Festhaltetherapie - Baby im Arm schreien lassen

Wiege oder Familienbett? Allein oder zusammen? Wie schlafen wir alle am besten?

Moderator: Giraeffchen

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Sarafina
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Re: Festhaltetherapie - Baby im Arm schreien lassen

Beitrag von Sarafina »

Es gibt ja nicht nur schwarz und weiß. Wir haben z.B. so ein Mittelding praktiziert. Ich ziehe mir gerne das aus den Methoden raus, was für uns passt, das hieß in dem Fall, daß ich mein Kind kontrolliert schreien liess. Der Punkt ist ja, daß Babys überreizt sind und/oder die Geschehnisse des Tages verarbeiten wollen. Dies geschieht eben über schreien. Je mehr ich jedoch versuche, mein Baby zu beruhigen, umso mehr Reize verpasse ich ihm, was zu vermehrtem Schreien führt. Das Kind ausschreien zu lassen, erscheint mir da doch zumindest ansatzweise logisch, nur ist unsere Teilnahme daran eben variabel. Mein Mittlerer "wollte" z.B. alleine schreien. Ich habe Abend für Abend versucht, ihm zur Seite zu stehen, aber es war sehr deutlich, daß er sich von mir gestört fühlte. Erst als ich versucht habe, ihn alleine zu lassen (ich stand in der Türe, von ihm ungesehen und hatte ihn im Auge), da weinte er eine kleine Weile und schlief dann friedlich ein. Ging ich jedoch zu ihm und versuchte, ihn zu trösten, steigerte er sich in Hysterie und das Schreien wurde viel schlimmer.
Nummer 3 hielt ich oft einfach im Arm (fest, aber nicht ZU fest), bewegte mich leicht aber gleichförmig (auf einer Stelle sitzend, sodass keine weiteren Reize einströmten) und summte dabei einen tiefen Ton. Das half uns. Das komplette Festhalten mit Zwang habe ich nicht gemacht, es passte für uns auch nicht. Für eine Freundin und deren Sohn aber offenbar schon.

Ich denke, es ist wie bei Allem, man muß ausprobieren, was für das eigene Kind und die eigene Situation passt :)
LG,
Sarafina mit 3 Kindern (2008, 2010 und 2013)

Es ist nur eine Phase..........*omm*
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Mirimama
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Re: Festhaltetherapie - Baby im Arm schreien lassen

Beitrag von Mirimama »

Letztes Jahr um Ostern rum war ein längerer Artikel im Unerzogen- Magazin dazu. Dort wurde sehr stark davor gewarnt. Mich hat das damals sehr betroffen gemacht. Wenn du möchtest, suche ich ihn mal raus.
Ich und my little lovers of life (07/11, 07/14, 07/17 und 02/22)
kleineanne
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Re: Festhaltetherapie - Baby im Arm schreien lassen

Beitrag von kleineanne »

Ich habe in der vorhin beschriebenen Phase in dem Link vor allem den Impuls "Baby verarbeitet was und muss das mal loswerden ohne stummberuhigt zu werden" wahrgenommen. Im Sinne von mal aussprechen und trauern oder wütend sein. Und mit dem Gedanken habe ich das vorsichtig ausprobiert. Anfangs war ich auch wirklich skeptisch, weniger dem festhalten als dem weinen lassen gegenüber (war eigentlich ein no go bei uns), sodass ich auch sehr zaghaft und kritisch probiert habe. Erst viel später habe ich richtig von der Festhaltetherapie und der Theorie dazu gelesen. Und was ich da dann ausführlich alles gelesen habe, passt für mich zum großen Teil auch nicht. In der bestimmten Schreiphase war diese Art des Begleitens aber für uns richtig und hilfreich. Das "Festhalten" war für mich in dem Moment von der Funktion und Ausführung wie pucken, also dieses Fuchteln und Aufregen begrenzen. Kind hat es auch bis 1 Jahr gebraucht, regelmäßig ins Tuch eingebunden zu sein. Gerne schön eng. Pucken wiederum war nicht gewünscht, da fehlte der Körperkontakt. Und irgendwie fand ich es furchtbar unser Baby da so reinzuzwingen. Ich hab ja recht ausführlich beschrieben, wie es bei uns war. Es war definitiv eine besondere Art des Schreiens, die davor und danach so nicht wieder vorkam. Ich hatte das Gefühl, das mit dieser Art des Begleitens ein Problem gelöst wurde. Als regelmäßige Beruhigung wäre das für mich nicht in Frage gekommen, da es für mich emotional echt anstrengend war, den Kummer auszuhalten, wo ich doch mein Baby nie weinen lassen wollte.
Viele Grüße, kleineanne mit Mauselinchen 08/12 und Spätsommerbaby 08/15
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Pustemuffin
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Re: Festhaltetherapie - Baby im Arm schreien lassen

Beitrag von Pustemuffin »

Danke für eure Meinungen und Erfahrungen!

