Re: Ein paar Fragen an die "Unerzogen"-Fraktion :)
Verfasst: 20.03.2009, 13:14
ich kanns vermutlich einfach zu schlecht ausdrücken, was ich meine ... 
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es gibt eine reihe von büchern:kÜRBISHEXE hat geschrieben:GIbt es denn ein gute (un)erziehungsbuch? Könnt Ihr da was empfehlen?
Ich möchte nicht, dass meine Kinder eine bestimmte Entscheidung treffen. Ich vertraue einfach darauf, dass sie das für sie klügste tun. Wenn sie sich dafür entscheiden,eine "Umweltsau" zu werden, dann könne sie das, aber ich glaube nicht, dass das eintritt. Genauso, wie sie so viel fernsehen oder Süssigkeiten essen können, wie sie wollen. Aber es kommt einfach nie dazu, dass das ausufert, eben weil sie eine echte Wahl haben, weil sie soziale und kluge Wesen sind, weil sie vonsich aus auf andere achten...Marilu hat geschrieben: Beispiel 1: Ihr sagt, ihr „erzieht“ nicht, da ihr keine Erziehungsziele habt. Echt? Gar keine?? Ich habe keine Ziele für meinen Sohn im Sinn von „er soll Abi machen und dann Jura studieren“ oder so. Aber doch solche Ziele wie „Er soll keine Umweltsau werden und seinen Müll in die Landschaft schmeißen“. Um dieses Ziel zu erreichen, bin ich ihm ein Vorbild; er kennt jetzt schon den Mülleimer, wirft seine Bananenschale selber weg.
Ist es euch egal, wohin euer Kind den Müll schmeißt (um beim Beispiel zu bleiben)? Ist nach eurer Definition nur „Erziehung“, wenn mit Konsequenzen gearbeitet wird? Zählt Vorbild sein und selbstverständlich vorleben nicht dazu?
Du schreibst ja selbst, dass es für DICH ein echtes Prinzip ist. Das ist natürlich ok. Nicht ok ist es, ein Prinzip, dass du für dich festgelegt hast, deinen Kindern ebenfalls als Prinzip aufzuerlegen. Es ist ok, wenn du sagt "Ich tue nicht", aber "man tut nicht" finde ich nicht so gut.Marilu hat geschrieben:Beispiel 2: Ihr sagt, „Prinzipien“ gibt es nicht. Auch wieder: Echt? Gar keine? Für mich ist z.B. Gewaltlosigkeit ein echtes Prinzip – ein „Man-tut-nicht“-Prinzip. Man tritt einfach niemanden mit voller Absicht vors Schienbein. Punkt. Da gibt es gar keine Diskussion. Ja, man muss dann darüber reden, woher kommt die Aggression und anerkennen, dass der andere vielleicht übelst provoziert hat. Aber Treten ist Tabu. Da muss ich als Mutter dem Kind helfen, andere Strategien zu entwickeln. Das ist für mich Erziehung.
Ich denke nicht, dass das eine "echte" Grenze ist. Aber es ist deine, das respektiere ich natürlich. Aber warum darf dein Sohn nirgendwo mit Filzstift an die Wand malen? Ist es denn nicht möglich, ihm eine Wand, z.B.im Kinderzimmer, zuzubilligen, mit der er machen kann, was er will? Oder ihm wenigstens Tapete zu geben, auf die er eben am Boden liegend malt? Es gibt eigendlich immer eine Alternative, die man anbieten kann. Für Kinder ist es unheimlich schwer, etwas NICHT zu machen, viel einfacher ist es, etwas erwünschtes zu machen ("Du willst gerne an die Wand malen? Mal doch hier hin!")Marilu hat geschrieben:Beispiel 3: Ihr sagt, ihr habt keine willkürlichen Grenzen, sondern nur „echte“ Grenzen, die natürlich im Zusammenleben entstehen.
Euer Kind, sagen wir mal, 3 Jahre alt, malt mit Filzstift die Tapete an. Eure Grenze ist erreicht. Was tut ihr? Ich würde ihm den Filzstift wegnehmen – ggf. meine körperliche Überlegenheit ausnutzend – und ich würde schimpfen. Je nachdem, ob das eine neue Situation ist, oder er es eigentlich wissen müsste, mehr oder weniger. Immer begründend, aber doch auch laut und deutlich. Ich finde, man kann mit der Stimme auch zeigen, wie weit eine Grenze schon überschritten ist, das macht es dem Kind einfacher, zu kapieren, ui, da war ich wohl einen Schritt zu weit.
