Mittelalterliche Gewandung für die Familie

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cutetemptation
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Re: Mittelalterliche Gewandung für die Familie

Beitrag von cutetemptation »

Myeskathry oder auch die anderen Aktiven hier im Thread,
ich habe versucht ein bisschen was zu Ritter und deren Ausrüstung/Rüstung herauszufinden. Das fiese ist, dass es im Internet so viele unauthentische Darstellungen gibt :mrgreen:
Haben eure Kinder "Ritter" Gewandung?
Mein Sohn hat gerade das Thema Mittelalter in der Kita (Montessori) und die Kostüme zum Fasching sollen dann dem Thema der Gruppe entsprechen. Der Perfektionist in mir würde gerne in die Vollen gehen, aber es muss ja auch realistisch bleiben, so viel Zeit ist ja nicht mehr, bis es benötigt wird.
Ich wollte schon gerne inspiriert durch diesen Thread eine Kotte und eine Gugel nähen. Bruche und Beinlinge eher nicht, vermutlich eine simple Hose, da der Bund ja unter der Kotte verschwindet. Braucht es zwingend ein Hemd unter der Kotte? Gibt es bei der Kotte Regeln bzgl. der Ärmellänge?
Mein Sohn träumt natürlich vom Kettenhemd, da würde ich wohl - wenn überhaupt - einen faulen Kompromiss mit grobmaschigem, silber Tüll eingehen... :oops: Aber käme das Kettenhemd dann ÜBER oder UNTER die Kotte? Langärmliges Kettenhemd und ärmellose Kotte drüber?
Ansonsten wollte ich an Material Leinen besorgen bzw. vorhandene Baumwoll-Webware verwenden, auch eher Kompromiss, aber tausendmal besser als jedes gekaufte Kostüm aus 100 % Polyester :?

Habt ihr konkrete Tipps? Oder ggf. Fotos eurer Darstellungen als Inspiration? 8)
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Myeskathry
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Re: Mittelalterliche Gewandung für die Familie

Beitrag von Myeskathry »

Ritter sehen schonmal völlig unterschiedlich aus, je nach dem um welchen Zeitraum es geht. 😉
Ich liebe mittlerweile digitalisierte Mittelalterliche Handschriften.
http://manuscriptminiatures.com/
Ich muss gerade los.
Später mehr.
Liebe Grüße
Myeskathry mit Ritter (7/12), Möhrchen (7/14) und kleinem Edelmann (4/20) +🐈
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Myeskathry
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Re: Mittelalterliche Gewandung für die Familie

Beitrag von Myeskathry »

So, also bei dem Link gibt es wie eine kleine Suchmaschine für historische Abbildungen. Das ist vielleicht ganz schön um einen Eindruck zu bekommen.

Natürlich sind Ritter die meiste Zeit nicht in voller Rüstung gewesen sondern hatten auch Alltägliche Kleidung. Je nach Zeit viel diese länger oder kürzer aus, was den Rock der Kotte angeht. Bis hin zur Schecke oder ähnlichem.
Ich kenne bisher vor allem Abbildungen, wo Rüstzeug über der eigentlichen Kleidung getragen wird.
Eine langärmelige Kotte halte ich für eine gute Idee.
Gugeln werden je nach Zeit nur von den untersten Schichten oder eben auch vom Adel getragen und dann stark verziert.
Für Fasching braucht es wohl nicht zwingend ein Unterhemd.
Wenn du eh keine Kotte aus Wolle nähst, dann kannst du auch gleich Baumwolle nehmen. Leinen ist für Kleidung die sichtbar getragen wird eher unüblich, außer als Schleiertuch. Leinen als Überkleidung ist dann auch nicht authentischer.
Und du hast recht, das ist allemal besser als gekauftes Polyesterkostüm👍
Da wir keinen Adel darstellen, gibt es von uns auch keine Ritterfotos.
Viel Spaß und Erfolg!
Liebe Grüße
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cutetemptation
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Re: Mittelalterliche Gewandung für die Familie

Beitrag von cutetemptation »

Danke, Myeskathry! 😘
Ich habe nun aus alten Hemden vom Mann und meiner Papierzeichnung einen passenden Halsausschnitt gebastelt (Schlitz kann 2-3 cm kürzer) und einen Ärmel zur Probe eingenäht. Aus Zeitmangel alles mit der Nähmaschine :oops:
Und wirklich nur als Probeteil, um zu schauen, ob es über den Kinderkopf passt und die Arme reinkommen, ohne dass die Nähte krachen...
pixlr_20230212141440715.jpg
Mit dem Zwickel unterm Arm komme ich nicht so richtig zurecht... Von außen sieht es okay aus, aber von innen 🫣🫣 Gibt's da einen guten Trick?

Und hast du zufällig eine Anleitung für einen Halsausschnitt, der außen sichtbar farblich abgesetzt ist?

