cornucopia hat geschrieben:Eigentlich hat das, was danach kam, ja nichts mehr mit Stillen und Tragen zu tun, aber ich berichte trotzdem weiter.
Unser Sohn hat gerade sein drittes Kindergartenjahr angefangen. Er geht in einen integrativen Kindergarten und hat dort zweimal die Woche Logopädie und Physiotherapie. Ich gehe gegen 15:45 los und hole ihn ab. D.h. ich bin nur wenige Stunden des Tages mit ihm alleine – diese Stunden haben es aber in sich!
Er hatte zunächst Pflegestufe I bekommen, ist inzwischen auf Pflegestufe II und hat einen Grad der Behinderung von 100 % im Ausweis stehen. Man sieht ihm das äußerlich allerdings nicht an. Wir hatten das Glück, das die Einstufung von erfahrenen Personen durchgeführt wurde, die genau verstanden haben, was die besonderen Schwierigkeiten sind.
Was das Kapitel Bindung angeht, haben wir viel geleistet. Unser Sohn hängt an uns. Nachdem er anfangs ein Papa-Kind war, klebt er nun an mir. Ich bin ja auch die Kuschelige in der Familie. Er macht mir mehrfach am Tag Liebeserklärungen – „Ich hab dich lieb auf der ganzen Welt“. Er schmiegt sich gerne an mich und plappert nach, was meine Tochter in solchen Situationen sagt, nur dass er zwei Laute verwechselt. Es sagt „Du riechst so gut nach Buttermilch“. Buttermilch hat er bisher aber noch nie getrunken. Jedenfalls lieben Tochter und Pflegesohn Mamas Körpergeruch und assoziieren ihn mit einer wunderbaren multisensorischen Erfahrung.
Er ist nicht mehr so rastlos wie zu Beginn unseres Zusammenlebens. Dennoch ist er weiterhin ein Hibbel. Keine Mahlzeit, bei der er einfach am Tisch sitzen bliebe. Er muss ständig in Bewegung sein, und sei es nur, dass das Mundwerk geht. Er hat mit viel Verspätung ziemlich gut sprechen gelernt – das macht er nun mit Leidenschaft.
Ganz allgemein ist er mit seiner Entwicklung weit hinterher. Aber er konnte mit 4 Jahren Radfahren, trotz der Gleichgewichtsproblematik. Daran hat er eisern gearbeitet. Er geht auch gerne und wagemutig ins Wasser, aber Schwimmen kann er noch nicht. Er hat ein beeindruckendes Rhythmusgefühl und ist sehr musikalisch, einfach so aus sich heraus.
Vor allem aber hat er ein sehr fröhliches, lebensbejahendes Naturell. Sein Charme hilft ihm über so manche Klippe hinweg.
Was aber der Hammer für uns ist: die Abende. Er will einfach nicht schlafen, egal wie müde er ist. Er kämpft mit allen Mitteln gegen den Schlaf. Dazu gehört beißen, kratzen, spucken, schlagen, weglaufen. Nicht lustig für uns. Fast jeden Abend muss mein Mann ihn in den Schwitzkasten nehmen, damit er sich beruhigt. Wir fühlen uns nicht gut dabei, doch wissen wir keinen anderen Weg. Wir machen das, was uns von unseren Beratern und Betreuern geraten wurde. Es widerspricht aber unserer Idee von liebevoller Erziehung.
Das Problem ist, das bei uns weder die Erziehungsratgeber greifen, die für Kinder geschrieben sind, die zwar auch allesamt einzigartig und verschieden sind, die sich aber doch irgendwie innerhalb einer Normbandbreite bewegen. Und unser intuitives und einfühlsames Verhalten, das wir bei unserer leiblichen Tochter meistens anwenden, hilft bei unserem Sohn ebenfalls nicht weiter.
Die Erklärung: er ist frühtraumatisiert. Er hat ein mindestens drei Traumata zu knacken. Als erstes das MRT in der 23. Schwangerschaftswoche, durch das die Wehen ausgelöst wurden. Er hat heute noch Panik, wenn er ein Mofa oder Motorrad hört. Er sieht sie gerne, aber die Motorengeräusche treiben ihn in meine Arme, wo er sich verzweifelt anklammert. Die Geräusche erinnern ihn wohl zu stark an die geburtsauslösende Erfahrung. Unterbewusst weiß er genau, dass es nicht gut war, so früh zur Welt zu kommen.
Zweitens die lange Zeit nach der Geburt, die er im Brutkasten und überhaupt in der Klinik verbracht hat. Das Gefühl des Alleinegelassenseins und der Einsamkeit hat er nicht vergessen, es spukt in ihm. Einmal hat er das sogar in Worte gefasst und hat dabei geweint wie nie zuvor in seinem Leben. Seine leibliche Mutter hatte in dieser schweren Phase getan, was sie konnte, aber es hat nicht gereicht, um Bindung und das Gefühl, geborgen bei Mama zu sein aufbauen zu können.
Als drittes schließlich die Herausnahme aus der Familie. Er hat mir eines Abends gesagt, er habe Angst, dass nachts Einbrecher kommen und ihn mitnehmen, deshalb wolle er nicht schlafen. So war das damals, als wohlmeinende Menschen ihn in der Nacht von seiner Mutter fortgeholt haben. Ich weiß von den Beteiligten, dass es eine ganz ruhige Aktion war, alles sehr gesittet. Die Mutter hat ihn noch angezogen und fertig gemacht und lieb verabschiedet. Da er die Vorgänge aber intellektuell nicht verarbeiten konnte, ist da diese ganz große Wunde, die Traumatisierung.
