Leominor hat geschrieben: 23.07.2019, 11:27
Aber wie gesagt, ich kann mir vorstellen, dass diese Therapie als letzter Ausweg bevor die Eltern so am Ende sind, dass etwas schlimmeres passiert, durchaus gerechtfertigt sein KANN. WENN andere Formen der Hilfe nicht gegriffen haben.
Natürlich gibt es diese Familien, die vollkommen am Ende sind und nichts dringender brauchen als Unterstützung. Jetzt. Niedrigschwellig.
Spinnen wir den Faden also mal weiter und gehen davon aus, da sind jetzt Familien, die haben alles und alles ausprobiert und sind jetzt in Gelsenkirchen gelandet. Und da ist dann ein Fernsehteam, das filmt ihre Kinder, die sich gerade übergeben, denen der Rotz aus der Nase läuft, weil sie nicht mehr aufhören können zu schreien und zu weinen, weil sie so überfordert sind, die sich winden, weg wollen, Stinkefinger zeigen. Dazu werden die Szenen kommentiert, nicht besonders empathisch kommentiert.
Diesen Film kann heute jeder downloaden, speichern, einmotten, wasauchimmer damit tun, er wird
immer präsent sein für den, der es will.
In 15, in 20 Jahren so wie heute. Die dann erwachsenen Kinder können dann sehen, wie sie im Fernsehen vorgeführt wurden, als ihre Eltern als letzten Ausweg diese Möglichkeit gewählt haben.
Ein ganz bitterer Beigeschmack, zu all dem, was schon geschrieben wurde.
(Mein Großer hatte als Baby ganz schlimm Neurodermitis und uns wurde vorgeschlagen, von einem Facharzt, es doch mal in Gelsenkirchen zu versuchen. Das war das erste 'Angebot', was uns diesbezüglich gemacht wurde. Wir hatten keine besondere Not geäußert, klar, es war superanstrengend und auch belastend, aber eben weit entfernt von familiärer Ausnahmesituation, in der nichts mehr geht. Wären wir gefahren, dann wäre mein Kind nach diesem Programm behandelt worden. Ich war damals in einem Betroffenen- Forum zum Austausch und da waren einige, denen Gelsenkirchen unter ähnlichen Bedingungen wie uns angeboten wurde. Und auch Eltern, die da waren. Die es abgebrochen hatten, die es durchgezogen hatten. Letztere zweifelten teilweise sehr deutlich und litten unter dem, was sie erlebt hatten. Entlasteter als vorher war kaum jemand. Ich weiß, nicht repräsentativ, aber zumindest ein kleiner Ausschnitt aus der Welt derer, die davon betroffen waren).
Zum Diskussionsthema an sich: Gerade solche emotionalen Themen bieten ja viele Möglichkeiten, wo man mit seiner eigenen Meinung steht und da ergeben sich zwangsläufig natürlich auch z.T. große Unterschiede. Dass man sich in die Enge getrieben fühlen kann, wenn viele Menschen anders denken als ich, kann ich verstehen. Gerade hier gibt es zu diesem Thema eine (vermutlich nicht nur gefühlte) Mehrheit *gegen* das gängige Procedere der Gelsenkirchener und es wurde ja auch schon oft dargelegt, warum.
Was unterm Strich aber für alle stehen bleibt, ist: Es gibt Familien, denen muss geholfen werden und die Möglichkeiten dazu sind nicht immer rosa, sondern oft schmerzlich und hart. Das ist schwer auszuhalten, aber manchmal die einzige Chance, etwas zu verändern. Und das ist der Punkt, der alle hier eint, denke ich.
Was aber nie, nie verloren gehen darf, gerade im Umgang mit Familien, die ohnehin schon Probleme haben, sind Empathie und Respekt. Und, selbst bei sachlicher Betrachtung, ist im Film davon nicht viel zu sehen. Meist sind es eben weinende, kotzende, verrotzte oder auch 'unerzogene' Kinder, die beim Betrachter in den meisten Fällen sicher ein Bild erzeugen, dass diesen Kindern in ihrer Gesamtheit nicht gerecht wird. Sie befinden sich in Situationen, in die sie gezwungen wurden und aus denen es keinen Ausweg gibt, außer zu kooperieren, egal, wie sich das anfühlt.
Der erste, wichtigste Satz meiner Heilpädagogikmentorin war: Ich muss den anderen da abholen, wo er steht. Und das, was ich ihm zur Hilfe anbiete, muss er annehmen können. Es kann anders nicht klappen. Darauf war unser ganzes Ausbildungskonzept aufgebaut.
Trotzdem bezweifle ich nicht, das bloße Verhaltenstherapie hilfreich sein kann, wenn sie individuell ausgelotet wurde. Dieses Konzept schert jedoch alle über einen Kamm und
kann damit nicht der Heilsbringer schlechthin sein, zwangsläufig.