Off Topic
chennai hat geschrieben:
Ich frage, weil mir Japan jetzt nicht so als Mekka bedarfsgerechter Kinderaufzucht geläufig ist, aber das mag ja durchaus ein Vorurteil sein, das ich dann gerne korrigieren würde.
Was ist schon das Mekka bedarfsgerechter Kinderaufzucht

Ich haette da jetzt die Philippinen, Burma, was weiss ich, aber weder Deutschland noch Japan vorgeschlagen.
Ich denke, was BEDARF und BINDUNGSORIENTIERT angeht, besteht ja momentan eine Ueberhoehung in der ganzen alternativen Erziehungsbewegung. Wie Juul sagt, frueher hiess es zu oft Nein, heute zu oft ja. Die Eltern heute leisten Pionierarbeit, definieren Werte neu, suchen eine neue Mitte. Ich denke da hat sich vieles noch nicht eingepegelt und wer weiss, ob sich nicht alles weg von einem fuer allen verbindlichen Standard entwickelt zu einem jeder-wie-er-will. Und daraus entwickelt sich eben diese Zwanghaftigkeit, alles wird ganz genau ueberlegt, durchdacht, abgewaegt (denk mal an die Zucker / Cola / TV Threads hier im Sut

). Mir ging es da mit BLW ja nicht anders - ich habe mich ganz BEWUSST gegen Ersatzmahlzeiten, Karottenbrei und wochenweiser Einfuehrung von Nahrungsmitteln entschieden, auch gegen Babykekse und Reiswaffeln. Und ebenso BEWUSST tun das sicher auch Muetter, die klassisch mit Moehrenbrei einfangen, zweite Woche Pastinake usw. obwohl ich denke da gibts auch viele uninformierte, die einfach ihre ELtern fragen und 1:1 uebernehmen. Auch, um an der eigenen Kindheit nicht zu drehen "es hat uns auch nicht geschadet = ich will, dass meine Kindheit gut und richtig war und ich keinen Grund habe meinen Eltern zu grollen". Wie Sandkueste andeutete, es ist kompliziert, es ist in unserer Gesellschaft verankert. Einer Freundin habe ich ein BLW Buch geschenkt, da konnte sie trotzdem nicht aus ihrer Haut und hat ganz brav nach GU gekocht, als erstes natuerlich Karottenbrei, ohne Beikostreife, der Tag der vollendeten vier Monate im Kalender umrahmt.
Ich denke in Japan gibt es diesen Ruck nicht, weil es eben auch keine Haarer und keine Schreienlassenprogramme, Fuetterungsplaene, Ersatzmahlzeiten etc. in der Vergangenheit gab und wieder abgeschafft werden muessen. Hier wird gestillt, weil Brueste nunmal dazu da sind, Familienbett ist hier ganz klar auch dem Platzangebot (und der Moeglichkeit zu Heizen!!!) in den Wohnungen und Haeusern geschuldet. Familienangelenheiten sind viel traditioneller. Trotzdem kann ich die Frage, ob der Bedarf des Kindes ohnehin nicht so die Rolle spielt, nicht eindeutig beantworten. Denn ich finde es in Deutschland teilweise wirklich katastrophal, ich habe das so oft gelesen, gehoert, miterlebt, Obst nur nach dem Mittagsessen (erst aufessen, dann Nachtisch), wenn das Mittagessen nicht aufgegessen wird, gibts bis abends nichts mehr, wer nicht ordentlich am Tisch sitzt muss ins Bett etc. da spielt der Bedarf des Kindes gar keine Rolle. Wie oft entbrennen Tischmanieren Diskussionen auch hier im Forum. Auch diese im real life weit verbreitete kinderfeindliche Sprache ("was seh ich denn da / auweia / dann geht die Mama / dann muessen wir wohl mal zum Arzt / wer hat hier die Hosen an / na warte etc") kenne ich hier nicht. Gefuehlt finde ich es dann in Japan in Bezug auf Kleinkinder im Alltagsgeschehen bedarfsgerechter, weil die Schikane, das absichtliche Strafen durch Essensentzug und Bettzwang hier so nicht kenne.
Und ja, es gibt ganz viele Sachen die ich hier richtig schlimm finde. Erst heute im Supermarkt wieder gesehen, eine Mutter, die ohne Vorwarnung (es ging kein Streit voraus) einfach ihrer Tochter mitten ins Gesicht schlaegt (ist wohl nicht unkompliziert genug am Einkaufswagen mitgelaufen). Ich tue sowas nicht. Aber ich schreie schon oft auch rum. Zum Beispiel weil mein Kind im Supermarkt weglaeuft, und ich wirklich, wirklich Angst um ihn habe und versuche die Kontrolle zurueckzubekommen, in dem ich "streng" werde und leider auch mit Vorwuerfen arbeite. Ich denke das ist fuer die Japaner hier so eine Todsuende wie fuer mich, dass sie ihre Kinder schlagen, noch dazu voellig schamlos in der Oeffentlichkeit. Wir wissen alle, dass man Kinder mit Worten genauso verletzen kann wie mit Schlaegen, es faellt mir schwer abzuschaetzen, welche Mutter von uns beiden heute die bedarfsgerechtere war.
Mit dem Essen und Snacks: Es gibt eine, sagen wir mal generell viel "gehobenere" Essenskultur als in Deutschland. Essen unterliegt hier neben den gesundheitlichen Aspekten (jede Mahlzeit ist auch eine Medizin), streng aesthetischen und sozialen Aspekten. Es gibt keine To Go Kultur. Ein Eis auf der Hand im Hochsommer geht jetzt schon, aber Kaffee im Pappbecher wird auch am Stehtisch getrunken, nicht im Gehen, schon gar nicht halb dem Bus hinterhergerannt (auch nicht im Bus, hoechstens im Fernbus). Es gibt auch keine Gelegenheiten Snacks zu kaufen, dass sie gleich im Vorbeigehen gegessen werden koennten. Beim Baecker wird jedes Broetchen einzeln in Tueten verpackt (wenn Streusel draufsind wird mit Tesa zugeklebt!) und alle Broetchentueten dann in eine groessere Tuete, evtl noch ne Papptragetasche. (Allerdings gibts nahezu uberall auch im Center Bereiche mit Tischen und Stuehlen, extra zu dem Zweck, wenn gesnackt wird.) Fummel da mal ein Broetchen fuers Kind raus

