Liebe Mika,
diese Meinung ist leider durchaus nicht selten. Aber wenn es Dich beruhigt, wir hatten schon wirklich einige Physiotherapeutinnen in der Ausbildung und letztlich war keine von ihnen der Meinung, die Du hier bekommen hast.
Dennoch, und hier kommen wir an eine oft und teils erbittert geführte Diskussion: wird nicht richtig getragen, gebe ich der Dame durchaus Recht. WAS richtig tragen im Einzelnen heißt, dazu haben wir hier im Forum und bei ClauWi eine recht strikte Meinung, die vor allem besagt: es muss fest sein (Stützung für Mutter UND Kind!) und die Anhock-Spreizhaltung muss vom Kind gut eingenommen werden können - vor allem bei Neugeborenen und bei schlafenden Kindern ist das in strengerem Rahmen notwendig! Aber ich versuche mal, den Text im Einzelnen zu kommentieren.
Mika01 hat geschrieben:1. ist eine Schwangerschaft für uns frauen schon schwer genug vom rücken her zu verkraften. und auch wenn`s nicht weh tut, dass baby am bauch zu tragen, wird sich euer rücken rächen.
Richtig gedacht, aber den falschen Schluss gezogen

Schwangerschaft und Geburt sind in der Tat sehr anstrengend für eine Frau. Da ist ja nicht nur der schwangere Bauch, unter Hormoneinfluss lockern ja auch sämtliche Bandstrukturen ein wenig, die Neigung zu Rückenschmerzen ist definitiv erhöht. Nur: die Schmerzen werde ich sicherlich vor allem dann bekommen, wenn ich mein Baby den ganzen Tag auf dem Arm trage - es sei denn, ich bin Anhängerin der Kind-wegferbern-Methode à la Baby muss lernen, allein und selbständig zu sein - das werde ich hier nun nicht argumentativ auswalzen, sollte bekannt sein
Also, Baby auf dem Arm zu tragen ist sicherlich ganz gut zu verkraften - eine Zeit lang. So wars ja auch bei unseren nomadischen Vorfahren, vermutlich haben sich die Clanmitglieder abgewechselt beim Tragen.
Dennoch, eine gewisse Ausgleichshaltung nimmt man immer ein beim Armtragen, man muss das Baby stützen, ggf. seine Bewegungen ausgleichen beim größeren Kind (durchaus auch schon bei Kindern, die jünger als 6 Monate sind).
Im gut gebundenen Tragetuch habe ich diese Probleme nicht: das Tuch unterstützt durch die gewählte Bindeweise meine eigene aufrechte (!) Körperhaltung, das Tuch richtet mich quasi auf. Das ist nur gegeben, wenn ich mich mit gebundenem Tuch vorbeugen kann, ohne daß das Kind ins Tuch hineinfällt.
Also richtig ist, daß das Tragen im Tuch / in der Tragehilfe immer dann ungünstig ist, wenn ich mit meinem Körper einen Ausgleich schaffen muss zur Haltung des Babys im Tuch. Hier ist dann dringender Nachbesserungsbedarf!
Umgekehrt unterstützt ein gut gebundenes Tuch die aufrechte Körperhaltung und damit auch Faktoren wie das Erspüren der eigenen Mitte (Beckenboden!), was nur in aufrechter Körperhaltung überhaupt möglich ist.
Mika01 hat geschrieben:2. ist es fürs baby einfach nicht gesund. auch wenn es toll entwickelte tücher und techniken gibt, der babyrücken ist unter 6 monaten nicht belastbar!!! und so ein tuch kann zwar etwas stützen, aber die schwerkraft kann das beste tuch nicht abnehmen!!!
Es stimmt, daß der Babyrücken noch nicht in mit Erwachsenen vergleichbarer Weise belastbar ist. Das liegt vor allem an zwei Faktoren: die Wirbelsäule ist direkt nach der Geburt noch leicht gerundet, man nennt dies Totalkyphose. Weiterhin sind die Bandscheiben noch nicht voll entwickelt, wie beim Erwachsenen, sondern sie liegen in sog. Bandscheibenkernen vor, die noch eine eigene Durchblutung aufweisen! Mit den Aufrichtingsstadien der Wirbelsäule kommt das Kind bis zum Laufalter hin zur doppelten S-Form in der Wirbelsäule; das gelartige "Aufplustern" der Bandscheiben und der schrittweise Abbau der Durchblutung wird sich durch die gesamte Kleinkindzeit hinziehen, das ist erst mit 5 bis 7 Jahren abgeschlossen.
Heißt: jegliche unphysiologische Belastung könnte (!) der Wirbelsäule schaden. Unphysiologisch ist aber sicherlich eine Belastung, bei der Stöße auf die
liegende Wirbelsäule treffen, solche Arten von Belastungen sind ja nicht mal vom Erwachsenen zu kompensieren, einfach weil die WS nicht dazu gedacht ist, im Liegen belastet zu werden.
Ich unterstütze also die gesunde Wirbelsäulenentwickllung, wenn ich wiederum fest gebunden im Tragetuch trage: die Totalkyphose sollte im Neugeborenenalter und darüber hinaus beim schlafenden Kind stabil eingenommen werden - das ist nicht zu verwechseln mit einem potenziell schädlichen Zusammensacken im Tragetuch! Nur das straff gebundene Tuch wird die Belastungen durch die Schritte auf asphaltierten Straßen eben nicht per "Reitbewegung" ans Kind, sondern über die Tuchbahnen an uns Träger weitergeben. Was wir aber, da ja fest gebunden, gut aufnehmen können, unsere WS ist schließlich gerade aufgerichtet und eben durch das feste Binden nicht in einer Ausgleichhaltung
Mika01 hat geschrieben:babys können auch am besten im liegen trinken (was erwachsene nicht mehr können) und das hat den gleichen grund. babys dürfen halt nicht "sitzen"!!!
Ja, Babys können im Liegen gut trinken und richtig, sie sollen NICHT sitzen, bis sie dies selbständig erlernt haben! Das ist meist frühestens mit 7 Monaten der Fall, eher ist das Kind 8 oder 9 oder gar 10 Monate alt, bis es ALLEINE in den stabilen Sitz kommt.
Daher
sitzt das Kind ja nicht im gut gebundenen Tragetuch, sondern es
hockt gut gebunden am Träger; es schwingt in dessen Bewegung mit, anstatt an ihm zu reiten.
Mika01 hat geschrieben:auch wenn es toll ist, dem baby nah zu sein und auch wenn ess toll ist, das baby ganz nah zu spühren und es auch sehr praktisch ist, nicht ständig diesen riesen kinderwagen in den viel zu kleinen gängen aller einkaufsläden zu schieben und und.
Ohne Worte
Mika01 hat geschrieben:wirbelsäulenleiden ist eine volkskrankheit.
Richtig! Aber das ist es sicherlich nicht, weil wir alle als Kinder im Tragetuch getragen wurden

