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Kinder geschlechtsneutral aufwachsen lassen

Verfasst: 13.01.2013, 13:11
von Pupu
Ich bin gestern über eine Diskussion darüber gestolpert und fand das sehr interessant. Das Geschlecht eines Kindes wird einfach nicht verraten. Den Kindern werden geschlechtsneutrale Rufnamen gegeben, Kleidung, Frisur, Spielzeuge etc werden ebenfalls neutral gehalten bzw von beidem etwas, so dass nichts verrät, ob das Kind biologisch ein Junge oder ein Mädchen ist. Der Kerngedanke dabei ist, dass Kinder sich frei von Stereotypen entwickeln können sollen und frei entscheiden können sollen, wo ihre Interessen liegen, ohne von vornherein in Rollen gepresst zu werden.

Nun fand diese Diskussion in einer "normalen" Elterndiskussionsrunde statt und der Aufschrei war gross :mrgreen: Die Kinder würden ja eine Identitätskrise bekommen, und überhaupt, Jungs sind Jungs und Mädchen sind Mädchen und basta. Und wenn das Kind mal schwimmen oder eislaufen geht, muss es doch wissen, in welche Umkleidekabine es gehen soll! :lol: Darüber (also über letzteres) musste ich echt schmunzeln. Wenn das das grösste Problem ist, dann ist doch eigentlich alles gut, oder? *g*

Wenn man mal so drüber nachdenkt, dann fällt einem schon auf, WIE sehr schon die Kleinsten in Geschlechterrollen einsortiert werden. Manchmal sind sie noch im Bauch, da werden Mädchen schon "Prinzessin" gerufen und Jungs "Räuber" oder "Fussballer", das Zimmer wird blau oder rosa gestrichen und die Kleidung wird farblich vorsortiert. Jungs bekommen Autos und Spielschwerter geschenkt, Mädchen bekommen Puppen und Haarspängchen. Natürlich nicht ausschliesslich. Klar gibt es auch Jungs die mit Puppen spielen und Mädchen, die auf jeder Baustelle freudig die Bagger benennen. Aber ein gewisses Rollendenken ist eben doch da und lässt sich nicht verleugnen.

Sich dem (beinahe) komplett entziehen kann man wohl wirklich nur, wenn man das Geschlecht verschweigt. Dass das auf Ablehnung stösst, ist nur natürlich - man kann es in keine Schublade einsortieren, es nicht "zuordnen", muss es immer wieder neu definieren und genau anschauen. Aber ist das schlecht? Bekommen Kinder wirklich Identitäts- und Zuordnungsprobleme, wenn auf Geschlechterstereotypen verzichtet wird? Einem Einjährigen zum Beispiel ist es doch ohnehin wurstegal, ob es Junge oder Mädchen ist, es weiss ja nicht, was der Unterschied bedeutet. Und später, in der Schule? Wäre es nicht auch da schöner, sich einfach alles raussuchen zu können was man gern machen möchte, ohne Vorurteile? Ballett tanzen gehen zu können, wenn es einem Spass macht, auch wenn man biologisch als Junge geboren wurde, ohne sich anhören zu müssen das sei "mädchenhaft" oder "tuntig"? Eishockey oder Fussball spielen zu können, wenn einem danach ist, ohne beäugt zu werden? Sich vorurteilsfrei entscheiden können... ist das besser? Oder bekommt man eine Identitätskrise dadurch, sich keiner Geschlechtergruppe zuzuordnen, inklusive allem typischem Verhalten?

Wissen tun diese Kinder doch ganz sicher auch, dass manche Kinder einen Penis haben und später zu Männern heranwachsen und einen Bart bekommen, und andere eine Vulva haben und später Brüste bekommen und zu Frauen werden, die Kinder gebären können. Aufgeklärt werden sie ganz sicher auch. Aber es wird eben einfach keinen Wert auf die Geschlechterrollen gelegt, bzw es WIRD darauf Wert gelegt, dass es eben KEINE festgefahrenen Rollen und Vorurteile gibt, die das Kind unbewusst für sich annimmt, die auf es übertragen werden, noch ehe es richtig sprechen und laufen und für sich selbst denken und entscheiden kann.

