Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

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coccolone
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von coccolone »

Uta hat geschrieben:Ich glaube, manche Leute scheinen nicht zu hören, wenn man eine Sprache beherrscht. Meine Schwester wohnt in England, redet wie eine Engländerin. Wenn sie aber zu mir dann zwischendurch einen Satz auf Deutsch sagt, meinen manche Verkäuferinnen auch, sie müssten besonders laut und deutlich mit uns reden. Als ob Ausländer lautes Sprechen besser verständen. Aber das scheint die englische Spezialität zu sein, hier meinen die Leute ja, sie müssten auch falsches Deutsch reden, mit Leuten, die das nicht perfekt können.
Echt? Das habe ich in all meinen Jahren in England nie erlebt. Selbst wenn ich mit meinem Sohn Deutsch gesprochen habe, wurden wir z.B. in der Supermarktschlagen von oftmals aelteren Leuten ganz normal auf Englisch angesprochen.

Zu den anderen Beitraegen schreibe ich evtl. spaeter noch. Habe gerade nicht die Musse fuer einen langen Beitrag.
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Marilu

Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Marilu »

Ich find es prima, mich hier mit euch austauschen zu können :D Was habt denn ihr weißen Mütter von schwarzen Kindern von dem Abschnitt über weiße Mütter gedacht? Ich muss zugeben, ich hatte das Vorurteil, dass diese Mütter per se von Rassismus weitgehend frei oder zumindest sehr sensibilisiert sind, weil sie so nah dran sind. Was Sow schreibt, hat mich erschreckt. Fühlt ihr euch angegriffen? Sie schreibt auch so vorwurfsvoll von einer Mutter, die sagt, dass sie es schwer hat, sich mit ihrem Kind zu identifizieren. Das find ich schade, denn die Mutter kann ja nix dafür, dass sie fühlt wie sie fühlt.

Und habt ihr vorgestern den Film gesehen, in dem 2 Babys vertauscht wurden? Ich war hinundhergerissen, was ich davon halten soll, dass die Schwester von dem einen Jungen schwarz war. Einerseits fand ich es super, die Rolle hätte auch von einem weißen Mädchen gespielt werden können, also wurde eine "ganz normale" schwarze Deutsche dargestellt. Andererseits war das so ne Familie, die so asomäßig dargestellt wurde, Mutter jung schwanger geworden, 3 Kinder von 3 Männern. Also schwarzes Kind = Ergebnis von und Illustration für unsteten und sozial schwachen Lebenswandel....
Uta
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Uta »

Hallo!
Ich habe jetzt den Anfang des Buches gelesen und bin direkt dabei, über den Begriff "Schwarze" nachzudenken, auf dem sie ja sehr besteht. Gut, ich würde sagen, wenn es ein selbst gewählter und erwünschter Begriff der entsprechenden Menschen ist, muss man das wohl akzeptieren. Aber irgendwie erinnert mich der Begriff an diese "one-drop-theory", nach der jemand mit ganz wenig "schwarzem Blut" (was auch immer das sein soll), dann automatisch als schwarz gilt. Das scheint mir doch auch ziemlich rassistisch zu sein, vor allem, da ja das "Schwarzsein" gleich wieder negativ gewertet wird. Wenn allerdings jeder Schwarze hier bei uns mit entsprechenden Vorurteilen leben muss, egal wie viele Großelternteile weiß sind, verstehe ich die Bezeichnung schon. Aber wie drückt man das denn nun aus, wenn man die "gemischte" Herkunft aus irgendeinem Grund betonen will? Ohne das gleich wieder unterstellt wird, man sei der Ansicht, "nur ein bisschen schwarz sein" sei was besseres als "richtig schwarz sein"? Ich hoffe, ihr versteht, was ich meine. Eine Freundin spricht immer in eher scherzhaften Tonfall von ihrer "gemixten" Tochter, aber das kann natürlich auch rassistisch rüberkommen, wenn es ein nicht betroffener sagt. Irgendwie fällt es mir in letzter Zeit generell schwer, mich vorsichtig genug auszudrücken, wenn es um sensible Themen wie Religion, Rassismus oder anderes geht. Zu Unizeiten war das leichter, da wurde einfach offen über alles diskutiert.
Uta (mit R., 06/02, J., 09/05, D., 07/08 und M, 07/11)
EhUKr

Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von EhUKr »

