Und viele Menschen (auch intelligente, studierte) unterschätzen den Einfluss den Geschenke (auch so klitzekleine wie ein Kugelschreiber oder ein Mauspad mit Firmenlogo, es muss kein Firmenessen sein) unbewusst auf unser Handeln und unsere Einstellungen haben.
Der Mensch lebte halt lange Zeit nach dem Motto "gibst Du mir, dann geb ich Dir" bzw. umgekehrt "Ich geb Dir, damit Du in meiner Schuld stehst und mir später auch was gibtst" (sogar Göttern gegenüber als das berühmte "do ut des"). Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft und man ist einerseits positiv voreingenommen gegenüber den vom Gegenüber (hihi) geäußerten Inhalten, andererseits auch (unbewusst!) eher bereit, dem Schenkenden später etwas zu Gefallen zu tun.
Und dass Muttermilchersatzprodukthersteller jetzt überall dazuschreiben müssen, dass Stillen "das Beste" fürs Kind sei, lässt ganz bestimmt auch den ein oder anderen Arzt den letzten Hauch schlechten Gewissens über Bord werfen, weil die Firmen ja "total stillfreundlich" sind und immer das Stillen über ihre eigenen Produkte stellen, für jeden lesbar.
(Die AFS hatte mal ein sprachlich schlaues Faltblatt zum Thema "Stillen ist nicht das Beste für Ihr Kind", in dem für die Sprachregelung "Stillen ist normal, und Muttermilchersatznahrung hat demgegenüber folgende Nachteile: ..." plädierte [selbstverständlich gab die AFS auch Hinweise darauf, wie man Flasche mit PRE nach Bedarf so geben kann, dass man zumindest die über die eigentliche Nahrungszusammensetzung hinausgehenden Nachteile gut ausgleichen kann]. Das Faltblatt wurde irgenwann nicht wieder aufgelegt (ich meine, weil das bei Menschen, denen vorrangig Überschriften im Kopf bleiben, zu groben Missverständnissen geführt hatte), aber mir fällt immer wieder auf, wie geschickt diesen sprachlichen Grundsatz z.B. viele Nahrungsergänzungsmittelhersteller anwenden:
Bei Vitamin-D steht z.B. auf der Packung, es sei "bei der normalen Funktion des Immunsystems und für die Bildung und Erhaltung der Knochen unerlässlich" oder "Es trägt zum normalen Erhalt von Knochen und Zähnen, sowie zur normalen Aufnahme und Verwertung von Kalzium und Phosphor bei"
Das wirkt um Welten besser, als wenn man "verbessert das Immunsystem", "verbessert die Struktur der Knochen" o.ä. schreiben würde.
Die meisten Menschen möchten "normal" sein bzw. haben an sich als Eltern, wenn sie ganz ehrlich zu sich sind, nicht wirklcih den Anspruch, zu "den Besten" zu gehören. "Normal" reicht völlig.
"Nachteile" im Sinne der Abweichung vom Normalen zum Schlechteren hin möchte aber niemand in Kauf nehmen, weder für die eigene Gesundheit noch für die Entwicklung des eigenen Kindes.
Deshalb können Babymilchhersteller auch so damit punkten, dass sie Stillen als das "BESTE" (im Subtext mitgelesen: das halt nicht jeder schafft - nicht jeder kann schließlich "Bester sein") deklarieren - das wirkt immerhin unheimlich selbstlos, auch wenn es gesetzlich vorgeschrieben ist - aber gleichzeitig Abstillen zur Flasche hin ab Zeitpunkt X (für "nach dem Stillen" ist z.B. auf Werbebildern ein immernoch ziemlich kleines Baby) bzw. das Abpumpen und per Flasche(!) Füttern als Normalität hinzustellen (oft wird der Eindruck erweckt, jede stillende Mutter "brauche" zum Stillen Dinge wie einen Fläschchenwärmer, Flaschensauger und eine Milchpumpe etc.). Dass es Haushalte mit Kindern gibt, die nie einen Schnuller oder ein Fläschchen besessen haben, können viele Leute sich gar nicht vorstellen.
Solche Bilder von Normalität prägen sich auch bei Ärzten ein, wenn die "stillfreundlichen" Babynahrungshersteller mit ihren schicken Beikostplänen (die eigentlich zügige Abstillpläne sind) so tolle Fortbildungen und kostenlose Broschüren und Pröbchen und Zubehör anbieten.
Ich hatte mal ein längeres Gespräch mit einem (nicht unserem) Kinderarzt zu dem Thema, und alles, was ich abweichend von Hipp und Co übers Stillen erzählte, war ihm dann sofort "zu ideologisch".
Ich denke, manchmal wirken auch die Flyer, Faltblätter, Visitenkarten und Websites mancher Stillberater:innen, Stillverbände, Hebammen, ... immer einen Tick altbackener/alternativer/provinzieller/weniger ernstzuehmen

als die der Babykosthersteller mit ihren millionenschweren Marketingabteilungen, allein schon vom Layout/Farbgebung/Bildern/... her.
Es ist trotz des vielen vielen bereits erreichten immer noch ein langer Weg... (und Stillverbände werden finanziell wohl nie auf der Überholspur sein im Vergleich zu Großkonzernen wie Nestle und Co.

, die sich leisten können, ihr ganzes Zeug quasi saisonal neu zu drucken und kostenlose Schulungen für Ärzte im großen Stil anzubieten. Und was sollte eine kostenlose Produktprobe fürs Stillen sein? Stillen zu fördern ist personalintensiv...)