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Umgang mit Kind und Personal im Krankenhaus
Verfasst: 05.04.2020, 20:20
von Filune
Hallo zusammen,
ich muss mich jetzt auch mal an euch wenden. Mein Sohn (er wird bald 5 Jahre alt) ist seit fast drei Wochen im Krankenhaus und er wird auch noch mindestens zwei Wochen bleiben müssen. Ich bin die ganze Zeit bei ihm. Es wird für ihn immer schwieriger die Ärzte und Schwestern an sich ranzulassen. Vor dem Krankenhausaufenthalt ist er gerne zum Arzt gegangen, hat alle Untersuchungen mitgemacht und Fragen beantwortet. Mittlerweile schreit er schon oft wenn nur eine Schwester das Zimmer betritt.
Ich weiß allmählich nicht mehr was ich ihm noch sagen kann/soll um ihm die Wichtigkeit der Behandlungen klar zu machen und ihm gleichzeitig zu zeigen, dass ich für ihn da bin und dass ich ihn ernst nehme. Er kann das natürlich alles noch nicht verstehen. Aber ich möchte es ihm irgendwie leichter machen. Ich brauche dringend ein paar Tipps wie ich mit diesen Situationen umgehen kann und was ich ihm sagen könnte.
Was es langsam auch noch schwerer für uns macht ist, dass die Schwestern und Ärzte häufig wenig Verständnis für ihn haben. Man gibt auch mir immer mal wieder zu Verstehen, dass ich mich als Mutter nicht richtig verhalte, weil ich ihn nicht zurechtweise, wenn er die Ärzte und Schwestern anschreit.
Ich habe vollstes Verständnis für ihn und seine Situation. Er ist noch so klein und muss jetzt so viel durchmachen. Ständig muss er still halten, ständig wird er untersucht, angefasst, muss Medikamente nehmen, Blutentnahmen über sich ergehen lassen, schmerzhafte Verbandswechsel usw. Alles gegen seinen Willen. Und dazu ist er auch einfach krank. Er hat immer wieder Schmerzen, teilweise Juckreiz und Hautausschlag/Schwellungen die ihn häufig in der Bewegung einschränken. Er hat Verbände am Kopf und ist ständig an der Infusion, das ist auch nicht einfach für ihn. Er wehrt sich auch, wenn die Ärzte ihn nur anschauen wollen und auch dafür habe ich vollstes Verständnis.
Auf der einen Seite möchte ich ihm beistehen und ihm zeigen, dass er wütend sein darf. Auf der anderen Seite verstehe ich natürlich auch die Schwestern und möchte sie nicht noch mehr verärgern. Schließlich müssen wir es noch eine Weile hier aushalten. Ich bin in einer Zwickmühle. Natürlich würde ich mich immer für meinen Sohn entscheiden und so handeln wie es für ihn das Beste ist. Ich suche einen Weg möglichst beides zu vereinen. Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht und wie seid ihr damit umgegangen?
Ich hoffe ihr könnt uns ein wenig weiterhelfen und vielen Dank fürs Lesen

Re: Umgang mit Kind und Personal im Krankenhaus
Verfasst: 05.04.2020, 20:48
von Pungl
Einen Rat habe ich nicht, aber ohne den Versuch eines Trostes zu gehen wollte ich auch nicht.
Es klingt sehr anstrengend und nervenzehrend, was er und du durchlebt.
Ich finde es toll, dass du ihm seine Gefühle nicht kleinreden willst.
Ich glaube, ich würde versuchen, den Ärzten und Pflegern vorzuschlagen, dass sie ihm noch besser/kindgerechter erklären, was mit ihm passiert/was an Behandlung nötig ist. Es ist ja sein Körper.
Fühl dich gedrückt, wenn du magst ((()))
LG Pungl
Re: Umgang mit Kind und Personal im Krankenhaus
Verfasst: 05.04.2020, 22:32
von Siduri
Das klingt wirklich schlimm (für alle beteiligten).
Ich kann nur "von der anderen (ärztlichen) Seite" berichten, was ich mir manchmal von Eltern wünschen würde.
