muss dazu sagen, ich finde "Grenzen testen" in keinster Weise negativ sondern unbedingt nötig für eine gesunde Entwicklung (wie ich bereits schrieb: das gibt Kindern Sicherheit und Orientierung). Das Kind testet in Deinem Fall: Kann es ein Ventil sein um meinen Ärger rauszulassen und je nachdem wie Du reagierst wird es seine Antwort darauf finden bspw.: Mama sagt nichts - mh scheint okay zu sein. Und so könnte man es für jedes Deiner Beispiele sehen.
Benutzeravatar
kaehde
Prof. Dr. SuT
Beiträge: 7961
Registriert: 21.07.2005, 16:14
Wohnort: nahe München

antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Beitrag von kaehde »

Ueberbewertet ist vielleicht der falsche Ausdruck. Meiner Erfahrung nach wird es oft als Erklärung benutzt ohne genauer hinzuschauen was der Hintergrund ist. Das das Kind seine Grenze testet ist ja schon Erklärung genug und hier wird dann die Grenze gezogen, aber keine Alternative angeboten.
Verstehst du, was ich meine?
Viele Grüße,
Katja


Kurz und knapp vom Handy aus
Katja mit Benjamin (32.0 SSW, 02/05)
und Rebecca (02/08 )

Das Wichtigste im Leben sind ja sowieso die gelebten Beziehungen und die Liebe, die man schenkt und bekommt. (duduja)
glockenblümchen
alter SuT-Hase
Beiträge: 2339
Registriert: 07.04.2008, 12:26

Re: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Beitrag von glockenblümchen »

kaehde hat geschrieben:Ueberbewertet ist vielleicht der falsche Ausdruck. Meiner Erfahrung nach wird es oft als Erklärung benutzt ohne genauer hinzuschauen was der Hintergrund ist. Das das Kind seine Grenze testet ist ja schon Erklärung genug und hier wird dann die Grenze gezogen, aber keine Alternative angeboten.
Verstehst du, was ich meine?
Ja absolut und ich geb Dir recht, es ist ganz wichtig zu schauen, was dahinter steht. "Grenzen testen" quasi als "Oberbegriff" :wink: und dann muss eben weiter nach der Ursache geguckt werden.

Wobei sich in der Regel die Konsequenz ähnelt: beim Hauen wäre egal warum meine Reaktion, dass ich nicht gehauen werden möchte. ABER es ist tatsächlich ein großer Unterschied, ob ich das mit dem Empfinden mache, dass mein Kind mich mutwillig gehauen hat um mich zu verletzen oder weil es Kontakt zu mir aufnehmen will!
Sibi
Profi-SuTler
Beiträge: 3829
Registriert: 21.05.2011, 20:39

Re: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Beitrag von Sibi »

Ich finde ehrlich gesagt, das "Grenzen testen" so überhaupt gar nichts aussagt - weder über die Situation noch über Wünsche, Bedürfnisse oder Ängste des Kindes in der Situation. :oops: Ich hasse ihn jedenfalls, den Begriff.
glockenblümchen
alter SuT-Hase
Beiträge: 2339
Registriert: 07.04.2008, 12:26

Re: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Beitrag von glockenblümchen »

Sibi hat geschrieben:Ich finde ehrlich gesagt, das "Grenzen testen" so überhaupt gar nichts aussagt - weder über die Situation noch über Wünsche, Bedürfnisse oder Ängste des Kindes in der Situation. :oops: Ich hasse ihn jedenfalls, den Begriff.
Echt? Ich find da steht ganz viel hinter und ich finde auch so gar nichts schlimmes daran. :wink: So unterschiedlich kann es sein. Grenzen sind für mich etwas ganz wichtiges: jeder Mensch hat seine Grenzen und es enorm wichtig, dass diese respektiert werden. Kleines Beispiel: ich möchte das man mich fragt, ob man mich anfässt und genauso wird es bei meinem Neugeborenen sein (das seine Grenzen eben noch nicht wahren kann).
Sibi
Profi-SuTler
Beiträge: 3829
Registriert: 21.05.2011, 20:39

