Wie mit koerperlich sehr empfindlichem Drama-Koenig umgehen?

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nido56
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Wie mit koerperlich sehr empfindlichem Drama-Koenig umgehen?

Beitrag von nido56 »

Der Pirat ist eine brisante Mischung aus sportbegeistert, aktiv, wild und sehr, sehr, sehr wehleidig. Alle paar Tage spielt sich das gleiche Drama ab: Er springt irgendwo runter, schmeisst sich fuer eine heldenhafte Parade beim Fussball auf den harten Boden, stuerzt beim Tricks ueben mit dem Roller etc etc. So weit so normal. Bisher ist ihm dabei noch nie etwas wirklich schlimmes passiert, aber es gibt halt Schuerfwunden, blaue Flecke und auch schon mal ein etwas angeschlagenes Sprunggelenk, was dann ein paar Tage lang etwas stoert.

Das Problem ist, dass er dann ein wahnsinniges Drama macht, theatralisch zusammenbricht, sich bruellend auf dem Boden windet, erklaert, dass es hoellisch weh tut und er ganz bestimmt jetzt wochenlang nicht laufen kann. Je nachdem, wie er gerade so drauf ist, laesst sich das Problem dann oft mit etwas Plazebo (Kuehlpack, Desinfektionsspray, Pflaster etc) in 10 bis 15 Minuten beheben. Danach macht er weiter als waere nie was gewesen.

Aber wenn er eh nicht gut drauf oder sehr muede ist, dann kann es durchaus auch sein, dass der Nachmittag gelaufen ist und wir nach Hause muessen. Das passiert dann unter furchtbarem Gejammer "Warum passiert mir IMMER sowas? Den anderen Kindern passiert NIE sowas! Warum IMMER ich! Ich kann UEBERHAUPT NICHTS machen, weil ich mich IMMER gleich verletze!..." Von aussen gesehen stimmt das ja auch. Ich vermute aber stark, dass andere Kinder, die so bewegungsfreudig sind wie er, sich genauso oft verletzen, das aber mit einmal "aua", Gesicht verziehen und schmerzende Stelle reiben erledigen.

Ich gebe zu, ich reagiere da inzwischen oft ziemlich genervt. Das hilft natuerlich nicht wirklich. Am besten hilft, wenn ich ruhig und sachlich reagiere und ihm ohne grosses Trara eine "Behandlung" anbiete (normalerweise kuehlen). Aber manchmal habe ich echt keinen Nerv, wegen jedem angestossenen Zeh so einen Aufwand zu betreiben. Ich gestehe, dass mir bei dem "warum IMMER ich?" Gejammer auch schonmal etwas in der Art "Den anderen passiert das genauso. Die machen nur nicht so ein Theater drum" rausgerutscht ist, was es natuerlich nicht besser macht.

Hat jemand eine brillante Idee, wie ich konstruktiv mit ihm an seiner Schmerztoleranzgrenze arbeiten kann?
nido mit dem Piraten (01/2012)
Kaba
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Re: Wie mit koerperlich sehr empfindlichem Drama-Koenig umgehen?

Beitrag von Kaba »

Ist das genauso schlimm, wenn du nicht dabei bist, weißt du das? Ich finde, zu einem 10jährigen kann man das schon sagen, dass das anderen auch passiert bzw. dass das zu manchen Sportarten (Fußball..) auch dazu gehört. Also ich würde ihm nicht vermitteln wollen, dass Schmerz beim Sport grundsätzlich ignoriert werden sollte oder so, aber dass ein Profifußballer nicht nach jedem Tritt gegens Schienbein ausfällt, würde ich vielleicht schon mal erwähnen....

Ansonsten hätte ich noch die Idee, ihn schrittweise selbst fürs Aua-Versorgen verantwortlich zu machen...also Kühlpack holen, Pflaster kleben..
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Sabina
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Re: Wie mit koerperlich sehr empfindlichem Drama-Koenig umgehen?