Ich finde es völlig nachvollziehbar, dass Kinder Untersuchungen oder Behandlungen nicht wollen und sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln wehren. Ich finde es auch völlig normal, wenn uns Eltern dann das Herz blutet. Aber ich wünsche mir von den Eltern Kooperation. Wir (also Eltern und Ärzte) haben uns im optimalen Fall gemeinsam für einen Weg entschieden. Im Alltag ist es wahrscheinlich oft so, dass wir Ärzte den Weg vorgeben, aber auch dann haben die Eltern ihr Einverständnis gegeben. Und ich will nicht "die Böse" sein, die, zusammen mit der Pflege, "dem Kind das antut" und deshalb den gesamten (berechtigten!) Unmut des Kindes zu schlucken hat. Eine Mutter, die, wenn das Kind sich wehrt, dieses in den Arm nimmt, es so sanft, wie möglich festhält, ihm zuflüstert, dass sie versteht, dass das ganz schlimm ist, dass sie das aber jetzt für nötig hält, ist auch ganz bei ihrem Kind, behält aber dabei die Verantwortung. Ein Vater, der das Kind, das der Schwester aus voller Kehle ins Gesicht brüllt, freundlich, aber deutlich sagt, dass sie ihren Job macht, um ihm zu helfen und dass er das für richtig hält, nimmt dem Kind vielleicht sogar die (mE viel zu große) Verantwortung, selbst zu entscheiden, ob das jetzt ok ist mit allen Fürs und Widers. Ganz anders ist es natürlich, wenn man als Elternteil nicht gut findet, was da läuft. Dann ist es aber nicht die Aufgabe des Kindes, das an das Personal zu kommunizieren, sondern die der Eltern.
Dass man nach Möglichkeit erklärt, was man warum mit dem Kind macht, ist für mich selbstverständlich und wird in meinem Umfeld auch so gehandhabt. Trotzdem kennen die Patienten uns nicht, wir tun ihnen vielleicht weh, übertreten ständig ihre Grenzen, sie haben das Recht, wütend und ängstlich zu sein! Dass ein Kind schreit, weint, sich wehrt, nehme ich nicht übel. Dass ein Erwachsener mir dafür die alleinige Verantwortung zuschieben will, aber schon.
Ich will keinesfalls behaupten, dass das bei euch schlecht läuft! Ich bin nur über das "... weil ich ihn nicht zurechtweise..." gestolpert. Zurechtweisen erwarte ich persönlich nämlich von niemandem, wünsche mir aber schon ein darauf Eingehen. Ein "Ich sehe dich, es tut mir leid, dass das gerade schlimm ist, wir machen das jetzt trotzdem." Oder eben ein klares "Stop, wir wollen das nicht!"
So, und nun nach viel Gelaber mein Rat:
Bezüglich des Personals:
Du wirkst sehr reflektiert, sehr "bei deinem Kind". Lass das die Pfleger*innen und Ärzt*innen sehen! Sprich mit deinem Sohn über seine Gefühle und deine Einstellung bezüglich der Dinge, die passieren, wenn jemand im Raum ist. Lass die Behandelnden "zufällig mithören", wenn du ihm sagst, dass du froh bist, dass er die Therapien bekommen kann, auch wenn sie schlimm sind, weil es noch schlimmer wäre, sie nicht zu bekommen.
Bezüglich deines Sohnes:
Die Gefühle sind da. Leugnen bringt nichts (Ich glaube auch nicht, dass du das tust!). Kann er darüber sprechen, also außerhalb der Situation? Worte zu haben, den Gefühlen Namen geben zu können, hilft oft ungemein. Sprichst du über deine Gefühle? Meine Tochter spielt momentan gerne "so fühlt sich das an". Als zB: "Wenn ich den Kuchen nicht essen darf, dann fühlt sich das ganz heiß an, dann würde ich am liebsten ein Loch in die Wand hauen." Und dann überlegen wir gemeinsam, was das sein könnte. Zorn, Wut, Enttäuschung, ... könnte so was vielleicht helfen? Also: "Wenn die Schwester ins Zimmer kommt, dann ..." Das kann man dann einfach stehen lassen, ohne Aber. Das sollte glaube ich ganz losgelöst sein von jedem Erklären. Erklären kann man zu einem anderen Zeitpunkt.
Wenn das alles nicht für euch passt, dann vergiss es bitte einfach wieder! Vielleicht ist aber doch ein Körnchen für euch dabei.
Ich wünsche euch jedenfalls alles Gute und viel Kraft!
Re: Umgang mit Kind und Personal im Krankenhaus
Verfasst: 05.04.2020, 22:44
von June
Danke für diesen einfühlsamen Beitrag!
Ich finde dieses Pensum für einen Fünfjährigen immens. Ich war zweimal mit meiner Tochter im KKH, da war sie schon 8 bzw. 9 und auch nur für ein paar Tage da. Aber ich fand es da schon schwer, sie bei Laune zu halten. Zumal sie auch jede Nacht mehrfach geweckt wurde und einfach nicht mehr konnte. Ich fühle mit Dir, Filune!
