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Waldorfkindergarten-Frust

Verfasst: 02.08.2012, 21:33
von Muschelsucherin
Ausgehend von diesem Fred hier: http://www.stillen-und-tragen.de/forum/ ... 2&t=156850
schreibe ich mal gesondert unsere Erfarungen im Waldorfkindergarten auf.

Mein Kind geht sehr gerne in den Kindergarten, hat sich aber seltsam verändert, seit er in der Gruppe ist.
Er wurde richtig wesensverändert, aggeressiv und zeigte auch autoaggressives Verhalten. Zudem auch Angst, auch vor mir, wenn ich ihn angesprochen habe. :shock:
Er stand allgemein total unter Druck und war ständig unter Strom. Früher war er so ausgeglichen, ruhig und fröhlich.

Grade sind hier 6 Wochen Sommmerferien am Laufen und nach der 3. Woche begann er endlich wieder der Alte zu werden.

Es gibt unheimlich viel Zwang und Situationen, die erfordern, dass man sich sang- und klanglos einordnet.
Gemeinsam auf´s Klo und Hände waschen, gemeinsam still sitzen vor dem Frühstück und Bänder aufwickeln, gemeinsam frühstücken, gemeinsam Fingerspiele machen, allezusammen umziehen und rausgehen.....

Wer nicht spurt, wird ständig ermahnt, zurechtgewiesen ect. und endet dann auf dem stillen Stuhl bzw. in der Garderobe.
Wer beim Frühstück Quatsch macht, muss alleine in einem Neben-Kämmerlein essen.
Wer sich nicht auf die stille Bank oder so setzen will, wird am Arm dahingezerrt oder hingetragen.

Was mich auch sehr stört ist das Frühstück.
Alle 26 Kinder sitzen am Tisch und man hat seinen Teller und seinen Becher umgedreht vor sich. Jetzt muss man aufpassen, wann man an der Reihe ist. Wer sich leicht ablenken lässt und halt nicht aufpasst und seinen Teller und Becher nicht umdreht hat leider Pech gehabt und bekommt als Letzer sein Essen.

Dann gibt es ja jeden Wochentag dasselbe Frühstück. Montags gibt es bei uns Milchreis und mein Sohn mochte den ganz lange nicht und hat dann leider ein paar Monate lang montags nichts gegessen. Alternativ durfte ich ihm nichts mitgeben.
Die Erzieherin meinte, dass kann er mal aushalten und wird schon nicht verhungern.

Zudem stört mich, dass es immer Sachen gibt, die man nicht machen darf.
Z.B. würde mein Sohn so gerne auch weben.
Das dürfen aber nur die Vorschulkinder, die dann weben MÜSSEN um so ein Flötentäschchen zu machen.
Er interessiert sich aber JETZT für das Weben.

Laut Erzieherin ist das aber jetzt noch nicht dran und er muss lernen das auszuhalten und zu warten. Er darf das erst in 2 Jahren machen.
Meiner Meinung nach wartet man dann halt auch mal so lange, bis man keine Lust mehr hat. Dann MUSS man aber.

Kapla-Steine bauen dürfen auch nur die Vorschulkinder. Würde mein Sohn auch gerne, darf er aber nicht.

Ganz oft heißt es, und das ist ja wirklich waldorfspezifisch, dieses oder jenes sei jetzt noch nicht dran. Das jedes Kind unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse hat, scheint da noch nicht angekommen zu sein bzw. bekommt man dan eher noch das gefühl vermittelt, mit dem Kind stimme was nicht und es müsse wieder auf den richtigen Weg gebracht werden, zurechtgebogen werden, damit wieder alles so läuft, wie Rudolf Steiner sich das gedacht hat.

Im Kindergarten gibt es also ganz viel MUSS und ganz wenig DARF und freie Entscheidungen so gut wie gar nicht.