Ich persönlich finde den Ansatz des Ausweinens/Motzens zum Spannungsabbau in unserem Falle auch nicht abwegig. Was bleibt mir denn auch manchmal anderes übrig, wenn sonst nichts hilft? Wie gesagt, habe ich es schon einmal intuitiv gemacht, das Gnubbelchen beim Weinen einfach nur festzuhalten, weil sonst auch nichts anderes half. Nach dem Prinzip: Wenn ich offensichtlich nichts für Dich tun kann, kann ich aber wenigstens für Dich da sein, wenn es Dir schlecht geht.

Beim Pucken hat sich der Gnubbel auch immer freigestrampelt. Wenn er gepuckt war, konnte ich ihn aber auch nicht so weinend liegen lassen und habe ihn immer nochmal auf den Arm genommen, bis er eingeschlafen ist. :(
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Pustemuffin
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Re: Festhaltetherapie - Baby im Arm schreien lassen

Beitrag von Pustemuffin »

Noch eine Ergänzung zu unserer Historie. Der Gnubbel hat ja bereits mit wenigen Wochen schon viel geschrien. In meiner Ahnungslosigkeit und der Tatsache, dass es ja mit dem Stillen nicht so recht klappte, habe ich eben wirklich immer Hunger vermutet und ihm bei nahezu jedem Brüllen die Brust angeboten. Rückblickend betrachtet kommt es mir wirklich ein bisschen wie "den Mund stopfen" vor.
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Re: Festhaltetherapie - Baby im Arm schreien lassen

Beitrag von kiezkind »

Also wir haben kit mit unserem knapp 4 jährigen gemacht und es ging richtig nach hinten los. Obwohl mit einer sehr erfahrenen und guten therapeutin. Bei Bedarf kann ich gensueres schreiben. ..
Sein Kind Sicherheit geben mit fest in arm nehmen ist etwas ganz anderes als das festhalten und schreien als Therapie zu nutzen.
Meine Mutter hat meinen Bruder zum einschlafen auch oft einfach fest gehalten. ... Schwitzkasten haben wir das damals genannt. ... das hat er noch heute echt dramatisch in Erinnerung.
mit Weihnachtswichtel 2010 und April Junge 2013 und September 2017 Mädchen im Arm/Tuch
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Giraeffchen
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Re: Festhaltetherapie - Baby im Arm schreien lassen

Beitrag von Giraeffchen »

Pustemuffin hat geschrieben:Noch eine Ergänzung zu unserer Historie. Der Gnubbel hat ja bereits mit wenigen Wochen schon viel geschrien. In meiner Ahnungslosigkeit und der Tatsache, dass es ja mit dem Stillen nicht so recht klappte, habe ich eben wirklich immer Hunger vermutet und ihm bei nahezu jedem Brüllen die Brust angeboten. Rückblickend betrachtet kommt es mir wirklich ein bisschen wie "den Mund stopfen" vor.
Ein Baby stillt nicht, wenn es nicht möchte und lässt sich den Mund nicht stopfen, wenn es das nicht mag.
Und es ist ja kein Fehler, einem so kleinen Baby erstmal die Brust anzubieten, wenn es weint, denn die Wahrscheinlichkeit, dass es Hunger ist, die ist in dem Alter doch recht hoch. Und selbst wenn nicht, dann ist die Brust ein vertrauter, wohlriechender, heimeliger Ort, der von Babys gerne zum Kuscheln angenommen wird.
Ich würde mir deswegen keine Gedanken machen, ob das richtig oder falsch war, es gibt eigentlich kein falsch in dem Zusammenhang, nur ein schauen und ausprobieren, was dem Baby gut tut.


Was das ausweinen betrifft: Die eigentliche Festhaltetherapie von Jirina Prekop wurde für eine bestimmte Personengruppe entwickelt (Menschen mit Autismus, Verhaltensauffälligkeiten, mit geistiger Behinderung oder psychischen Störungen) und ist wirklich sehr speziell.
Schlussendlich geht es darum, dass Kind so lange festzuhalten, bis es ruhig wird und sich nicht mehr wehrt, sich anschmiegt. Vorher 'darf' auf keinen Fall losgelassen werden, größere Kinder sollen auch nicht zur Toilette gehen, sie 'dürfen nach Herzenslust regredieren' und einfach in die Hose machen und werden weiter gehalten. Hört das Kind auf zu weinen ohne sich anzuschmiegen, darf auch nicht losgelassen werden, denn es könnte ein 'Trick' des Kindes sein, der Festhaltung zu entkommen (Zitat: "Es kann sein, daß das Kind einen Fluchtweg in Form von Selbststimulation gefunden hat, zum Beispiel [...] beobachtet es hinter dem Rücken der Mutter seine Finger. Hier sollte der Fluchtweg versperrt werden: Das Kind wird in einer anderen Lage gehalten, das Licht wird gelöscht, es wird mit Küssen auf den Mund an seiner oralen Stimulation gehindert.").
Erst, wenn es sich anschmiegt, so die Theorie, haben sich seine negativen Gefühle aufgelöst und das Festhalten wird zur liebevollen Umarmung.

