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Re: Erfahrungsberichte und Links zum Thema Schreien lassen

Verfasst: 01.09.2015, 21:24
von lina1
Linguanne hat geschrieben:...Er habe gebrüllt wie am Spieß und getobt. Niemand hätte sich gekümmert. Noch nicht mal die Nachbarn. Habe meine Schwiegermutter gefragt, die das bestätigte. Alle wussten das. Er ist in den 60ern geboren... Da stellt sich doch die Frage, warum das keiner angezeigt hat! [emoji26]
Wo hätte man es denn anzeigen sollen? Das war damals wahrscheinlich nichts ungewöhnliches. Der Geist der 30er und 40er Jahre - Schreien stärkt die Lungen oder so ähnlich. Es war auch normal, seine Kinder zu schlagen als Strafe. Eine andere Zeit - zum Glück!
Meine Oma kann auch nicht verstehen, wieviel wir mit unseren Kindern rumtüddeln und dass wir bei jedem Mucks aufspringen, Kind auf den Arm etc. Selbst meine Mutter hat mir letztes Jahr noch erzählt, dass sie mich hat brüllen lassen und einkaufen gegangen sei, weil sie das Geschrei nicht mehr hätte ertragen können und sie mich ja nicht verwöhnen wollte. Und nein, meine Mutter war keine Rabenmutter, auch wenn es jetzt so klingt. Man wusste auch viel weniger über Bindungsverhalten und Hirnentwicklung. Ich denke, man sollte sich mit Verurteilungen zurück halten, auch wenn man es jetzt besser weiß. Und wer weiß schon, was wir unbewusst (oder weil wir es nicht besser wissen) alles "falsch" gemacht haben, wenn wir in 20 Jahren zurück schauen.

Ich kann mein Kind nicht schreien lassen, es hat mir teilweise in der Seele weh getan, ihm nicht helfen zu können. Und jetzt nach fast 1,5 Jahren denke ich, dass es sich gelohnt hat - entgegen allen möglichen "Tipps" und "Ratschlägen" von der Verwandtschaft - das Kind zu tragen, es nicht alleine zu lassen, immer hin zu gehen, wenn es weint, ihn immer noch bei uns schlafen zu lassen. Wir haben jetzt einen selbstständigen, fröhlichen kleinen Jungen, der so selbstbewusst ist, dass er gern in die Krippe geht, zu den Nachbarn, den großen Hunden, sich auf die Leiter traut usw.

Re: Erfahrungsberichte und Links zum Thema Schreien lassen

Verfasst: 24.09.2015, 09:37
von Feyaria
Ich mag mich hier auch einmal mit meiner Erfahrung mitteilen.

Für mich war immer klar, dass ich den Kleinen nicht schreien lassen würde. Nicht damit gerechnet habe ich, dass ich nach der Geburt auf das Thema wahnsinnig emotional reagieren würde - sobald jemand erzählt, dass er sein Baby schreien gelassen/ geferbert habe, bekomme ich Herzklopfen und ich rege mich so auf, dass ich aufpassen muss, dass ich keine unangemessen harsche Antwort gebe. Solche Begegnungen gehen mir immer lange nach.
Auf der anderen Seite fiel mir auf, dass ich das Schreien und Weinen unseres Kleinen, der wahrlich kein Schreibaby war, aber mit 8/9 Wochen abends seine Schreistunde hatte, häufig kaum ertrug. Ich blieb zwar bei ihm und schuckelte und trug ihn, aber das ging manchmal nur, wenn ich mich emotional davon abkoppelte, also quasi als menschliche Wippe funktionierte (mittlerweile hat sich das Gott seid dank gegeben und ich kann auch psychisch bei ihm bleiben und für ihn da sein, wenn er weint).
Nach und nach habe ich in den letzten Monaten dann für mich zusammengesetzt, dass das an meinen Erfahrungen in meinem ersten Lebensjahr begründet liegt.