Und wie arbeitet man den Armausschnitt bei einer ärmellosen Tunika? 😅 Säumt man das? Fasst man das ein?
Ich habe so viel auf Pinterest und in der von dir verlinkten Datenbank gestöbert u.v.m., aber solche Details kann ich auf den Abbildungen leider nicht erkennen 🧐
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Myeskathry
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Re: Mittelalterliche Gewandung für die Familie

Beitrag von Myeskathry »

Beim quadratischen Zwickel unter dem Arm nähe ich zuerst am Ärmel an. Erst eine Seite nicht ganz bis in die Ecke des Zwickels und dann die andere Seite des Zwickels an die andere Kante vom Ärmel und von der Stelle wo die beiden Seiten sich treffen dann den Ärmel zunähen. Anschließend den Ärmel auf rechts stülpen, und in Rumpfteil, der auf links liegt hineinschieben. Dann dort einnähen. Entweder sind die Seitennähte vom Rumpf dann schon geschlossen oder werden es anschließend. Auch da kann man nicht ganz bis in die Ecke des Zwickels nähen. Eine Nahtzugabenbreite vom Rand entfernt stoppen und rück-vor die Naht verriegeln.

Wenn der Ausschnitt außen farblich abgesetzt sein soll, so nähst du einen Beleg, der erst innen angenäht und dann nach außen gestülpt wird. Knappkantig entlang der Ausschnittnaht absteppen. Dann kommt das komplizierte. Man muss sehr ordentlich die Nahtzugabe des Beleges Unterklassen, damit keine offenen Kanten sichtbar bleiben, so dass alles glatt aufeinander liegt und die Kante dann auch absteppen. Belege bitte zuerst nähen bevor die Ärmel und Seitennähte an die Reihe kommen, dann ist es einfacher.

Ärmellose Tuniken dürften historisch eher die Ausnahme sein. Dazu fallen mir eigentlich Höllenfenstersurkos ein? Oder Kotten mit hinten halb angenähten Ärmeln, die man nach Bedarf nicht mit anzieht, welche aber trotzdem am Kleidungsstück hängen. Es mag sein, dass es doch noch irgendwo ärmelloses gab? Aber definitiv nicht in den Zeiten, wo ich mich auskenne. Im Falle eines Schlupfärmelgewandes würde ich die Nahtzugabe so gestalten, dass ich sie am Armausschnitt nach innen umschlage und mit Überwendlichstich festnähe. Ein Beleg würde aber auch funktionieren.
Liebe Grüße
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Myeskathry
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Re: Mittelalterliche Gewandung für die Familie

Beitrag von Myeskathry »

Und nun das neuste Kleidungsstück im Hause Myeskathry:
Die neue Hochmittelalter-Kotte nach dem Elisabeth bzw Landgrafenpsalter für meinen Mann ist vorhin fertig geworden. 100% Handnähte, erstmals mit nach vorne verschobenen Schulternähten, verdrehter Armkugel und sowas. Sie sitzt wirklich anders als moderne Kleidungsstücke. Gewöhnungsbedürftig. Aber auf Elisabethnähte hatte ich keine Lust mehr. Die hatten mich das letzte mal so todesgenervt und dann ständig die Frage ob ich mein Kleid auf links tragen würde.

Hm, wie die Bilder mit dem neuen Handy richtig herum erscheinen bekomme ich noch raus.
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saiidi
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Re: Mittelalterliche Gewandung für die Familie

Beitrag von saiidi »

Myeskathry hat geschrieben: 12.02.2023, 21:27

Hm, wie die Bilder mit dem neuen Handy richtig herum erscheinen bekomme ich noch raus.
Ich habs rausgefunden. Wenn ich die Originalfotos nochmal abspeicher, dann sind sie richtig rum. 🤷‍♀️

Und Wahnsinn wie viel Arbeit du dir machst und auf die Details achtest🤩
Liebe Grüße
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Myeskathry
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Re: Mittelalterliche Gewandung für die Familie

Beitrag von Myeskathry »

