kruemel09 hat geschrieben:inmediasres hat geschrieben:
Welch' ein erhabenes, heiliges Lebensbild ist der Anblick einer ihr Kind stillenden Mutter! Hätte wohl jemals der Gatte, selbst wenn er zu den rohen, gutgearteten Naturmenschen gehören sollte, den sittlich schönen Eindruck nicht empfunden oder aus seiner Erinnerung verloren, der sein Gemüth erhob, als er sein Weib mit dem Säuglinge an der lebendige Nahrung spendenden Brust erblickte? Muß dieses Bild einer glücklichen Mutter in Ausübung ihrer süßesten Naturpflicht nicht harmonisch und liebreich durch das ganze Familienleben strahlen, den Gatten an die Würde der Mutter mahnen, die einst erwachsenen Kinder inniger an das Herz knüpfen, welches sein Leben und seine Liebe in die erste lebenswarme Nahrung ergoß!
Hermann Klencke, Die Mutter, 1875
Neee, watt schön!
LG
Karin
Oh ja, wie schön. Das ist das, was ganz am Anfang jemand schrieb - dass nämlich die Ratschläge der Mütter, Tanten, etc. in die Richtung "nach Bedarf stillen" gingen, oder?
Ja, das hab ich geschrieben. Aber man muss das schon etwas differenzierter sehen. Unterschiede gab es von Region zu Region, zwischen den sozialen Schichten (die damals ja noch sehr ausgeprägt waren), und zwischen dem, was empfohlen, und dem, was getan wurde. Bei letzterem gab es schon allein deswegen eine Diskrepanz, weil der Zugang zu Literatur und zu Ärzten viel weniger gegeben war als heute (ich beziehe mich hier aufs 19. Jhdt)
Süddeutschland hat z.B. eine lange Tradition des Nichtstillens. Dementsprechend gab es hier eine Säuglingssterblichkeit von ca. 50%! Nehmen wir hingegen das Osnabrücker Land. Hier wurden die Kinder wahrscheinlich im Durchschnitt 18 Monate gestillt. (Die ärztlichen Empfehlungen lagen bei 9 Monaten.) Hier gab es eine Sterbequote von ca 15%!
Was das Tragen angeht, so kann man in den alten Erziehungsratgebern indirekt lesen, dass die Mütter ihre Kinder bei jedem Weinen zu trösten suchten und die Kinder die meiste Zeit des Tages auf dem Arm der einen oder anderen Betreuungsperson (also nicht nur der Mutter) verbrachten. Indirekt, weil die Ärzte der Meinung waren, es sei nicht schlimm für ein Kind, wenn es mal weinen müsse.
Zur Geschichte des Tragens und des Kinderwagens gab es einen Artikel von mir in der letzten
Stillzeit (Fach- und Vereinszeitschrift der AFS). Wer mal nachlesen will...
kruemel09 hat geschrieben:Aber in dem Buch, was ich am Anfang erwähnte, steht ja wenigstens der Satz "Es ist die heilige Pflicht der Mutter zu stillen"
Tja, das ist der Ton, den später auch die N*zis angeschlagen haben. "Heilige Pflicht", "gute, deutsche Mutter" etc pp. Einerseits waren sie sehr -ich nenn es mal so- fordernd. Andererseits wurde es den Müttern durch die Vorschriften nahezu unmöglich gemacht, diese Anforderungen zu erfüllen. Folge: permanent schlechtes Gewissen, sowie Wut und Verzweiflung gegenüber dem Kind, das nicht so funktionieren wollte, wie es sollte.
kruemel09 hat geschrieben:Mir tun auch immer die Kinder und Mütter leid, die das nächtliche Schreien "aushalten" mussten. Aber die waren wahrscheinlich so überzeugt davon oder hatten solche Angst davor, was falsch zu machen, dass sie's halt gemacht haben.
Sie wurden massiv unter Druck gesetzt. Ihnen wurde deutlich gesagt, dass sie ihrem Kind schaden würden, wenn sie ihm nachts zu essen gäben.
kruemel09 hat geschrieben:Denkt ihr, dass es in ??? 40 Jahren ??? oder 60 Jahren ???? wieder 'ne andere Einstellung zum Stillen geben wird?
Ich denke, uns kommt massiv zu gute, dass es heutzutage irrsinnig einfach ist, Informationen zu verbreiten. Ich denke, es wird besser werden. Ich denke nicht, dass wir wieder zu den 1930er Jahren zurückkehren werden, weil der Umgang mit den Kindern damals von einem schrecklichen, verachtenden Menschenbild geprägt war. (Merkt man schon an der Sprache in den Ratgebern. In den frühen Werken ist das Kind "der kleine Liebling", "das zarte Wesen". In den 30ern dann "der Quälgeist", "der Tyrann".)
Meiner Meinung nach führt kein rationaler (emotional sowieso nicht) Weg daran vorbei, Kinder respektvoll zu behandeln und ihre Bedürfnisse als solche zu erkennen und ernst zu nehmen. Daher gehe ich davon aus, dass das "Stillen und Tragen"

sich noch viel weiter verbreiten wird.
LG
Karin