Wie würdet ihr vorgehen? Und wenn ihr irgendwie reagiert – warum ist das dann keine Erziehung?
Zuerst würde ich ihn bitten, doch erstmal seinen Käse aufzuessen, und noch was übrig zu lassen für später. Wenn er das nicht will würde ich mir soviel nehmen, wie ich brauche, und den Rest kann er dann verstreuen. Oder ihm z.B. die Hälfte in eine eigene Schüssel tun, die er dann leer streuen darf. Dann kann er noch selber neuen reiben, ich denke, das macht ihm auch viel Spass. Oder habt ihr wirklich sehr wenig Geld? Dann macht es vielleicht Sinn, ihm was anderes, billiges zum Streuen anzubieten, z.B. Sand oder Salz.Marilu hat geschrieben:Beispiel 4: Nochmal zu den „natürlichen Grenzen“. Es gibt Spaghetti und der Sohn will zum 4. Mal Käse streuen, weil der das Streuen so toll findet. Der Käse war aber teuer und mühsam gerieben = die Grenze ist erreicht. Ich würde einfach sagen „Iss erstmal den anderen Käse auf, dann kannst du dir noch nehmen.“ Begründet ihr alles, was ihr sagt, damit auch 100% kein Missverständnis aufkommen kann, dass das nicht vielleicht doch eine willkürliche Ansage ist?
Falls der Sohn dann aber immer noch weiter Käse streuen will, stelle ich den Käse weg – die Überlegenheit ausnutzend. Würdet ihr das nicht tun und den Sohn sämtlichen Käse verschwenden lassen? Würdet ihr mit einem 3-Jährigen diskutieren, ob er den Käse verschwenden darf und ihn dann lassen, wenn er eure Begründung nicht nachvollziehen kann? Wenn nein - warum nennt ihr das dann nicht Erziehung?
Nihil hat geschrieben:Zurück zum Vorbild: Ich kann ja gar nicht anders, als ein Vorbild zu sein, aber ich bin es eben nicht, UM irgendetwas zu erreichen. Ich räume den Müll nicht weg, DAMIT meine Kinder das auch machen.
Ich denke, das sind die Knackpunke. Das Verhalten der Eltern ist natürlich und nicht zielgerichtet auf erwünschtes Verhalten der Kinder hin, weil die Eltern glauben, dass bei den Kindern soziales Verhalten immanent angelegt ist, und nicht durch pos. o. neg. Verstärkung ans Licht gebracht werden muss.Es hat dich als Vorbild, sieht, dass es anderen mit Schlagen/Treten weh tut, und wird von selbst andere Wege suchen, denn ich denke, niemand tut einem anderen gerne weh.
Ich denke nicht, dass das eine "echte" Grenze ist.
Die Sache mit den „echten“/ „natürlichen“ / „willkürlichen“ Grenzen hatte ich bisher anders verstanden. Ich hatte es so verstanden, dass bei "unerzogen" solche Grenzen als zu beachten gelten, die im Zusammenleben auftreten - das heißt eben auch z.B. meine persönliche Grenze, was die Tapete angeht. Das ist doch auch nur logisch, oder nicht? Das gilt doch auch zwischen Erwachsenen. Der eine möchte nicht, dass bei ihm in der Wohnung geraucht wird, also lässt man es (ja: „man“Aber ich finde auch hier nicht, dass das eine "natürliche" Grenze ist, sondern auch eine wirkürliche. "Natürlich" wäre es, wenn der Käse alle ist, und ihr auch keinen mehr im Haus habt. DANN kann er wirklich keinen neuen haben.
Doch, doch, das ist schon „ok“, wenn das jemand für sich so sieht. Ich denke immer noch, dass es ein Nebeneinander von verschiedenen Möglichkeiten gibt, die alle für die jeweilige Familie passen und „ok“ sind. Tschuldigung, vielleicht bin ich da auch nur etwas empfindlich und vielleicht meinst du ja auch "ok im Sinne von unerzogen".Nicht ok ist es, ein Prinzip, dass du für dich festgelegt hast, deinen Kindern ebenfalls als Prinzip aufzuerlegen.
Warum gestehst du deinem Kind keine eigenen Erfahrungen zu?
