Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Wiege oder Familienbett? Allein oder zusammen? Wie schlafen wir alle am besten?

Moderator: Giraeffchen

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Serafin
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Serafin »

Die Natur hat mir zwei Ohren gegeben und meinem Kind einen Mund. Wenn ich nicht auf mein Kind hören soll, dann hätte ich keine Ohren oder mein Kind keinen Mund.

Selbstwirksamkeit werden ich wohl kaum lernen, wenn meine Bedürfnisse konsequent ignoriert werden, sondern genau das Gegenteil, da schließe ich mich den anderen an.
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IdieNubren
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von IdieNubren »

OT: toller neuer Forumsrang serafin ☺️ Und wieder mal klasse formuliert 😉

Warum solche Methoden „funktionieren“ liegt mWn an der natur des Kindes: ein Kind liebt seine Eltern - egal was die mit ihn tun. Und der überlebenswille ist schon sehr groß, Kinder stecken einiges weg, das zeigt uns ja die Geschichte.
Überzeugen, diskutieren, argumentieren führt meiner Erfahrung nach nur zu viel Frust bei einem selbst. Ich hab den Kontakt zu einem befreundeten Pärchen abgebrochen weil ich die Erziehungsmethoden nicht ertrage.

Interessanterweise bin ich ich jetzt schon zweimal über einen Artikel zu „Gewalt in der Pflege“ gestoßen, bei dem ich mir dachte, das hat viel damit zu tun wie auch mit Babys umgegangen wurde - also ignorieren der Bedürfnisse und ein „schlecht reden“ (das macht sie nur um mich zu ärgern)
Das mit den pubertierenden die die Bedürfnisse der Eltern ignoriere finde ich einen sehr interessanten Ansatz.
Das ist übrigens auch meine liebste Argumentation, ich möchte meine Baby/Kind genauso behandeln wie ich selbst behandelt werden möchte. Und wenn ich alt und schwach im Bett liege und rufe und weine wäre es schön wenn jemand kommt. Oder wenn ich mit einer Freundin in der stadt spazieren geh und stolpere fände ich es nett wenn sie mir aufhilft und nicht daneben steh und „nichts passiert“ sagt 😉
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Lösche Benutzer 24617 »

IdieNubren hat geschrieben: 07.06.2018, 07:32 Und der überlebenswille ist schon sehr groß, Kinder stecken einiges weg, das zeigt uns ja die Geschichte.
Genau das glaube ich auch. Kinder wollen überleben. Kinder, die mit einer nicht bindungsorientierten("schlechten") Kindheit resigniert haben, hatten keine Chance.
Serafin
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Serafin »

Das mit dem das Kind so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte bringe ich oft als Beispiel. Komischerweise wird seitdem von meiner nicht-bindungsorientiert erziehenden Schwägerin das nicht mehr angesprochen.

Ich frag gern so Sachen wie: Und wenn du mal im Altersheim liegst, soll ich dann den Schwestern auch sagen, dass sie dich ruhig liegen lassen sollen, bist ja gewickelt und hattest was zu essen?
Oder: Was? Du trinkst schon wieder? Das ist aber noch keine vier Stunden her! Das geht aber nicht!

Und wenn dann kommt, ja, das ist aber was anders. Da frag ich gern, was ist denn da anders? Es ist noch viel schlimmer, ein hilfloses Baby schreien zu lassen/hungern zu lassen etc, als einen erwachsenen Menschen.
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Maja
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Maja »

Bei dieser Selbstwirksamkeitssache geht es in Bezug aufs Schlafen um eine Selbstregulation, also dass es ein Reifungsprozess im Kind ist, die eigenen Bedürfnisse und Empfindungen auch mehr und mehr aus sich selbst heraus erfüllen/regulieren zu können.

Das ist vom Grundgedanken her nicht falsch, denn hier wird der gleiche Antrieb impliziert, der Kinder auch dazu bringt zu äußern, dass sie alleine essen, alleine trinken, alleine laufen, alleine irgendwas anderes wollen. Dabei leisten wir als aufmerksame Eltern schließlich auch Hilfestellung, so weit es nötig ist, aber lassen das Kind eben "großwerden". Das sollte beim einschlafen und durchschlafen genauso geschehen und man sollte dem Kind schon wenigstens die Chance geben, weitere Strategien zum "zur Ruhe kommen" zu finden als nur "an Mutters Brust nuckeln". Dazu muss man es, wie auch bei allen anderen Dingen, aufmerksam beobachten, wahrnehmen welche Hilfe es braucht, und dann in kleinen Schritten und ohne Ärger über "Rückschläge" den Weg mit ihm gehen. Etwas, was einschlafbegleitende Eltern üblicherweise tun. (Spätestens, wenn die Kinder es dann deutlich einfordern ;-) )

Aber genauso wie ein Kind immer wieder umkippt, wenn man es in einem "unreifen" Zustand auf seine Beine stellt zum Laufen, ist eben auch ein schreienlassen keine Unterstützung für die Selbstwirksamkeit beim aus-sich-selbst-zur-Ruhe-kommen. Wer sowas behauptet, hat das Konzept nicht verstanden oder plappert nur unreflektiert nach was er irgendwo gelesen hat.
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Serafin
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Serafin »

