Hallo!
Mein Thema.
kruemel09 hat geschrieben:Und frau soll sich bloß nicht von den Ratschlägen von Tanten, Großmüttern und anderen verunsichern lassen (da stand, glaub ich, aber nicht, was die raten)
Ich kann mir denken, was die geraten haben. Die haben nämlich selber noch weitgehend nach Bedarf gestillt und vor allem das Kind rund um die Uhr bei sich gehabt/getragen. Das Schreienlassen muss ihnen in der Seele weh getan haben.
Aber der Wind hatte sich eindeutig gedreht.
An eine achtstündige Nachtpause wird das Kind am besten sehr bald gewöhnt.
Es gibt Säuglinge, bei denen auch bei richtiger Pflege ein durchgehender Nachtschlaf nicht zu erreichen ist. Diese Kinder stören durch stundenlanges Schreien die Nachtruhe ihrer Angehörigen oder ihres Pflegepersonals. Wenn wir derartige Schreikinder durch eine Nachtmahlzeit zur Ruhe bringen können, greifen wir im Interesse des Kindes und seiner Umgebung zu diesem Mittel.
Köhler, 1921
Böse, böse Kinder.
219. Wie oft wird das Kind angelegt?
Die ersten Tage 6 mal (5 mal am Tage, 1 mal nachts), dann nur 5 mal am Tage, alle 4 Stunden.
220. Warum wird das gesunde Kind nicht öfter angelegt?
Es sind Pausen zwischen den einzelnen Mahlzeiten erforderlich, da der Magen erst wieder in 2-3 Stunden beim Brustkind geleert ist (beim Flaschenkind in 3-4 Stunden).
221. Warum wird abgesehen von der ersten Zeit nachts nicht angelegt?
Weil Mutter und Kind Ruhe haben müssen, insbesondere der Magen-Darmkanal des Säuglings nicht überlastet werden darf.
222. Wenn nun der Säugling nachts schreit?
So darf ihm höchstens etwas dünner saccharingesüßter Tee gegeben werden. Nach einigen Tagen soll auch dieses aufhören; das Kind merkt sich bald, daß es nichts bekommt und stellt sein Schreien ein.
Krasemann, 1929
Die Erziehung des Kindes beginnt schon in der Wiege, sofern man die Gewöhnung an das Innehalten einer bestimmten Zeitordnung bei den Mahlzeiten als Erziehung bezeichnen will. Die Kinder sollen trinken, wann es Zeit ist, aber nicht, wann es ihnen paßt. Gesunde Brustkinder stellen sich von allein so ein, daß sie etwa alle 4 Stunden Nahrung verlangen. Man halte hieran möglichst fest und scheue sich nicht, die Kinder zu den Mahlzeiten zu wecken, da es in der Tat sehr wichtig ist, daß die Nahrungszufuhr eine geregelte ist.
Neugeborene Kinder melden sich auch in der Nacht. Diese Nachtmahlzeit ist für das Kind überflüssig und für die Mutter störend. Man suche sie deshalb den Kindern allmählich im Laufe des ersten Lebensvierteljahres abzugewöhnen, indem man sie nicht weckt, wenn sie die Mahlzeit mal zufällig verschlafen haben, indem man ferner versucht, sie - wenn sie schreien - nur trocken zu legen, und im übrigen abwartet, ob sie sich danach nicht von allein beruhigen, indem man sie mit einigen Löffeln Tee über die Mahlzeit hinwegzutäuschen versucht, oder indem man ihnen vor der letzten Mahlzeit am Abend (10 Uhr) ein 20 Minuten langes, 35° C warmes Bad verabfolgt, um sie ordentlich müde zu machen. Das heroischste Mittel für eine junge Mutter ist, daß sie das Kind - wie man sagt - durchschreien läßt.
Birk/Mayer 1930
Da kann einem schon fast schlecht werden, wenn man sowas liest.
Diese Strömung gab es auch in anderen westlichen Ländern (z.B. auch in den USA). Dort wurden diese Regeln allerdings bald abgemildert oder revidiert. Bei uns hingegen wurden sie durch die N*zis bekräftigt. Es wurde "uns" so sehr eingeimpft, dass wir noch heute unter den Folgen leiden. Man bedenke, dass die Krankenschwestern, Ärzte, Hebammen etc, die in den 30er und 40er Jahren gelernt hatten, dann in den 50er bis 70er Jahren das Sagen in den Kreißsälen, Wochenstationen und Kinderstationen hatten. Dementsprechend dauerte es lange, bis man wieder von derlei furchtbaren Regeln abkam. Wir sind ja heute noch nicht ganz davon weg.
Noch ein bißchen Werbung in eigener Sache: Voraussichtlich nächsten Monat wird in der DHZ (Deutsche Hebammen Zeitschrift) ein Artikel von mir erscheinen mit dem Titel "Seit wann müssen Kinder schlafen lernen?" Darin widme ich mich der Geschichte der "nächtlichen Säuglingspflege" bis in die 1930er.
Viele Grüße
Karin