Marilu hat geschrieben:Ich find es prima, mich hier mit euch austauschen zu können :D Was habt denn ihr weißen Mütter von schwarzen Kindern von dem Abschnitt über weiße Mütter gedacht? Ich muss zugeben, ich hatte das Vorurteil, dass diese Mütter per se von Rassismus weitgehend frei oder zumindest sehr sensibilisiert sind, weil sie so nah dran sind. Was Sow schreibt, hat mich erschreckt. Fühlt ihr euch angegriffen?
Mir ist leider sehr schmerzhaft bewusst (geworden), dass auch bei mir sehr viele rassistische Sichtweisen/Reflexe/Muster vorhanden sind. Es ist schmerzhaft, sich dies einzugestehen. Aber ich sehe es auch als positiv, dass ich durch die Auswanderung, meine Beziehung, meine Kinder mich mit dem Thema, meiner eigenen Herkunft, meinen Wertvorstellungen, Realitäten, Erfahrungen auseinandersetzen kann, weitrentwicklen kann. Allerdings macht es mir selbst oft Angst, denn wenn man den "eigenen Rassismus" mal erkennt, muss man sich unweigerlich auch die ganze Realität vor Augen führen.

Liebe Grüsse
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coccolone
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von coccolone »

@Uta: Der Begriff/die Bezeichnung Schwarz hat nichts mit der Hautfarbe an sich zu tun. Er ist vielmehr ein politisches Konstrukt. So werden im Ausland z.B. auch Menschen Indischer oder Pakistanischer Herkunft als "Black" bezeichnet. Das ganze hat mE auch nichts mit der "one-drop theory" zu tun. Gesellschaftlich und politisch betrachtet macht die Mehrheit (in diesem Fall "die weissen") keinen (oder nur selten einen) Unterschied zwischen "ganz Schwarz" und "gemischt Schwarz". (Siehe z.B. Barack Obama.)

Wenn ich die gemischte Herkunft betonen moechte, reduziere ich dies nicht auf die Hautfarbe, sondern vielmehr auf die Herkunftslaender. In diesem Sinne bin ich ja dann auch gemischter Herkunft. ;)

Uebrigens habe ich hier im thread den Eindruck (und ich meine jetzt niemanden persoenlich, es ist vielmehr ein allgemeines Gefuehl), dass viele sich mit dem Begriff "Schwarz" wirklich schwer tun. Wieso eigentlich?

Ein schwieriges Thema. :?
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Uta
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Uta »

Ich weiß nicht, ob ich da generell mit Schwierigkeiten habe, ich benutze den Begriff schon meistens. Wenn ich eben nicht was zum Herkunftsland sage, wie du schon meintest. Aber die Aussage, dass "Schwarz" nichts mit der Hausfarbe zu tun hat, finde ich zugegebenermaßen etwas schwierig. Womit hat es denn dann zu tun, mit "afrikanischer" Herkunft oder kultureller Gemeinsamkeit ja auch nicht. Es sei denn, man bezieht sich darauf, dass da irgendwann mal ein Ururopa wirklich aus Afrika kam. Zumindest die Vorurteile beruhen ja schon meist auf dem anderen Aussehen, das Leute dann als "fremd" werten, egal welchen Pass jemand hat. Ich kann mir vorstellen, dass es eben aus politischen Gruppen und/oder der Forschung kommt, dieses groß geschriebene "Schwarz". Wobei ich mir dann aber nicht vorstellen kann, dass sie Leute sich da einig sind.
Das ist natürlich spannend, was da so geforscht wird, da habe ich ja keine Ahnung von.

Auf jeden Fall bin ich gespannt, wie´s mir weiter mit dem Buch geht. Irgendwie ist es halt schon ziemlich provokativ geschrieben, so nach dem Motto: Wenn sie meine Klischees jetzt nerven, erleben Sie nur mal, wie es "uns" immer geht oder Sie sind halt doch ziemlich rassistisch. Zumindest denkt man darüber nach, was einen daran jetzt ärgert. Ist ja auch schon mal was.
Uta (mit R., 06/02, J., 09/05, D., 07/08 und M, 07/11)
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von coccolone »

Sorry, ich habe mich da echt bloed ausgedrueckt. Klar hat Schwarz schon was mit der Hautfarbe zu tun, aber der Begriff umschreibt die Hautfarbe nicht. Genauso wenig wie wir weiss sind, sind Schwarze schwarz. Weisst du, was ich meine? Wie gesagt ist Schwarz vielmehr ein politisches Konstrukt. So meinte ich das oben. War aber wirklich bloed ausgedrueckt.
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Uta »