Re: Umgang mit Kind und Personal im Krankenhaus
Verfasst: 08.04.2020, 20:30
von miracle
Hallo Filune,
als meine Tochter sehr krank war (etwa in dem Alter wie dein Sohn jetzt), hat es ihr geholfen, sich Handlungsspielräume zu erarbeiten. Im KH ist ja alles sehr fremdbestimmt, grenzüberschreitend ... ständig wird man "be-handelt", ohne selber handeln zu können. Meine Tochter hat sich ihren Weg "aus der Ohnmacht" herausgesucht, indem sie selber entscheiden oder mitmachen durfte: Wo wird die Manschette zum Blutdruckmessen dran gemacht? Spritzen und Verbände durfte sie selber halten. Am Ende konnte sie sogar den Überwachungsmonitor mitbedienen.
Wichtig für die Kinder ist die Klarheit der Erwachsenen: DAS muss jetzt einfach sein (die Be-Handlung). Aber wie sie für das Kind angenehmer wird, könnte dein Sohn ja entscheiden.
Re: Umgang mit Kind und Personal im Krankenhaus
Verfasst: 12.04.2020, 13:09
von Filune
Vielen Dank für eure Antworten. Das hat mir schon weitergeholfen. Es geht ihm mittlerweile auch sehr viel besser, so dass es für uns beide etwas leichter geworden ist. Seit es ihm besser geht, ist seine Laune auch einfach besser und er schreit die Schwestern und Ärzte nur noch selten an.
Siduri hat geschrieben: 05.04.2020, 22:32
Bezüglich des Personals:
Du wirkst sehr reflektiert, sehr "bei deinem Kind". Lass das die Pfleger*innen und Ärzt*innen sehen! Sprich mit deinem Sohn über seine Gefühle und deine Einstellung bezüglich der Dinge, die passieren, wenn jemand im Raum ist. Lass die Behandelnden "zufällig mithören", wenn du ihm sagst, dass du froh bist, dass er die Therapien bekommen kann, auch wenn sie schlimm sind, weil es noch schlimmer wäre, sie nicht zu bekommen.
Das war wirklich ein guter Tipp. So konnte ich dem Personal einfach zeigen, dass ich grundsätzlich auf ihrer Seite bin.
Was die Behandlungen an sich angeht, stehe ich auch vollkommen hinter dem Personal. Es gibt einfach keine Alternative. Der Verband muss gewechselt werden und das kommuniziere ich auch so und helfe mit.
Was mir aber wirklich gegen den Strich geht, ist, dass das Personal wenig Verständnis zeigt für sein Befinden. Ich muss mir Kommentare anhören wie: "der hat keine Schmerzen, der ist einfach nur bockig"
Manche Schwestern scheinen einen richtigen Machtkampf daraus zu machen alla "mal schauen wer hier einen längeren Atem hat". Sie reden einfach ständig mit ihm weiter und machen es dadurch nur schlimmer. Manche Schwestern sind der Meinung, dass mein Sohn mit ihnen sprechen muss. Ich sehe das anders. Ich denke, man sollte seinen Wunsch, nicht angesprochen zu werden, respektieren und akzeptieren. Es bringt auch nichts, denn er meckert oder schreit und antwortet nicht auf Fragen.
Ich versuche auch schon den Schwestern klar zu machen, dass er nicht mit ihnen sprechen möchte. Antwort darauf: "ich spreche aber gerne mit meinen Patienten"

Ich weiß dann auch einfach nicht was ich dazu noch sagen soll
Siduri hat geschrieben: 05.04.2020, 22:32
Dass man nach Möglichkeit erklärt, was man warum mit dem Kind macht, ist für mich selbstverständlich und wird in meinem Umfeld auch so gehandhabt. Trotzdem kennen die Patienten uns nicht, wir tun ihnen vielleicht weh, übertreten ständig ihre Grenzen, sie haben das Recht, wütend und ängstlich zu sein! Dass ein Kind schreit, weint, sich wehrt, nehme ich nicht übel. Dass ein Erwachsener mir dafür die alleinige Verantwortung zuschieben will, aber schon.
