Behinderung - wie erklärt ihr es euren Kindern?

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revolte
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Re: Behinderung - wie erklärt ihr es euren Kindern?

Beitrag von revolte »

Ja genau da bin ich deiner Meinung anni. Man sollte dem Wort nicht so viel Gewicht geben.
Wenn ich oft sage dass ich in nem Internat für Kinder und Jugendliche mit Behinderung arbeite, kommt von vielen oft so ein wertschätzendes: oh das ist aber bestimmt total anstrengend. Und ich sag dann immer das sind eigentlich normale Jugendliche mit normalen Problemen nur dass die meistens eben etwas komisch aussehen [emoji5]
Aber die haben auch ihre Beziehungsprobleme, Alkohol Drogenexperimente, Schulstress usw.
Wenn meine Kinder fragen sag ich ich bin Erzieherin aber arbeite mit großen Schulkindern, die wohnen alle zusammen und ich unterstütze sie im Alltag. Helfe ihnen beim Anziehen wenn sie es nicht können, mache mit ihnen Hausaufgaben oder mache Ausflüge usw.


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Claudia79
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Re: Behinderung - wie erklärt ihr es euren Kindern?

Beitrag von Claudia79 »

Ich habe 12 Jahre im Schwerstbehindertenbereich gearbeitet und Sohnemann war schon ein paar Mal mit auf Besuch in der WG, wo ich gearbeitet habe. Er findet es dort toll und hat mit den Bewohnern viel Spaß und sie mit ihm. Er fragt natürlich auch, warum der X im Rollstuhl sitzt oder der Y so komisch redet, aber das ist unkompliziert erklärt (der kann nicht alleine gehen, der kann die Zunge nicht so bewegen wie wir,...). Ich persönlich hab aber auch mit dem Wort "behindert" kein Problem, weil ich es nicht abwertend verwende und nicht schlimm finde.
In einer Vorlesung habe ich vor viiiielen Jahren einmal von der "Inflation der Wortbedeutung" gelernt. Heute würde ich vermutlich gesteinigt werden, wenn ich von einem Autisten (gibt es DEN Autisten überhaupt?) als Idiot spreche. Ursprünglich wie ich finde, aber eine schöne Umschreibung: "der in sich gekehrte" (so glaube ich mich zumindest zu erinnern).
Ich glaube, man kann mit der I-tüpfelreiterei auch einiges sehr verkomplizieren. So dürfte man auch nicht mehr von Spastikern reden, weil Spasti auch bereits zum Schimpfwort mutiert ist. Oder von Türken (Mensch aus der Türkei) oder von einer Blondine (Frau mit blondem Haar) oder überhaupt von einer Frau (Mensch mit Menstruationshintergrund).
Übrigens bevorzuge ich es auch zu sagen, ich arbeite im "Management for creative behaviour". :wink:
Liebe Grüße Claudia mit Mutzlbär 12/13 und Zaubermaus 04/17
Luzia
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Re: Behinderung - wie erklärt ihr es euren Kindern?

Beitrag von Luzia »

Seit ich in der Kundenzeitschrift von d*m wiederholt Artikel von Birte Müller gelesen habe, die einen Sohn mit Down Syndrom hat und einmal einen Artikel geschrieben hat, warum die Leute nach allen möglichen anderen Vokabeln suchen und nicht einfach zur Beschreibung das Wort "behindert" verwenden, benutze ich das Wort ohne weitere Gedanken, wenn ich meinen Kindern z.B. erkläre, dass der Mensch eine Behinderung hat und deshalb nicht richtig laufen kann.

Ja, ich habe auch viel mit älteren Kindern und Jugendlichen zu tun, und wenn die jemanden als "behindert" beschimpfen, dann frage ich sie, warum sie dieses Wort benutzen und rede mit ihnen drüber.
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hej-da
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Re: Behinderung - wie erklärt ihr es euren Kindern?

Beitrag von hej-da »

Ich arbeite ebenfalls in einem Bereich mit Menschen mit Behinderungen und benutze das Wort “behindert“ genauso, wie auch meine Klienten, Bewohner :wink:
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Wir haben Langhaarkatzen.
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Re: Behinderung - wie erklärt ihr es euren Kindern?

Beitrag von Lösche Benutzer 17612 »

