lesen durch schreiben - eine Art falsch zu lernen?

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Lösche Benutzer 1828

Re: lesen durch schreiben - eine Art falsch zu lernen?

Beitrag von Lösche Benutzer 1828 »

Talgaro hat geschrieben:Was soll eigentlich der Hinweis auf Berlin im Ausgangspost?

Meine beiden Jungs (3. + 7. Klasse) haben so das Lesen und Schreiben gelernt. Beide lesen gern und gut, die Handschrift ist schön und sie haben keine größeren Probleme mit der Rechtschreibung. Ich hatte da mehr Schwierigkeiten (habe ganz klassisch in der DDR gelernt). Ich kann also keinen Zusammenhang erkennen, außer das sie von Anfang an im eigenen Tempo lernen konnten und nicht warten mussten, bis irgendwelche Buchstaben bei allen eingeführt wurden.

Bei ihnen wurde es so gehandhabt: Anlauttabelle, Buchstaben- und daran anschließend ein Schreibschriftlehrgang (beide im eigenen Tempo). Wenn das Prinzip sitzt, erste Hinweise und dann beginnend mit Lernwörtern, die richtig geschrieben werden sollen, Einführung von Dikataten usw. Dazu parallel "Lies mal"-Hefte, viel Vorlesen. Außerdem Vorträge, Zeitungsartikel und Poster usw. herstellen, also das Gelernte nützlich anwenden. Noten gibt es ab der 4. Klasse. Bis dahin haben sie also Zeit ohne Notendruck sich das nötige Rüstzeug anzueignen.
Ganz genauso lief es auch bei uns - Tochter konnte allerdings schon im KiGa lesen, die Jungs haben sich Zeit gelassen. Alles ist möglich mit dieser Methode. Tochter konnte gleich starten und musste sich nicht mit einzelnen Buchstaben quälen und die Jungs konnten sich Zeit lassen. Da Junior noch immer Probleme hat (er kann alles lesen aber nicht alles schreiben ;) ) bekommt er jetzt angepassten Förderunterricht.
Sie schreiben schon aktiv von Beginn an in Form von wöchentlichen Tagebucheinträgen und eben auch Plakaten usw. Die Lies-Mal-Hefte haben wir auch - die werden je nach Stand ausgegeben.

Ich kann mich noch an meine eigene Quälerei damals durch Buchstaben erinnen und unsinnige Sätze in der Lesefibel - das hat mir keine Freude gemacht. Alle mussten immer das gleiche tun, immer und immer wieder. Ich konnte schon vor der Schule lesen und fand es grässlich. Und Kinder, die eben noch nicht lesen können, haben sich dabei ebenso gelangweilt.
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Laquiqui
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Re: lesen durch schreiben - eine Art falsch zu lernen?

Beitrag von Laquiqui »

Huh, das ist mein Thema, habe gerade mein Examen zum Schriftspracherwerb gemacht. :wink: Also in der Reinform der Lesen durch Schreiben Methode wird tatsächlich keine Rechtschreibung unterrichtet. Die kommt, genau so wie das Lesen, von alleine. Das ist tatsächlich die Theorie, die so natürlich nicht durchgezogen wird, sondern ergänzt wird durch wie auch immer vermittelte Rechtschreibregeln.

Die silbenanalytische Methode geht von der Silbe als quasi natürlicher Einheit der Sprache aus, in der Annahme die Kompetenzen der Kinder bestmöglich zu nutzen. Wir lernen sprechen in Silben. Reime, Silbenklatschen usw. ist den Kindern sehr zugänglich, daher haben sie einen guten Anknüpfungspunkt. Außerdem lassen sich über die Struktur der Silbe fast alle Rechtschreibprinzipien erlernen. Die Ansicht, Rechtschreibung sei ein Kuddelmuddel (wie es der Erfinder der Lesen durch Schreiben Methode formuliert) wird von der Sprachwissenschaft ganz anders gesehen.

Darüber hinaus weisen alle möglichen Schulleistungsstudien darauf hin, wie wichtig der Bildungshintergrund im Elternhaus ist. Kinder, in deren Familien Bildung, Lesen, Bücher usw. eine positive Rolle spielen, sind Altersgenossen aus schriftferneren Familien teilweise schulmäßig um Jahre voraus. Das darf man nicht vergessen, wenn man die Methode, die beim eigenen Kind geholfen hat, auf alle anderen übertragen will.

Ein wirklich empfehlenswertes Buch dazu finde ich "Wie Kinder lesen und schreiben lernen."
Liebe Grüße von Kirsten

"Es gibt mehrere Arten, etwas richtig zu machen" Mama Muh
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SchneFiMa
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Re: lesen durch schreiben - eine Art falsch zu lernen?

Beitrag von SchneFiMa »

Laququi, danke für deinen Post! Besser hätte ich es auch nicht schreiben können.

Ich habe in einem der vorne verlinkten Threads, in denen es auch schon um diese Methode geht ausführlicher geantwortet, da ich hier ja die Kinder sehe, die damit eindeutig Probleme haben. Sie haben bekannte oder unbekannte Wahrnehmungsprobleme und fallen da dann durchs Raster.

