Hallo marimanumund herzlich Willkommen hier im Thread!
marimanu hat geschrieben:Ein Grundlegendes Problem ist für mich die Rolle des Erziehers - ich möchte nicht so stark ''erziehen'', möchte Emil frei wählen lassen, seinen eigenen Rythmus finden lassen (finde da Einflüsse der Montessoripädagogik interessant). Ich denke, diese ''Idee'' von Erziehung kann hier zuhause wunderbar funktionieren.
Genauso habe ich mich auch gefühlt als meine Tochter noch so klein war. Ich habe dann vieles freigelassen und ich glaube, dass das ein oder andere Freilassen unproblematisch war und anderes sehr wohl eher geschadet hat. Es wird so viel verwechselt wenn es um Erziehung, führen und freilassen geht...
Erstens einmal zum "stark erziehen": das muss man sowieso erst wenn es so weit ist. Dein Kind ist so klein, das macht vieles automatisch mit, in dem Alter ist klassisches "erziehen" gar nicht notwendig - weshalb man sich das suchst schlecht vorstellen kann. Versteh ich.
Zweitens: dieser Wunsch nach der Freiheit... ich glaube, den haben Kinder gar nicht so. Und außerdem - ich zitiere Jesper Juul: "Der Traum vom "Naturkind", das ohne Manipulation, Kränkung und Unterdrückung - also ohne jeden Einfluss der Kultur, die es umgibt, aufwächst, ist eine Illusion. Niemand, der zehn Jahre lang in einer bestimmten Gesellschaft oder Familie gelebt hat, kommt ungeschoren davon."
So wird ja Erziehung im negativen Sinn oft gesehen: als Unterdrückung und Manipulation. Und natürlich sind diese Elemente dabei. Frage ist, ob sie beim Kind so ankommen (weil negativ angewendet) oder ganz anders. Wenn mir jemand sagt wie ich was tun MUSS, kann ich mich unterdrückt fühlen. Oder froh sein, dass ich eine klare Richtlinie hab.
Kinder BRAUCHEN klare Ansagen. Sie BRAUCHEN es, dass man ihnen sagt wie das rennt. Dass man nachts schläft und tags wach ist. Dann kennen sie sich aus. Dass sie sich unterdrückt fühlen kommt erst später. Wenn man seine Art "Führung" nicht anpasst.
Viele Erwachsenen - mich eingeschlossen - tun sich heute schwer eine klare Haltung zu finden. Ein liebevolles So-ist-das. Deshalb orientieren sie sich am Kind. Das ist nicht unbedingt schlecht, aber die Reihenfolge ist falsch. Wenn ich keine Stellung beziehe und dem Knd die Freiheit lasse, dann ist das für ein kleines Kind zu viel. Es ist verwirrt. Möglicherweise. Denn natürlich gibt es Kinder, die damit klar kommen. Die bessere Reihenfolge ist ein Erwachsener der sagt: Das ist so. Damit sich das Kind auskennt. Und dann spürt das Kind ob es einverstanden ist oder nicht. Wenn nicht, kann man ja noch mal in sich reinhorchen. Ob das unbedingt nötig ist und warum. Und - oft ist es das. Weil vieles im Leben nicht nach Lust und Laune gehen kann, weil Kindern die Erfahrung fehlt.
Wir sollen sie nicht beherrschen, sondern wir müssen uns trauen die Rolle des Erwachsenen, der mehr weiß und mehr überschaut einzunehmen. Und wenn wir das tun und innerlich nicht zweifeln (das spüren die Kinder), dann genügt das. Dazu müssen wir aber klar und liebevoll sein. Vorleben. Und selbst erziehen. Weil dann gehen die Kinder mit. Ohne dass sie sich unterdrückt fühlen. Sondern sie sind froh um die Orientierung, sie kennen sich aus.
Naja und der Rythmus ist hier ein Instrument dass uns viel Arbeit abnimmt. Denn wozu diskutieren wann Essen ist? Ich diskutiere ja auch nicht wann Sommer ist. Das ist so. Heißt nicht, dass das Kind jetzt essen MUSS. Aber das ändert nix daran, dass jetzt Essen IST.