Warum kommt es vielen so falsch vor, eben NICHT einordnen können, ob ein Kind männlich oder weiblich ist? Warum ist das immernoch die erste Frage, wenn ein Baby geboren wird, ob es ein Junge oder Mädchen ist? Ist es nicht eigentlich egal? Kann es nicht einfach nur ein Kind sein, ein Mensch sein? Und sich so entwickeln, wie es aus sich selbst heraus eben möchte?
Ich nehm mich da selbst nicht aus, auch ich ordne zu. Auch ich ertappe mich zu oft bei dem Gedanken, etwas sei "eher für Jungs" oder es sei "mädchenhaft" oder "mädchentypisch" - sei es Kleidung, Spielsachen, Verhaltensweisen... aber warum eigentlich? Ich hab es da ja noch verhältnismässig einfach mit meinen zwei Mädels - da ist es gesellschaftlich viel eher akzeptiert, wenn sie Unisexkleidung tragen (versuche ich überwiegend zu kaufen, ist aber extrem schwer zu finden!) oder "jungenhafte" Sachen tun. Wenn ein Junge jedoch einen Rock tragen will oder mit Rosaglitzerbarbies spielen will, da sträuben sich viele... Ist das nicht irgendwie schade? Oder ist das richtig und wichtig so, die Rollen beizubehalten? Im Arbeitsleben wird darauf orientiert, alle möglichst gleich zu behandeln, aber wir selbst geben unseren Kindern die gleichen Stereotypen weiter...

Wie seht ihr das? Gibt es hier jemanden, der seine Kinder vielleicht selbst so aufwachsen lässt oder anderweitig Erfahrungen damit gemacht hat? Wie funktioniert das im Alltag? (Meine Familie z.B. würde mir sprichwörtlich den Hals umdrehen, wenn ich nicht verraten würde, welches Geschlecht das Enkelchen hat und wäre höchst beleidigt.) Wie sind die Reaktionen? Kann sich jemand vorstellen, das selbst durchzuziehen? Ein reizvoller Gedanke ist es ja an sich schon, aber ich glaube, an der Umsetzung würde es scheitern. Vielleicht bin ich auch selbst zu vorurteilsbehaftet?
Was meint ihr dazu?

Re: Kinder geschlechtsneutral aufwachsen lassen

Verfasst: 13.01.2013, 13:26
von Zierbanane
Selbst wenn man das selber durchhält, was ist mit der Oma, die dann doch mal einen geschlechterspezifischen Spruch dem Kinde gegenüber bringt? Was ist mit Freunden und Bekannten, was mit der Wurstverkäuferin hinter der Theke?

Ich persönlich halte das sowieso für übertrieben. Es ist nicht "falsch" eine Frau oder ein Mann zu sein! Wir sind doch keine Neutren. Falsch ist nur dieses ganz extreme Pressen in eine Rolle. Ich denke auch ein Kind sucht sich schon aus seiner Natur heraus seine Rolle als Frau oder Mann oder eben auch nicht, bleibt also ein Leben lang immer irgendwie dazwischen.

Es gab da mal einen Spiegelbericht aus den USA. Er handelte von einem Kind dessen Geschlecht nicht von der Natur aus festgelegt war. Es wurde dann entschieden man lasse es als Frau aufwachsen, behandelte es, operierte es. Das Ende vom Lied war, dass das vermeindliche Mädchen trotz all dem "Weiberkram" immer wieder mit Autos spielte.

Ich denke unsere Aufgabe als Eltern ist es einzig und allein auf die Signale des Kindes zu achten und zu akzeptieren wenn das Mädchen eben lieber mit Autos spielt oder der Junge mit Puppen. Ich finde es auch nicht "in" (wie man ja auch hier manchmal den Eindruck hat) wenn ein Junge "puppelt" oder Kleider trägt, sondern ich denke das ist einfach auch eine Facette des normalen Lebens.