Na ja, aber viele Eltern stellen doch das Kind dauernd hin, reagieren nicht, wenns ähähäh macht, weils reden soll und ziehens an den Händen rum, damits laufen lernt. Und sehen sich somit als die, die machen, dass ihr Kind schneller/überhaupt lernt. Und das muss man natürlich genau so mit dem schlafen machen. Und sie sehen ja, dass es in Frust endet, wenn das Kind noch nicht wirklich laufen kann, aber dauernd an den Händen rumgezogen wird. Also ists beim Schlafen auch so.
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von FräuleinPfoetchen »

Ich habe mir die Frage auch oft gestellt: Wieso haben wir, die wir total bindungsorientiert und Urvertrauens-fördernd mit unserem Kind umgehen so viele Probleme und andere Kinder schlafen mit xy Monaten durch und allein ein?!

Das Problem ist, es ein sehr komplexes Thema, Familien sind sehr unterschiedliche Beziehungsgefüge und dadurch sind Langzeit-Folgen auch schwer zu untersuchen und zu beurteilen.

Gründe können unterschiedlich aussehen, dass andere Kinder unrpoblematish ein und durchschlafen.
Zum einen ist Schlafen wie laufen und sprechen ein Reifungsprozess. Und tatsächlich: Wenn ich mein Kind mit den Superschläfern vergleiche, ist mein Schlechtschläfer bei anderen Gebieten früher dran. Die Entwicklungen sind unterschiedlich.

Zum anderen haben Kinder unterschiedlich stark das Bedürfnis nach Nähe, Stichwort High-Need-Child oder gefühlststarke Kinder.

Und es gibt unterschiedlicher Schlaftypen. Ich hab es hier schon öfter mal geschrieben: Auch viele Erwachsene schlafen nur mit Hörspiel ein oder brauchen im Gegenteil absolute Stille. Sicher zeigt sich das auch im Babyalter schon, das es manchen Babies "egaler" ist, ob sie ins Bett gelegt werden oder bei den Eltern sind.

Und es gibt sicher auch - aber hier wird es schwieriger - Kinder, die einfach spüren, dass es eh nichts nutzt, nach den Eltern zu rufen. Ob sie das "gelernt" haben, oder resiginiert sind oder ob das einfach im komplexen Zusammenspiel innerhalb der Familie so entstanden ist, darüber lässt sich nichts sagen.

Für diese ganzen Fälle gilt
Korrelation oder Kausalität: Ob bei manchen Kindern tatsächlich eine Methode wir ferbern zielführend war, oder sie einfach nur zeitgleich einen Entwicklungssprung beim Schlafen gemacht haben, ist rückblickend schwer zu urteilen.

Wieso Methoden wie ferbern funktionieren, haben hier ja schon andere gesagt. Und auch, dass sie langfristig nix bringen. Es gibt hier ja auch einen Thread zu Erfahrungen mit dem Schreien lassen und wer es aushält, kann ja mal ins reddit forum zum Ferbern schauen. Die sind alle pro ferbern, aber ein Großteil der Threads zeigt, dass mit jedem Entwicklungsschub, jeder äußerlichen Veränderung der ganze "Erfolg" wieder futsch sein kann und die Eltern sich dort Rat holen, wie sie von vorne anfangen können.

Mir hat eine Aussage von Nora Imlaus Blog geholfen, aus dem Grübeln herauszukommen:
Ja, es gibt sogar eine Studie, die einen positiven Effekt von Schlaftrainings auf die Mutter-Kind-Interaktion nachgewiesen hat.
Natürlich könnten wir uns jetzt hinstellen und sagen: Das glaube ich nicht. Und damit genau das tun, was viele Schlaftrainings-Kritiker den Befürwortern vorwerfen: Wissenschaftliche Erkenntnisse einfach zu ignorieren und stur weiter die eigene Überzeugung zu vertreten. Aus meiner Sicht ist das kein zielführender Weg. Stattdessen habe ich, als Mutter und Journalistin, im Gespräch mit Frau Kast-Zahn vor allem eins gelernt: Es gibt Themen, da führen uns wissenschaftliche Argumente nicht weiter. Weil es eigentlich um eine ethische Frage geht, und die lautet: Kann es okay sein, ein hilfloses, von mir zu 100 Prozent abhängiges Wesen weinen zu lassen, wenn ich ihm ganz leicht helfen könnte?
Hier der gesamte Blogeintrag: https://www.nora-imlau.de/was-ich-von-a ... ernt-habe/


"Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?" ist eine nicht beantwortbare Frage, da sie unheimliche viele Aspekte beinhaltet und aus meiner Sicht unlösbar ist, weil es unendlich viele Faktoren zu berücksichtigen gebe.

Die entscheidende Frage ist für mich: Warum verbieten sich für mich bestimmte Methoden, auch wenn sie auf den ersten Blick Erfolg versprechen?


