Ich werde den Film morgen sehen. Das wird für mich besonders werden, denn mit meinem Großen war ich vor vielen Jahren selbst dort in der Klinik für drei Wochen. Ich kenne viele Protagonisten des Films und alle Räumlichkeiten. Mich triggert das sehr, und ich habe jetzt 9 jahre lang quasi alles verdrängt.
Mein Sohn hatte starke Neurodermitis. Wir haben fast alles versucht, fast alles außer Koritson, unsere Kinderärztin wollte das unbedingt vermeiden. Und weil sie gehört hatte, dass dort ND ohne Medikamente behandelt wird, hat sie uns dort hingeschickt.
Zum Glück hat mein Sohn zu dem Zeitpunkt sowohl gut gegessen als auch geschlafen, wir mussten also kein Schlaf- oder Esstraining mitmachen. Er wurde "nur" wegen seiner ND behandelt. Wie viele Kinder wurde er nach zwei Tagen dort krank, obstruktive Bronchitis, war verkabelt und bekam teilweise Sauerstoff. Das kannten wir schon. Laut Klinik soltle das relativ normal sein, dass die Kinder sich durch die Krankheit dem Programm dort entziehen. Ich musste ihn krank schlafend alleine im Zimmer lassen, um an den Semianren teilzunehmen. Auch wenn er wach war musste ich ihn teilweise in seinem hohen Gitterbett alleine lassen. Das hat ihn nie wirklich gestört, er hatte dann Spielzeug im Bett. Ich war im Raum gegenüber und bin, obwohl ich nicht sollte, zwischendurch gucken gegangen.
Als er wieder gesund war, musste er auch in die Mäuseburg, also die Kinderbetreuung ohne Eingewöhnung. Da er schon immer ein sehr kontaktfreudiges Kind war, hat ihn auch das nicht gestört. Er war gerade zwei geworden, konnte aber schon fließend sprechen und hat sich immer fröhlich von mir verabschiedet. Er wusste ja, dass ich wieder komme.
Die Kinder werden auf der Annahme behandelt, dass ND, Heuschnupfen und Asthma Erkrankungen sind, die durch Stress (auch positiver) ausgelöst werden. Darum wurden die Kinder künstlichem Stress ausgesetzt ( wie eben die Kinderbetreuung ohne Eingewöhnung), um eine Welle von An- und Entspannung zu erzeugen. Andere Stressfaktoren wie viel Besuch von außen oder auch zucker- und stärkehaltige Lebensmittel wurden stark reduziert. Das Kratzen, das wir als Eltern immer versucht haben zu unterbinden, weil wir dachten, es schade ihm und der Haut, mussten wir zulassen lernen, vielmehr noch es ignorieren. Es war vorher wie ein Teufelskreis. Teilweise wurden wir vom Kindergarten angerufen, wir mussten unser Kind abholen, es ist alles blutig gekratzt. Nun durfte er kratzen, bekam einen festen Ort im Zimmer oder wir haben uns weggedreht, um auch uns nicht weiter zu stressen. Wir hatten ja erlebt, egal was wir gemacht haben, er hat trotzdem gekratzt. Das kennen wir ja z.B. auch von Mückestichen. Man weiß genau, man soll nicht kratzen, aber selbst als Erwachsene pulen wir die Dinger wieder auf. Kratzen zu unterbinden sei wie Folter, sagten sie uns dort, und das konnten wir nachemfinden. So war es für uns irgendwann erträglicher, das Kratzen zu ignorieren. Sonst gab es keine Behandlung, es sei denn, die offenen Wunden entzündeten sich. Die Asthmapatienten bekamen dagegen sehr wohl Medikamente: Asthma und Luftnot können lebensgefährlich sein, darum muss man hier anders handeln als bei der ND.
Für die Eltern gab es außerdem Entspannungsübungen (Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung täglich), mehrfach die Woche Sport, freie Abende zum weggehen. Wir sollten lernen, auch auf uns zu gucken, uns zu entspannen.
Wie überall, wo Menschen arbeiten, gibt es solche und solche Charaktere. Mit einigen Ärzten, Psychologen oder Schwestern konnte ich nicht gut umgehen, andere fand ich toll, weil sie individuell auf uns eingingen. Die für mich wichtigsten Menschen von damals arbeiten leider beide nicht mehr dort.
Wir waren schon immer eher konsequent, und als eine der wenigen wurden wir eher dazu angehalten, entspannter mit unserem Kind zu sein. Ich selbst war ziemlich betroffen, dass dort Kinder mit 5 Jahren Nudeln quer durch den Raum werfen und die Mutter danaben steht und nichts macht. Viele Eltern dort wirkten überfordert mit ihren Kindern. Aber es sind eben auch ganz unterschiedliche Kinder dort. Kinder, die so unterernährt sind, dass sie mit einer Sonde ernährt werden. Eine Mutter kam in der Nacht aus der Nachbarschaft, völlig verstört, sie war so am Ende, dass sie erst unterwegs überlegt hat, ob sie ihr permanent schreiendes Kind in die Babyklappe bringt oder ob sie hier in die Klinik kommt. Das Schlaftrainig betraf damals hauptsächlich Kinder, die schon im Vorschulalter waren und nachts stündlich wach wurden.