Re: Kinder geschlechtsneutral aufwachsen lassen

Verfasst: 13.01.2013, 13:30
von AnnaKatharina
Ich hab da im Sommer ein interesantes Buch drüber gelesen.
Ich such dir nachher mal den Titel raus.

Re: Kinder geschlechtsneutral aufwachsen lassen

Verfasst: 13.01.2013, 13:46
von Dickkopf-Mama
Ich finde das Gedankenspiel zwar sehr interessant, aber wenig realistisch. Haben eure Omas oder Opas nie gewickelt oder waren dabei wenn ihr gewickelt habt? Selbst wenn das Kind schon trocken in die Kita kommt gibt es trotzdem Unfälle, wo es umgezogen werden muss. Und spätestens wenn es dann mit Doktorspielen losgeht ist doch dann für die Spielkameraden die Einordnung auch klar, Schwimmkurs etc....
Aber ich bin auch was die Problematik der Rollenklischees angeht sehr entspannt. Mein Sohn trägt, wenn er Lust drauf hat trotz kurzer Haare Haarspangen, liebte eine Zeitlang mein altes Prinzessinnen Kleid und möchte nach dem Umzug gerne ein lila Zimmer (Da habe ich allerdings noch meine Probleme, weil ich die Farbwirkung einfach nicht so schön finde)

Re: Kinder geschlechtsneutral aufwachsen lassen

Verfasst: 13.01.2013, 13:58
von jatta
Ich finde es auch nicht durchführbar und eigentlich auch ein wenig albern.

Wir selber gehen hier schon in dem Sinne auf die Kinder ein, dass es mir wirklich egal ist, was sie anziehen und womit sie spielen. Mein Sohn ist auch schon im Kleid und mit Haarspangen in den Kindergarten gegangen, und an Spielzeug haben sie einfach das, was ihnen gefällt. Was ich mich aber Frage, inwieweit eben auch unsere Gene und die Evolution für die Geschlechterrollen zuständig sind. Es gibt nun einmal zwei Geschlechter, das zu verstecken wäre auch nicht natürlich - aber das Rollendenken und das entsprechende Aufziehen der Jungen hat doch auch viele viele tausende Jahre nur Vorteile gehabt. Sicherlich sind wir nicht mehr in der Position, dass das für viele wichtig erscheint, aber es scheint uns auch bei der Partnerwahl mehr zu beeinflussen als wir denken.

Re: Kinder geschlechtsneutral aufwachsen lassen

Verfasst: 13.01.2013, 14:02
von Lösche Benutzer 1828
Hatten wir das nicht hier schon mal? Kommt mir bekannt vor.

ICh halte es für Unsinn - wir sind nun mal Mann und Frau und keine geschlechtslosen Lebewesen und das ist ja auch gut so.
Und auch Kinder orientieren sich an gleichgeschlechtlichen Erwachsenen. Da finde ich es gut und wichtig, dass da auch verschiedene "Lebensweisen" dem KInd zugänglich sind. Dass ein Kind eben auch sieht, wass Mann/Frau so alles tun kann - ein Mann, der auch kocht, die Kinder wickelt, auf den Spielplatz geht, eine Frau, die auch den Hammer nimmt, die Wand streicht usw.

Re: Kinder geschlechtsneutral aufwachsen lassen

Verfasst: 13.01.2013, 14:13
von fragaria
Es gab immer mal wieder Bestrebungen in der Geschichte, Kinder geschlechtsneutral aufwachsen zu lassen (z. T. israelische Kibbutze etc.).
Es geht nicht. Wir besitzen einen Teil biologischer Determination, der sich nicht wegdiskutieren lässt - auch nicht von den Soziologen, die
das "Biologismus" nennen und so tun, als wäre jedes Geschlechtsspezifikum außer der gegebenen Köperlichkeiten Resultat gesellschaftlicher
Prägung.
Ich finde es wichtig, die Kinder nicht zu "du bist ein Mädchen, du darfst nicht wild toben" oder "als Junge darfst du nicht weinen" zu erziehen.
Damit legt man übertrieben fest. Aber jegliche Geschlechterrollen wegzulassen ist meiner Ansicht nach unnötig und auch aussichtslos.

