Die Leiterin meinte, zu Anfang der Stillzeit werden Prolaktinrezeptoren gebildet, und wenn da was dazwischen kommt und den Prozeß unterbricht kann man sich auf den Kopf stellen, aber es hilft nichts. Bis zur nächsten Geburt.
Nun frag ich mich, wenn das so ist, wie funktioniert dann die künstliche Relaktation bei Adoptivmamas etc.?
Die Leiterin Deiner Stillgruppe hat grundsätzlich recht: Nach der Geburt gibt es ein gewisses Zeitfenster für einen physiologischen Stillstart, der auch passieren muss (zur Not geht auch Pumpen), da dadurch letzte "Umbauten" am Brustgewebe stattfinden (sozusagen "Abschlussarbeiten" - die Umbauarbeiten haben mit Eintritt der Schwangerschaft begonnen), und bestimmte hormonelle Prozesse ineinandergreifen müssen. Diese Prozesse sind störanfällig (z.B. wenn permanente große Mengen an Schmerz- oder Stresshormonen dazwischen funken oder das Baby zu selten gestillt wird).
Nicht alle Mütter reagieren psychisch und körperlich gleich. Bei mancher Mutter findet das erste erfolgreiche Stillen/Pumpen erst eine Woche nach der Geburt statt, aber dennoch gelingt es ihr und ihrem Kind, die Stillbeziehung so zu retten, dass hinterher beide problemlos stillen (Mutter erreicht Laktation auf Vollstillniveau, Kind lernt gute Stilltechnik). Bei anderen Müttern reicht ein vermeintlich geringerer Grund, so dass Störungen sich potenzieren: Kind trinkt nicht richtig, Mutter bildet nicht genug Milch, vielleicht noch med. Besonderheiten dazu - und eh man sich versieht hat das Kind wochenlang viele Flaschen mit künstlicher Milch bekommen, und die Milchbildung kam nie vollständig in Gang.
Relaktation kann gelingen - die Erfolgsquote (damit meine ich jetzt die Chance auf VOLLstillen - als "Erfolg" sind bei Relaktation normalerweise ganz andere Dinge zu werten, die sich NICHT in Millilitern ausdrücken lassen!!..) hängt sehr empfindlich von bestimmten Rahmenbedingungen ab.
1. War die Mutter je auf Vollstillniveau? Irgendwann? Vielleicht direkt nach der Geburt, oder irgendwann später? Falls NEIN, sind die Aussichten auf VOLLES Stillen bei Relaktation praktisch gleich null - die Erklärung dafür ist exakt die Aussage Deiner Stillgruppenleiterin. Selbstverständlich heißt dies aber nicht, dass nicht dennoch positiv erlebtes Teilstillen möglich ist.
2. Wie einfach akzeptiert das Baby die Brust?
3. Wie gut ist die Stilltechnik des Babys?
4. Wie lange liegt die letzte Still(-mahl-)zeit zurück?
5. Wie viel Stillwissen und Stillerfahrung hat die Mutter insgesamt (vorherige Kinder)?
6. Wie viel Unterstützung aus ihrem Umfeld erfährt die relaktierende Mutter?
7. Wie ist die psychische Verfassung der Mutter?
- Das sind so die wichtigsten, ersten Fragen, die ich mit jeder Mutter, die sich in persönlicher Beratung an mich wendet weil sie eine Relaktation erwägt, im Laufe der Beratung erarbeite.
Sogenannte induzierte Lakation (so nennt man das Anregen der Milchproduktion z.B. bei Adoptivmüttern, die nie schwanger waren, also ohne vorhergehender Schwangerschaft und Geburt stillen wollen) ist davon noch mal ein Spezialfall - mir ist kein Fall bekannt, bei dem eine Mutter nach induzierter Laktation ihre Milchmenge auf Vollstillniveau steigern konnte.
Der ganz ganz wesentliche Punkt bei jeder Relaktation (oder induzierter Laktation) ist die Erkenntnis, dass Bindung und Beziehung zum Kind NICHT von der Milchmenge abhängen! Jede relaktierende Mutter sollte sich ausreichend Zeit nehmen, diese Tatsache für sich einzuordnen. In persönlichen Relaktations-Stillberatungen nimmt dieser Punkt bei mir einen recht großen Raum ein - hier sind wir direkt bei der Definition von "Erfolg"! Für Mütter, die "Erfolg" mit "Vollstillen" gleichsetzen, bedeutet selbst 90%iges Stillen mit 10% Zufüttern automatisch Missverfolg. Das ist sooo schade!.. In der persönlichen Beratung begleite ich diese Mütter v.a. dabei, dass sie "Erfolg" für sich neu definieren können. Denn vor lauter Abpump-Stress und Kind-an-die-Brust-Bringen und den 100 Sorgen die all dies im Alltag mit sich bringt, kann man leicht vergessen, WOFÜR man den ganzen Aufwand eigentlich treibt.
LG;
Julia