Skoxi hat geschrieben: 26.10.2018, 14:59
Wie funktionieren Menschen die diesen Film positiv sehen, oder wie berichtet wird, im Kino lachen? Das sind keine verzweifelten Eltern die vor lauter Not ihr Mitgefühl für ihre Kinder ausgeschalten haben.
Ich will jetzt doch mal hierauf antworten, weil ich persönlich denke, dass genau darin u.a. der Punkt liegt, weshalb es zwei so extrem unterschiedliche Meinungen zum Film gibt. Ich sehe den Film nicht positiv, habe ihn aber mit einer Kommilitonin gesehen, die ihn (nicht durchweg, aber in großen Teilen) positiv sieht. Und ja, wir beide haben im Kinosaal auch gelacht. Denn das schafft der Herr Langer und auch der Schnitt meiner Meinung nach leider ganz gut: die Komik einer Situation (auch wenn auf Kosten der Kinder) verstärken und herausstellen. Gleich mehrmals habe ich mich selbst in einem Impuls zu lachen fragen müssen: über was lache ich da gerade eigentlich.
Als Beispiel: es gibt eine Szene, in der er mit einem Mädchen spazieren (und joggen -
damit sie lernt Führung zu akzeptieren oder so?!?) geht, sie verliert dabei ihre Mütze (was von der Kamera auch eingefangen wurde und auch detailliert gezeigt wurde, wie sie sie erst absetzt, dann eine Weile trägt und irgendwann fallen lässt und man denkt nur: das war so klar, dass das passiert) und will sie, als er das bemerkt nicht wieder holen gehen. Es folgt eine kurze Diskussion, in der er u.a. argumentiert, dass ihre Mutter die ja bezahlt hat etc und das Mädchen dann sagt, die Oma hätte die gekauft, er wiederholt, dass dann ja die Oma traurig ist, wenn die Mütze einfach weg ist. Sie ändert daraufhin die Aussage und behauptet sie habe sie selbst bezahlt (vom Geld der Oma oder so) .... das ist zugegebenermaßen schon irgendwie witzig - zumindest fällt es mir auch in einer realen Diskussion dieser Art mit einem Kind schwer, mir das Lachen zu verkneifen. Nachdem diese Stimmung also aufgebaut ist, sitzt das Mädchen auf dem Boden und möchte nicht zurück laufen, er sagt er hätte alle Zeit der Welt und steht sich ein bisschen die Beine in den Bauch (und auch das wieder in überspitzter Weise, dass man irgendwie schon im lachen drin ist)... daraufhin läuft er aber (mitten im Park mit ausschließlich für das Mädchen fremden Menschen in vermutlich einer fremden Stadt) ohne ein Wort weg. Man sieht, wie das Mädchen sich irritiert umschaut und dann entschließt, es ist wohl die klügere Entscheidung , hinterher zu laufen. Langer ist in der Zeit für sie nicht sichtbar im Kreis gelaufen und holt sie von hinten wieder ein. Natürlich ist die Not der Kindes in der Situation nicht lustig und wenn man da reflektiert genug und auf Seite des Mädchens bleibt, vergeht einem das Lachen auch sehr schnell, aber erstmal schafft es der Film schon an einigen Stellen, dass man auch ohne die Methoden oder das Menschenbild bez. auf die Kinder gut zu heißen, zumindest schmunzeln muss - zumindest ging es mir so. Mir persönlich war Herr Langer auch insgesamt in seiner Art zu erklären sympathisch (das was er an Grundsätzen erklärt hat, war teils auch einfach richtig (z.b. Angstkurve) - nur der Schluss und die daraus abgeleiteten Methoden teilweise einfach menschen- und damit kindunwürdig.)
Ich habe danach noch kurz mit meiner Kommilitonin geredet und fand es schon fast faszinierend wie unterschiedlich unser Eindruck war. Sie hat hauptsächlich anerkannt, was dort geleistet wird, nämlich eine für die Familien stark belastende Situation zu entschärfen (da kann ich ihr noch nichtmal widersprechen, wenn man das so für sich stehen lässt). Darauf lag ihr Fokus - der Rest "Hmm na ja, nicht optimal für die Bindung, aber da kann es ja in 3 Wochen auch nicht drum gehen, wenn man es mit so akut belasteten Familien zu tun hat". Dass es mir in meiner Kritik nicht primär um die Bindungsqualität der Kinder ging, hat sie glaub ich immernoch nicht ganz verstanden. Insgesamt haben wir auch festgestellt, dass wir nicht gezeigtes unterschiedlich "gefüllt" haben. Beispielsweise war die Fremdbetreuung ohne Eingewöhnung in ihren Augen total ok, weil sie einfach fest davon ausgegangen ist, dass das Kind die Betreuungsperson schon kannte, weil sie das in so einer Klink voraussetzt. Ich gehe eher vom Gegenteil aus. Aber es wird halt einfach nicht gezeigt und lässt deshalb Raum für die eigene Vorstellung / Erwartung. Das ist in vielen Situationen der Fall - beim Schlaftraining wird auch nicht explizit gezeigt, dass Kinder schreien gelassen werden. Aber einige Szenen lassen diesen Schluss zu (oder eben den, dass ja dann die Schwester sofort reingeht und die kennt das Kind ja

... Sorry es viel mir etwas schwer, sie da weiterhin ernst zu nehmen). Auch hat sie sich überhaupt nicht an Ausdrücken wie "Sie müssen ihm zeigen, dass Sie der Boss sind" / "Machtkämpfe" und ähnliche gestört... Ich hab ihr versucht zu erklären, weshalb ich das für Blödsinn halte, da hat sie mir auch vollkommen zugestimmt, findet es trotzdem ok, weil so wie ich das ausgedrückt habe, hätten die Familien das eh nicht verstanden. Der eine nenne es so, der andere so und ich würde mich da sehr an der Sprache aufhängen. Insgesamt hat sie auch nicht alles gutgeheißen (z.b.das Zwangsfüttern fand sie auch "unnötig"), ich hab jetzt mal absichtlich die Dinge rausgestellt, in denen wir uns uneins waren.
Ich fand es sehr schade, dass die Diskussion ausfiel, denn zumindest den Punkt, was an den Stellen passiert, die der Film offen lässt, hätte man evtl ansatzweise klären können und natürlich einen Haufen Kritik loswerden können. Inhaltliche Kritik spare ich mir hier jetzt mal. Da kann ich glaube ich den vielen schon verlinkten Artikeln auch nichts mehr hinzufügen. Aber ich hab nachdem ich ihn letzten Dienstag gesehen hab, mehr Verständnis dafür, wie es dazu kommt, dass es Leute gibt, die nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, nachdem sie den Film gesehen haben.
Ist jetzt doch sehr lang geworden.... für Fehler ist das Handy zuständig, für schlechte Verständlichkeit mein Matschhirn, aber ich wollte da schon die ganze Zeit was zu schreiben