Komische Regeln hab ich auch schon mitbekommen. Z.B. wollte im Winter ein Kind seine Handschuhe anziehen, weil es kalte Finger hatte. Durfte es aber nicht, weil kein Eis auf den Pfützen war. Das sind für mich übelste Machtspielchen.

Ich habe versucht einiges davon zu besprechen, die Erzieherin ging aber eigentlich gar nicht auf mich ein. An den grundsätzlichen Digen wird da sowieso nichts geändert, da das ja alles in Rudolf Steiners Sinne gemacht wird und somit unveränderbar festgeschrieben steht.

Komischerweise geht er trotzdem gerne hin. Wir werden ihn aber wohl sehr wahrscheinlich abmelden.

Wir haben uns damals für den Waldorfkindergarten entschieden, weil wir eigentlich hofften, dass unser Kind sich dort frei entwickeln kann und auf die Kinder individuell eingegangen wird. :?

Re: Waldorfkindergarten-Frust

Verfasst: 02.08.2012, 21:42
von BEcKa
:shock: :shock: :shock:

Also echt, das klingt ja FURCHTBAR!

Wir haben unser ach in einem Waldorfkiga, da ist es wunderschön! Solche Abartigkeiten kommen von der Erzieherin, nicht von Waldorf an sich.

Aufgrund der deutlichen Wesensveränderung würde ich ihn augenblicklich da rausnehmen!!!!

Re: Waldorfkindergarten-Frust

Verfasst: 02.08.2012, 21:49
von Muschelsucherin
Ja, er wird wohl auch abgemeldet. Auch wenn er traurig sein wird.

Aber dieses "das ist noch icht dran", ist ja wohl schon waldorfspezifisch.

Re: Waldorfkindergarten-Frust

Verfasst: 02.08.2012, 21:50
von suri
Seltsamer Kindergarten. Kenne ich überhaupt nicht so. Das ist NICHT waldorftypisch. Es gibt Rituale und Struktur, aber so, wie bei euch? Wahnsinn! Das würde ich nicht mitmachen. Ist ja schlimm.

Re: Waldorfkindergarten-Frust

Verfasst: 02.08.2012, 21:54
von Muschelsucherin
Ich finde das auch alles so zwanghaft.
Dieses Tellerumdrehen gibt es nicht überall im Waldorfkindergarten?
Ist das quasi ne Kinderschikane unserer Erzieherin?

Re: Waldorfkindergarten-Frust

Verfasst: 02.08.2012, 21:59
von asujakin
Mensch... ich bekomm richtig Bauchschmerzen wenn ich das lese und habe vor meinem inneren Auge N.s alten Kindergarten. Im Grunde war es ganz genau so. Könnte bei jedem Punkt zustimmen.

Kinder MUSSTEN immer eine Mütze anziehen, die Erzieherinnen entschieden ob die Jacke anbleibt oder nicht. Beim Essen wurden die Kinder erpresst (Achtung O-TON!) "L. du hast so eklig gegessen, du bekommst keinen Nachtisch" oder "Wer jetzt nicht still ist, bekommt keinen Nachtisch" usw.

Ich glaube mittlerweile, dass gewisse Lebenseinstellungen sich einfach nicht mit unerzogen vereinbaren lassen. Zumindest nicht mit der Waldorfpädagogik im traditionellen Sinn Wenn man Glück hat findet man eine relativ freie, neue und moderne Einrichtung. Dazu muss ich aber sagen, dass 98% der Erzieherinnen bei uns zwischen 20 und 35 waren...

Mein Sohn veränderte sich sehr. Er hatte Verlassensängste, wurde unsicher, kleinlaut und zog sich zurück. War einfach unglücklich und NICHT FREI.

