Ja, auch die Pflegekraft hat Anspruch auf Freizeit. Und diese muss dann durch die Familie abgedeckt sein. Hier ist es kein Problem wenn die Pflegerin mal abends weggeht oder ein Wochenende heim zu ihrer Familie muss wegen eines Notfalls: die räumliche Nähe ist da, und Babyphones in der Nacht funktionieren auch mal für Senioren. Aber einer fremden Person ohne " Kontrolle" meine Mutter anvertrauen, da hätte ich wirklich arge Bauchschmerzen nach meinen bisherigen Erfahrungen.
Abgesehen von der Seniorenfrage:
"Das Dorf" empfinde ich durchaus als etwas anderes als nur das Übertragen von Aufgaben, um Personen zu entlasten. Es hat auch viel mit Vertrauen zu tun, und dass man mit getragen wird. Hier schaut tatsächlich noch der eine nach dem anderen. Motzt, wenn es dort nicht so ordentlich ist wie es sollte. Und klopft an, wenn man den gleichen " Regimentsfaulenzer" 2 Tage nicht gesehen hat beim Zeitungsholen, weil man sich Sorgen macht dass etwas nicht stimmt.
Ich denke, das können bezahlte Kräfte nicht wirklich wettmachen.
Aber das Dorf ist ein Geben und Nehmen, und im Gegensatz zu den meisten Dingen im Leben kann man sich von unangenehmen Aufgaben nicht mit gutem Gefühl "freikaufen". Und in diesem System ist unsere Generation noch sehr in der Einbring-Phase. Es wird erwartet, dass man mit anpackt wenn im Kirchgarten ein Anbau abgerissen wird ( da isses echt wurscht ob Atheist oder nicht: Steine rumheben kann man ja wohl auch auch ohne Gottes Hilfe.

).. oder der lokale Gesangsverein Schlachtfest hat und jemanden braucht, der Schlachtgeschirr spült. *örks*. Egal ob man in der Woche schon 50 Stunden gearbeitet hat oder nicht. Aber man tut es, einfach weil man spürt, dass die Gemeinschaft in der Form eben untergeht wenn man sich rauszieht.
Dafür wissen wir aber auch, dass die Nachbarn auf unsere Schwiegereltern mit aufpassen und sich bei uns melden, wenn etwas Ungewöhnliches stattfindet. Und dass sie sich auch kümmern, wenn wir mal nicht da sind ( zum Beispiel indem sie nachts ohne Vorankündigung vom Dachgeschossfenster aus den Frosch im Teich ERSCHIESSEN, der meiner Schwiegermutter den Schlaf raubt.....nun ja....). Wir wissen dass auf unsere Kinder geachtet wird, wenn sie zwischen den Hintergärten herumstreunern und heimlich die Hühner füttern/ärgern.
"Das Dorf" gibt schon das Gefühl, dass man nicht alle Last und Verantwortung selbst tragen muss. Ich denke aber dass diese Art von Dorf gerade dabei ist, auszusterben. Dadurch, dass wir heute unsere Grenzen viel deutlicher abstecken als die Generationen vor uns und es gewohnt sind die Kontrolle über unsere Entscheidungen/Handlungen/Kindererziehung/ Gartengestaltung was-auch-immer ganz alleine zu haben, drängen wir die anderen Menschen aus ihren " Rechten" auf Einmischung. Mit dem Recht auf Einmischung verliert sich aber auch das Recht/die Pflicht auf Verantwortung und Sorge um nicht-Familienmitglieder.
Ich bin da selbst in der Zwickmühle: man hat so sehr darum gekämpft dass man sich selbst behauptet, sich nichts vorschreiben lässt, seine Ideale durchsetzt gegenüber all dem "alten Mist", der jetzt plötzlich nicht mehr zeitgerecht ist. Und vielleicht den Bogen überspannt. Klar ist es gut , dass sich die Sicht auf's Kind verändert hat. Gerade was Bindungsverhalten angeht.
Nur: in unserem Rundumschlag gegenüber den Dingen die man früher gemacht hat, haben viele junge Familien ( uns eingeschlossen) plötzlich angefangen , fast wahllos um sich zu schlagen wenn es um die "Dummheit" der Alten geht.