Ich bin per Kaiserschnitt und einen Monat zu früh geboren, musste für 3 oder 4 Wochen vorsorglich im Brutkasten im Krankenhaus liegen. Sicherlich habe ich kleiner Wurm da gebrüllt... Das alleine wäre sicher nicht so schlimm gewesen und hätte aufgefangen werden können, aber hinzu kam, dass meine Mutter mich aufgrund einer Wochenbettdepression etwa 3 Wochen kaum sehen wollte und mich (aufgrund dessen vermutlich) auch nicht gestillt hat. Die ersten Wochen meines Lebens müssen ziemlich einsam gewesen sein.

In einem Tagebuch meiner (vor 8 Jahren verstorbenen) Mutter musste ich dann leider, als ich es vor ein paar Monaten entdeckte, erfahren, dass es dann auch zuhause nicht gut weiterging. Sie war der festen Überzeugung, dass es mir nach dem blöden Start ins Leben am besten helfen würde, wenn ich einen festen Tagesablauf (mit festen Schlafzeiten etc.) hätte. In der Konsequenz steckte sie mich immer zur gleichen Zeit zum Tag- und Nachtschlaf ins Bett - und, ich muss es wahrscheinlich nicht erwähnen in diesem Thread, aber ich brüllte mich in den Schlaf, nachdem ich manchmal bis zu einer Stunde allein im Bettchen gespielt hatte. Sie dokumentierte manchmal verzweifelt, dass ich manchmal bis zu einer Stunde brüllte (und fragte sich, was ich wohl haben könnte, wenn das "Wehgetöse" oder "Protestgetöse" mal wieder besonders lange dauerte.... :( . Leider kann ich sie nicht mehr fragen, warum sie meinte, das durchhalten zu müssen und wie sie auf die aus meiner Sicht wahnwitzige Idee kam, dass mir das helfen würde. :cry:
Hinzu kommt, dass ich offenbar zu den Kindern gehörte, die nicht einfach schnell aufgeben. Ich weinte auch mit 9 und 10 Monaten noch regelmäßig vorm Einschlafen.
Nachdem ich mich durch das Büchlein gekämpft hatte, bestätigte mir mein Vater die ganze Sache auf meine Nachfrage. Er schilderte, dass er sich erinnere, dass meine Mutter, wenn er abends von der Arbeit kam, auf dem Balkon saß, damit sie mich nicht hören musste. Wenn er dann zu mir reinging, stand ich mit hochrotem Kopf an den Gitterstäben meines Bettchens und weinte. Er nahm mich hoch und begrüßte mich, meine Mutter setzte aber durch, dass ich dann wieder ins Bett musste (weil, wie gesagt, das müsse so...). Mein Vater bedauert, dass er sich nicht durchgesetzt hat, was das angeht und ist der (ich denke zutreffenden Meinung), dass ich ein unsicher gebundenes Kind war.

In der Konsequenz ist mir auch einiges andere klar geworden. Ich glaube, dass diese Umstände in der Gesamtschau (meinen Charakter hinzugenommen), dazu geführt haben, dass ich das liebe, brave, angepasste Mädchen geworden bin, dass ich dann war. Ich habe sehr früh gelernt, wie ich mich verhalten muss, damit meine Mutter sich um mich kümmert und bei mir bleibt, und dass Wut oder Trauer nicht dazu führten.

Also, ein ganz klares Votum gegen Ferbern!

Re: Erfahrungsberichte und Links zum Thema Schreien lassen

Verfasst: 24.09.2015, 10:08
von nido56
Ich denke auch, wir duerfen unseren Eltern da keine grossen Vorwuerfe machen. Man hatte ihnen eben eingeblaeut, dass sie uns massiv schaden wuerden, wenn sie den "Erpressungsversuchen der kleinen Tyrannen" nachgeben wuerden. Extremfaelle mal ausgenommen, wollten unsere Eltern auch nur das beste fuer uns.

Von meiner Mutter weiss ich, dass sich vieles fuer sie auch schon nicht richtig angefuehlt hat, aber sie selbst war noch zu 100% im Geiste des Nazionalsozialismus erzogen worden, und es fehlte ihr der Mut und das Selbstbewusstsein, Dinge zu hinterfragen. Was Aerzte, Hebammen und die Muetterberatung ihr "befohlen" hatten, war Gesetz. Sie waere nie auf die Idee gekommen, zu denken, dass diese Experten sich irren koennten. Niemals!

