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Re: Zwei- bzw. mehrsprachige Erziehung
Verfasst: 13.08.2015, 13:16
von Pupu
autriche hat geschrieben:Naja, seine Eltern konnten ja nichts dran ändern, dass sie kein Deutsch können. Wie hätten sie es anders machen sollen? Die jeweiligen Muttersprachen der Eltern haben mein Mann und sein Bruder ja auch nicht gelernt, obwohl die Mutter heute noch wenig und sehr schlecht Deutsch spricht und immer mal wieder Wörter und Sätze in ihrer eigenen Sprache dazwischenwirft. Auch hat sie kaum Kontakt zu Deutschen, sondern umgibt sich nur mit Landsleuten.
Mein Mann ärgert sich immer, wenn er gefragt wird, warum er die Muttersprache seiner Mutter nicht kann. Er ist der Auffassung, das sei NICHT selbstverständlich, sondern klappt nur ausnahmsweise. Ist ein sehr emotionales Thema bei ihm. Wenigstens sieht er sein Englisch als Projekt, das jederzeit auslaufen kann.
Wenn ich ein überzeugendes alternatives Konzept hätte, würde ich mich dafür stark machen.
Wie gesagt, ich habe seinen Durchhaltewillen unterschätzt und habe nun den Salat. Irgendwie finde ich, dass gleich hätte nein sagen müssen und dass es mit jedem weiteren Monat schwerer (und ihm gegenüber unfairer) wird, um den Abbruch des Projekts zu bitten.
Hmh, also die Mutter hat in ihrer Sprache mit ihm gesprochen, der Vater in gebrochenem Deutsch, und er hat beides nicht gelernt? Das finde ich kurios. Wenn man von Geburt an mit einem Kind in einer Sprache redet, lernt es die doch? Das wundert mich irgendwie.
Der Kinderarzt war sicherlich mit Zweisprachigkeit unerfahren und wusste sich nicht anders zu helfen, als zu sagen, es wäre besser, sich auf eine Sprache festzulegen. Dass die Eltern den Rat des Arztes befolgt haben ist dann tatsächlich nicht ihre Schuld, das kann ich nachvollziehen. Wahrscheinlich war er einfach generell ein Spätzünder beim Sprechen und das würde dann auf die Zweisprachigkeit gemünzt. So viel wird da ja mit Logopädie und co noch nicht gewesen sein, wie da heutzutage gemacht wird...
Das ist tatsächlich ganz arg kniffelig, da dein Mann zu Sprache ein ganz anderes Verhältnis hat. Ein Umzug in ein englischsprachiges Land ist, vermute ich, keine Option? Dann würde ich stattdessen versuchen, mit englischsprachigen Kindern in Kontakt zu kommen. Mit solchen, die hauptsächlich englisch sprechen, englisch als Muttersprache. Und dann schauen, wie es sich entwickelt.
Ich bin im Übrigen der Meinung, dass das mit der Mehrsprachigen Erziehung bei den meisten ganz hervorragend klappt, dass die Kinder da aus mehreren Sprachen was mitnehmen, aber in mindestens einer Sprache doch recht sattelfest sind. Hat er denn noch andere Gegenbeispiele als sich selbst? Aber vor allem: hat er denn POSITIVE Beispiele im Bekanntenkreis? Solche, wo OPOL von Muttersprachlern praktiziert wird und es GUT klappt? Vielleicht merkt er dann den Unterschied?
Ein Bisschen seltsam finde ich es übrigens, dass er einerseits der Meinung ist, Zweisprachigkeit würde nur zufällig manchmal klappen, er andererseits aber konsequent versucht, eure Tochter zweisprachig zu erziehen. Macht er sie damit nicht irgendwie zu einem Versuchskaninchen? Seiner Auffassung nach wäre das dann ja mit gewisser Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt, und er setzt sie dem Risiko aus, dass es ihr so ergeht wie ihm auch - und dennoch setzt er es durch. So richtig nachvollziehbar finde ich seine Motivation dahinter irgendwie noch nicht.
Re: Zwei- bzw. mehrsprachige Erziehung
Verfasst: 13.08.2015, 14:30
von Lösche Benutzer 20986
Bei uns ist einiges anders als in seinem Elternhaus: Nur zwei Sprachen, die Familiensprache ist auch Umgebungssprache und wird von beiden Eltern beherrscht. Die damalige Einschätzung der Grundschullehrerin ist nicht mehr aktuell, mein Mann spricht inzwischen auf Muttersprachniveau. Er sagt oft halb im Scherz, dass er erst durch Jurastudium richtig Deutsch gelernt hat. Sobald er im Elternhaus ist, fällt er aber in den dortigen Slang zurück, spricht in Ellipsen, nutzt die falschen Artikel, dekliniert falsch oder gar nicht... Das ist ihm aber bewusst und er siehts mit Humor. Ich vermute auch, dass er einfach ein "Late Talker" war und dass es mit der Zweisprachigkeit zu Hause wenig zu tun hatte. Beispiele mit erfolgreicher Zweisprachigkeit gibts bei uns in der Umgebung nicht, wenn dann Gelegenheitssprecher, aber kein konsequentes OPOL.
Das mit dem Versuchskaninchen kann man so sehen, in unserem Fall ist aber sichergestellt, dass unsere Kinder ordentlich deutsch lernen, da wir es beherrschen, untereinander ja auch gutes Deutsch sprechen, in Gruppen und Kursen unterwegs sind, usw. Vielleicht ergibt sich für unsere Kinder ein kleiner Vorsprung im Englischen, vielleicht aber auch nicht.
Unsere Tochter spricht nur Deutsch, sagt einzelne Begriffe, die oft vorkommen, auch auf Englisch, aber nur wenn mein Mann da ist (und neuerdings arbeitet er unter der Woche in einer anderen Stadt). Vielleicht wird das Projekt auch enden, wenn er sieht, dass sie einfach kein Englisch spricht oder wenn er Dinge mit ihre besprechen möchte, die er besser auf Deutsch ausdrücken kann. Ich sehe momentan nicht, dass unsere Tochter Schaden nimmt, also lass ichs laufen und versuche, mich (emotional) nicht zu sehr dran zu stören.
Re: Zwei- bzw. mehrsprachige Erziehung
Verfasst: 13.08.2015, 16:40
von Teelicht
romina hat geschrieben:Teelicht hat geschrieben:
Ich bin mit anderen Worten selbst zweisprachig aufgewachsen und spreche jetzt beide Sprachen mit Akzent