Ein Tätscheln der Backe vom Kind ist gleich eine körperliche Übergriffigkeit, und die alte Frau muss nun auch damit rechnen dass ihr demnächst jemand in die Backe kneift. Und wenn die Nachkriegsgeneration Schokolade verteilt weil sie damit ein Lächeln auf die Kindergesichter zaubern kann, grenzt das auch schon fast an Körperverletzung.
Ich habe oft das Gefühl, dass alte Menschen hier in Deutschland von der mittleren Generation regelrecht gehasst werden. Die sollen uns in Ruhe lassen mit ihrem alten Scheiss. Haben ihre Kinder misshandelt durch Schreienlassen, haben keine Ahnung von gesunder Ernährung, sind nervig da sie sich überall einmischen wollen...
In Wirklichkeit ist es doch so, dass JEDER Mensch das Gefühl braucht einen Platz und eine Aufgabe in einer Gesellschaft zu haben. Vom ganz kleinen bis zum alten. In einem dörflichen Gefüge funktioniert das zumindest noch etwas. Zur Zeit zumindest, aber nicht mehr lange.
Machen wir uns nichts vor: spätestens wenn wir alt sind und uns so verhalten wie wir es uns von den alten Menschen erwarten, sind wir vor allem eines: auf dem Abstellgleis und komplett nutzlos. Alles was wir jetzt erleben und lernen ist veraltet, und kann man es sich ergoogeln oder in Foren bequatschen. Vielleicht werden mir meine Kinder vorwerfen dass ich sie nicht genügend schulisch gefordert habe sondern sie immer hab spielen lassen, weshalb sie jetzt nicht die Karriere hingelegt haben die sie hätten machen können. Egal was passiert: wahrscheinlich werden wir Schuld daran sein. Und unsere Schwiegertöchter uns hassen.
Außer wir sind noch fit genug irgendwo in einer Armenküche oder sowas auszuhelfen.
Unsere Söhne und Töchter werden uns ersetzt haben mit Dienstleistern, die ihre Aufgaben erledigen ohne sich einzumischen oder rumzunerven. Weil sie von uns gelernt haben, dass alte Menschen meist nerven ( und ooooh Gott ja, das tun sie oft...) und dass man sich deshalb ab Besten von ihnen fernhält, wenn sie nicht bereit dazu sind nach unserer Pfeife zu tanzen.
Ich hatte in letzter Zeit viel Gelegenheit dazu über Generationenfragen nachzudenken und muss ganz ehrlich sagen: ich schäme mich oft.
Darüber, was ich gedacht habe.Über Dinge, die ich geschrieben habe wenn ich mich über meine Großeltern/Schwiegereltern aufgeregt habe. Dass ich regelrecht aggressiv geworden bin, wenn mir jemand Tipps gegeben hat. Dass ich ein Riesendrama darum gemacht habe, als mein Stillkind heimlich an nem Kinderriegel lutschen durfte. Dass ich fast einen richtigen Keil zwischen meinen Mann und seine Eltern getrieben habe, weil mir die " Übergriffigkeiten" so sehr gegen den Strich gegangen sind, dass ich komplett an die Decke gegangen bin. Ich bin als Mutter nur noch um meine Kinder gekreist und habe komplett vergessen, dass es auch noch andere Familenmitglieder gibt,die Zuwendung und ein gutes Wort benötigen.
Im Endeffekt war ICH diejenige, die es verbockt hat. Meine Kinder hätten eine deutlich schönere und entspanntere Baby-/ Kleinkindzeit haben können, wenn ich mich einfach mal locker gemacht hätte. Nicht alles so verbissen gesehen hätte. Sie hätten an mir lernen können, ruhig, geduldig und LIEBEVOLL mit solchen Situationen umzugehen, stattdessen habe ich sie die komplette Babyzeit einer angespannten Atmosphäre ausgesetzt . Die auch garantiert schlimmer war als die Tatsache, dass Oma mir immer erzählt hat ich müsse jetzt mal aufhören zu stillen, sonst wird das Kind nicht satt...