Mit diesem Wissen im Hinterkopf, das wir wie Detektive zusammengetragen und entschlüsselt haben, ist leicht nachzuvollziehen, weshalb er so ist, wie er ist. Unsere Aufgabe wird nun sein, ihm zu helfen, mit diesen Traumata zu leben. Auflösen werden wir sie wohl nicht können. Es ist eine riesige Aufgabe, von der ich nicht weiß, wie wir sie am besten angehen. Wir werden inzwischen aber von der Diakonie Düsseldorf betreut, und dort sitzen Experten, von denen ich mir Rat und Hilfe erhoffe.
Es ist inzwischen amtlich, dass unser Sohn geistig behindert, oder wie es politisch korrekt heißt, „intellektuell beeinträchtigt“ ist. Mir fällt es schwer, das zu akzeptieren. Er ist ja so ein Cleverle! Situationsbezogen findet er gute Lösungen und hat kreative Ideen, aber abstraktes Denken ist eben nicht seine Stärke. Beim Intelligenztest wurde er gefragt, wie viele Beine ein Vogel hat. Er hob an zu erzählen, dass wir beim Weggehen einen toten Vogel vor dem Haus gefunden hätten, den habe wohl die Katze geholt, oder er sei aus dem Nest gefallen, habe die Mama gesagt, und den müssten wir nachher noch beerdigen. Ich war stolz, dass er die Geschichte zusammenhängend erzählen konnte. War doch eine reife Leistung! Er wurde nochmal gefragt, wie viele Beine denn nun ein Vogel habe. Mit einer Handbewegung, die bedeuten sollte, ist doch nicht so wichtig, sagte er „Ach, drei“. Das gab dann leider null Punkte, und so kam er auf einen IQ von 62. Natürlich nicht wegen der einen Frage, diese soll nur als Beispiel gelten.
Zur Info: ein IQ von 100 ist durchschnittlich. Bis 70 wäre eine Lernbehinderung, alles darunter ist geistige Behinderung. Auf einer Schule für Lernbehinderte gibt es für die klügeren Köpfe die Möglichkeit, einen Hauptschulabschluss zu machen. Auf der Schule für geistig Behinderte gibt es diese Möglichkeit nicht. Das ist sehr schade, denn ich sehe, dass unser Sohn in vielen Bereichen durchaus Potenzial hat, nur eben konzentrieren kann er sich nicht gut, genauso wenig wie still sitzen und lange Zeit aufmerksam sein.
Die Depression bei mir ist dann irgendwann, also ca. ein Jahr nach Aufnahme unseres Sohnes in die Familie, weggegangen. Ich habe das Antidepressivum ca. 9 Monate genommen. Ab März 2013 merkte ich, dass es mir besser ging. Ich habe dann sogar an einer Theateraufführung mitgewirkt – ein Zeichen, dass ich aus dem Loch raus war.
Trotzdem hat das alles und unser heutiger Alltag auch gesundheitliche Auswirkungen. Ich bin nervlich längst nicht mehr so belastbar. Bei uns wird viel geschrien – das kannten wir früher gar nicht. Ich finde es schlimm, meine Kinder anzubrüllen. Noch schlimmer finde ich es, wenn ich weinend zusammenbreche und kopflos aus dem Haus renne, als Zeichen, dass das Maß nun wirklich überschritten ist. Ich bin nicht stolz darauf, so hilflos zu sein. So Vieles machen wir richtig gut, und unser Kind hat sich ja auch phantastisch entwickelt, wie uns von allen Seiten bestätigt wird. Wir sind sogar zur sonderpädagogischen Fachpflegefamilie aufgestiegen, obwohl keiner von uns eine entsprechende Ausbildung hat. Und trotz all dem stoßen wir fast täglich an unsere Grenzen mit dem kleinen, süßen Mann, der längst unsere Herzen erobert hat.
Ein weitere unschöner Nebeneffekt: Ich habe 25 kg zugenommen, weil ich zur Frustesserin mutiert bin. Ich kompensiere Schlafmangel mit Süßigkeiten. Mein Mann, der früher immer fit war, ist seit Längerem rückengeschädigt, was sicher zum Teil auch auf unseren Sohn zurückgeht. Unsere Tochter hat auch so ihr Päckchen zu tragen. Sie liebt ihren Bruder, aber wenn er ihr körperlich weh tut, was auch fast täglich vorkommt, ist es vorbei mit Geschwisterliebe und Toleranz. Trotzdem ist sie eine vorbildliche Tochter und große Schwester. Sie hilft uns oft aus schwierigen Situationen, wenn sie Partei für den kleinen Bruder ergreift und er dann plötzlich wieder erreichbar wird, weil die zwei doch auch eine ganz besondere Beziehung verbindet.
Ich kann nach 3 ½ Jahren mit unserem Sohn sagen, dass ich ihn (und auch kein anderes Kind) nicht aufgenommen hätte, wenn ich alles das vorher gewusst hätte. Aber nun ist er ein Teil von uns, und rückgängig kann man das nicht machen. Juristisch schon, aber nicht emotional.
Zum Abschluss dieses langen Posts der Refrain des Gute-Nacht-Liedes, das ich für ihn geschrieben habe und das er sehr lieb gewonnen hat:
Du bist das Kind, das uns so lange Zeit gefehlt hat.
Dein Platz am Tisch war lange Zeit so leer.
Wir schützen und wir lieben dich mit all unsrer Kraft.
Weil wir im Herzen bei dir sind, finde du jetzt auch Schlaf.