Würde mir jemand versprechen, ich könne eine Bank ausrauben und Millionärin werden und hätte keine Strafe zu befürchten - ich würde es nicht tun. Denn es ist ethisch für mich nicht nicht vertretbar, andere zu bestehlen. Auch, wenn ich noch so gerne Millionärin wäre :mrgreen:
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samsara
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von samsara »

Maja hat geschrieben: 06.06.2018, 22:59 Was ich schon merke jetzt im Umgang mit anderen Eltern mit pubertierenden Kindern ist dass es anscheinend schon einen Unterschied macht, wie in der Familie die ersten 12-13 Jahre Kommunikation gelebt wurde. Ausnahmen bestätigen zwar die Regel, aber die Mütter, die sich beklagen, dass ihre Teenies tagtäglich und vehement auf NICHTS reagieren, nicht auf bitten, nicht auf reden, nicht auf schreien, nicht mal auf ein in Tränen ausbrechendes Elternteil - das sind schon tendenziell die Familien, in denen ich kontinuierlich Situationen miterlebt habe, wo auch Bedürfnisäußerungen der Kinder ziemlich rigoros ignoriert und selbst echte Verzweiflung "abgetan" wurde. Also eine gewisse emotionale Abstumpfung und Ignoranz gegenüber den Signalen anderer Menschen scheint man seinen Kindern durchaus "anerziehen" zu können, wenn man es hartnäckig genug vorlebt und umsetzt. Dafür wird "nur ferbern" allerdings nicht reichen, da muss man vermutlich konsequenter sein ;-)

Interessanterweise finden es oft gerade die Eltern am empörendsten und emotional belastendsten, dass ihr Kind sie nun ferbert, die früher am entschiedensten "pro Ignorieren" waren. Das zieht sich dann ein Muster der "Gehorsamserwartung" als rote Linie durch, die durchaus persönlich genommen wird.

(Allerdings: auch das bindungsorientiertest aufgezogene Pubertier wird einen zeitwilig ignorieren, beleidigen und mit Türen schmeissen. Also wer meint, er könnte eine total entspannte Pubertät erleben, nur weil er total AP ist, der wird auch unangenehm überrascht werden :lol: )
Das finde ich einen superinteressanten Blickwinkel in diesem Thread. Also dass Jugendliche die Eltern ja auch irgendwann zurück-ferbern können. :shock: 🙈 Und dass gerade die Eltern, die diese Erziehung anwenden, besonders geschockt sind, wenn es aus dem Wald herausschallt. Vielen Dank für den Gedanken, so habe ich das noch nie weitergedacht. Klar gehe ich auch nicht davon aus, dass wir hier mal Eiapopeia haben werden, nur weil wir in der Kindheit der Jungs ziemlich bedürfnisorientiert unterwegs waren. Ich hoffe nur, dass es eben eine tragende Basis ist, immer wieder gut und ehrlich zueinander zu finden und ins Reine miteinander zu kommen.
Ferbern war hier nie Thema, deshalb kann ich nicht sagen, ob es besser "funktioniert" hätte. Ich bin aber schon ziemlich stolz, dass m eine Kinder sehr, sehr gerne abends ins Bett gehen und da keinerlei Dramen bestehen, wie ich sie von anderen oder auch aus meiner eigenen Kindheit mitbekommen habe. Sie empfinden das tatsächlich als etwas Schönes, Kuscheliges und irgendwie als Quality Time. Ich glaube aber, dass ich zB schon komplett geferbert aus dem Krankenhaus kam als Baby - und was ich tief in mir spüre bei dem Thema ist zum einen ein unglaubliches Nähebedürfnis beim Schlafen und zum anderen Ohnmachtsgefühle, wenn ich mich laut/mehrfach auf etwas äußere, das mich ärgert und das vom Gegenüber nicht wahrgenommen wird. Und ich bin ein ganz extremer Dunkelheits- und Nacht-Angsthase. Vielleicht ist das ja ein Gruß vom Urvertrauen?
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Sommermama2017 »

Vielen Dank für eure Gedanken, das war wirklich hilfreich! : )

Starker Überlebenswille ist sehr einleuchtend.

Dass mit dem Reifungsprozess war mir zwar irgendwie klar, aber der Vergleich mit dem Laufen ist gut.

Und auch dass alles Kinder unterschiedlich sind, ist immer wieder etwas, was beachtet werden muss... Man kann sie halt nicht vergleichen.


Dass Schlafen gehen nichts Schlimmes ist, bleibt hier hoffentlich auch so, diese Folge kann ich mir wirklich gut vorstellen!

Und auf die Auswirkungen in der Pubertät bin ich dann mal gespannt. :D
Liebe Grüße von Sommermama mit L. 07/17 und A. 01/21
Serafin
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Re: Warum funktionieren traditionelle Methoden (z.B. ferbern)?

Beitrag von Serafin »

Sommermama2017 hat geschrieben: 07.06.2018, 11:09

Dass Schlafen gehen nichts Schlimmes ist, bleibt hier hoffentlich auch so, diese Folge kann ich mir wirklich gut vorstellen!
Hach ja, irgendwas mach ich falsch 8) . Unser Kind hat kein Problem mit dem Bett, aber mit dem Aufstehen noch weniger :roll:
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