Das ist auch so ein Punkt der mich sehr stört. Sie erklären ihm was sie vorhaben, aber sie stellen es meist sehr viel harmloser da als es ist. Es ist nicht ehrlich und das durchschaut er mittlerweile. Zum Beispiel als der Corona-Abstrich in Hals und Nase gemacht wurde, meinte die Schwester: "ich kitzel dich ein bisschen in der Nase". Sie hat aber das Wattestäbchen so doll in die Nase gesteckt und gerieben, dass es sogar ein bisschen geblutet hat. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Sie sagen ihm meistens: "alles gut, ist nicht schlimm, es ist nur ein bisschen ...." Ich verstehe natürlich, dass sie ihm die Angst nehmen wollen aber es führt nur dazu, dass er niemandem mehr traut. Wenn ich selbst weiß, was sie vorhaben, versuche ich natürlich ihm alles so genau wie möglich zu erklären. Manchmal weiß ich aber auch nicht was sie genau machen wollen
Siduri hat geschrieben: 05.04.2020, 22:32
Bezüglich deines Sohnes:
Die Gefühle sind da. Leugnen bringt nichts (Ich glaube auch nicht, dass du das tust!). Kann er darüber sprechen, also außerhalb der Situation? Worte zu haben, den Gefühlen Namen geben zu können, hilft oft ungemein. Sprichst du über deine Gefühle? Meine Tochter spielt momentan gerne "so fühlt sich das an". Als zB: "Wenn ich den Kuchen nicht essen darf, dann fühlt sich das ganz heiß an, dann würde ich am liebsten ein Loch in die Wand hauen." Und dann überlegen wir gemeinsam, was das sein könnte. Zorn, Wut, Enttäuschung, ... könnte so was vielleicht helfen? Also: "Wenn die Schwester ins Zimmer kommt, dann ..." Das kann man dann einfach stehen lassen, ohne Aber. Das sollte glaube ich ganz losgelöst sein von jedem Erklären. Erklären kann man zu einem anderen Zeitpunkt.
Ab und zu schafft er es jetzt über seine Gefühle zu sprechen und ich versuche es immer mal wieder. Häufig bekommt man aber nicht viel aus ihm raus.
Ich konnte ihm jetzt aber erklären, dass es besser funktionieren wird, wenn der dem Personal möglichst ruhig sagt, dass er in Ruhe gelassen werden möchte. Das konnte er sogar umsetzen. Er hat schon einige Male gesagt: "lass mich in Ruhe, ich will nicht mit dir reden". Leider hatte ich nicht Recht. Sie reden trotzdem mit ihm. Manche antworten dann: "ist in Ordnung, ich lasse dich in Ruhe" und eine halbe Minute später quatschen sie ihn wieder voll
miracle hat geschrieben: 08.04.2020, 20:30
Hallo Filune,
als meine Tochter sehr krank war (etwa in dem Alter wie dein Sohn jetzt), hat es ihr geholfen, sich Handlungsspielräume zu erarbeiten. Im KH ist ja alles sehr fremdbestimmt, grenzüberschreitend ... ständig wird man "be-handelt", ohne selber handeln zu können. Meine Tochter hat sich ihren Weg "aus der Ohnmacht" herausgesucht, indem sie selber entscheiden oder mitmachen durfte: Wo wird die Manschette zum Blutdruckmessen dran gemacht? Spritzen und Verbände durfte sie selber halten. Am Ende konnte sie sogar den Überwachungsmonitor mitbedienen.
Wichtig für die Kinder ist die Klarheit der Erwachsenen: DAS muss jetzt einfach sein (die Be-Handlung). Aber wie sie für das Kind angenehmer wird, könnte dein Sohn ja entscheiden.
Das ist auch ein guter Hinweis. Seit es ihm besser geht, versucht er auch immer mal wieder mitzumachen. Ich sollte das auch weiter unterstützen und vom Personal einfordern.
Re: Umgang mit Kind und Personal im Krankenhaus
Verfasst: 12.04.2020, 13:36
von Filune
Ich habe jetzt schon viel geschrieben aber tatsächlich ist das nur ein geringer Teil von dem was wir hier aushalten und mitmachen müssen. Es ist unglaublich wie das Personal drauf ist. Leider spiegelt es wohl das Denken der Gesellschaft wider. Ich kenne im echten Leben wenig Menschen die wirklich "gut" über Kinder denken. Ich komme mir oft vor wie von einem anderen Stern weil ich mein Kind einfach ernst nehme. Ich versuche auch uns zu erklären aber es kommt einfach nicht an. Manche Schwestern geben mir auch zu verstehen, dass mein Sohn der einzige ist in 30 Jahren Arbeit in der Kinderklinik, der so reagiert

Re: Umgang mit Kind und Personal im Krankenhaus
Verfasst: 12.04.2020, 15:44
von pqr
Ich lasse Euch einfach mal nen Drücker da.
(())
Re: Umgang mit Kind und Personal im Krankenhaus
Verfasst: 12.04.2020, 15:49
von Grizelda
Ich mag euch auch einen Drücker da lassen und hoffe, ihr könnt bald nach Hause!
((()))
Re: Umgang mit Kind und Personal im Krankenhaus
Verfasst: 12.04.2020, 15:51
von Siduri
Oh Mann, das Personal klingt wirklich furchtbar unempathisch. Das tut mir sehr leid! Ich lass euch auch einen Drücker da, wenn ihr wollt. ((()))