Landliebe88 hat geschrieben: 06.05.2022, 07:38
Das mag ja alles stimmen, ich finde halt, es entschuldigt Ärzte nicht.
Ausgehend von der Aussage, dass es traurig und ärgerlich ist, dass man sich von Ärzten immer wieder so etwas anhören muss, klingt das nämlich für mich so nach dem Motto: Die können dafür nichts, die werden ja mit Werbung bombardiert und sind den großen Konzernen quasi hilflos ausgeliefert.
Ein Arzt muss zu dem Thema auch gar nichts sagen, wenn er nichts darüber weiß. Die Infos aus Werbematerial an Patienten weiterzugeben, ohne mal den Wahrheitsgehalt zu prüfen, ist dumm und fahrlässig.
Und dass so etwas wie "Stillen ist das Beste" nicht freiwillig dabei steht, sollte auch jedem klar sein.
Dass Kinderärzt:innen sich bei U-Untersuchungen dauerhaft zum Thema Stillen/Babyernährung ausschweigen können, indem sie sagen "damit kenne ich mich nicht aus" wage ich zu bezweifeln.
Es soll auch keine Entschuldigung sein, nur ein Erklärungsversuch.
Und die Frage ist auch, wen genau man "angreift" bzgl. des Problems: Den einzelnen Arzt, der es halt in (sicherlich übermäßig stressigen) Studien- und Berufseinstiegsjahren macht "wie alle", oder die Grundstrukturen, die es begünstigen, dass das Wissen zu so grundlegenden Themen viel zu oft aus babynahrungsindustrie-gesponserten Fortbildungen kommen.
Im Endeffekt ist es ein Problem der universitären Ausbildung und später der Anforderungen, wieviele Fortbildungen zum Thema Stillen in welchem Turnus erforderlich sind und welche Träger/Anbieter dafür zulässig, oder?
Also ich sprach mal mit einem Kinderarzt im Bekanntenkreis, der sagte, in seinem Studium sei das Thema Stillen im Rahmen EINER Vorlesung vorgekommen. Ich dachte erst, er meine einmal wöchentlich ein Semester lang (das wäre ja gar nicht wenig), wurde aber korrigiert: nein, eine Doppelstunde in EINER Woche im Rahmen einer Vorlesungsreihe zu wechselnden anderen Themen.
Aus dem Studium kam für ihn zum Thema Stillen also das Wissen von 90 Minuten

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erdbeerbrot hat geschrieben: 06.05.2022, 08:21
Es ist den meisten Menschen (mich eingeschlossen) oft einfach nicht so bewusst, wie wenig man sich mit etwas auskennt, bis man sich nicht näher damit beschäftigt.
Das ist halt der entscheidende Punkt. Das betrifft uns ja alle auf so ziemlich jedem Gebiet, in dem wir nicht grad einigermaßen eingelesen und up to date sind. Da ist niemand vor gefeit.
Es reicht ja eine kleine (veraltete oder falsche) Information, die man sich mal irgendwann abgespeichert hat, und man zieht vielleicht lebenslang in der Beratung falsche Schlüsse draus. Nicht alles lernt man ja auswendig, sondern man speichert Grundprinzipien ab und leitet dann für den Einzelfall was draus ab.
Mir fällt da z.B. die Sache mit den "Milchseen" in der Brust ein, von denen man lange(!) Zeit fälschlicherweise ausging.
Daher kommt die Vorstellung, dass die Brust sich nach dem Stillen wieder "füllen" müsse, damit genügend Milch da ist, die das Baby "heraussaugen" kann.
Dass es diese ominösen "Milchseen"
(i.e. Milchgangserweiterungen, die [in dieser Vorstellung "weiter hinten" in der Brust produzierte] Milch speichern, wie die Blase den Urin, der von der Niere kommt, speichert),
gar nicht gibt, ist manchen Fachleuten heute noch unbekannt.
Die wissen dann nichts von "Milch bildet sich beim Stillen, der Milchspendereflex befördert die Milch aktiv nach draußen, das Baby kann den MSR selbst aktiv auslösen durch den Wechsel seiner Saugmuster und dadurch beeinflussen, wie viel Milch es bekommt" etc.
Prompt ist diese Fachperson (allein ableitend von ihrem Wissen um "Milchseen") bei einem Tipp wie:
"Verlängern sie die Stillabstände, wenn ihr Baby nicht satt wird, damit die Brust vor der nächsten Mahlzeit wieder schön voll ist" (was Mütter verunsichert [spätestens, wenn sich die Milchbildung eingepegelt hat und die Brüste wieder weicher werden: haben sie jetzt plötzlich keine Milch mehr?!?] und auch körperlich genau das Gegenteil bewirkt, da Übervölle der Brust signalisiert: "Bitte weniger produzieren!")
Klar könnte jemand sich fortbilden: wenn er dafür Notwendigkeit sieht.
Wenn so ein "anatomischer Fakt" wie das Vorhandensein von "Milchseen" aber z.B. von 1840 bis Anfang der 2000er als gesichert galt: woher wird jemandem bewusst, dass sich da was geändert hat?
Dass sich bei Muttermilchersatz und/oder Babygläschen ab und an "Innovationen" auftun, scheint (auch durch das tolle Marketing der Firmen, bei denen ja ständig irgendwas neu, noch besser, unbekannt, ... ist) intuitiv doch viel logischer, als dass man über sowas "schon immer so gewesenes" wie das Stillen noch Neues erfahren könnte.