ich hab auch eine Frage

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olle

ich hab auch eine Frage

Beitrag von olle »

und zwar:
Warum haben die afrikanischen Menschen so gut wie keine Hüft- und Rückenschaden, wenn sie von Anbeginn grundsätzlich im Neugeborenenalter überspreizt auf dem Rücken der Mutter in einem Tuch festgezurrt sind, dass nicht den unseren "Muts-have-Webarten" entspricht? Ist es nicht vielleicht doch nur Ausdruck einer westlichen Kultur, dass Kinder hierzulande in speziell gewebten Tragetüchern getragen werden "müssen" und in anderen Teilen der Welt können die Menschen sich einfach einen "Lappen" auf dem Markt kaufen und haben ein neues "Tragetuch"?
LG
Olle
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marscygale
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Re: ich hab auch eine Frage

Beitrag von marscygale »

Das Tragen in Tüchern musste ja in den westl. Ländern erst populär werden, und dafür sind halt toll gewebte, schadstoffreie und mit Werbung angepreiste Tücher gut genug. Sicher kann man mit jedem "Lappen" binden, wenn man nichts anderes hat. Das ist aber bei vielen Dingen so. Es ist noch zu früh für weiter schweifende überlegungn, später mehr :wink:
Grüsse
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gaurangi
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Re: ich hab auch eine Frage

Beitrag von gaurangi »

Ich hab kürzlich gehört, dass im urbanen Afrika, wo traditionell getragen wird, die Hüftprobleme bei Kindern zunehmen. An was es genau liegt, wäre sicherlich mal eine Studie wert. Vielleicht ist es die Körperhaltung des Tragenden (aufrecht vs. gebückt arbeitend) oder der Untergrund (Asphalt vs. Sand/Erde)?
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jusl
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Re: ich hab auch eine Frage

Beitrag von jusl »

Es ist übrigens ein Gerücht, Afrikanerinnen würden mit "jedem Lappen" binden. In meiner Stillgruppe ist ein Frau, die aus Westafrika stammt, und sie hat mir schon ihre traditionellen Spezial-Tragetücher vorgeführt; das ist in der Tat ein spezieller Stoff (der sich übrigens ganz toll anfühlt!!). KAngas u.ä., sind oft Bestandteil der mütterlichen Kleidung und werden DARÜBER als Schmuck-Tuch getragen. (Sie trägt HIER damit nicht, sondern hat ja sonst auch einfach Jeans und Pulli an ;-) insofern kommt bei ihr nur das Spezial-Tuch zum Einsatz)

Außerdem glaube ich gar nicht, dass "Neugeborene von Beginn an überspreizt auf dem Rücken getragen werden" (wer sagt das??). Nur weil die Beinchen nicht rausgucken, muss es noch längst nicht überspreizt sein. Und selbstverständlich ist Kreuzköper und Co keineswegs ein MUST - es bindet sich damit nur deutlich einfacher ;-) (mit dem westafrikanischen Tuch, s.o., kein Kreuzköper aber eindeutig spezielle BW und Herstellung, konnte ich übrigens auch herrlich leicht binden!)

LG;
Julia
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Montanara
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Re: ich hab auch eine Frage

Beitrag von Montanara »

Es liegt bestimmt nicht an der Körperhaltung der tragenden Person. Überspreizung hat nichts mit der Körperhaltung der tragenden Person zu tun, sondern mit der gewählten Bindeweise.
Es liegt auch nicht am Untergrund. Sonst dürften wir hier nicht tragen, die wir nur auf Asphalt gehen (was ist denn mit Afrikanerinnen, die in felsigen Gebieten leben?!?!)! Das ist ein leider sich hartnäckig haltendens Vorurteil.... :?
Allerdings kann man mit manchen Bindeweisen schon mehr Stösse abfangen als mit anderen.

Hüftschäden nehmen im urbanen Afrika zu - das heisst da, wo eben nicht traditionell getragen wurde. Oder täusche ich mich da?

