Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen
Verfasst: 23.05.2017, 08:52
Maja ich könnte mir gut vorstellen, dass es genau so ist. Was eben auch mal wieder zeigt, es geht weniger um das was als um das wie.
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Das sehe ich auch so. Hier auch. Ebenfalls Grosstadt. Ich habe eine super Gruppe von tollen Muettern, die alle sehr unterschiedlich sind. Da werden alle Entscheidungen akzeptiert. Das hat mir sehr geholfen. In Alltag treffe ich natuerlich auch Leute, die es anders machen als ich UND ihren (abwertenden) Kommentar dazu loswerden muessen. Aber der Austausch mit "meiner" Muettergruppe hat mich immer gestaerkt. Nicht, weil die es alle genauso machen wie ich, sondern weil sie mir das Gefuehl gegeben haben, dass wir es alle eigentlich gut machen, jede auf ihre Weise.Raya hat geschrieben:Es hat meiner Meinung nach extrem viel mit dem Umfeld zu tun, wie sehr das Handeln von Eltern oder Müttern be- und verurteilt wird.
Ich wohne in einer Großstadt, in meinem näheren Umfeld habe ich Mütter, die recht tolerant und weltoffen sind. Einmal die Woche treffe ich mich mit einer Gruppe von Müttern, die teils sehr unterschiedlich an Dinge heran gehen. Eine hat nur wenige Wochen gestillt und ihrer eigenen Aussage nach keinen Nerv gehabt, für die Stillbeziehung zu kämpfen. Das wird genau so akzeptiert wie mein Plan, länger als zum ersten Geburtstag meiner Tochter zu stillen.
Mir selbst sind die so genannten "Mommy Wars" bisher nicht im echten Leben begegnet, nur im Internet.
Ich vermute, dass es in einer größeren Stadt leichter ist, sich ein Umfeld aktiv auszusuchen, das die eigene Linie bestätigt. So gibt es hier in Frankfurt eine AP-Facebook-Gruppe. In ländlichen Regionen ist man meiner Meinung nach viel mehr darauf angewiesen, mit den Leuten klar zu kommen, die nun mal in der Nähe leben.
Mich würde sehr interessieren, wie sich Wohnort, soziales Milieu und Bildungsstand darauf auswirken, wie stark Mütter oder generell Eltern sich gemaßregelt fühlen.
Das mit dem "dauerhaft" vs. "momentan" ist aber leider auch andersrum so, wenn man die Abstillgründe differenziert betrachtet. Häufig ist Stillen nämlich gar nicht das eigentliche Problem und Abstillen damit auch nicht die eigentliche Lösung. Es gibt zahlreiche Konstellationen, in denen die Stillprobleme ein Symptom sind, das ich über die Flasche vorerst beseitigen kann, die die Mutter aber mit unbarmherziger Wucht später wieder einholen werden. Das heißt, das eigentliche Problem muss eben trotzdem noch gelöst werden - es dauert nur noch länger, bis der Mutter geholfen wird, und jenachdem wie lange es dauert, summieren sich beim Baby statistische "Nachteile" eben auf.miss_undercover hat geschrieben:Es geht dabei denke ich um den Unterschied 'dauerhaft' versus 'momentan'. Klar kann mein Baby zufrieden sein, wenn ich mal einen schlechten Tag habe. Zwinge ich mich hingegen über Monate mit einem schlechten Gefühl und gegen meinen eigentlichen Wunsch zum Stillen, tue ich damit auch meinem Baby nicht unbedingt einen Gefallen.
Ich seh das in der tst sehr viel liberaler. Ich kann viele Gründe nicht zu stillen nicht nachvollziehen. Aber für mich gibt es in dieset beziehung keine dichotomie, sondern unendlich viele grautöne. Das empfinde ich nicht als Rückzug in eine Beliebigkeit, die das kindeswohl der harmonie opfert, sondern eher als einen respekt vor sehr unterschiedlichen lebensverläufen.Maja hat geschrieben:Das mit dem "dauerhaft" vs. "momentan" ist aber leider auch andersrum so, wenn man die Abstillgründe differenziert betrachtet. Häufig ist Stillen nämlich gar nicht das eigentliche Problem und Abstillen damit auch nicht die eigentliche Lösung. Es gibt zahlreiche Konstellationen, in denen die Stillprobleme ein Symptom sind, das ich über die Flasche vorerst beseitigen kann, die die Mutter aber mit unbarmherziger Wucht später wieder einholen werden. Das heißt, das eigentliche Problem muss eben trotzdem noch gelöst werden - es dauert nur noch länger, bis der Mutter geholfen wird, und jenachdem wie lange es dauert, summieren sich beim Baby statistische "Nachteile" eben auf.miss_undercover hat geschrieben:Es geht dabei denke ich um den Unterschied 'dauerhaft' versus 'momentan'. Klar kann mein Baby zufrieden sein, wenn ich mal einen schlechten Tag habe. Zwinge ich mich hingegen über Monate mit einem schlechten Gefühl und gegen meinen eigentlichen Wunsch zum Stillen, tue ich damit auch meinem Baby nicht unbedingt einen Gefallen.
