Hallo GiGi
Viele Fragen!
Ich versuche, eine Antwort zu schreiben, möchte aber die lesende Allgemeinheit darauf hinweisen, dass dies Fälle sind, die in die Hände von Spezialistinnen gehören, und dass angelesenes Wissen in keiner Weise Praxis ersetzen kann!

Das Begleiten von frühgeborenen Kindern und ihren Eltern verlangt eine Menge Erfahrung in der Trageberatung und viel Fingerspitzengefühl, ausserdem stellt es hohe Anforderungen an die Kommunikation: muss man oft genug zwischen Krankenhauspersonal und Eltern vermitteln. Auf Klinikhierarchien Rücksicht nehmen usw. ...
Nun, ich weiss von einigen Kliniken, in denen auch Frühchen getragen werden. In Deutschland: Im Clara-Hosptal in Stuttgart werden die sog. Känguru-Tücher von DIDYMOS angewendet, eine geniale Erfindung (man kann das Baby damit nicht tragen, sonden kängurun, ohne dass man der kalten Klinikluft ausgesetzt ist, und das Baby gewöhnt sich an die Enge des Tuches. Es ist das, was in dem Thread zuvor vorgestellt wurde). Ich weiss, dass in Dresden an der Uniklinik in der Päppelstation (wo die Kleinen nach der Intensiv hinkommen) die Babies getragen werden. Es gibt in Deutschland sicher noch mehr Kliniken, an welchen die Vorteile des Tragens gerade für Frühchen erkannt worden sind.
Ich kannn Dir hier keine Standards angeben, wie man mit Frühchen umgehen soll, jedes Kind ist anders. Ausserdem findest Du hier eine Meinung aus ClauWi-Sicht, die vermutlich in einigen Dingen von dem abweicht, was Du gelernt hast oder lernen wirst. Lass Dich davon nicht beirren - auch unsere Sichtweise beruht auf Erfahrungen! Es gibt gewiss auch andere Efahrungen und Herangehensweise. Aber da Du hier nachfragst, bekommst Du die Antwort aus ClauWi-Sicht.
Manche Frühchen sind krank oder brauchen Sonden und Trachealkanülen, da gelten dann besondere Regeln.
Generell beachten sollst Du:
Ab einem Gewicht von ca. 1600 Gramm sind die Kinder in der Regel stabil genug, um Bindeversuche zu wagen. Frühchen sind sehr stressanfällig.
Beim Auftreten von Stresszeichen muss der Bindeversuch abgebrochen werden!
Achte auf: Atmet das Kind schneller oder ist sein Puls / Herzschalg beschleunugt (sieht man am Monitor, wenn das Kind angeschliossen ist)? Hat es eine graue oder blasse Farbe im Gesicht? Mund-Nase-Dreieck dunkler? Klebriger und kalter Schweiss? Dann unverzüglich mit Binden aufhören!
Gerade bei Frühchen ist es enorm wichtig, auf die Tagesform des Kindes einzugehen, die kann sich im Laufe eines Tages mehrfach ändern!
Binden nur mit Einverständnis der Ärztin! Die betreuende Schwester sollte auch in der Nähe, besser noch anwesend sein.
Das Gesicht des Babys sollte immer zu sehen sein, nur so kannst Du erkennen, ob das Baby unter Stress leidet.
Wir empfehlen gerade bei solch stressgefährdeten Kindern die Kängurubindeweise. Warum? Aus den in unseren Augen hinreichend bekannten anatomischen Gründen (siehe Threads in "Tragen - Grundinformationen"). Ausserdem neigt die WKT in unseren Augen dazu, die Kinder zu sehr abzuspreizen, wenn man kein Auge darauf hat. Im Känguru kann man die ASH einfach am allerbesten korrigieren, besonders wichtig bei Frühchen! - Wir empfehlen sie aber auch, weil sie sich im Klinikalltag bewährt: Man braucht nicht lange Tücher, die am Boden umherschweifen und/oder mit Apparaten und Schläuchen in Berührung kommen könnten. Und diese Bindeweise lässt sich im Sitzen, sogar im halb Liegen binden, und man kann sehr behutsam auf das Baby eingehen und innehalten, wenn es Stree zeigt. Ausserdem ist diese Bindeweise blitzschnell gelöst, wenn's mal kritisch ist (gerade bei sondierten und besonders Kindern mit Kanülen wichtig!!!) und sie lässt sich hervorragend den individuellen Anforderungen anpassen (wieder Beispiele mit Sonden und Trachealkanüle!).
Es empfiehlt sich, das Binden mit den Eltern vorgängig zu üben, sodass die Handgriffe an der Frühchenpuppe sitzen. Dann können die Eltern noch besser auf das Baby eingehen und fühlen sich sicherer. Das Einbinden des Kindes dauert weniger lange und ist damit schonender.
Frühchentragetuch verwenden (Storchenwiege, Didymos), auf keinen Fall Jerseytücher. Abgesehen von den Nachteilen der einzigen damit bindbaren Bindeweise gibt es andere handfeste Argumente dagegen,
siehe hier. Auch Fertigtragehilfen haben in meinen Augen nichts bei Frühchen verloren.
Ein Sling jedoch kann sinnvoll sein, da er ebenso gut und fest gebunden werden kann wie ein TT, und weil er auch sehr schnell gelöst werden kann, wenn's mal drauf ankommt.
Und sieh zu, dass Du selber persönlichen Kontakt bekommst mit Menschen, die Frühchen tragen und Erfahrung damit haben.
Das ist etwa, was mir gerade dazu einfällt.
Herzliche Grüsse
Dorothea