Kangas sind nicht kreuzköpergewebt, das stimmt. Brauchen sie auch nicht zu sein. Jede Leinwandbindung beutelt aus und lässt eine Diagonalelastizität zu, wie wir das von einem TT erwarten. Allerdings leiert aber eine Leinwandbindung aus. Das heisst, das Tuch muss immer mal wieder ersetzt werden.
Die Kanga-Bindeweise lässt einen Beutel zu, in dem das Baby hockt, ähnlich wie beim Känguru. Angehockt sind diese Kinder meist prima, überspreizt schon eher. Allerdings ist das Risiko des Überspreizens vor dem Bauch eher höher als auf dem Rücken. Auch DER Hüftfachmann, Dr. Fettweis, wies aus diesem Grund darauf hin, dass man die Kleinen am besten auf der Hüfte, am zweitbesten auf dem Rücken trägt.
Warum wir hier in Europa so Wert auf korrektes Tragen legen, liegt an unserem Bedürfnis an Sicherheit. Wir möchten für alles und jedes abgesichert sein. Wir möchten nicht alle paar Wochen ein neues TT kaufen, weil es ausgeleiert ist (abgesehen davon sind gute TT auch einfacher zu binden als billige!), und wir möchten sicher sein, dass unserem Nachwuchs nichts passiert. Daher werden hier Bindeweisen gewählt, die das geringste Risiko von Fehlern in sich haben. Sprich möglichst immer eine korrekte ASH garantieren. Wir wissen nicht genau, was passiert, wenn suboptimal getragen wird - also gehen wir lieber auf Nummer sicher.
Ich denke, DAS ist die Haltung dahinter, und nicht Marketingstrategien von Herstellerfirmen :wink: !

Liebe Grüsse
Dorothea
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olle

Re: ich hab auch eine Frage

Beitrag von olle »

liebe jusl,
ich habe in meinem engsten freundeskreis fünf afrikanische familien, die alle aus verschiedenen teilen Afrikas kommen und keine von denen hat ein spezielles Tuch zum tragen ihrer kinder, vielleicht liegt das auch wieder daran, das es in global-afrika nicht alles gleich ist?
jusl hat geschrieben:Außerdem glaube ich gar nicht, dass "Neugeborene von Beginn an überspreizt auf dem Rücken getragen werden" (wer sagt das??). Nur weil die Beinchen nicht rausgucken, muss es noch längst nicht überspreizt sein.
tendenziell sind sie das schon, je nach größe
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Alexandra
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Re: ich hab auch eine Frage

Beitrag von Alexandra »

Also ich finde es immer sehr schwierig, über "die Naturvölker", "Afrika" oder "Europa" zu sprechen :wink: Selbst Bindeweisen, von denen ich strikt abraten würde (Strap Carry z.B.) haben dort, wo sie ursprünglich herkommen, nämlich ihren Sinn.

ber schauen wir uns an, wie wir hier laufen: sehr aufrecht (aufrechter, als das die meisten Afrikanerinnen tun!), mit schmaleren Hüften und auf festem Untergrund. Außerdem möchten wir gerne vor dem Bauch tragen - das ist ein Luxus, den sich im Grunde nur jemand leisten kann, der nicht mit Baby am Körper körperlich arbeiten muss.

Und diesen Bedürfnissen sind sowohl unsere Bindeweisen, als auch unsere Tragetücher angepasst.

Dazu kommt, wie ebreits erwähnt, daß vor dem Bauch getragene Babys eher überspreizen können, als auf dem Rücken getragene - und das Ganze dann aufrecht gehend auf Asphalt, das Kind den Stößen der Schritte ausgesetzt. Schon aus diesem Grund schon ist es wichtig, eine Bindeweise zu wählen, die die Einstellung der ASH zulässt.

Liebe Grüße Alex
Liebe Grüße von Alex mit dem ganz Großen 05/00, dem Großen 06/04, dem ziemlich Großen 01/08, der Pferdenärrin 11/13 an der Hand und Mondmädchen Luna Nicole (*+ 9/11) für immer im Herzen


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Re: ich hab auch eine Frage

Beitrag von sabri »

Was eher ein Problem sein kann, ist dass im Kanga oft die Beinchen ganz mit eingebunden werden im ausgestreckten Zustand (!) und das zu einer Verlängerung der Sehne führen kann, hab ich mal gehört (klingt auch logisch!).
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Montanara
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Re: ich hab auch eine Frage

Beitrag von Montanara »

So ist es! Genau darüber habe ich mit Herrn Fettweis auch gesprochen, und er wies darrauf hin, dass es auch beim Kanga wichtig ist, die Beinchen ab Knie frei zu lassen.

Herzlich
Dorothea
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Re: ich hab auch eine Frage

Beitrag von jusl »

Wobei hier auch noch mal der Hinweis meiner Stillgruppen-Bekannten: manchmal sind die Babys in ein Innentuch eingebunden, Beinchen draußen, und über alles kommt dann ein schmückender Außen-Kanga. Da sieht es unter Umständen nur so aus, als seien die Beinchem stramm mit eingebunden, sind es aber gar nicht.

LG;
Julia
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