In der Zeit, als Steiner 9 Monate stillen empfohlen hat, kam das mMn einer Langzeitstillanweisung nahe...
Aber ja, es würde so empfohlen. Damals.
Überhaupt hat sich Steiner getraut viele Dinge zu empfehlen. Das ist natürlich riskant, weil sich der Zeitgeist wandelt. Und dann schaut man mit konkreten Empfehlungen durchaus auch mal schnell alt aus. Man kann aber auch mal den Kontext mancher Empfehlungen in unsere Zeit "übersetzen":
Als Steiner zB. empfahl mit Schülern ein Telefon auseinander zu bauen und sich anzuschauen wie die Technik funktioniert, war das ungefähr so revolutionär wie wenn man heute Smartphones auseinander baut. Das war damals aktuelle Technik. Sicher hat er nicht gemeint, dass über hundert Jahre später noch immer Telefone an Schulen untersucht würden, sonst hätte er ja damals schon eine ganz veraltete Technik mit Schülern betrachtet. Hat er aber nicht.
In diesem Kontext muss man viele seiner Empfehlungen verstehen. Nicht eins zu eins. Steiner wollte nie nachgebetet werden, er wollte, dass seine Gedanken weiter entwickelt werden. Also machen Hardcore-Steinerianer in ihrer blinden Nachahmung genau das Gegenteil dessen, was Steiner wollte.
GsD findet man dieses "ver-steinerte" Volk immer weniger. Ich habe das Gefühl, dass Steiner heute durchaus ans moderne Leben angepasst wird.
Gleichzeitig bin ich froh, dass viele Anthroposophen auch nicht blind Neues übernehmen, sondern sich genau anschauen was dahinter steckt. Und notfalls einen Gang zurück schalten. Solange sie dabei nicht stehen bleiben finde ich das vollkommen ok. Früher hat man Traditionen ja auch nicht mit jeder Generation komplett geändert, sondern nur - wenn überhaupt nötig - leicht adaptiert oder ergänzt oder was sonst nötig war um den KERN des Ganzen zu erhalten.
Ja und einige Sachen von ihm kann man ganz getrost kübeln, zB. diesen ganzen Rassen-Scheiß (sorry, aber ist ja wahr!). Das ist kompletter Blödsinn, davon distanziere zB. ich mich sehr ausdrücklich. Da er meines Wissens aber als Mensch keinen anderen geschadet hat, sehe ich mich nicht dazu gezwungen mich automatisch von den anderen guten Dinge, die er gesagt hat, zu distanzieren. Ist aber ein schweres Thema, ich weiß...
Die Anthros, die ICH kenne, sind auf jeden Fall alle sehr beeindruckende Persönlichkeiten, die sich für Recht und Freiheit aller einsetzen. Und auch wenn es immer wieder Menschen gab, die Steiner und seine Lehren missbraucht haben um anderen zu schaden - solange man diese Menschen in ihre Schranken verweist und die Antropsophie im Guten anwendet, hat sie ihre Daseins-Berechtigung.
Nicht jeder kann mit Antroposophie was anfangen. Ich zB. kann auch nur Teilbereichen was abgewinnen.
Genauso ist auch Waldorf nicht DAS System für jedes Kind. Jedoch ist Waldorf auch nicht gleich Waldorf. Da wird oft viel zu wenig differenziert. Aber das kennt man in jedem System bis hin zur Kirche. Da gibt es Pfarren, die absolut wunderbar das leben was sie lehren. Und manche nutzen das System aus um damit Druck und Machtverhältnisse zu generieren. Aber das war bestimmt nicht die Grundintention des Systems (vermutlich nicht mal beim System Kapitalismus, auch wenn ich da nicht sicher bin...).
Eine Lehrperson, die aus den Quellen der Antroposophie und ihrer Waldorfpädagogik schöpft, und gleichzeitig diese Quellen im Alltag lebendig werden lässt indem sie sich an der Jetzt-Zeit und den ihr anvertrauten Kindern orientiert, wird viel Gutes erreichen können (genauso wie eine Lehrkraft die sich an anderen Quellen inspiriert, auch das führt zu guten "Ergebnissen").
Trotzdem darf man nicht schönreden, dass Waldorf für eine gewisse Richtung steht und wenn man damit nix anfängt, dann ist es nix für einen. So wie bei allen anderen Sachen auch. Wenn ich Vanilleeis irgendwie nicht mag oder es mir komisch schmeckt, dann wird es besser sein wenn ich Schokolade nehme und damit zufrieden bin, als wenn ich auf Vanille bestehe bis ich speiben muss und nachher allein die Vanille verantwortlich mache.