Nun ist er in einer städtischen Einrichtung (offenes Kozept) und es ist weitaus "unerzogen/AP-kompatibler" als Waldorf. Ich habe viel Kontakt zu anderen "Waldorffamilien", auch deren Kinder schon in die Schule gehen. Aber ich muss sagen, dass "gute" Einrichtungen, bei denen ich keine Bauchschmerzen bekomme, echt SEHR selten sind. Da sagt jeder (und ich sehe das grundsätzlich ja auch so) "Es kommt auf die Erzieherinnen an" aber ich kenne einfach zuviele "Aussteiger" bzw unglückliche Familien die doch wechseln, als Eltern die total begeistert sind. Mag aber natürlich auch an den Kreisen liegen, in denen ich mich bewege

Meine persönliche Erfahrung ist ausserdem: Es wird sich alles schön geredet. Es ist sooo viel Schall und Rauch. Anfangs ist alles blumig und schön und heile Welt und alles sooo respektvoll und alles soooo liebevoll und toll. Und sobald die Eltern nicht mehr in der Eingewöhnungsphase dabei sind gehts GANZ anders zu. Über die Monate (N. war ja ein Jahr da) kamen nach und nach immer mehr Sachen so schleichend dazu... Und genau DAS höre ich oft.Das nach "vorn hin" alles so prima ist und hintenrum eben so gar nicht leider :cry:

Den Stillen Stuhl, die Auszeit, die Körperlichkeit, den Druck am Tisch usw gab's bei uns auch.

Bei den Elterngesprächen wurde dann wirklich sehr deutlich wie die Kinder eigentlich gesehen werden. Solange es noch keine Probleme gab war alles wunderbar, alles toll, die Gruppe so homogen usw. Als wir Eltern dann aber mal Sachen auf den Tisch brachten fiel die Maske und wir saßen beide so :shock: da. Es wurde uns vorgeschlagen das Kind reinzuferbern. Also so lang schreien lassen bis er lernt dass er einfach da zu bleiben hat usw.

Mittlerweile denke ich aber auch, dass es wichtig ist, dass das Kind sich wohl fühlt. Das ist die Hauptsache. Wenn DAS stimmt kann man über vieles hinweg sehen, geht man lieber Kompromisse ein. Wenn allerdings das eigene Kind anfängt sich dermaßen zu verändern würde auch ich die Notbremse ziehen. Da stimmt dann was wirklich nicht.

Ihr habt doch auch ein recht freies Miteinander im Familienalltag oder? Meinst du, dass er da im Konflikt ist? Dass er eigentlich mehr Freiheit möchte? Mehr Selbstbestimmungsrecht? Autoagressives Verhalten ist ja immer ein Zeichen dafür, dass jmd sich in seiner Haut nicht wohl fühlt (mein Sohn hatte das ja mit 1,5 ganz extrem leider bis es blutete, ich weiß also wovon ich spreche).

Ich finde es klasse, dass ihr da so feinfühlig seid! Andere Eltern würden es evtl. als "Entwicklung" oder "Phase" abtun aber bei euch habe ich das Gefühl, dass ihr M. sehr verbunden seid, oder!?

Ich schicke dir mal einen Drücker wenn du magst!

Gerade in der Vorschau gesehen: JA es IST waldorfspezifisch dass die Kinder in ihren Aktivitäten so gelenkt werden. Dass nur bestimmte Materialien bereit stehen, je nachdem wie alt die Kinder sind. Dass ältere Kinder an dem einen Tisch nähen während die Kleinen malen "müssen" (und ja hier gab's wenig Alternativangebote) und dann aber auch nur mit den-und-den Stiften usw. Also DAS kenne ich aus den meisten Einrichtungen und auch Schulen.

Re: Waldorfkindergarten-Frust

Verfasst: 02.08.2012, 22:06
von Muschelsucherin
Ja Asu, ich versuche auch hier recht "unerzogen" mit den Kindern umzugehen. Wir leben hier gleichwertig und M. ist ziemlich selbstbestimmt.

Was in den Ferien jetzt z.B. auch aufgehört hat ist dieses ständige "Darf ich......?-Gefrage.