Nein, wir wurden brav liegend über asphaltierte Wege geschuckelt - Rest siehe oben
Mika01 hat geschrieben:und bei solchen tragetüchern fängt es an.
Falsch! Und noch viel falscher, wenn man von mir Beschriebenes beherzigt
Und ich bin jetzt mal ganz ketzerisch: man kann das Binden sicherlich ganz gut aus Anleitungen und Videos lernen. Ich habe aber in den ganzen Ausbildungskursen nicht eine einzige Frau erlebt, die nicht gesagt hätte, daß ihr eine Trageberatung noch enorm weitergeholfen hätte! Also das richtige Tragen erlernt bzw. verfeinert man definitiv bei einer gut ausgebildeten Trageberaterin!
Mika01 hat geschrieben:ich kann es dir nur ans herz legen. du willst doch ein gesundes baby und kind.
Ja, das ist der Grund, warum ich das Tragetuch, idealerweise verbunden mit einer Trageberatung ans Herz lege - siehe oben
Mika01 hat geschrieben:ich behandle doch die kinder, die eine skoliose haben, was durchs tragen verschlimmert oder erst enstanden ist!!!
Das ist schlimm und wirklich traurig

Dennoch würde mich dann der Einzelfall interessieren: wie lange wurde das Kind getragen, wie wurde es getragen, gibt es Besonderheiten in der Vorgeschichte / Familie? Dinge, die so natürlich nicht ins Internet gehören.
Mika01 hat geschrieben:Was haltet ihr davon ?
Sie bestand auf ihr ach so übergreifendes Wissen und schrieb noch
" ich hoffe ich konnte dir helfen "
Nun, wie gesagt, ich kann ihre Bedenken nachvollziehen, denn wenn man bedenkt, WIE teilweise getragen wird - egal, ob Tragehilfen oder abenteuerlich gewickelte Tücher, KÖNNTE es sein, daß der ein oder andere Schaden entsteht oder zumindest begünstigt wird.
Dennoch dürfte es kaum möglich sein, eine bestimmte Störung einem bestimmten Auslöser zuzuordnen. Normalerweise ist der Mensch recht flexibel und anpassungsfähig und ich denke, daß es den wenigsten Kindern schadet, vorübergehend mal nur suboptimal getragen zu werden. Daß eine Physiotherapeutin aber genau DIESE Fälle sieht, liegt nun schlicht an ihrem Beruf - geht mir als Krankenschwester ja nicht anders, ich sehe halt nur die Fälle die dann auch schon behandlungs bedürftig sind
Mika01 hat geschrieben:Ich glaube nicht das diese Frau sich mit diesem Thema irgendwann mal eingehend beschäftigt hat.
Ich denke schon, daß sie sich damit beschäftigt hat, auf ihre Weise eben.
Ganz liebe Grüße!