Danke für das Lob. Vollkommen zufrieden bin ich noch nicht. Die Schultern könnten noch stärker nach vorne verschoben sein. Dazu hätte ich das Vorderteil von vorneherein etwas schmaler zuschneiden müssen und/oder hinten etwas breiter. Auf den Mittelalterlichen Abbildungen fallen die Kotten der Handwerker und Bauern eher weit und sind mit Falte gegürtet. Also habe ich für meinen schmalen Mann auch weiter zugeschnitten. Jetzt frage ich mich, ob ich’s dabei vielleicht etwas übertrieben habe.
Aber im Großen und Ganzen passt der Sitz der Kotte zum Vorbild.
Ich taste mich ja nun auch schon einige Jahre langsam heran.
Living History Darsteller werden ja oft von Historikern und Archäologen belächelt, weil sie nicht wissenschaftlich genug an die Dinge heran gehen. „Experimentelle Archäologie“ ist teilweise verschrieben. Das mag zum Teil wirklich berechtigt sein. Mein Zugang zu dem Hobby war wie bei der Mehrzahl nicht primär wissenschaftlich. Aber über die Begeisterung und die Vertiefung im Thema ist vieles gewachsen. Und mittlerweile wage ich zu behaupten, dass manchen Detailfragen zu mittelalterlichem Leben nur deswegen nachgegangen wird, weil Verrückte Living-History Darsteller sich soweit hinein vertiefen und Dinge ausprobieren, dass sie genau solche Detailfragen überhaupt stellen und Ungenauigkeiten in der populären Geschichtsvermittlung öffentlich bemängeln.
Ich war letztens schockiert, dass in aktuellen Geschichtslehrbüchern für Gymnasiasten KEINE Quellen zu historischen Abbildungen angegeben waren. Im Quellennachweis steht lediglich woher das Foto/der Scan der Originalquellen ist. Die anderen Zeiten wurden in dem Lehrbuch genauso schlecht behandelt. Und diese Schüler sollen bis zum Abitur lernen ordentliche Quellenarbeit abzuliefern? Dazu überholte Aussagen zum Mittelalter im Lehrtext. Sowas gruselt mich mittlerweile sehr.
Liebe Grüße
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Re: Mittelalterliche Gewandung für die Familie

Beitrag von cutetemptation »

Myeskathry hat geschrieben: 12.02.2023, 21:15 Beim quadratischen Zwickel unter dem Arm nähe ich zuerst am Ärmel an. Erst eine Seite nicht ganz bis in die Ecke des Zwickels und dann die andere Seite des Zwickels an die andere Kante vom Ärmel und von der Stelle wo die beiden Seiten sich treffen dann den Ärmel zunähen. Anschließend den Ärmel auf rechts stülpen, und in Rumpfteil, der auf links liegt hineinschieben. Dann dort einnähen. Entweder sind die Seitennähte vom Rumpf dann schon geschlossen oder werden es anschließend. Auch da kann man nicht ganz bis in die Ecke des Zwickels nähen. Eine Nahtzugabenbreite vom Rand entfernt stoppen und rück-vor die Naht verriegeln.
Heute hat es schon viel besser geklappt 😅
PXL_20230213_204551110.jpg
Ich habe mich dann an den Penti-Ball erinnert, den ich vor kurzem genäht habe. Das Prinzip war ähnlich.
Myeskathry hat geschrieben: 12.02.2023, 21:15 Wenn der Ausschnitt außen farblich abgesetzt sein soll, so nähst du einen Beleg, der erst innen angenäht und dann nach außen gestülpt wird. Knappkantig entlang der Ausschnittnaht absteppen. Dann kommt das komplizierte. Man muss sehr ordentlich die Nahtzugabe des Beleges Unterklassen, damit keine offenen Kanten sichtbar bleiben, so dass alles glatt aufeinander liegt und die Kante dann auch absteppen. Belege bitte zuerst nähen bevor die Ärmel und Seitennähte an die Reihe kommen, dann ist es einfacher.
Genau das habe ich befürchtet 😳 bzw. mir dann gestern spät beim rumprobieren hergeleitet.
Das werde ich bei der blauen Tunika dann probieren.
Myeskathry hat geschrieben: 12.02.2023, 21:15 Ärmellose Tuniken dürften historisch eher die Ausnahme sein. Dazu fallen mir eigentlich Höllenfenstersurkos ein? Oder Kotten mit hinten halb angenähten Ärmeln, die man nach Bedarf nicht mit anzieht, welche aber trotzdem am Kleidungsstück hängen. Es mag sein, dass es doch noch irgendwo ärmelloses gab? Aber definitiv nicht in den Zeiten, wo ich mich auskenne. Im Falle eines Schlupfärmelgewandes würde ich die Nahtzugabe so gestalten, dass ich sie am Armausschnitt nach innen umschlage und mit Überwendlichstich festnähe. Ein Beleg würde aber auch funktionieren.
Da werde ich noch mal forschen bzgl. Ritter... Darstellungen habe ich viele gefunden, aber was davon wirklich so war... 🙈🙈 Einfacher wird es für uns aber definitiv, wenn die Tunika ohne Ärmel über den Rest gezogen wird, damit keine Nähte krachen...
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Re: Mittelalterliche Gewandung für die Familie

Beitrag von Myeskathry »

Das ist interessant. Dann scheint das wirklich mein Blick auf eine bestimmte Zeitspanne zu sein, dass ich denke ärmellos wäre nicht so üblich.

Die letzten Wochen hatte ich zum Beispiel sehr viel Zeit darin investiert Gugeln zwischen 1170 und 1230 zu suchen. Die Ausbeute ist sehr bescheiden. Es gibt abgebildete Gugeln in mehreren Handschriften. Aber sehr viel weniger als andere Wetterkleidung und nur bei den niederen Bevölkerungsschichten.

Ich weiß bei Gugeln, dass es in anderen Zeiträumen völlig anders aussieht.
Also einmal mehr: Mittelalter ist nicht gleich Mittelalter. 😉
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