Ich gebe zu, dass ich mit dieser Haltung ein Spatzünder war... Und verstehe deine Zweifel nur zu gut.
marimanu hat geschrieben:...und da fänd ich es furchtbar, wenn die Rituale sehr starr wären, wenn Emil nicht sagen könnte, dass er gerade nicht möchte usw. Wie ist das in euren Waldorf KiGas so? Greifen die Erzieher_innen viel aktiv ein, oder begleiten sie eher?
Beides. Das schließt sich nämlich nicht aus. Alltag mit Kindern ist nicht schwarz-weiß. Kleine Kinder lernen so viel. Sie beschäftigt so viel. Ein starrer Rhythmus gibt Sicherheit. Aber das heißt nicht, dass die Kinder mitmachen müssen oder Zwang herrscht. Die machen von alleine mit. Und wenn es wem nicht gut geht damit, dann wird er aktiv begleitet. Durch Zuwendung, Verständnis, Lösungen.
Oder hab ich deine Frage falsch verstanden?
marimanu hat geschrieben:Und wie ist es mit Festen und Geschichten und Geschlechtsrollenbildern? Uns ist nämlich wichtig, dass Emil sich zu nichts gedrängt fühlt, bloß weil er ein Junge ist, dass er sich einfach frei fühlt, das zu machen, worauf er Lust hat. Ich finde das teilweise schon an Märchen kritisch, ich denke, sowas hat einen großen Einfluss auf die Kinder, wenn sie oft hören, dass der Mann stark und mutig ist und die Frau lieb und hübsch usw. - eben da sich Sagen u.ä. ja oft auf vergangene Zeiten beziehen, in denen die Rollenbilder einfach auch noch anders waren. Aber da kenne ich einfach viel zu wenig der Sprüche, Lieder und Geschichten, um das beurteilen zu können.
Doch, da geht es oft um Urbilder. Und wieder um dasselbe: Kinder brauchen ERST Klarheit/Übersicht und auf Basis dessen können sie dann entscheiden. Deshalb sind Märchen so toll. Sie rufen Bilder wach, Verständnis und Gefühle, die aber wertfrei sind. Kinder fühlen sich in ALLE Rollen ein, Mädchen spüren ihren inneren starken mutigen Mann und Buben ihre zarte Prinzessin.
Grad in Waldorfkindergarten erlebe ich wenig Rollenklischees. Kein rosa Hello-Kitty und schwarzes Batman-Getue. Stattdessen uralte Bilder, wo jeder alles spielen und in sich spüren kann.
Deshalb erlebe ich gerade Kinder aus Waldorffamilien als viel weniger gegendert. Mein Neffe sah als Kind streckenweise mehr wie ein Mädchen aus (vor allem in seiner Rock-trage-Phase) und meine Nichte ist jetzt als Teenie noch immer so burschikos wie als Kind - ihre Schwester war damals wie heute eine kleine Prinzessin, wurde aber sehr gestärkt in ihren kreativen Anteilen und ist jetzt eine selbstbewusste starke Prinzessin. Und wiederum ein anderer Neffe wird immer der schlimme Räuber bleiben.
Hier sieht man eindeutig: es scheint logisch, dass alte Rollenbilder in Märchen zu neuen starren Rollenbildern führen - aber das Gegenteil ist der Fall.
Und so ist das bei vielen: eine heile Welt scheint zu Konfliktunfähigkeit zu führen. Nein, sie führt zu einer inneren Stärke und die Macht konfliktfähig.
Erziehung führt zur Unfreiheit? Nein, die richtige begleitende Erziehung, die bei Waldorf gelebt wird, führt zur Freiheit, Erziehung zur Freiheit. Sich kennenlernen durch Führung. Und wenn man sich dann kennt - schafft man sich seine eigene Führung (können nicht alle Erwachsenen... darum muss auch immer wieder ringen, aber ich tu es, denn Selbsterziehung ist die beste Erziehung).