Kinder ohne Auffälligkeiten können das sicher gut umsetzen, aber eben nicht alle, das ist dann leider ein Problem.
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channa
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Re: lesen durch schreiben - eine Art falsch zu lernen?

Beitrag von channa »

Dann habe ich mal eine Frage an die Profis hier :wink:

Müsste die Lehrerin/ der Lehrer denn nicht merken, wenn ein Kind "durchs Raster" fällt?

Hier gehört zum Beispiel Lesen zum festen Bestandteil des Wochenplans (erst liest das Kind selbst einen Text und liest es danach der Lehrerin unter vier Augen vor), wenn dann ein Kind aber weiterhin falsch schreibt, obwohl es die Wörter schon beim Lesen gesehen hat, dann muss es der Lehrerin doch auffallen und kann darauf eingehen, oder nicht?

Mir ist nicht so ganz klar, wie Kinder auch mit dieser Methode jahrelang falsch schreiben. Aber sicherlich gibt es keine Methode, die für alle Kinder gleich gut ist.
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Re: lesen durch schreiben - eine Art falsch zu lernen?

Beitrag von ich will aber »

Das lesen ist nicht ausreichend, um ein Wort danach auch richtig schreiben zu können!

Wenn du jetzt aufgefordert werden würdest die Markennamen einzelner firmen nachzuschreiben, würde das den wenigsten gelingen.....
Bewertungen fürs Kruscheln bitte hier:

viewtopic.php?f=352&t=215191
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Talgaro
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Re: lesen durch schreiben - eine Art falsch zu lernen?

Beitrag von Talgaro »

Wegen der Kinder, die durch das Raster fallen: ich bin mir bewußt, dass es die leider gibt. Aber ist das wirklich (nur) der Methode anzurechnen? Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke gab es da auch eine große Bandbreite an Geschwindigkeiten/Können beim Lese- und Schreiberwerbs. Bei Mathe wird scheinbar viel eher abgewunken "ist halt kein Mathetyp", beim Schreiben ist es dann aber nur die Methode? Ich finde beides übrigens nicht angebracht. Individuell auf die Kinder mit ihren Schwächen und Stärken eingehen scheint mir bei der althergebrachten Fibelmethode aber schwerer zu sein (bzw. in Mathe alle Kinder gleichzeitig nur ganz bestimmte Aufgabenschritte rechnen zu lassen).
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Sakura
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Re: lesen durch schreiben - eine Art falsch zu lernen?

Beitrag von Sakura »

Talgaro hat geschrieben:Wegen der Kinder, die durch das Raster fallen: ich bin mir bewußt, dass es die leider gibt. Aber ist das wirklich (nur) der Methode anzurechnen?
Wenn man denen glaubt, die über die Jahre junge Leute betreuen, zb. Hochschul-Lehrpersonal, dann ist wohl eine deutliche Verschlechterung der Rechtschreibkompetenz zu verzeichnen.
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Talgaro
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Re: lesen durch schreiben - eine Art falsch zu lernen?

Beitrag von Talgaro »

Und Verlust an weiteren Kompetenzen (Ausdruck, Umgangsformen, Konzentrationsfähigkeit, Selbstständigkeit usw.) - höre ich auch immer wieder. Bin auch sehr interessiert, woran das liegt. Das hat meine Mutter (ehemalige Personalerin) übrigens schon in den 90igern bemängelt.
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Re: lesen durch schreiben - eine Art falsch zu lernen?

Beitrag von Sakura »

Hm... Schon Sokrates bemängelte ja ähnliches... :lol: . Da würde mich jetzt echt interessieren, ob es da was handfestes gibt.

Wenn es Regeln dazu gibt, ist das meiner Meinung nach aber kein echtes "Lesen durch Schreiben." Lautierendes Schreiben machen doch alle Schreibanfänger?


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aleppo
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Re: lesen durch schreiben - eine Art falsch zu lernen?

Beitrag von aleppo »

Uuuuuh, wer hätte gedacht, dass meine Frage so eine Welle macht. Ich freue mich total darüber!!

Je mehr ich in Foren dazu lese und andere Frage, umso eher würde ich unserem Abc-Schützen helfen wollen. Auch wenn und erst recht wenn die Lehrer davon abraten. Im Gegenteil, man soll die Kids für das Kaudawelsch auch noch loben. Unsere Wunschschule steht hinter diesem LdS, aber hier in NRW ist das die Methode der Wahl. D.h. man kommt nicht drum herum (mal von Waldorf abgesehen, die machen können, wie sie wollen). Ich bin auf diese Seite eines Pädagogen gestoßen, der ne Menge Elternbriefe geschrieben hat. Das klingt alles logisch und schlüssig:

http://www.grundschulservice.de

Mal an die Eltern älterer Kinder: hört ihr auf die Lehrer oder übt ihr schon ab der 1.Klasse...was Hänschen nicht lernt...
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