Re: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Beitrag von Sibi »

glockenblümchen hat geschrieben:Echt? Ich find da steht ganz viel hinter und ich finde auch so gar nichts schlimmes daran. :wink: So unterschiedlich kann es sein. Grenzen sind für mich etwas ganz wichtiges: jeder Mensch hat seine Grenzen und es enorm wichtig, dass diese respektiert werden. Kleines Beispiel: ich möchte das man mich fragt, ob man mich anfässt und genauso wird es bei meinem Neugeborenen sein (das seine Grenzen eben noch nicht wahren kann).
Korrigiere mich, wenn ich mich irre. Aber wenn von "Grenzen testen" gesprochen wird, wird meist nicht gemeint, dass das Kind sein Recht auf Autonomie wahrnimmt, sondern eher, dass es die Grenzen anderer überschreitet, eben deren Grenzen "testen" will. Will es aber m. M. n. nicht, es will lediglich seinen Bedürfnissen nachkommen - wenn diese mit den Grenzen anderer in Konflikt stehen, müssen natürlich Kompromisse gefunden werden.

Dein Beispiel mit dem Neugeborenen finde ich problematisch, weil Du Deine Bedürfnisse auf die Deines Kindes projizierst - Bedürfnisse unterschiedlicher Menschen können aber massiv abweichen. Zumindest mein Kind hat einen völlig anderes Bedürfnis nach körperlicher Distanz als ich und konnte von Geburt an deutlich machen, wenn ihm die Distanz nicht passt. (Meist war sie zu groß. :mrgreen: )
glockenblümchen
alter SuT-Hase
Beiträge: 2339
Registriert: 07.04.2008, 12:26

Re: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Beitrag von glockenblümchen »

Sibi hat geschrieben: Korrigiere mich, wenn ich mich irre. Aber wenn von "Grenzen testen" gesprochen wird, wird meist nicht gemeint, dass das Kind sein Recht auf Autonomie wahrnimmt, sondern eher, dass es die Grenzen anderer überschreitet, eben deren Grenzen "testen" will. Will es aber m. M. n. nicht, es will lediglich seinen Bedürfnissen nachkommen - wenn diese mit den Grenzen anderer in Konflikt stehen, müssen natürlich Kompromisse gefunden werden.
Also, für mich schließt sich das nicht aus, ich bin der Meinung dass es das Bedürfnis des Kindes ist, Grenzen auszutesten :) verstehst Du was ich meine?
Die Ich - Identität des Kindes bildet sich dadurch aus, dass es sich von den Menschen seiner Umgebung (zunächst im besten Falle von seiner Mutter / seinem Vater) abgrenzt - also "Grenzen testet". Das Kind hat ja gar keine Idee davon, dass es eigenständig ist (zeigt das Beispiel, dass ein Kleinkind statt "Ich" den eigenen Namen nutzt, in das Alter fällt vermutlich ja zB noch das Kind von miachan).
Sibi hat geschrieben:Dein Beispiel mit dem Neugeborenen finde ich problematisch, weil Du Deine Bedürfnisse auf die Deines Kindes projizierst - Bedürfnisse unterschiedlicher Menschen können aber massiv abweichen. Zumindest mein Kind hat einen völlig anderes Bedürfnis nach körperlicher Distanz als ich und konnte von Geburt an deutlich machen, wenn ihm die Distanz nicht passt. (Meist war sie zu groß. :mrgreen: )
Stimmt, ich projeziere und ich glaube das kann ich auch nur so lange es interpretativ bleibt, weil mein Kind sich nicht sprachlich eindeutig ausdrücken kann. Achtung provokativ gesagt: Vielleicht wollte Dein Kind Distanz - Du hast aber interpretiert, dass es, wenn es still ist, zufrieden ist, also Nähe möchte. Nun stell Dir aber vor, Dein Kind wird still weil es die Nähe unerträglich findet (ich weiß, doofes Beispiel, aber genauso ist es ja auch beim Anfassen des Kindes durch fremde Personen). Also, was Du als Bedürfnisbefriedigung Deines Kindes ansiehst ist interpretativ und damit auch Projektion oder nicht?