Beitrag von Sabina »

Ich hab auch so eine Drama Queen aber etwas anders gelagert. Es nervt und ich habe oft auch keinen Nerv.

Was sagt denn der Pirat wenn du ihn darauf ansprichst?
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nido56
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Re: Wie mit koerperlich sehr empfindlichem Drama-Koenig umgehen?

Beitrag von nido56 »

Kaba hat geschrieben: 02.08.2022, 20:21 Ist das genauso schlimm, wenn du nicht dabei bist, weißt du das?
Jein. Also er reißt sich dann wohl etwas mehr zusammen, was das ganz große Drama angeht. Aber er hat sich durchaus auch schon häufiger beschwert, das er in der Schule/ Nachmittagsbetreuung gezwungen wurde trotz Verletzung an den Aktivitäten teilzunehmen. Ich vermute also, dass er da auch ordentlich Theater macht und seine Klagen abgewunken werden.
Ich finde, zu einem 10jährigen kann man das schon sagen, dass das anderen auch passiert bzw. dass das zu manchen Sportarten (Fußball..) auch dazu gehört. Also ich würde ihm nicht vermitteln wollen, dass Schmerz beim Sport grundsätzlich ignoriert werden sollte oder so, aber dass ein Profifußballer nicht nach jedem Tritt gegens Schienbein ausfällt, würde ich vielleicht schon mal erwähnen....
Ich habe ihm schon öfter erklärt, dass man lernen muss, zu unterscheiden, wann etwas einfach nur Kurz weh tut, aber schnell wieder vorbei geht, und wann es so weh tut, dass man wirklich besser erstmal Pause macht und den Kühlpack holt. Bisher vergeblich.
Ansonsten hätte ich noch die Idee, ihn schrittweise selbst fürs Aua-Versorgen verantwortlich zu machen...also Kühlpack holen, Pflaster kleben..
Das könnte ich mal versuchen.
nido mit dem Piraten (01/2012)
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Re: Wie mit koerperlich sehr empfindlichem Drama-Koenig umgehen?

Beitrag von nido56 »

Sabina hat geschrieben: 02.08.2022, 21:15 Was sagt denn der Pirat wenn du ihn darauf ansprichst?
Er ist fest davon überzeugt, dass den anderen nie was weh tut. Nur ihm. Immer. Ganz schrecklich!
nido mit dem Piraten (01/2012)
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Sabina
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Re: Wie mit koerperlich sehr empfindlichem Drama-Koenig umgehen?

Beitrag von Sabina »

Ich meine mehr, dass du ihn mal ansprichst auf das, was du im oberen Teil beschreibst. Wenn er meint er könne nie mehr aufstehen oder so und kurze Zeit später wieder auf dem Feld rumhüpft.
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Re: Wie mit koerperlich sehr empfindlichem Drama-Koenig umgehen?

Beitrag von nido56 »

Sabina hat geschrieben: 02.08.2022, 21:35 Ich meine mehr, dass du ihn mal ansprichst auf das, was du im oberen Teil beschreibst. Wenn er meint er könne nie mehr aufstehen oder so und kurze Zeit später wieder auf dem Feld rumhüpft.
Hinterher ist er durchaus einsichtig und gibt zu, dass es dann doch schneller wieder vorbei war als gedacht. Leider hat das bisher keinen grossen Lerneffekt. Beim naechsten Mal ist es dann wieder genauso schlimm und dieses Mal ist dann aber ganz, ganz sicher irgendwas verstaucht und wird jetzt tagelang ganz schrecklich weh tun etc etc...