.
Und kannst du sagen woran das lag?
Als Kind konnte ich kein R aussprechen und bin deswegen zum Logopäden gegangen. Da habe ich aber nur das deutsche R gelernt und kein rollendes schwedisches R. Deswegen habe ich jetzt in Schweden einen deutschen Akzent. Deutsch spreche ich jetzt, nach 15 Jahren in Schweden, wie die Ikeareklame. Natürlich gibt es auch einsprachige Personen, die in ihrer Muttersprache einen Akzent haben, nachdem sie mehrere Jahre in einem anderen Land gewohnt haben. Aber ich glaube, bei mir ging es schneller und stärker, weil ich meine Mutter so reden hörte. Ich neige auch dazu alle ihre anderen Fehler zu kopieren, obwohl ich weiß, dass es falsch ist.
Re: Zwei- bzw. mehrsprachige Erziehung
Verfasst: 13.08.2015, 17:08
von tania
@autriche: nach deiner langen darstellung eurer situation finde ich es so ehrlich gesagt voellig in ordnung. ich wuerde schauen, dass filme und musik auf englisch da sind, damit auch "anderes" englisch gehoert wird, mir aber ansonsten weiter keine sorgen machen. bei so einem emotionsgeladenen thema wuerde ich nur gegen meinen mann argumentieren, wenn ich echten schaden vom kind abwenden moechte. das sehe ich hier nicht.
Re: Zwei- bzw. mehrsprachige Erziehung
Verfasst: 13.08.2015, 18:29
von amantedealmeria
Das mit dem R ist ja witzig. Das ist bei meinem Mann z.B. einer der Gründe, warum er im Russischen einen scheinbar deutschen Akzent hat und im Deutschen akzentfrei spricht. Ihm hat sein Sprachfehler (war in Russland auch beim Logopäden) hier bei der Integration geholfen, weil man ihm keinen Akzent anhört. Fehler macht er trotzdem noch, aber die machen Muttersprachler ja bekanntlich auch. Muttersprachlich heißt ja auch nicht fehlerfrei. Wobei mich ja mal interessieren würde, wie viele Deutsch-Muttersprachler die Deutschtests für Uni u.ä. bestehen würden