Es wird nicht vorgelebt stetig kleine mahlzeiten zu sich zu nehmen und ich schaetze die Kinder lernen es einfach nicht so wie in Deutschland, wo essende und trinkende Menschen zum Stadtbild dazugehoeren und Begehrlichkeiten wecken. In meiner Kindheit hat meine Mutter mir noch eingebleut, dass man in Oeffis nichts isst, hoechstens mal einen Schluck Wasser trinkt, das ist doch heute laengst nicht mehr so! Ich denke also nicht, dass da bewusst Bedarf uebergangen wird, sondern der Bedarf nicht so gross ist.
Was ich allerdings noch nicht herausgefunden habe, ist, wie sie das mit dem Stillen praktisch machen. Ich habe immerzu in der Oeffentlichkeit stillen muessen, sonst haette mein Kind geweint. In einem Jahr Japan habe ich exakt eine Mutter in der Oeffentlichkeit stillen sehen, und dann mit einem speziellen Sichtschutz drueber.
Und was die Schuldiskussion angeht, nochmal anderes Thema, wird meiner Meinung nach ganz pauschal gesagt, aber bewusst in der Oeffentlichkeit verzerrt dargestellt. Ich habe hier noch keine Ueberflieger Kinder und super duper gefoerderte Genies kennen gelernt. Sie gehen alle viel zu viel in die Schule, aber meiner Meinung nach ist das hier nicht primaer zu Bildungszwecken, eher zu einer Menschpraegung nach kommunistischem Vorbild. Die Kids meiner deutschen Freunde haben gefuehlt "mehr drauf", in saemtlichen Bereichen.
ON TOPIC
Um den Bogen zu den Glaeschen zu spannen: Ich frage mich ernsthaft, um was genau es in diesen Diskussionen geht. Ich bin mir nicht sicher, ob es WIRKLICH um den Bedarf des Kindes geht, gefuehlt viel darum, als Mutter alles richtig zu machen, nicht von anderen als schlechte Mutter entlarvt zu werden (vom Kinderarzt, der Hebamme, der Schwiegermutter), irgendwie so. Und ich finde das ehrlich gesagt richtig traurig, wenn Muetter sich so getrieben fuehlen. Wer mit Glaeschen besser zurecht kommt, warum nicht. Selbst wenn selbst kochen nachweislich besser waere, faende ich es legitim trotzdem Glaeschen zu fuettern.
Weiter zu Glaeschen versus Kochen: Vielleicht reicht meine Fantasie auch nicht aus, ich habe nie in meinem Leben so ungesund gegessen, dass ein Kind nicht haette am Tisch mitessen koennen (wenn man jetzt mit dem falsch verstandenen Familientisch argumentiert, dass Glaeschen darum in manchen Familien besser seien, ja das uebersteigt mein Vorstellungsvermoegen). Meine persoenliche Meinung ist auch, dass "abwechslungsreiche Kost" oft missverstanden wird. Ich esse gerne saisonal und regional und hatte mal mit Sandkueste diskutiert, die sich gar nicht vorstellen konnte wie ich ueber den Winter komme

Ich persoenlich halte von 3x die Woche Fleisch, 2x die Woche Fisch, 1x taeglich Apfel etc. nicht so viel. Als Orientierung gerne, um ein Gefuehl fuer Mengen zu bekommen. Ich hatte allerdings nie ein schlechtes Gewissen mit saisonaler (was eben bedeutet phasenweise immer viel von einer Sorte zu essen, Erdbeeren bis sie aus den Ohren rauskommen, Fruehkartoffeln zu jedem Essen etc etc) und regionaler Kost, weil ich das eben als natuerlich empfinde und mir Spass macht. Die Vergleiche mit Walfleisch essenenden Inuit und Vollblutveganern aus Asien nimmt mir auch viel Last von den Schultern, nimmt der Sache die Verbissenheit, mit der oft detailgenau diskutiert wird (zum Beispiel Gemuese Fleisch Brei zum Mittag, Haferbrei mit Obst zum Abend ----> MIR erschliesst sich das nicht. Niemals. Wenn mein Sohn drei mal taeglich Getreidebrei mit Pfirisch gegessen hat, ueber mehrere Tage hinweg, war mir das wurscht.)