Ich denke nicht, dass das eine "echte" Grenze ist. Aber es ist deine, das respektiere ich natürlich.
Und nochmal:Aber warum darf dein Sohn nirgendwo mit Filzstift an die Wand malen?
Wie gesagt, malen ist nicht schlimm. Malen an die Tapete im Wohnzimer kann aber mehr als ärgerlich sein. Und ich denke nicht, dass ich hier „mein“ Gewaltfrei-Prinzip aufgebe. Mein Gewaltfrei-Prinzip umfasst nämlich treten und schlagen und beißen (und sowas). Wenn mein Kind einem anderen Kind einfach einen Stift aus der Hand nimmt, hab ich kein Problem damit, das können die ruhig unter sich regeln. Auch die Tatsache mit der lauten Stimme / dem Schimpfen sehe ich nicht als Gewalt im Sinne meines Prinzips. Das ist doch eine natürliche Reaktion im Zusammenleben. Wenn mein Mann was macht, was mir nicht passt, sage ich ihm auch mal lautstärker die Meinung.Warum ist malen fürdich so schlimm,dass du sogar dein Gewaltfrei-Prinzip aufgibst?
Ich finde, du gibst deinen Kind das Gefühl böse/falsch zu sein, wo es nur seinen ganz natürlichen Forscherdrang auslebt.
Ich denke nicht, dass es hier um Geld geht. Es geht darum, dass es eine Verschwendung von Lebensmitteln ist, die einen Wert haben, nicht nur den Geld-Wert.Oder habt ihr wirklich sehr wenig Geld? Dann macht es vielleicht Sinn, ihm was anderes, billiges zum Streuen anzubieten, z.B. Sand oder Salz.
Ich verstehe nicht genau, was du damit meinst. Ich glaube nicht, dass es eine Alternative zum respektvollen, gleichberechtigten Zusammenleben gibt, oder kennst du welche (ich bin durchaus aufgeschlossen)?Marilu hat geschrieben: Doch, doch, das ist schon „ok“, wenn das jemand für sich so sieht. Ich denke immer noch, dass es ein Nebeneinander von verschiedenen Möglichkeiten gibt, die alle für die jeweilige Familie passen und „ok“ sind.
Dann hatte ich dein Gewaltfrei-Prinzip wohl falsch verstanden. Wahrscheinlich habe ich einfach meine Vorstellung von Gewalt, die z.B. Schreien und Wegreissen durchaus als Gewalt ansieht, auf dich übertragen.Marilu hat geschrieben: Wie gesagt, malen ist nicht schlimm. Malen an die Tapete im Wohnzimer kann aber mehr als ärgerlich sein. Und ich denke nicht, dass ich hier „mein“ Gewaltfrei-Prinzip aufgebe. Mein Gewaltfrei-Prinzip umfasst nämlich treten und schlagen und beißen (und sowas). Wenn mein Kind einem anderen Kind einfach einen Stift aus der Hand nimmt, hab ich kein Problem damit, das können die ruhig unter sich regeln. Auch die Tatsache mit der lauten Stimme / dem Schimpfen sehe ich nicht als Gewalt im Sinne meines Prinzips. Das ist doch eine natürliche Reaktion im Zusammenleben. Wenn mein Mann was macht, was mir nicht passt, sage ich ihm auch mal lautstärker die Meinung.
Ich verstehe, was du meinst. Ich finde aber, dass auch meine Kinder, und das Zusammenleben mit ihnen, einen für mich unermesslichen Wert haben. Und den stufe ich persönlich viel höher ein, als den Wert eines Käses. Ich sehe den Käse als ein Produkt, an den wir alle Freude haben können. Ich erfreue mich am liebsten durch essen am Käse, meine Kinder erfreuen sich vielleicht eher an der Struktur (Krümeligkeit).Marilu hat geschrieben: Ich denke nicht, dass es hier um Geld geht. Es geht darum, dass es eine Verschwendung von Lebensmitteln ist, die einen Wert haben, nicht nur den Geld-Wert.