Nach den drei Wochen hatten wir einiges gelernt und mitgenommen, aber ich war froh, dass meinem Sohn keine Gewalt angetan wurde, aus meiner Sicht. Beim Abschlussgespräch sagte mir der Arzt, sie hätten ihn nicht richtig aus der Reserve locken können und schlugen vor, ihn noch weitere Wochen alleine (!!) dort zu behalten, um sein Stresslevel zu erhöhen. Da war ich an dem Punkt angelangt, wo ich so klar und deutlich wie noch nie gesagt habe, dass hier für mich eine Grenze ist, die ich nicht überschreite, dass ich ihn um nichts in der Welt alleine dort lasse. Alle anderen Punkte waren für mich manchmal gewöhnungsbedrüftig, aber irgendwie akzeptabel, bei diesem Vorschlag stellten sich mir aber alle Nackenhaare auf, das ging mir entschieden zu weit.
Ich bin, würde ich sagen, eigentlich ein recht instinktiver Mensch. Ich hatte nie geplant, so lange zu stillen, im Familienbett zu schlafen, so viel zu tragen. Vieles kam instinktiv nach der Geburt und fühlte sich dann richtig an, auch wenn ich es anders geplant hatte. Darum bin ich sicher, dass ich den Aufenthalt abgebrochen hätte, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass mein Kind dort gebrochen wird. Manches war schlimm, aber kein Horror. Die Grenze war wie gesagt da, als ich ihn alleine lassen sollte. Und das habe ich zum Glück nicht getan.
Darum denke ich, dass nicht alles schlecht ist dort, dass vielen Familien geholfen werden kann. Aber eben auch nicht pauschal allen und allen mit dieser Methode.
In drei Wochen Aufenthalt dort lernt man viele Familien kennen, erlebt viel gemeinsam, stützt sich gegenseitig, wird zu Leidensgenossen.
Ach so, und zu dem Punkt, warum in dem Film kaum Väter auftauchen: Das Kind wird mit der Hauptbezugsperson dort aufgenommen, also meistens der Mutter. Die Leute kommen aus ganz Deutschland, die Väter sind meistens also nur am WE mal zu Besuch dort.
Die Zeit in Gelsenkirchen war unglaublich prägend. Wir haben einiges mitgenommen, umgesetzt, was uns gut tat, aber dies alles reflektiert getan. Die ND wurde danach wie prognostiziert schlimmer, nach einem guten Jahr war es dann deutlich besser (wobei wir nicht sicher sind, warum es irgendwann beser wurde, das muss nicht mit dem Klinikaufenthalt zusammen hängen). Die Ernährung haben wir auch für über ein Jahr komplett und extrem streng umgestellt.
Ich bin sehr froh, dass wir diese Phase überstanden haben. Ich weiß nicht, ob ich nochmal hingehen würde. Aber alle Eltern, die dort sind, sind verzweifelt. Das ist keine Krabbelgruppe, keine Kur, das ist ein unglaublich anstrengender Klinikaufenthalt, bei dem alle viel leisten und mitmachen und ertragen müssen. Für die meisten Eltern, die dort sind, ist das der letzte Anker, die wissen einfach nicht mehr weiter, deren Leben ist kaputt. Einige Ansätze sind gut, andere gefallen mir nicht so sehr.
Ich würde mir wünschen, dass sie dort teilweise noch etwas differenzierter auf jedes Kind gucken.
Morgen werde ich den Film sehen. Ich habe etwas Angst. Die Zeit war einfach sehr schwer, nicht nur der Aufenthalt dort, sondern die beiden Jahre davor und danach auch. Wir haben über zwei Jahre lang gelitten, alle miteinander. Zwei Jahre lang sehr eingeschränkte Ernährung, kein Baden und Schwimmen, Stress vermieden wo möglich, uns aufgerieben. Ich hänge mal Fotos an, die in diesen beiden Jahren entstanden sind. Ich teile nur Links. Achtung, das sind keine schönen Bilder, da sieht man Blut. Zwei Jahre lang war das quasi unser Lebensmittelpunkt, mussten er und wir das irgendwie ertragen, durchstehen. Jeden Tag aufs Neue, es war absolut scheiße.
Jetzt haben wir es überstanden. Es ist nur noch wenig präsent, aber wenn wir uns erinnern, kommt das Grauen wieder. Und zwar nicht wegen der Zeit in der Klinik, sondern überhaupt, wegen der ganzen schlimmen Krankheit, die nicht lebensbedrohlich ist, aber unglaublich viel Kraft kostet. Unser zweites Kind hatte es auch, aber längst nicht so schlimm. Kind 3 und 4 bisher nicht, warum auch immer. Und wir sind unglaublich dankbar, für alles.
Edit: Es geht mir nicht darum, irgendwen zu verteildigen. Wie gesagt, die Leute, die für mich dort individuell gearbeitet haben, sind nicht mehr da. Ich habe lange alles verdrängt und weiß nun selbst nicht, was ich davon halten soll.
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