2 Beispiele aus dem privaten Bereich... mein Neffe ist motorisch seeeehr schnell gewesen mit allem. Der ist mit 2 auf die höchsten Türme auf dem Spielplatz, konnte früh Inliner fahren, Fußball spielen und ist nun mit 8 bereits nach ein paar Wochen/Monaten einer der besten in seiner Capoeiragruppe. Wenn er nicht die Möglichkeit hat sich körperlich zu betätigen - sei es nun grob- oder feinmotorisch - dann neigt er zu "Störverhalten". Er kann sich nicht seiner Natur entsprechend entfalten. Das hat dann nichts mit "ausbremsen" zu tun, er ist genetisch einfach so veranlagt, er war einfach schon immer schnell in solchen Dingen.
Mein Sohn ist dafür motorisch absolut kein Held aber geistig sehr sehr weit für sein Alter. Und das kommt sicherlich NICHT von uns Eltern aus und auch nicht von der Einrichtung. Er haut uns regelmäßig aus den Socken mit seiner Fragerei oder einfach der Tatsache welche Zusammenhänge er versteht, wie schnell er begreift oder selbst Schlüsse aus Erlebtem zieht. Wenn ich DAS ausbremsen würde...nein das wäre fatal. Denn genau diese Bereiche, in denen die Stärken der Kinder liegen, ihr persönliches Interesse usw sind die Bereiche, mit denen sie Stärken und Selbstvertrauen manifestieren können. Es ist dann ein Unterschied ob ich eine Frage schlichtweg beantworte und das war's, ob ich versuche ihn noch weiter anzustacheln und mit Wissen vollzustopfen (solche Eltern gibt's ja auch) oder ob ich Fragen NICHT beantworte weil das Kind "anscheinend" noch nicht soweit ist. Tja, jedes Kind ist aber TOTAL anders.
Was wird aus Kindern mit Inselbegabungen, mit Hochbegabungen? Oder einfach Kindern die früher "soweit" sind!? Ich konnte zur Einschulung auch lesen und schreiben und das aus EIGENEM Antrieb heraus (ich erinnere mich, wie ich meine Familie so lang genervt hab, bis jmd mir Buchstaben aufschrieb usw).
Ich denke das ist einer der Punkte an denen sich verschiedene pädagogische Ansichten, bzw gar Weltanschauungen total unterscheiden. Ich persönlich sehe jeden Menschen einfach wie er ist - ohne IRGENDEIN Schema F im Hinterkopf zu haben, irgendein "Jahressiebt" oder eine vorgegebene "Entwicklungsphase". Denn nur so kann ich wirklich offen auf die jeweilige Lebensphase, Interessensphase usw eingehen ohne zu urteilen, beurteilen oder zu werten. Oft hört man nämlich gleich, dass seien die ELTERN die die Kinder so verbilden würden...tja...ich bin ein Schulgegner und dennoch (oder deshalb?) ist mein Sohn so wie er ist.
Ich persönlich hätte einfach Angst, dass man das natürliche Interesse und die natürliche Neugier und den Wissensdurst der Kinder irgendwann erstickt und sie gar nicht mehr fragen, wenn sie keine Antworten bekommen nur weil irgendjemand meint das Kind KANN noch nicht soweit sein. Die Kinder passen sich dann an und gewöhnen sich dran sich nach Authoritäten zu richten die Ihnen sagen wann sie was dürfen und wann nicht...der eigene Antrieb versiegt und vor allem das Selbst(wert)gefühl gleich mit.
Übrigens beissen sich eine glückliche kindgerechte Kindheit und ein großer Wissenshunger überhaupt nicht. Man kann es ja auch kindgerecht vermitteln, sofern das Kind das duldet (mein Sohn hat diese "Wieso, Weshalb, Warum" Bücher zB nie gemocht, auch Bilderbücher fand er immer doof. Mit 2 stöberte er in Lexika und mit 3 holte er sich Sachbücher für Grundschüler aus der Bücherei) Wenn ich mir überlege was mit seinem Wissenshunger passiert wäre, das ja sooo viel seines Charakters ausmacht, wenn ich ihn weiterhin mit Wachsfarb-Bilderbüchern und Feengeschichten vollgestopft hätte obwohl er das nicht will...
Aus den Einrichtungen die ich kenne, bzw zu denen ich Kontakt hatte (Waldorf meine ich jetzt) war es immer so, dass man das Bewusstsein der Kinder nicht wecken soll, dass Fragen unbeantwortet blieben, dass Kinder ausgebremst wurden wenn sie "schneller" waren usw. Und das ist etwas, das ich persönlich für mich üüüberhaupt nicht gutheißen kann. Ja, man kann später sicherlich noch einiges nachholen - WENN man denn dann noch Antrieb hat oder findet und noch nicht aufgegeben hat...aber dann arbeitet man ja im Grunde "nach". Während man, wenn man sich von Anfang an seinen Interessen entsprechend entwickeln darf, schon in jungen Jahren u.U. sich in gewissen Bereichen spezialisieren kann.
Mal ganz abstrakt gedacht: Wenn mein Sohn sich mit 3 schon ausgiebig und Monate lang mit Planeten, Galaxien, Monden, Größenverhältnissen, Gravitation etc beschäftigen darf und dabei bleiben würde, fiele ihm einiges in der Schule später leichter. Wenn es sein Bereich bleiben würde, fiele ihm ein Astrophysik Studium leichter weil er sich schon seit Jahren damit beschäftigt. Oder er wird ausgebremst und lernt halt das was alle lernen...zu der vorgeschriebenen Zeit wenn alle es gleichzeitig lernen müssen ob es sie nun interessiert oder nicht.
Nunja, da könnte man noch ewig weiter in's Detail gehen. Aber das ist ein Punkt an Waldorf der mit meinem Weltbild echt überhaupt nicht überein stimmt. Es gibt durchaus einiges an Waldorf, das mir sehr gefällt und das ich für mich beibehalten kann/habe aber einiges ist meines Erachtens total überholt, hirarchisch und realitätsfern.