Ich finde das mit den Worten und deren Wandel extrem schwierig. Gerade die Worte Idiot und schwachsinnig , das fand ich sehr interessant. Ursprünglich beschreibende Worte, die man durch die Verwendung in der Gesellschaft irgendwann nicht mehr benutzen sollte. Wobei das ja auch auf das Wort "N-Wort" zutrifft , in der ursprünglichen Bedeutung eigentlich nur die Hautfarbe beschreibend und heute ein Schimpfwort. Stattdessen benutzt man die Übersetzung.
Kürzlich lernte ich auch von einer Freundin die sich umfassend mit Sprachwissenschaften beschäftigt, dass man das Wort Asylant nicht mehr benutzt da es mittlerweile durch die Verwendung in der Gesellschaft zu einem Schimpfwort wurde. Das hat mich total geschockt, da ich das Wort total voreingenommen zur Unterscheidung von Menschen mit laufendem Asylantrag ( Asylbewerber) und Menschen mit genehmigtem Asylgesuch ( Asylanten) verwendet habe und mir das gar nicht klar war. Das ist KOMPLETT an mir vorbeigegangen :shock:
Deshalb denke ich, diese Übergangszeiten bei der Sprachentwicklung sind haarig. Aber vielleicht ist es genau der richtige Weg, das Wort "behindert" sehr häufig in einem positiven/neutralen Kontext zu verwenden. Eben um die neutrale Grundlage des Wortes zu erhalten und zu verhindern, dass es durch die Entwicklung der Sprache zu einem Schimpfwort degeneriert.
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Re: Behinderung - wie erklärt ihr es euren Kindern?

Beitrag von Lola85 »

Ich unterschreibe bei Ellen und den anderen die das mit behindert sagen.

Einerseits ist doch jedes Kind für seine Eltern irgendwie besonders, gleichzeitig finde ich es nicht richtig die Besonderheit auf eine Behinderung zu reduzieren. Es gibt doch so viele andere Sachen die einen Menschen besonders machen.

Ich denke aber, das kommt hier vor allem aus dem amerikanischen, wo ja von Menschen mit special needs gesprochen wird. Besonderen Bedürfnissen. Irgendwann viel das "Bedürfnisse" dann im Sprachgebrauch wohl weg.

Ich bin viel mit jugendlichen zusammen. Und ja, "behindert" ist tatsächlich ein Schimpfwort bei denen. Ich erkläre dann immer, dass es eben keines ist. Genauso wenig wie spast und mongo


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chennai
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Re: Behinderung - wie erklärt ihr es euren Kindern?

Beitrag von chennai »

Ja, ich bin eigentlich auch eher dafür, einer Wörterinflation entgegenzuwirken, statt immer abstrusere Beschreibungen zu finden. In der Schule habe ich als Lateinlehrerin öfter mal Referate über Homosexualität in der Antike vergeben (oder damit gedroht ;) ), wenn jemand mit 'Schwuli', ,Homo' oder so andere beschimpfte.
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sabbelschnuut
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Re: Behinderung - wie erklärt ihr es euren Kindern?

Beitrag von sabbelschnuut »

So gehts mir halt auch mit der Wörterinflation. Ich mag auch keine geschwurbelten politisch korrekten Umschreibungen. Das ist für mich zu sehr "beating around the bush", zu gestelzt. Deshalb hatte ich auch nach einer anderen Bezeichnung gefragt. Aber "besonders" ist mir nicht konkret genug. Mein Kind ist auch besonders. Hat aber kein Handicap. Vielleicht wäre das etwas was ich stattdessen sagen würde.
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Fortresca
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Re: Behinderung - wie erklärt ihr es euren Kindern?

Beitrag von Fortresca »

Meine Ausbildung ist noch nicht lang her und selbst zwischen einigen dort flogen einige der hier genannten Worte als Beleidigung hin und her. Zum Rückwärtsessen.
Aber ich hab auch Klienten, die sich selbst als Spasti oä betiteln. Sehr lebhaft in Erinnerung ist mir, als es über den Flur schallte "ist dir blödem Spasti die Flasch schon wieder runnergeflogen". Beim Nachsehen stelltesich raus, dass die Person sich selbst meinte bzw den Spadtiker 'auslagerte' und anmotzte, um Frust loszuwerden und sich nicht im ganzen runterzumachen. Seit dem motze ich auch mal über meine olle Blindschleiche, die nix findet (ohne Brille geht kaum was).

Wie ich mal alles der Hexi erklär, weiß ich noch nicht. Hoffentlich wird es auf der selben Ebene bemerkenswert wie ein schrilles Shirt oder ungewöhnliche Frisuren.
Bisher findet sie zB Rollis toll zum Rumklettern. Ataxien waren ihr bisher deutlich unheimlicher.

《dmartfönitisgedingst》
viele Grüße
von Forti mit der kleinen Nebelhexe (10/15) & dem Elfenöhrchen (12/19)

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"Es ist nicht das, was man empfindet, nicht nur das, was man fühlt, nicht, was man voller Sehnsucht sucht, Liebe ist das, was man tut" Kettcar - Rettung
Lösche Benutzer 17612

Re: Behinderung - wie erklärt ihr es euren Kindern?

Beitrag von Lösche Benutzer 17612 »

Handicap ist ja aber auch nur das englische Wort für Behinderung.
Je mehr ich darüber nachdenke, desto sinnvoller erscheint es mir, den Begriff zu verwenden. In unserer Schule sind ja viele behinderte Kinder und meine Kids haben unter ihnen enge Freunde und verknüpfen damit nix Negatives, da Behinderungen dort eben alltäglicher Bestandteil des Schullebens sind. Auf der anderen Seite würde es mich schon treffen wenn sie jemanden nach seiner Behinderung fragen und derjenige selbst versteht das Wort selbst als Beleidigung. Schwierig.
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