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Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Verfasst: 23.05.2017, 07:24
von Maja
miss_undercover hat geschrieben:Maja, ich verstehe glaube ich, was Du meinst, finde aber auch, dass in dieser Ansicht (es muss auch mal ohne gut gehen gehen) eine echte Gefahr liegt. Hast Du das Zitat in meinem Artikel gelesen von der Bindungsforscherin? 'Ein Kind kann immer nur so glücklich sein wie seine unglücklichste Bezugsperson?' Das halte ich für einen ganz wichtigen Satz. Es ist kein Zufall, dass bindungsorientierte Elternschaft ohne ausreichend Selbstfürsorge häufig in einem handfesten Burnout endet ...
Auch in dem Satz dieser Bindungsforscherin liegt eine echte Gefahr. Es gibt Umstände und Situationen, in denen Eltern unglücklich sind, überlastet, erschöpft, krank - egal wie gut die Selbstfürsorge ist, das Leben grätscht manchmal dazwischen (z.B. Arbeitslosigkeit, Traumata - auch Geburtstraumata, schwere Krankheiten, Todesfälle). Und wenn die sowieso schon unglückliche Bezugsperson dann auch noch ständig ein schlechtes Gewissen hat, weil das Kind in dieser Logik nun schließlich auch unglücklich ist, erhöht das doch auch immens den Druck.
Vielmehr wirkt es entlastend - und m.E. ist das auch entwicklungspsychologisch gegeben - wenn man sich darauf verlassen kann, dass ein Kind mit mehreren feinfühligen Bezugspersonen sein Lebensglück auch aus dem Glück der gerade-nicht-unglücklichen Menschen ziehen kann.

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Verfasst: 23.05.2017, 07:55
von miss_undercover
Es geht dabei denke ich um den Unterschied 'dauerhaft' versus 'momentan'. Klar kann mein Baby zufrieden sein, wenn ich mal einen schlechten Tag habe. Zwinge ich mich hingegen über Monate mit einem schlechten Gefühl und gegen meinen eigentlichen Wunsch zum Stillen, tue ich damit auch meinem Baby nicht unbedingt einen Gefallen.

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Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Verfasst: 23.05.2017, 08:07
von Lösche Benutzer 22277
In Skandinavien wird übrigens mehr und nicht weniger als in Deutschland gestillt:

https://www.welt.de/print-welt/article1 ... tillt.html

Ein früher Berufseinstieg nach der Geburt ist doch nicht unbedingt hinderlich fürs Stillen. Eine Freundin von mir lebt in Dänemark und ist zurück in den Job, als die Tochter 10 Monate alt war. Das Kind wird jetzt, mit 18 Monaten, noch gestillt und ich denke nicht, dass dies eine totale Ausnahme ist.

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Verfasst: 23.05.2017, 08:10
von Lösche Benutzer 22277
Hier noch eine Quelle:
http://www.lalecheleague.org/nb/nbiss56-09p56.html

99% der Däninnen stillen, wenn man dem Artikel glaubt. Es gibt viel mehr Unterstützung im Wochenbett, wenn es Probleme mit dem Stillen gibt.

Tja, und das so ganz ohne eine totalitäre politische Vergangenheit.

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Verfasst: 23.05.2017, 08:20
von luna24
Es macht aber einen großen Unterschied, ob Mütter stillen, weil sie die entsprechrechenfe Unterstützung bekommen, oder ob sie es tun, weil sie sich unter Druck gesetzt fühlen.

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Verfasst: 23.05.2017, 08:21
von Lösche Benutzer 22277
Laut dieser Statistik stillen rund 50% der schwedischen und norwegischen Mütter noch nach sechs Monaten:

http://kellymom.com/fun/trivia/bf-numbers/

Das ist weitaus mehr als in Deutschland.

Meiner Meinung nach zeigt das, dass es zu kurz gedacht ist, dass man für erfolgreiches Stillen jenseits der ersten sechs Monate eine Gesellschaft braucht, in der Frauen sich vorwiegend um Care-Arbeit kümmern.
Irland hat übrigens eine sehr niedrige Stillrate und das, obwohl da die Frauen eher länger zuhause bleiben.

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Verfasst: 23.05.2017, 08:22
von miss_undercover
Ich sage doch nicht, dass eine totalitäre Vergangenheit zu höheren Stillraten führt! Im Gegenteil: Druck und Zwang mindert die Lust, zu stillen, und erhöht Schuldgefühle. Skandinavische Länder sind für mich ein guter Beleg dafür, dass entspannte mütterfreundliche Gesellschaft ganz ohne Stilldruck super Stillraten erreichen. [emoji4]

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Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Verfasst: 23.05.2017, 08:30
von Lösche Benutzer 22277
Das wäre doch mal eine Idee für einen Artikel, oder?
Wie "schaffen" es Länder wie Norwegen, dass Stillen so weit verbreitet ist? Wodurch zeichnet sich eine stillfreundliche Gesellschaft aus?
Mich würde dabei vor allem der Punkt interessieren, dass in Deutschland die Meinung herrscht, dass die Rückkehr in den Beruf ein Hindernis für die Stillbeziehung ist. Das wäre dann doch ein spannender Beleg gegen diese Hypothese.

Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Verfasst: 23.05.2017, 08:41
von miss_undercover
Absolut, ja. Als Journalistin ist das halt meistens so: erstmal bekommst du Aufträge und schreibst dementsprechend über Themen, die sich andere ausgedacht haben. Und dann kannst Du eigene Themen einbringen. Ich bin bei der ZEIT noch in Phase 1.

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Re: Artikel von Nora Imlau in der Zeit über den Druck zu Stillen

Verfasst: 23.05.2017, 08:45
von Maja
Raya hat geschrieben:Hier noch eine Quelle:
http://www.lalecheleague.org/nb/nbiss56-09p56.html

99% der Däninnen stillen, wenn man dem Artikel glaubt. Es gibt viel mehr Unterstützung im Wochenbett, wenn es Probleme mit dem Stillen gibt.

Tja, und das so ganz ohne eine totalitäre politische Vergangenheit.
Wenn die Fakten in dem Artikel stimmen, passiert also in Dänemark noch viel stärker als hier eine permanente Information und Aufklärung über das Stillen - und es wird offensichtlich als selbstverständlich angesehen, dass Babys gestillt werden, nicht als eine von mehreren nach individuellem Geschmack wählbaren gleichwertigen Optionen (Entscheidungen treffen ist übrigens auch nicht immer nur Segen, sondern manchmal auch Fluch). Die Däninnen könnten es ja, wie die Deutschen, auch als Druck und Zwang ansehen permanent mit Infos und Beratungsangeboten zugeballert zu werden. Tun sie aber nicht - sondern erleben es als hilfreiche Dienstleistung für den "Normalfall Stillen".
Vielleicht ist es diese Normalität, die den Unterschied macht.
Skandinavische Länder sind im Bereich Bildung, Gesundheit und Umweltschutz meinem Erleben nach eher normativer und näher am Gemeinwohl / weniger an der individuellen Wahlfreiheit aufgestellt als Deutschland. Aber offensichtlich erleben die Menschen das dort nicht als Gängelei oder Druck, sondern als sinnvolle Sache.
Vielleicht gerade weil es keine totalitäre Vergangenheit gibt?