Re: Kinder geschlechtsneutral aufwachsen lassen

Verfasst: 13.01.2013, 14:46
von Lösche Benutzer 1828
Und meiner Meinung auch unnatürlich und evtl. sogar "schädlich" - denn für die Kinder ist Identifikation ja schon sehr wichtig. Und die nimmt man ihnen dann ja zum großen Teil.

Und praktisch auch gar nicht durchführbar - die KInder sind mal nackt, haben auch einen Namen, der fast immer auf das Geschlecht hinweist, trifft auf andere MEnschen, als auf die Familienmitglieder.

Re: Kinder geschlechtsneutral aufwachsen lassen

Verfasst: 13.01.2013, 16:11
von Heidisdottir
Oh, das Thema finde ich auch sehr spannend.
Von vorne herein zu sagen, es gibt nunmal zwei Geschlechter ist halt auch ein wenig kurz gefasst. Es gibt eben nicht nur männlich ODER weiblich, sondern auch die eine oder andere Spielart dazwischen - wie hier ja auch schon von Zierbanane aufgeführt wurde. Hab dazu auch irgendwo mal einen klasse Artikel im Netz gefunden, der einen zum Nachdenken bringt. Mal schauen, vielleicht such ich den noch raus...
Die Idee, der Umwelt das Geschlecht eines Kindes nicht zu verraten ist schon extrem. Aber ich denke, sowas ist durchaus mal legitim und nötig, um bei einigen Leuten ein Umdenken zu ermöglichen. Ich glaube nicht, dass das alle machen sollten. Und ich kann auch selber kaum einschätzen, ob das gefährlich ist für die Entwicklung des Kindes. Was nützt es auch, wenn ich jetzt sage, dass ich nicht glaube, dass das gefährlich ist... Ich bin ein Laie. Aber ich denke, dass Eltern, die sowas durchziehen in einem ganz anderen Umfeld leben, als die meisten von uns. Ich denke, Oma und Opa werden vielleicht ähnlich offen mit neuen Ideen umgehen und die Wurstverkäuferin auch. Vielleicht lebt das Kind ja auch in einer Art Kommune.
Klar, in der Kindererziehung wurde von je her grober Unfug verzapft, aber ich kann mir vorstellen, dass das nicht dazu gehört - wenn das Umfeld des Kindes stimmt. Ich finde es klasse, das Rollenklischees aufgeweicht werden und man sollte immer und immer wieder hinterfragen, wann man mal wieder darauf hereinfällt.
Ich tue es auch noch oft genug. Aber ich schätze, dass ist auch einfach gerade eine Übergangsphase, die entweder zu einem neuen Selbstverständnis von weiblich und männlich und zwitterig (?) führt, oder aber nieder gerungen wird und alles bleibt beim Alten und Lisa bekommt ihr rosa Überraschungsei und Max sein Spielzeugauto...(jaja, jetzt werd' ich polemisch.)

Liebe Grüße von einer

Jungsmama

Re: Kinder geschlechtsneutral aufwachsen lassen

Verfasst: 13.01.2013, 16:14
von Sakura
Wir haben uns am Anfang rosa Strampler, Puppen etc. verbeten. Ich fand vor allem diesen Rosawahn furchtbar, weniger die Geschlechterstereotypen, obwohl man das im Babyalter kaum trennen kann. Aber irgendwann wurde mir klar: meine Tochter ist eine Frau. Ab Geburt. Ach was, ab Zeugung. Wir sind Frauen und Männer, jeder von uns (also, 99,9% von uns - und zwar unabhängig ´davon, ob wir später das andere oder das eigene Geschlecht lieben). Seitdem gibt es hier geschmackvolle Mädchenkleidung in rot, orange, lila, weinrot, oder kunterbunt (vorher wirklich sehr viel blau - aus Trotz). Rosa von Kopf bis Fuß wird nach wie vor boykottiert, wenn dann als süßes Detail oder als einzelnes Stück, weil ich alles andere geschmacklos finde. Aber ich habe gelernt, ein Mädchen ist ein Mädchen ist ein Mädchen.