Als Beispiele:
- Die Mutter möchte nicht stillen, weil sie ein Riesenproblem mit körperlicher Nähe hat --> Flasche geben bessert das Ganze vorerst, aber insgesamt ist tatsächlich schwierig, Babys und Kleinkinder gesund großzuziehen, wenn man körperliche Nähe kaum erträgt und demnach weitestgehend vermeidet (dazu gibt es auch ausreichende Forschungsergebnisse).
- Die Mutter möchte auf Flasche umstellen, weil das die einzige Möglichkeit ist, dass der Vater auch mal was tut --> für den Moment eine Entlastung, aber was passiert denn nach der Flaschenzeit? Wird der reizende Herr Vater sich ein neues Rosinchen picken, oder steht die Mutter dann ganz alleine da, weil sich die mangelnde Hilfe zementiert hat? Dann haben wir eine dauerhaft unglückliche Mutter und nach o.g. Logik auch ein unglückliches Kind.
- Die Mutter stillt ab, damit das Kind durchschläft --> kann funktionieren, kann aber auch schiefgehen, und dann haben wir eine lose-lose-Situation mit den gesundheitlichen Nachteilen fürs Kind und den logistischen Nachteilen für die Mutter (nachts Flaschen kochen etc.) Auch hier: Mutter erst Recht unglücklich.
- Das Kind hat massive Stillprobleme, saugt nicht richtig, schreit immer, alles ist furchtbar --> hier bringt die Flasche zunächst die ersehnte Entlastung, aber sollten die Stillprobleme daran liegen, dass organische Ursachen beim Kind vorliegen (Mundfunktionen, Muskelfunktionen, Blockaden, minimale Hirnschäden), und da ja nun endlich "Ruhe" herrscht, bleibt jegliche Diagnostik und Therapie aus, führt das später zu all den bekannten und unbekannten gesundheitlichen Beeinträchtigungen vom harmlosen Lispeln bis hin zu schweren sozialen und Entwicklungsstörungen, die viel therapiehartnäckiger sind als wenn man sie direkt im Säuglingsalter behandelt hätte.
- Die Mutter stillt auf massiven Druck von Oma und anderer Familie hat --> zunächst zieht wieder Frieden ein, vielleicht sind sogar wirklich alle ganz glücklich damit, aber die Verwandtschaft, die sich hier schon durchsetzen konnte, kommt voraussichtlich mit immer neuen Ansprüchen, Erwartungen, Forderungen, vielleicht auch welchen, deren gesundheitliche oder sonstige Auswirkungen auf das Kind negativer sind als nur das Abstillen, und es wird immer schwieriger für die Mutter, Grenzen zu setzen. Irgendwann wird die Mutter auch darüber unglücklich werden, und es wäre alles nicht so weit gekommen, wenn sie schon ganz am Anfang Hilfe gehabt hätte ihre Grenzen zu verteidigen und Verantwortung zu übernehmen.
- Die Mutter findet es im Grund unzumutbar, für einen anderen Menschen auch nur einen Milimeter zurückzustecken, also z.B. abends nicht mehr auszugehen weil das Baby gestillt werden will oder fürs Stillen auf Alkohol und Zigaretten zu verzichten, und erwartet, dass Elternschaft völlig verlust- und verzichtfrei möglich ist, wenn man sich von dem ökolinksversifften stillmafiösen AP-Quatsch fernhält --> sie wird hart auf dem Boden der Realität aufschlagen, und braucht für eine gelingende Mutter-Kind-Beziehung definitiv eine ganz andere Unterstützung und Hilfe als ein großzügiges gesellschaftliches Agreement, dass Stillen optional ist und die Selbstfürsorge der Mutter jederzeit erste oder gar einzige Priorität ist.
Man sollte auch die mütterliche Intuition nicht unterschätzen. So manche Mutter, die ein furchtbar schlechtes Gefühl beim oder nach dem Abstillen hat, obwohl es kurzfristig eine hilfreiche Lösung war, mag auch spüren, dass da ein weiter bestehendes Grundproblem darauf lauert, an anderer Stelle wieder zuzubeißen. Aber da der Mutter hier in D einfach viel zu wenig Hilfssysteme zur Verfügung stehen, ist es individuell leichter und kurzfristig gesellschaftlich "billiger" das schlechte Gefühl mit "Stilldruck und Mütter-Bashing" zu labeln. Blöderweise würden sich diese Mütter aber auch dann nicht besser fühlen, wenn Flaschenfütterung die Norm wäre, denn dann hätten sich die Grundprobleme eben an irgendwas anderem kondensiert.