Re: Zwei- bzw. mehrsprachige Erziehung
Verfasst: 13.08.2015, 18:39
von miss_undercover
Ich habe das früher auch recht 'streng' gesehen: entwender man ist Muttersprachler, oder man lässt es mit der Zweisprachigkeit. Mittlerweile kenne ich schon zwei Familien außer unserer, in der beide Eltern deutsche Muttersprachler sind, und trotzdem deutsch und englisch mit ihren Kindern sprechen. Gemeinsamkeit ist, dass wir alle
- mal mit den Kindern im englischsprachigen Ausland gelebt haben
- auf annähernd muttersprachlichem Niveau englisch sprechen
- englisch mittlerweile auch als eine Art Herzenssprache empfinden.
Unsere Kinder haben also nicht von uns Englisch gelernt, halten es aber mit uns wach und am Leben. Und ich hab da keine Sorge, irgendwas zu versauen, wenn ich mal einen Fehler im Englischen mache. Dafür gibt es zu viele andere Quellen, Englisch zu hören und zu lesen. Das gleicht sich aus.
Bei Euch, autriche, ist die Situation etwas anders, aber was die Fremdsprache als Herzenssprache angeht, kann ich nur sagen: das kann es schon geben, auch wenn das Sprachniveau nicht muttersprachlich perfekt ist. Und ich denke wie tania, dass ich da absolut keine 'Gefahr' für die Sprachentwicklung Eurer Tochter sehe, so, wie Dein Mann es macht.
Re: Zwei- bzw. mehrsprachige Erziehung
Verfasst: 13.08.2015, 19:01
von Lösche Benutzer 7240
amantedealmeria hat geschrieben:Wobei mich ja mal interessieren würde, wie viele Deutsch-Muttersprachler die Deutschtests für Uni u.ä. bestehen würden

Eine Freundin an der Uni, Amerikanerin, hat mit Müh und Not diesen obligatorischen standardisierten Englischtest bestanden, so ein Multiple Choice-Ding, haarscharf durchgekommen. Sie war völlig verwirrt ob der seltsamen Fragen
Meine Deutschprüfung an der Uni (Ausland; Anfänger-Niveau

) hab ich immerhin mit 19 von 20 Punkten bestanden, aber auch da sass ich oft da, was wollen die von mir??? Als mein Mann dann im Deutschkurs Mittelstufe angekommen war, konnte ich ihm bei den Hausaufgaben nicht mehr helfen - stellt sich raus, die korrekte Verwendung von umso und desto ist recht kniffelig und die Erklärung habe ich nicht verstanden

Re: Zwei- bzw. mehrsprachige Erziehung
Verfasst: 13.08.2015, 19:02
von Teazer
@autriche: Meine Kinder spielen übrigens wahnsinnig gerne auf der CBeeBies-Homepage. Da lernen sie spielend auch die Interaktion, denn die Anweisungen müssen sie ja verstehen um korrekt zu reagieren. Da ich hier keine Möglichkeit habe zu englischsprachigen Spielgruppen o.ä. zu gehen, ist das neben unseren Dialogen eine Option jenseits des reinen Konsums. Wenn das "Experiment" also weiter laufen sollte, wäre das evtl. eine gute Ergänzung.
Re: Zwei- bzw. mehrsprachige Erziehung
Verfasst: 24.08.2015, 14:06
von amantedealmeria
Mal ne Frage an die Russisch-Sprachler: Was für ein "Bild" ruft "Baba" für die Oma bei euch hervor? Tatsächlich die klassische Babushka aus dem Märchen, oder ist das eigentlich die ganz normale Bezeichnung für die Oma? Wir ärgern uns grad mit meiner Schwiegermutter rum, dass sie keine alte, russische Oma ist und deshalb die Bezeichnung doof ist. Ich habe keine Ahnung, gehe aber fast davon aus, das das aktuelle Bild einer Baba halt nicht mehr das ist, was es vor 20 Jahren war, weil sich einfach auch die russische Oma sicherlich ein wenig geändert hat in der Zeit. Auch in Russland ist die Zeit ja nicht stehen geblieben.
Erleuchtet mich mal bitte

Re: Zwei- bzw. mehrsprachige Erziehung
Verfasst: 24.08.2015, 15:08
von Teelicht
Ganz ohne Russischkenntnisse, wie will sie denn genannt werden? Ich habe es allen Verwandten überlassen es selbst zu entscheiden, auch wenn es mir selber nicht so sehr gefällt. (Meine Französischsprachigen Schwiegereltern sind Mamy und Papy, was mir zu sehr nach Mama und Papa klingt, und ja, manchmal rutscht denen auch Maman und Papa raus, aber was solls, den Kindern ist schließlich klar, wen sie vor sich haben)