Um es noch komplexer zu machen: Bedürfnisse sind sogar nicht nur individuell sondern auch kulturell bedingt und geprägt, d.h. ich mag es nicht, wenn mein Kind von fremden Personen angefasst wird, ich weiß aber das es in Teilen von Asien eher unhöflich ist, wenn Du das Kind ignorierst. War das jetzt verständlich?

OT: Spannende Unterhaltung! :D
Sibi
Profi-SuTler
Beiträge: 3829
Registriert: 21.05.2011, 20:39

Re: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Beitrag von Sibi »

glockenblümchen hat geschrieben: Stimmt, ich projeziere und ich glaube das kann ich auch nur so lange es interpretativ bleibt, weil mein Kind sich nicht sprachlich eindeutig ausdrücken kann.
Sprache finde ich weitgehend irrelevant. Es gibt ja genug Studien darüber, wieviel von dem Gesprochenen beim Empfänger ankommt und wie viel wichtiger Körpersprache, Gestik und Mimik in der Kommunikation ist. Gerade, wenn es um Emotionen geht. Selbst Erwachsene können Emotionen häufig nicht sprachlich gut benennen.

Und ja, ich bin sicher, dass ich mein Kind da richtig interpretiert habe - wobei mein Kind da auch immer sehr deutlich war. :wink: Ich glaube aber, dass vielen Menschen die Sensibilität oder die Geduld oder auch Erfahrung fehlt, Körpersprache richtig zu deuten.

Zu kulturell bedingten Bedürfnissen: Ja, da hast Du sicher recht, aber wenn es um Neugeborene und Babys geht, zieht das Argument m. E. nicht, weil da die kulturelle Bildung ja noch nicht erfolgt ist.
Benutzeravatar
Seerose
Miss SuTiversum
Beiträge: 15021
Registriert: 26.07.2006, 13:59
Wohnort: Bayern

Re: antiautoritär-wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Beitrag von Seerose »

, Kinder als gleichberechtigte Partner mit einem gewissen Mitspracherecht anzusehen
Meine Eltern haben dies in den 60er Jahren mit mir versucht und später Anfang 70 auch mit meinen Geschwistern. Und ich muß sagen, es hat mir/uns nicht gut getan. Sie hatten keinen Erziehungsstil in der Richtung, daß sie nun irgendwelche Bücher darüber gelesen hätten oder irgendeiner Bewegung anhingen, nein, sie wollten lediglich so ziemlich das Gegenteil tun von dem wie sie selbst aufgewachsen sind (beide in den 20/30er Jahren geboren und extrem autoritär erzogen worden wie das damals eben so üblich war).

Das Resultat war, daß ich mir Grenzen gewünscht habe und letztendlich dann um diese zu bekommen anfing merkwürdige Dinge in der Schule zu tun. Z. B. fing ich ohne Grund an zu spicken in der Probe in der ersten Klasse und erzählte dann wochenlang daß ich eine Strafarbeit aufbekommen habe und 100x das Wort blablabla schreiben muß. Ich war richtig stolz darauf.

Als Vorteil dieser Art von Erziehung würde ich sehen daß die Kinder sehr früh sehr selbstständig werden, sehr eigenständig, aber das ist auch alles, M. E. überwiegen die Nachteile... Das schreibe ich aber nur in Bezug auf meine eigene Erziehung. Was die Erziehungsstile von heute betrifft, halte ich es tatsächlich so wie meine Eltern, daß ich zwar wenn ich ein Buch in die Hand bekomme, dies auch interessehalber mal lese sofern es interessant ist, ich mich aber nie irgendeiner Richtung verschreiben würde sondern immer noch am ehesten auf mein Bauchgefühl "höre".

Ich denke gerade nochmal über das "gleichberechtigte Partner" nach... Mein Vater hat mich tatsächlich immer als einen solchen gesehen und entsprechend behandelt, aber im Nachhinein hat mir das nicht gut getan. Ein z. B. 4jähriges Kind ist einfach nicht gleichberechtigt seinem ca. 40 Jahre älterem Vater gegenüber und die Rolle des Vaters als Respektsperson geht dadurch verloren.
__________________________________________________

Liebe Grüße,
Seerose
Antworten

Zurück zu „Unsere Kinder“