Ein paar winzig kleine Regelverletzungen hat sie begangen, aber heimlich und mit schlechtem Gewissen. So hat sie sich z.B. nachmittags, wenn ich meine typische Quengelstunde hatte, mit mir auf dem Bauch in einen Schaukelsessel gesetzt, wo ich sofort ruhig und zufrieden war. Dafuer hat sie sich aber geschaemt, weil man das ja nicht durfte. Sie haette mich ja eigentlich schreiend im Bettchen liegen lassen sollen.

Auf jeden Fall bin ich ihr dankbar, dass sie mich trotz ihrer eigenen Geschichte zu einer selbstbewussten Person erzogen hat, die Autoritaeten grundsaetzlich nie nur aufgrund ihrer Stellung oder ihres Titels akzeptiert und sich traut, Dinge zu hinterfragen und ihren eigenen Weg zu suchen.

Re: Erfahrungsberichte und Links zum Thema Schreien lassen

Verfasst: 26.04.2016, 21:13
von Pirouge
Ich habe einen Artikel gefunden, der sich vielleicht ganz gut eignet, Leuten wertfrei zu schicken, die ihre Kinder schreiben lassen. Er ist aus der Huffington Post :oops: , aber fasst das ganz gut zusammen. Schon das Bild macht mich ganz nervös.

Re: Erfahrungsberichte und Links zum Thema Schreien lassen

Verfasst: 26.04.2016, 21:14
von Pirouge
"Schreiben lassen" ist natürlich auch schlimm ;). Aber das ist ein anderes Thema...

Re: Erfahrungsberichte und Links zum Thema Schreien lassen

Verfasst: 26.04.2016, 21:14
von Pirouge
Oje, ich bin müde, schade, dass man nicht editieren kann...
Hier ist der Link: http://www.huffingtonpost.de/2016/03/15 ... 70566.html

Re: Erfahrungsberichte und Links zum Thema Schreien lassen

Verfasst: 27.04.2016, 08:40
von Lösche Benutzer 22277
Interessant finde ich, dass meine Schwiegermutter, Jahrgang 1950, entschieden gegen Schreienlassen ist und damals als junge Mutter deswegen Streit mit ihrer eigenen Mutter und SchwieMu hatte - das war im Jahr 1982. Sie hat uns auch empfohlen, uns ein Babybay zuzulegen, damit das Kind nachts ganz nah bei uns sein kann.

Nachdem hier so viele davon erzählen, dass ihre Eltern noch davon überzeugt waren, man müsse Kinder schreien lassen und am besten im eigenen Zimmer schlafen lassen, finde ich es besonderes positiv, dass die Mutter meines Mannes da anders tickt.

Ich meine auch, dass man es meinem Mann anmerkt, dass er sehr liebevoll erzogen wurde, er hat bis heute eine überaus vertrauensvolle Bindung zu seinen Eltern und ist ein sehr empathischer Mensch. Klar möchte ich das nicht nur daran festmachen, dass er als Baby soundso behandelt wurde, aber es könnte ein Faktor sein.

Re: Erfahrungsberichte und Links zum Thema Schreien lassen

Verfasst: 27.04.2016, 10:16
von EhMibima
Und da heißt es immer "man hat das so gemacht" und "das haben doch alle so gemacht"....aber es muss auch immer mal Revoluzzer geben die gegen den Strom schwimmen. :D
Toll, deine Schwiegermama!

Re: Erfahrungsberichte und Links zum Thema Schreien lassen

Verfasst: 27.04.2016, 10:40
von Altraia
Meine Mutter ist gleicher Jahrgang und hat mich nie schreien lassen.

Re: Erfahrungsberichte und Links zum Thema Schreien lassen

Verfasst: 27.04.2016, 10:59
von miss_undercover
Ich bin Jahrgang 1983 und wurde auch nie schreien gelassen. Für meine Eltern waren das Nazi-Methoden, sie abzulehnen war Teil der ganzen 'Nie wieder!'-Philosophie. Ich wundere mich immer, wenn ich höre oder lese, dass so viele Eltern damals noch relativ unreflektiert die Erziehungstipps ihrer eigenen Eltern befolgt haben.