Ja, ich glaube, ich verstehe, dass das so eine Art Konstrukt ist. Ich habe gerade noch mal eine Runde nachgedacht, ich glaube mich "stört" an dem Begriff wirklich, dass ich es irgendwie unlogisch finde, dass Kinder mit "Schwarzem" und "weißem" Elternteil "Schwarz" sind. Zumindest klingt der Begriff für mich so, ohne da jetzt irgendwelche Definitionen zu kennen (das müsste man da wohl). Ich hatte jetzt mal vorgeblättert zu dem Kapitel über weiße Mütter, da sind natürlich auch wieder so krasse Beispiele. Ich muss gestehen, ich fand "Die weiße Massai" auch ganz spannend, obwohl ich auch nicht verstanden habe, wie man so völlig ohne Wissen (oder auch Sprachkenntnisse) in ein anderes Land ziehen kann. Ich fand´s aber wohl einfach recht romantisch, auch wenn da natürlich so einige Klischees bedient werden, die die Leserin gerne bestätigt haben möchte. Ich bin da wohl auch so eine, die das "exotische" spannend findet, wenn ich auch keinen entsprechenden Partner habe. Die "Sprüche, die wir nie mehr hören wollen" habe ich auch mal durchgelesen. Mein Mann meinte, er habe auch seinen englischen Kollegen gefragt, wo der "wirklich" herkomme... Da trifft man wohl öfter mal in´s Fettnäpfchen als man meint.
Uta (mit R., 06/02, J., 09/05, D., 07/08 und M, 07/11)
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Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von coccolone »

Uta hat geschrieben: Ich habe gerade noch mal eine Runde nachgedacht, ich glaube mich "stört" an dem Begriff wirklich, dass ich es irgendwie unlogisch finde, dass Kinder mit "Schwarzem" und "weißem" Elternteil "Schwarz" sind.
Ich sag ja, siehe Obama. Eine Antwort habe ich hierauf auch nicht. Das ist ein wirklich komplexes Thema, bei dem es irgendwie nur zweitranging um die Hautfarbe per se geht, sondern vielmehr um das, was die Hautfarbe repraesentiert und politisch, historisch, etc. nach sich zieht.

Jedenfalls freut es mich, dass das Thema Interesse weckt und dass sich einige hier damit auseinandersetzen.
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Marilu

Re: Noah Sow "Deutschland Schwarz Weiss"

Beitrag von Marilu »

coccolone hat geschrieben: Uebrigens habe ich hier im thread den Eindruck (und ich meine jetzt niemanden persoenlich, es ist vielmehr ein allgemeines Gefuehl), dass viele sich mit dem Begriff "Schwarz" wirklich schwer tun. Wieso eigentlich?
Wie schon geschrieben: Ich stör mich dran, jemanden in eine Schublade zu stecken. Dass die Schublade auf jedenfall schon da ist, und die Schwarzen von der Gesellschaft schon reingesteckt wurden und sich in dieser Schublade befindlich fühlen - egal wie ich die Situation nun einschätze, hab ich grade erst kapiert.
Ich denke (immer noch irgendwie), dass die Einteilung in schwarz und weiß Gräben schaffen kann, die sonst nicht da wären. Vielleicht ist diese Einstellung das, was Sow mit dem "undercover" Schwarzen meint. Wenn die Hautfarbe ignoriert wird, keine Rolle spielt, alle fröhlich sind - aber letztendlich der Schwarze immer der Schwarze bleibt, was von den Weißen (in dem Fall von mir) nicht wahrgenommen bzw. verdrängt wird.
Ich muss zugeben, ich hab nicht ganz kapiert, was sie damit meint / was das Problem ist. Sie schreibt, dadurch, dass die Hautfarbe keine Rolle spielt, also auch nie thematisiert wird, wird deutlich, dass es als Makel wahrgenommen wird. Das versteh ich nicht. Es ist ja nicht so, dass jemand einen Pickel auf der Nase hat, der beim Gespräch ignoriert wird, obwohl alle Beteiligten genau wissen, dass er da ist. Sondern es ist einfach eine Eigenschaft des anderen. Ich habe eine Freundin, die hat feuerrotes Haar. Wir haben noch nie darüber gesprochen. Das bedeutet doch nicht, dass ich es für einen Makel halte.
Und außerdem zeigt es ein Dilemma auf: Einerseits ist es unhöflich, zu früh über die Hautfarbe zu sprechen, andererseits soll man bitte nicht zu spät was sagen, denn sonst zeigt man, dass man es für einen Makel hält. Ganz schön schwierig :roll:
Ich glaub, ich halte mich an Clermontine und nehme das Buch nicht als Knigge, sondern handle einfach weiter nach Gefühl.

Ach ja und ich wollte sagen: Ich hab festgestellt, dass wir selber (ohne es zu merken) 2 prima Bilderbücher "zum Thema" - oder eben grade nicht zum Thema haben. Meine Kinder lieben sie: Dein Körper und Die Gegensätze; wobei wir letzteres auf Englisch haben und da sind ein paar Bilder anders, daher weiß ich das nicht genau. Jedenfalls geht es nicht um den Gegensatz schwarz-weiß, sondern z.B. um voll und leer und Kinder trinken die Gläser aus.
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