Re: Waldorfkindergarten-Frust

Verfasst: 02.08.2012, 22:08
von asujakin
Muschelsucherin hat geschrieben:Ja Asu, ich versuche auch hier recht "unerzogen" mit den Kindern umzugehen. Wir leben hier gleichwertig und M. ist ziemlich selbstbestimmt.

Was in den Ferien jetzt z.B. auch aufgehört hat ist dieses ständige "Darf ich......?-Gefrage.
Das war hier auch TOTAL auffällig. Und es hat jetzt 2 Monate gebraucht, bis das "raus" is :wink: (und kam auch durch den neuen Kindergarten nicht wieder). Ich hatte so das Gefühl, dass er sich in seinen eigenen Impulsen nicht mehr sicher war. Also was nun "erlaubt" ist...ob es "richtig" ist usw

Re: Waldorfkindergarten-Frust

Verfasst: 02.08.2012, 22:11
von youtee
Mensch :( !
Einiges, was Du da beschreibst wie zum Beispiel, daß es immer pro Wochentag das gleiche Essen gibt, das fand ich richtig gut. Und meine Tochter wollte auch schon Jahre vorher Weben und hat darauf hingehibbelt und hat sich dann sooooo gefreut (auch noch nach Zurückstellen) dann endlich Vorschularbeit machen zu können. Aber so wie Du es schreibst, klingt es wirklich furchtbar! Ich überlege gerade, ob meine Tochter (zu) angepasst ist... Aber ich glaube, in Eurem Kindergarten ist es viel strenger. Ich meine, bei uns sollen sie auch beim Essen relativ leise sein - aber die Gruppenleiterin erklärt das so (auch den Kindern) daß gerade diese Situation für sie mit ihren beiden Hörgeräten schwierig ist, und ich denke die Kinder verstehen das auch. Ist ja auch ein guter und ehrlicher Grund. Und auf die "Stille Bank" kommt da niemand (oder weiß ich es nur nicht, weil's bei meiner Tochter nicht zutrifft?). Und natürlich gehen sie alle zusammen raus - wenn jemand mal etwas nicht raus will MUSS er es im Prinzip auch, wie bei Euch, aber es wird spielerisch gelöst. Wird zumindest immer so erklärt. Daß das trotzdem Druck ist, das habe ich bisher noch nie bedacht :oops: . Aber meine Tochter empfand es ja auch nicht so. Es tut mir leid, daß es bei Euch offensichtlich unschön zugeht. (und ich werde dann in einem Jahr, wenn mein Sohn anfängt, besser hinschauen, wie es ist :oops: )
Und nein, Tellerumdrehen vorm Essen gibt es nicht!

Re: Waldorfkindergarten-Frust

Verfasst: 02.08.2012, 22:16
von Kathi
Mich wundert das alles nicht und ist auch ein Grund für uns gewesen, dass es hier keinen Waldorfkiga gibt. Ich schätze die Schule - sehr sogar und kann mir nichts anderes vorstellen. Aber Kiga, nein. Mir sind in diesen frühen Jahren einfach zu viele Regel und zu starke Begrenzungen. Es tut mir leid, Muschelsucherin, dass du da so schlechte Erfahrungen gemacht hast bzw. Eure Erwartungen nicht erfüllt wurden.

Die Kinder können sich frei entwickeln - in dem vorgegebenem Rahmen. Ich finde das noch nicht einmal schlecht. Mein Sohn hat z.B. nie so schön und phantasievoll gemalt. Seitdem er in der Schule dort einen Rahmen/Vorgabe hatte, hat er sich malerisch total toll weiterentwickelt. Also es muss nicht immer schlecht sein.

Waldorf und unerzogen gehört überhaupt nicht zusammen und lässt sich auch nicht vereinbaren, wenn man beides irgendwie gut findet.

Ich würde ihn, auch wenn er sich wohlfühlt, nicht im Kiga lassen. Wir haben das mit dem Großen gemacht, er war in eine städt. Kiga und hinterher hat es sich als großer Fehler herausgestellt.