Die Beispiele sind alle konstruiert. In einem anderen Thread ging es darum, dass bei unerzogen die eigenen Grenzen gewahrt werden. Mir war nicht klar, wie das geht, ohne dem Kind gegenüber übergriffig zu werden, und warum das dann nicht erziehen ist. Auch war mir nicht klar, welche Grenzen denn bei unerzogen jetzt "gelten" und welche nicht. Daher hab ich versucht Beispiele zu konstruieren, in denen ich eine Grenze des Elternteils definiere, und habe als "Anhaltspunkte" für mögliches Elternverhalten mal meines aufgeschrieben.Nihil hat geschrieben:Wie konstruiert sind deine Beispiele eigendlich? Ich hatte sie als "echte" Beispiele verstanden, sind sie das nicht?
Das ist z.B. ein Grund, warum ich bei meinem noch sehr kleinen Sohn manchmal auch Grenzen setze, die vielleicht in genau dieser Situation nicht sein müssten. Damit er nicht andauernd Grenzen erfährt, die er nicht erwartet, oder keine Grenzen, wenn er welche erwartet. Ich denke, ich mache ihm damit den Tagesablauf vorhersehbarer. Z.B. wenn die Straßenschuhe total matschig sind, müssen sie ausgezogen werden, wenn wir die Wohnung betreten, damit der Boden nicht dreckig wird. Wenn die Schuhe ganz sauber sind, gibt es keinen echten Grund, außer den, dass ich glaube, dass es für ihn - in seinem Alter! - einfacher ist durchs Leben zu gehen, wenn er Strukturen und Rituale wiedererkennt. Wir kommen heim, dann ziehen wir die Schuhe aus.währrend persönliche Grenzen sehr flexibel sind, und sich mit der Zeit oft stark verändern.
Ist das nicht der Kern jeden sozialen Zusammenseins?Das "Problem" mit den persönlichen Grenzen ist aber, dass man mit jeder Grenzziehung den anderen einschränkt.
Der eine will keine angemalte Tapete
Der andere will Tapete anmalen, und verletzt damit die Grenze des einen.
Wenn der eine nun den anderen das Anmalen verbietet, dann verletzt das wieder den anderen.
Nein? Ich schonJedenfals die Art und Weise, wie ich sie bei deinem Beispiel verstanden habe (wegnehmen und schimpfen). Das ist für mich kein respektvoller Umgang.
Keiner würde das beispielsweise mit seiner besten Freundin machen.
Genau das war mein "Problem" mit dem Begriff "unerzogen" - wenn das Kind doch eingeschränkt und geführt wird - warum nennt man es dann "unerzogen" - aber das ist ja inzwischen geklärtIch finde, dass viele Leute, gerade auch bei unerzogen (jedenfalls fällt es mir da oft auf), viel zu sehr auf dieses die-eigenen-Grenzen-"verteidigen" fixiert sind. Und gar nicht merken, dass sie damit ihre Kinder ständig massiv einschränken, als hätte diese selbst keine Grenzen.
Ich meinte damit, dass es Familien gibt, in denen ein Zusammenleben herrscht, das vielleicht nicht in deinen Augen respektvoll und gleichberechtigt ist, in dem aber doch die Mitglieder froh und glücklich das Haus teilen. Ich finde z.B. mein Verhalten meinem Sohn gegenüber respektvoll und gleichberechtigt, aber wahrscheinlich nicht 100% so, wie du es siehst. Auch meine ich damit, dass nicht alle Eltern überhaupt so, wie du es für richtig hältst, leben können, da sie es nie anders kennen gelernt haben. Auch diese Familien sind nicht unbedingt verkorkst oder so, sie leben ihr Leben, und das ist ok.Ich verstehe nicht genau, was du damit meinst. Ich glaube nicht, dass es eine Alternative zum respektvollen, gleichberechtigten Zusammenleben gibt, oder kennst du welche (ich bin durchaus aufgeschlossen)?Marilu hat geschrieben: Doch, doch, das ist schon „ok“, wenn das jemand für sich so sieht. Ich denke immer noch, dass es ein Nebeneinander von verschiedenen Möglichkeiten gibt, die alle für die jeweilige Familie passen und „ok“ sind.
Da denk ich mal drüber nachIch finde aber, dass auch meine Kinder, und das Zusammenleben mit ihnen, einen für mich unermesslichen Wert haben. Und den stufe ich persönlich viel höher ein, als den Wert eines Käses. Ich sehe den Käse als ein Produkt, an den wir alle Freude haben können. Ich erfreue mich am liebsten durch essen am Käse, meine Kinder erfreuen sich vielleicht eher an der Struktur (Krümeligkeit).