Das ist schon SEHR klassisch Waldorf. Also grundsätzlich ist es schon so, aber nicht zwingend. Es kommt eben stark auf den Lehrer an. Manche sind freilassender, mache weniger. Manche differenzieren mehr, andere weniger. Manche machen mehr Praxis als frontal, andere umgekehrt.
Das ist ja an der öffentlichen Schule ähnlich.
Frei lernen im Sinne von Montessori ist es nicht, ganz klar.
Waldorf will - vor allem den kleinen Kindern - eine Sicherheit vermitteln, durch Rhythmus, Struktur, Anleitung, Vorbildwirkung. Für uns Erwachsene kommt das sicherlich eher befremdlich rüber, bevormundend, einengend (und für einige Kinder gewiss auch). Den meisten Kindern jedoch gibt genau das Sicherheit. Einen "Schutzraum" (gemeinsam mit der ästhetischen Optik von Waldorf sagen viele dazu ja auch gerne "heile Welt"), in dem sich die Kinder ungestört entwickeln können.
Da geht es vor allem um eine innere Entwicklung, dh. selbst wenn alle alles gleich machen (müssen) - es IST nicht gleich. In jedem Kind laufen beim Gestalten andere Prozesse ab und kommt ein anderes Ergebnis raus (wobei dieses bei Waldorf nicht wichtig ist, der WEG hin, DER ist es, der "zählt").
Interessanterweise beobachte ich, dass gerade Kinder die diese Uniformität als Kind erleben, die Gleichheit, den Rhythmus, das Nachmachen (das viele Kinder durchaus lieben!)... WENIGER uniform sind, also Kinder die schon früh "sie selbst" sein können. Kinder ahmen nun mal nach und finden dabei sich selbst. Dann können sie sagen: ich hab's probiert, es ist nicht meins. Fertig. Find ich jetzt nicht unbedingt schlimm. Selbst wenn mal Überwindung dabei ist (Überwindungssituationen schaffen sich Kinder ja auch durchaus selbst).
Ich glaub die Sache bei Waldorf die oft irritiert ist: gleiches bewirkt eben NICHT automatisch gleiches. Manchmal schon, manchmal aber wiederum nicht. Dh. zB. künstlerische Freiheit erlangt man mitunter nicht nur wenn man immer mal wie man will. Sondern auch durch gezielte Übungen, die EXAKT ablaufen müssen. Kunst ist generell nur bedingt frei (immer gewesen) - aber das führt jetzt zu weit...
Wo Waldorfs zB SEHR WOHL oft mit Gleichen arbeiten, ist etwas, was an öffentlichen Schulen ebenfalls wiederum gegensätzlich gearbeitet wird: beim Nebeneinandersitzen werden lebhafte neben lebhafte, ruhige neben ruhige Kinder gesetzt. In der öffentlichen Schule würde das kaum wer tun. Aber die Begründung leuchtet ein: die Kinder orientieren sich untereinander aneinander. Sie ahmen sich nach. Und irgendwann mal merkt der Ruhige an seinem ruhigen Nachbarn, dass ein bisschen Energie gut tut (zumindest wird er nicht von einem lebhaften Nachbarn gestört und zieht sich womöglich noch mehr zurück) und den Lebhaften geht die Dauerenergie irgendwann am Nerv und sie kommen runter.
Kinder sind Kinder. Man darf Kinder nicht mit Erwachsenen vergleichen (sagt auch Juul, sagen auch viele Psychologen, vor allem Familienaufsteller) und Kinder gehen mit Kindern anders um als sie mit Erwachsenen umgehen. Ihnen fällt anderes auf, sie machen anderes nach.
Und obwohl all das eine gute stimmige Theorie ist, mutet die Praxis dahinter oft komisch an. Und ist auch definitiv nicht für jedes Kind geeignet!!!!
Ich finde es immer so rechthaberisch und übergreifen wenn es heißt: die SCHULE (etc.) passt nicht. Oder noch schlimmer: das KIND (der Mensch) passt nicht. BEIDES passt. Für sich wunderbar. Aber vielleicht passt es nicht ZUSAMMEN. Und das ist ok, weder kann noch muss man mit allem harmonieren. Da hilft nur: ausprobieren. Dem Kind zuhören, es beobachten, um heraus zu finden was passt. Und möglicherweise ist das nicht immer was einem selbst passt. Das ist sicher schwer. Da dürfen wir dann lernen...