Wenn ich jetzt so nachdenke, dann faellt mir ein, dass, als er noch klein war, immer allen aufgefallen ist, wie genau er benennen konnte, wenn ihm irgendwas weh tat. Diffuses "Bauchweh" oder einfach nur "Aua" oder sowas gab es bei ihm nie. Er klagt auch zB fast immer ueber Bauchweh, bevor er dann feststellt, dass er einfach nur aufs Klo muss (keine Verstopfung). Scheinbar empfindet er den ganz normalen Druck, wenn man mal muss, bereits als Schmerz. Vielleicht ist er wirklich sensibler als andere Kinder, was das koerperliche Empfinden angeht. Hm...
nido mit dem Piraten (01/2012)
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Re: Wie mit koerperlich sehr empfindlichem Drama-Koenig umgehen?

Beitrag von ShinyCheetah »

Hui, ich bin mal gespannt, ob F mit 10 auch (noch) so ist (und muss mal gerade einwerfen, dass er sich heute das Knie angeschlagen hat, sogar mit etwas Blut, und es keinen Meltdown gab - ich war total baff!). Mir kommt das alles sehr vertraut vor ;)

Ist der Pirat hochsensibel? Hältst du es für möglich, dass er den Schmerz bei so kleinen Verletzungen *wirklich* intensiver empfindet als andere?

Ich glaube, das ist, was ich ihm versuchen würde zu vermitteln. Ja, es kann sein, dass es den anderen Kindern nicht so doll wehtut, wenn sie sich auf die gleiche Art verletzen. Aber am Ende muss er selbst lernen, mit seiner eigenen Schmerzempfindlichkeit klar zu kommen. Es ist gemein, dass ihm diese Sachen so weh tun. Und er darf sich darüber ärgern. Aber wenn er lernt, den Schmerz besser zu akzeptieren, kann er vielleicht mit mehr Spaß und weniger Frust seinen Hobbys nachgehen.

Mit 10 kannst du ihm auch definitiv schon erklären, was ein Placebo ist 8) Und dass es total okay ist, diesen Effekt für sich zu nutzen. Aber dafür braucht er dich nicht. Eigentlich ;)
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Teelicht
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Re: Wie mit koerperlich sehr empfindlichem Drama-Koenig umgehen?

Beitrag von Teelicht »

Mein Großer war seit dem Babyalter auch so, und sein Vater ist auch so. Ich habe es meinem Mann noch ganz abgenommen, dass er solche Schmerzen hat, aber jetzt wo ich mein Kind sehe, nehme ich an, dass sie tatsächlich mehr leiden. Mein Mann muss sich alleine um seine Wehwehchen kümmern und ich würde sagen, das können auch 10-jährige.
Wenn er weiter jammert ist es vielleicht was anderes was fehlt, zum Beispiel Essen im Bauch und Ablenkung?
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nido56
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Re: Wie mit koerperlich sehr empfindlichem Drama-Koenig umgehen?

Beitrag von nido56 »

Teelicht hat geschrieben: 07.08.2022, 19:17 Mein Großer war seit dem Babyalter auch so, und sein Vater ist auch so. Ich habe es meinem Mann noch ganz abgenommen, dass er solche Schmerzen hat, aber jetzt wo ich mein Kind sehe, nehme ich an, dass sie tatsächlich mehr leiden. Mein Mann muss sich alleine um seine Wehwehchen kümmern und ich würde sagen, das können auch 10-jährige.
Wenn er weiter jammert ist es vielleicht was anderes was fehlt, zum Beispiel Essen im Bauch und Ablenkung?
Wenn er müde ist, ist mehr Drama, das auf jeden Fall. Ansonsten ist er sehr gut darin, seine Bedürfnisse zu erkennen und zu benennen. Also Hunger zB bemerkt er zuverlässig. Ablenkung klappt nicht.

Ich denke, der Hinweis von mehreren von euch, ihn nicht zu betüddeln sondern ihm selbst die Verantwortung zu geben, sich um seine Wehwehchen zu kümmern, ist gut. Autonomie ist nämlich seine andere Baustelle.

Er ist ein Kind, dass selten "Ich will allein!" gebrüllt hat und immer etwas angestupst werden musste, um so Sachen wie anziehen, duschen, Nägel schneiden etc. alleine zu machen.
nido mit dem Piraten (01/2012)
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