Hallo,
also nachdem ich jetzt nach und nach so ziemlich alles hier gelesen habe, komme ich mal wieder zum Schluß, dass es einfach nicht möglich ist: Man kann nicht "allgemein" über "die Geburt" sprechen. Geburt ist so etwas intimes, privates, höchst individuelles, dass kaum jemand sich wirklich in eine andere Person hineinversetzen kann, ohne ihr Unrecht zu tun. Man kann gut über sich selbst und sein eigenes Empfinden sprechen - aber es wird irgendwie nie richtig treffend, wenn man versucht, das ganze zu Verallgemeinern oder Empfehlungen für den besten Weg abzugeben... Es ist ein bißchen wie beim Sex - ich würde mir auch nicht anmaßen, diesbezüglich zu urteilen, was "für Frauen im allgemeinen" am allerschönsten, befriedigendsten, aufregendsten ist - einfach weil ich weiß, dass jeder ganz unterschiedliche Prägungen, Empfindungen, Ängste hat. Man kann ja auch niemanden "überreden", was er gut oder schlimm finden soll - somit kann ich mit überzeugenden Argumenten alleine auch niemandem eine bestimmte Geburtsform schmackhaft machen.
Sandküste hat geschrieben:
"Sind denn wirklich diejenigen, die zu Hause bleiben/ins Geburtshaus gehen/mit Geburtsplan/Beleghebammen im Krankenhaus auftauchen, diejenigen die nicht selbstbestimmt gebären oder sind es die anderen, die sich der Routine des Krankenhauses ergeben?"
ich finde, gerade eine selbstbestimmte Geburt ist ein Zeichen von Zivilation. Ich finde die scheinbar tollen Errungenschaften der Medizin oftmal sehr unmenschlich - und das hat Auswirkungen auf das gesamte Menschsein. Denn es ist eben nicht egal, wie und wo Frauen gebären und Kinder geboren werden.
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...und selbstbestimmt heißt eben für mich: Jede Frau darf selbst bestimmen, ob sie nun einen WunschKS will, ob sie sich nur zuhause auf der Couch oder mit PDA-Möglichkeit, Kinderstation und OP in der Nähe wirklich gut fallen lassen kann, ob sie lieber möglichst wenig Schmerzen haben möchte oder ob sie es wichtig findet, alles ganz genau zu fühlen.
Was die Frage angeht, wieso Frauen, die einen KS hatten, sich oft herabgesetzt fühlen, von "stolzen Ohne-Hilfe-Gebärerinnen"

- ich denke, dieses Posting erklärt es fast von selbst:
uvd hat geschrieben:
ich kann nicht mehr umhin, frauen zu bedauern, die das so nicht erleben können oder wollen. mir drängt sich nur ein einziger vergleich auf: wer vergewaltigt wurde, der kann man die schönheit der sexualität und des orgasmus nicht erkennen.
kaiserschnitt verhält sich zu natürlicher geburt wie künstliche befruchtung zu erfülltem sexleben.
klar kann man auch so kinder zeugen und zur welt bringen. aber ich bedaure all jene, die nicht wissen, was ein orgasmus ist. ich bedaure all jene, die keine erfüllte sexualität leben können und ich bedaure all jene, die geburt nicht so erleben können, wie sie natürlich und ungestört abläuft: urgewaltig, weiblich, kraftvoll, stärkend, wundervoll, unbeschreiblich, wahnsinnig, anstrengend, atemraubend, gigantisch.
ich weiß, daß jede geburt so sein sollte und alles, was davon abweicht, finde ich mittlerweile traurig und bedauernswert, schade. beraubt um eine essentielle erfahrung, die man in ihrer gänze erst beurteilen kann, wenn man sie gemacht hat.
und nein, eine gut verheilende operation, deren wundschmerzen man mit schmermitteln gut in den griff bekommen kann, ist damit nicht im entferntesten zu vergleichen, auch wenn dabei ebenfalls ein kind zur welt kommt.
Ich hatte 2 KS, ich hätte gerne selbst geboren und ich war auch sicher, dass ich das kann. Ich konnte nicht.
Als ich dieses Posting gelesen habe, hat es mich schon etwas getroffen: Wer "bedauert" wird, bemitleidet wird, der ist einfach NICHT auf selber Stufe. Der hat es eben nicht so toll gepackt. Wer will gerne bemitleidet werden? Es ist kein besonders tolles Gefühl. Wenn man liest, dass "eine Geburt genau SO SEIN MUSS", dann bekommt man das Gefühl, dass das eigene Geburtserlebnis eben nur eine zweite Wahl war, irgendwas hat man falsch gemacht oder aus irgendeinem Grund durfte man nur den Ausschuss haben, nicht das Premiumerlebnis. Das kann einen schon kränken, finde ich.
Ich habe eigentlich nichts gegen Stolz - für mich gehört das auch zu einem gesunden Selbstbewußtsein dazu, dass man stolz darauf ist, wenn man etwas anstrengendes, schweres, mühsames gemeistert hat. Ich glaube auch, dass es geht: Stolz sein, ohne andere herabzusetzen. Denn jeder andere darf auf SEINE Leistungen ja ebenso stolz sein, Stolz hat für mich nichts mit Vergleichen zu tun ("besser" sein), sondern nur mit dem Gefühl, mit sich zufrieden zu sein. Und das geht auch bei einer Geburt. Ich bin zumindest auf mein zweites Geburtserlebnis ebenfalls in diesem Sinne stolz, obwohl es ein NotKS war - weil ich eben eine sehr schwierige Situation gut durchgestanden habe. Und weil ich das Gefühl habe, dass ich nichts falsch gemacht habe, dass ich nicht schuld war, das es nicht geklappt hat (beim ersten KS bin ich mir nicht sicher...). Und ich bin auch froh, dass ich mich entschieden habe, so schnell in ein KKH zu fahren, so dass eben alles gut ausgegangen ist.
Ich gestehe jedem gerne seinen Stolz über geleistete Gebärarbeit zu - nur dann eigentlich nicht mehr, wenn derjenige stolz verkündet "dieses absolute Geburtserlebnis sei das Ergebnis ihrer eigenen Leistung" (dh nämlich, andere sind einfach zu blöd und zu schwach um es auch so toll hinzukriegen...).
LG Muli