Das kann gerne auch mal Stunden dauern.

Jirina Prekop hat auch das Buch 'Der kleine Tyrann' geschrieben und ich kann nur empfehlen, mal einen Blick in ihre Literatur zu werfen, ihr Blick aufs Kind und sein Verhalten sind schon sehr speziell.


Das, wovon hier berichtet wird, also dass die Kinder sich, umhüllt vom Tuch beruhigen zum Beispiel, das hat keine Vergleichswerte zu Prekops eigentlichem Ansatz, ein sich wehrendes, schreiendes Kind in eine Umarmung zu zwingen und es darin verharren zu lassen, bis es tut, was von ihm erwartet wird.

Dass Babys Halt brauchen, Schreiphasen haben, in denen sie sich ausweinen wollen, ohne 'schschsch, alles ist gut- Trost', wird auf der Geburtskanalseite ja schön beschrieben.
Ein schreiendes Baby im Arm zu halten oder ins Tuch zu binden ist aber nicht das gleiche wie das, was Prekop befürwortet. Ihr Ansatz ist strikt und klar, weil sie voraussetzt, dass alle Kinder die gleichen Bedürfnisse haben, die alle gleich behandelt werden sollen. DEN Ansatz gibt es aber nun mal nicht für alle und es gibt mittlerweile viele Berichten von Menschen, denen ihr Ansatz nicht gut getan hat.

Es ist so heikel und sensibel, das Festhalten durchzuführen, dass ich niemandem raten würde, das einfach so, nach der Lektüre von Internetseiten oder eines Buches, ohne fundierte Unterstützung nachzumachen.
Es ist so emotional und eine solche Gratwanderung, die wirklichen Bedürfnisse des Kindes zu erspüren und es die Gefahr ist groß, sich auf das zu versteifen was im Buch steht ('erst loslassen, wenn das Kind weich wird und sich anschmiegt'), dass alle Beteiligten daran mehr leiden könnten als es ihnen hilft.
Liebe Grüße, GiraeffchenBild mit dem großen Knopf und dem Herbstwichtel


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"Es ist gefährlich,
zu lange zu schweigen.
Die Zunge verwelkt,
wenn man sie nicht gebraucht."

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Re: Festhaltetherapie - Baby im Arm schreien lassen

Beitrag von jusl »

Danke für Deinen Beitrag, in dem deutlich wird, dass "Babys auf dem Arm ausweinen lassen" und "Festhaltetherapie nach Prekop" zwei völlig verschiedene Paar Schuhe sind, die miteinander herzlich wenig zu tun haben.
"Babys auf dem Arm ausweinen lassen" gehört zum normalen Repertoire der Betreuungstechniken, in normalen (wenn auch anstrengenden...) Alltagssituationen, mit normalen Babys. Die Festhaltetherapie hingegen ist eine THERAPIE, nur einzusetzen also in Situationen mit Krankheitswert, unter therapeutischer Anleitung, mit gänzlich anderer Ziel- bzw. Patientengruppe.

LG
Julia
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Re: Festhaltetherapie - Baby im Arm schreien lassen

Beitrag von kleineanne »

Danke Giraeffchen, dass du das nochmal so auseinander genommen hast. Mir war das mangels theoretischem Wissen nicht so gut gelungen, deswegen habe ich mich auf die Beschreibung unserer persönlichen Erfahrung mit dem Halten beschränkt. Ich hab gerade auch nochmal auf der Geburtskanalseite gelesen, das ist da für mich nicht so starr und erzwungen beschrieben, wie das Konzept von Prekop es vorsieht. Beziehungsweise habe ich das damals schon gar nicht so miteinander in Verbindung gebracht, erst viel später als ich mal eine Warnung vor dieser Festhaltetherapie gelesen habe und ganz irritiert war, weil ich das damals bei uns nicht gewaltvoll oder grenzmissachtend empfunden habe. Man muss wahrscheinlich wirklich gut differenzieren, was man tut und mit welcher Haltung und welchem Ziel. Gerade wenn das Halten und Ausweinen lassen von Babys laut jusl zum gängigen Beruhigungsrepertoire gehört. Aber blöd, dass sich da die Begrifflichkeiten so überschneiden.
Viele Grüße, kleineanne mit Mauselinchen 08/12 und Spätsommerbaby 08/15
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Sarafina
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Re: Festhaltetherapie - Baby im Arm schreien lassen

Beitrag von Sarafina »

Danke für den Beitrag! Ich kannte die Festhaltetherapie nach Prekop gar nicht, sondern nur das Festhalten, wie es auf Geburtskanal beschrieben wird. Darauf habe ich mich auch bezogen. Ich bin davon ausgegangen, daß wir hier nur davon gesprochen haben :shock:
LG,
Sarafina mit 3 Kindern (2008, 2010 und 2013)

Es ist nur eine Phase..........*omm*
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